Freitag, 04. September 2026

Susan Sziborra-Seidlitz ist Spitzenkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Auf ihrer eigenen Internetseite wird sie als Politikerin mit „Herz, Haltung und ordentlich Kampfgeist“ vorgestellt. Sie sei „quirlig, empathisch, manchmal schrill, aber immer klar“.
Dass die Dame eventuell etwas zu schrill ist, glauben sogar die Sachsen-Anhaltiner. Denn in ihrem Landtagswahlkreis Quedlinburg war sie bei der letzten Landtagswahl mit 6,6% der Stimmen chancenlos. Man versteht es aber, sich über die eigene Landesliste abzusichern. Und nun ist sie da und würde in ihrem Outfit und mit ihren Tattoos als Landesmutter gern ausländische Staatsgäste aus Politik und Wirtschaft begrüßen. Daraus wird aber wiederum nichts, weil es mit diesem Personal der Grünen mal eben zum Überspringen der 5%-Hürde reichen dürfte.
Während die Grünen im politischen Klassenkampf gewöhnlich ausgesprochen empfindliche Messinstrumente besitzen, wenn irgendwo rechts von ihnen jemand vor 27 Jahren auf einer falschen Geburtstagsfeier neben dem falschen Cousin gestanden haben könnte und damit eine nicht wieder gut zu machende Kontaktschuld auf sich geladen hat, entdeckt ihre Spitzenkandidatin plötzlich eine ausgesprochen christliche Tugend: Vergebung.
Von der PDS zu den Grünen
Fangen wir aber bei Susan Sziborra-Seidlitz selbst an. Geboren wurde sie 1977 in Ost-Berlin. Als Jugendliche engagierte sie sich bei den „Jungen Genossen“ im Umfeld der PDS. 1995 wurde sie über eine offene Liste der PDS in die Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Köpenick gewählt. Später verabschiedete sie sich zunächst aus der aktiven Politik.
2010 trat sie den Grünen bei.
Von der PDS zu den Grünen. Warum wundert mich das nicht? Es folgte die inzwischen klassische politische Karriereleiter: Kreisvorstand, Stadtrat Quedlinburg, Kreistag Harz, Landesvorsitzende, Landtagsabgeordnete und schließlich Spitzenkandidatin für die Landtagswahl 2026. Beruflich kommt sie aus der Krankenpflege und arbeitete viele Jahre im Harzklinikum Quedlinburg.
Eine Politikerin, die außerhalb von Parteizentralen tatsächlich einmal einen normalen Beruf ausgeübt hat und nicht Anwalt oder Lehrer ist, ist mittlerweile fast schon eine exotische Erscheinung. Interessant wird es erst bei der Frage, wie großzügig politische Biografien bewertet werden.
Denn da wäre noch der Ehemann
David Seidlitz, der Ehemann der grünen Spitzenkandidatin, war in den 1990er-Jahren Teil der rechtsextremen Szene in Quedlinburg. Das ist inzwischen nicht einmal mehr eine Behauptung politischer Gegner, sondern wird von seiner Ehefrau selbst bestätigt. Gegenüber WELT bestätigte Sziborra-Seidlitz zudem, dass ihr Mann mit dem damals bekannten Rechtsextremisten Steffen Hupka befreundet war. Seidlitz besuchte zwischen 1994 und 1996 einen Jugendklub im Harz, in dem Hupka nach Darstellung seiner Frau versucht habe, junge Menschen für die Neonazi-Szene zu rekrutieren. Es habe auch gemeinsame „Events“ gegeben. In einem „Antifaschistischen Infoblatt“ wurde Seidlitz 1995 als „stadtbekannter Neonazi“ bezeichnet, wie die ZEIT in ihrem aktuellen Interview mit Sziborra-Seidlitz festhält.
Jetzt wird es wunderschön.
Nach Darstellung seiner Ehefrau bestand das damalige Treiben unter anderem aus politischen Diskussionen, Wanderungen und Sonnenwendfeiern. Ja, was Neonazis halt so machen, wenn der Jugendclub keine Option mehr ist.
An Gewalttaten oder anderen strafrechtlich relevanten Aktionen habe ihr Mann nicht teilgenommen. Er habe das rechtsextreme Umfeld bald verlassen, weil er dessen Ideologie abstoßend gefunden habe.
Wanderungen und Sonnenwendfeiern. Das klingt weniger nach Neonazi-Szene und mehr nach einem etwas aus dem Ruder gelaufenen Betriebsausflug der örtlichen Volkshochschule.
Plötzlich können Menschen sich ändern
Sziborra-Seidlitz sagt heute, Menschen könnten ihre politischen Positionen verändern und wieder zu Demokraten werden. Ihr Mann sei heute überzeugter Demokrat und Antifaschist. Ohne diese rührende Erzählung wäre mir fast ein „Gleich und gleich gesellt sich gern.“ herausgerutscht. Aber eben nur fast.
Selbstverständlich können Menschen ihre Ansichten ändern. Menschen können als Jugendliche Kommunisten sein, später Liberale werden. Sie können aus einer rechtsextremen Szene aussteigen. Sie können nach Jahrzehnten vollkommen andere Überzeugungen vertreten. Genau darauf basiert schließlich jede Vorstellung von politischer Aufklärung, Resozialisierung und persönlicher Entwicklung.
Nur wäre es ausgesprochen hilfreich, wenn dieser wunderbare Gedanke nicht ausschließlich dann entdeckt würde, wenn die betreffende Vergangenheit zufällig am eigenen Küchentisch sitzt.
