Samstag, 05. September 2026

Morgen wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. Normalerweise gibt es bei Wahlen Gewinner und Verlierer. In Sachsen-Anhalt könnte das diesmal etwas komplizierter werden. Denn möglicherweise gibt es eine Partei, die praktisch unabhängig davon gewinnt, ob sie anschließend regiert oder nicht: die AfD.
Die eigentliche Frage ist nicht, ob die AfD stärkste Partei wird. Die interessante Frage lautet vielmehr: Bekommt die AfD die absolute Mehrheit der Sitze? Ich habe hier die extremste Umfrage herausgesucht. Die Rechnung ist einfach. Wäre das das Endergebnis, würden 11% aller abgegebenen Stimmen bei der Sitzverteilung entfallen. Nur mit 44,6% der Stimmen würde die AfD unter diesen Umständen die absolute Mehrheit erreichen. Davon ist sie aber mit 43% zu weit weg.
Sofort anders schaut es aus, wenn die Grünen den Einzug in den Landtag verfehlen. Dann entfallen etwa 16% der Stimmen. Dann wiederum würden der AfD 42,1% zur absoluten Mehrheit an Sitzen genügen. Selbst bei dieser Zahl habe ich leichte Zweifel, ob die AfD das schafft. Ich tippe auf 41,x%.
Und ausgerechnet daraus ergeben sich zwei Szenarien, die für die übrigen Parteien gleichermaßen unangenehm sind.
Szenario 1: Die AfD bekommt die absolute Mehrheit
Das wäre der politische Paukenschlag schlechthin. Zum ersten Mal würde die AfD ein Bundesland allein regieren können. Ulrich Siegmund hat inzwischen ausdrücklich erklärt, dass er nur mit absoluter Mehrheit Ministerpräsident werden will. Eine Koalition strebt er nicht an. Der Abstand zwischen „Nicht anstreben“ und „letztlich doch Kompromisse akzeptieren“ ist so groß nicht. Was geschieht eigentlich, wenn es von der CDU Überläufer gibt, die bei der geheimen Wahl zum Ministerpräsidenten einfach Siegmund wählen? Was macht Siegmund dann?
Erreicht die AfD diese Mehrheit, fällt die berühmte Brandmauer schlicht um, ohne dass sie jemand einreißen müsste. Sie wird dann bedeutungslos. Die AfD braucht keinen Koalitionspartner, keine CDU, kein BSW und schon gar keine Genehmigung aus Berlin. Sie könnte ihren Ministerpräsidenten wählen, die Minister stellen (falls sie personell überhaupt gute Leute aufbieten kann) und ihr Regierungsprogramm vorlegen. Und dann beginnt für die Partei der schwierigere Teil: Sie muss beweisen, dass sie nicht nur Opposition kann.
Das ist keineswegs automatisch ein Vorteil. Regieren ist erheblich unangenehmer als Opposition. Plötzlich genügt es nicht mehr, zu erklären, was alles falsch läuft. Dann muss man selbst Haushalte aufstellen, Schulen organisieren, Polizei ausstatten, Unternehmen halten, Verwaltung führen und sich mit Bundesgesetzen, EU-Recht und einem ziemlich widerspenstigen Gebilde namens Realität beschäftigen.
Eine AfD-Alleinregierung wäre deshalb auch ein gewaltiges politisches Experiment.
Funktioniert sie aus Sicht ihrer Wähler einigermaßen, wäre die Wirkung auf den Bund enorm. Dann wäre das jahrelang gepflegte Argument erledigt, die AfD könne zwar protestieren, aber nicht regieren.
Scheitert sie krachend, hätten ihre Gegner endlich etwas, das ihnen bislang fehlt: einen praktischen Beweis dafür. Nur müsste man diesen Versuch eben erst einmal machen.
Szenario 2: Die AfD bekommt 42 oder 43 Prozent und darf trotzdem nicht regieren
Dieses Szenario halte ich langfristig für die AfD fast noch interessanter. Nehmen wir an, die AfD wird mit gewaltigem Abstand stärkste Partei, verpasst aber die absolute Mehrheit. Dann beginnt der lustige Teil der Regierungsbildung.
Die CDU hat eine Koalition sowohl mit der AfD als auch mit der Linken ausgeschlossen. Gleichzeitig könnten die Mehrheitsverhältnisse dazu führen, dass eine Regierung ohne AfD nur mit direkter oder indirekter Unterstützung der Linken möglich wird. Genau auf dieses Problem weisen die derzeitigen Modellrechnungen hin.