Denn genau hier beginnt das Problem. Das Brandmauerproblem. Wie sollen reumütige AFD-Politiker die Brandmauer überwinden und sich resozialisieren, wenn diese immer höher und dicker wird?
Die Vergangenheit hat offenbar unterschiedliche Haltbarkeitsdaten
Bei politischen Gegnern erleben wir seit Jahren eine bemerkenswerte archäologische Begeisterung. Alte Mitgliedschaften, frühere Kontakte, Fotos, Aussagen, Bekanntschaften und Veranstaltungen werden ausgegraben, abgeklopft und politisch bewertet. Bei David Seidlitz dagegen lautet die Argumentation sinngemäß: Das war vor 30 Jahren. Doch dann sollte dieser Grundsatz für alle gelten. Entweder Menschen dürfen sich verändern, oder sie dürfen es nicht. Eine politische Vergangenheit kann nicht bei den eigenen Leuten als überwundene Jugendverirrung gelten und beim politischen Gegner als genetischer Fingerabdruck, der bis zum Renteneintritt auf der Stirn und letztlich auf der Urne klebt.
Und 40 Prozent der Sachsen-Anhaltiner?
Noch bemerkenswerter ist Sziborra-Seidlitz‘ Blick auf die heutigen AfD-Wähler. In einem aktuellen ZEIT-Interview sagt sie, in Sachsen-Anhalt seien rund 40 Prozent bereit, eine rechtsextreme Partei zu wählen. Gleichzeitig räumt sie ein, nur ein Teil dieser AfD-Wähler sei tatsächlich rechtsextrem. Um die anderen müsse man kämpfen. Das ist eigentlich eine erfreulich differenzierte Aussage. Aber nur eigentlich. Denn um die Rechtsextremen will sie nicht kämpfen. Tja, es sind immer die Maßstäbe.
Dann erklärt sie allerdings den großen Zuspruch für die AfD unter anderem mit Frustration, Protest sowie einer Art „Kult und Trend“. Viele wollten Teil einer Bewegung sein. Es gehe teilweise darum, „es jetzt mal wieder krachen zu lassen“.
Das dürfte bei vielen Sachsen-Anhaltern ungefähr so gut ankommen wie die Erklärung eines Zoowärters, warum die Paviane heute besonders aufgeregt sind.
Vielleicht wählen Menschen eine Partei nämlich gelegentlich auch deshalb, weil sie mit der Politik anderer Parteien nicht einverstanden sind. Verrückte Theorie, ich weiß.
„Ich bin für die AfD hochgefährlich“
Besonders bescheiden fällt auch die Selbsteinschätzung der grünen Spitzenkandidatin aus. Das aktuelle ZEIT-Interview trägt den Titel: „Ich bin für die AfD hochgefährlich“. Nun stehen die Grünen in Sachsen-Anhalt derzeit ungefähr im Bereich der Fünf-Prozent-Hürde, während die AfD in Umfragen um 40 Prozent liegt. „Hochgefährlich“ ist deshalb vielleicht ein etwas zu ambitionierter Begriff. Wenn ein Fußballverein 0:7 zurückliegt und der eingewechselte Linksverteidiger erklärt, der Gegner habe panische Angst vor ihm, würde man vermutlich zunächst prüfen, ob ihm beim Aufwärmen ein Ball an den Kopf geflogen ist.
Aber: Bei knappen Mehrheitsverhältnissen kann der Einzug oder Nichteinzug einer kleinen Partei tatsächlich erhebliche Auswirkungen auf die Sitzverteilung haben. In diesem Sinne können 4,9 oder fünf Prozent durchaus entscheidend werden. Nur klingt das natürlich erheblich weniger heroisch.
Eine hohe Gefährlichkeit für die AfD sehe ich bei Frau Ziborra-Seidlitz eher nicht. AfDler dürfte ihr Auftreten eher zusammenschweißen.
Rechtsradikale Vergangenheit? Kommt offenbar darauf an, wessen
Der eigentliche politische Sprengstoff liegt deshalb gar nicht in der Vergangenheit von David Seidlitz. Er liegt im Maßstab. Im doppelten Maßstab. Wer von anderen verlangt, sich für jahrzehntealte politische Kontakte und Verfehlungen zu rechtfertigen, muss dieselbe Großzügigkeit oder dieselbe Strenge auch im eigenen Umfeld anwenden. Susan Sziborra-Seidlitz liefert dafür gerade unfreiwillig eine ausgesprochen nützliche Erkenntnis: Menschen können sich ändern. Das sollten wir uns merken. Vor allem für den nächsten Fall, bei dem irgendein politischer Gegner wegen einer 30 Jahre alten Geschichte durchs Dorf getrieben werden soll. Dann holen wir einfach die Sonnenwendfeier-Regel heraus.
Und ich muss mir demnächst zwei Aussagen von ihr näher anschauen:
„Auf die Frage eines AfD-Abgeordneten, wie viele Geschlechter es gebe, antwortete Sziborra-Seidlitz mit: ‚42‘.“
Dabei spielte sie allerdings erkennbar auf Douglas Adams an. Und:
„In der Theorie kann ein Mann am Bauchfell innen tatsächlich eine Schwangerschaft austragen.“
Manchmal produziert Politik Geschichten, bei denen ein Satiriker eigentlich nur noch das MacBook zuklappen kann. Die Wirklichkeit hat gewonnen.
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