Eine Partei bekommt möglicherweise mehr als 40 Prozent. Die zweitstärkste Partei bekommt ungefähr die Hälfte davon. Und anschließend müssen sich mehrere Parteien zusammentun oder gegenseitig tolerieren, deren vielleicht stärkste Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie nicht AfD heißen. Politisch mag das vollkommen legitim sein. Parlamentarische Demokratie funktioniert nun einmal über Mehrheiten der Abgeordneten und nicht über den Anspruch der stärksten Partei auf die Regierung. Politisch ist es allerdings fragwürdig, weil die Wahlprogramme überhaupt nicht zueindander passen.
Die Anti-AfD-Koalition bekommt ein eingebautes Haltbarkeitsdatum
Angenommen, CDU, SPD und weitere Parteien schaffen durch Tolerierung durch die Linke irgendwie eine Mehrheit. Vielleicht entsteht dann eine Minderheitsregierung. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer hält ein solches Modell inzwischen sogar für wahrscheinlich. Dann sitzt die AfD gemütlich auf der Oppositionsbank. Und sie muss zunächst einmal gar nichts tun. Jeder Streit innerhalb der Regierungsparteien wird ihr Wahlkampfmaterial liefern. Jeder Kompromiss zwischen CDU und Linken kann der CDU im konservativen Lager vorgehalten werden. Jedes nicht eingehaltene Wahlversprechen wird ausgeschlachtet. Jede Regierungskrise bestätigt aus Sicht der AfD genau die Erzählung, mit der sie seit Jahren erfolgreich ist: Alle anderen würden sich nur noch zusammenschließen, um die AfD von der Macht fernzuhalten, zum Zwecke des eigenen Machterhaltes.
Ulrich Siegmund formuliert inzwischen selbst praktisch genau diese Strategie. Er argumentiert, eine Zusammenarbeit von CDU und Linken werde die AfD weiter stärken und könne ihr bei einer späteren Wahl sogar Mehrheiten von 50 bis 55 Prozent ermöglichen.
Die CDU steckt in einer geradezu grotesken Zwickmühle
Für die CDU ist Sachsen-Anhalt deshalb wesentlich gefährlicher als für die AfD. Arbeitet sie mit der AfD zusammen, fällt die Brandmauer. Arbeitet sie mit der Linken zusammen oder lässt sich von ihr tolerieren, muss sie erklären, was eigentlich aus ihrem Unvereinbarkeitsbeschluss geworden ist. Versucht sie es mit einer Minderheitsregierung, muss sie sich für jedes größere Vorhaben wechselnde Mehrheiten suchen. Bei Entscheidungen, bei denen die Grünen und/oder die Linke dagegen sind, würde die AfD dann lustig dafür stimmen, damit es in der Koalition dann auch so richtig kracht. Und geht eine solche Konstruktion nach zwei oder drei Jahren im Dauerstreit unter, steht die AfD daneben und kann freundlich darauf hinweisen, dass man die stärkste Partei unbedingt verhindern wollte und nun das Ergebnis bewundern darf.
Und dann kommt Berlin
Genau deshalb reicht die Bedeutung dieser Wahl weit über Magdeburg hinaus. Eine AfD mit mehr als 40 Prozent wäre bereits ein bundespolitisches Ereignis. Eine AfD mit absoluter Mehrheit wäre ein politisches Erdbeben. Aber auch eine AfD, die beispielsweise 43 Prozent bekommt und anschließend von einer komplizierten Mehrparteienkonstruktion von der Regierung ferngehalten wird, könnte daraus bundespolitisch Kapital schlagen. Denn die Bilder und Botschaften wären denkbar einfach: Wir haben mehr als 40 Prozent bekommen. Die anderen mussten sich trotz völlig gegenteiliger politischer Programme alle zusammentun, damit wir nicht regieren.
Das eigentliche Dilemma der AfD-Gegner
Seit Jahren lautet die Strategie großer Teile des politischen Betriebs: Die AfD darf nicht regieren. Man hört nichts mehr darüber, wofür Parteien sind, sondern nur noch, wogegen man grade kämpft.
In Sachsen-Anhalt könnte sich nun zeigen, dass genau diese Strategie irgendwann an ihre mathematischen Grenzen stößt. Bei 15 Prozent kann man eine Partei problemlos aus einer Regierung heraushalten. Bei 25 Prozent wird es schwieriger. Bei mehr als 40 Prozent verwandelt sich die Brandmauer schön langsam in ein Trümmerfeld.
Und irgendwann stellt sich zwangsläufig die Frage, wie viele Parteien man eigentlich noch miteinander verheiraten möchte, nur damit die stärkste Partei nicht regiert. Vielleicht funktioniert das vier Jahre lang hervorragend. Vielleicht zerlegt sich eine solche Konstruktion nach zwei Jahren. Vielleicht regiert die AfD selbst und scheitert. Vielleicht regiert sie und überzeugt ihre Wähler. Niemand kennt den Ausgang.
Nur eines lässt sich einen Tag vor der Wahl bereits feststellen: Die komfortabelste Position hat ausgerechnet die AfD.
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