Ein Brief an alle, die irgendwie anders sind. Also eigentlich an alle.

Sonntag, 06. September 2026

Liebe Agenders, Agenderfluxer, Androgyne, Bears, Bigenders, Boyfluxer, Butches, Cis-Frauen und -Männer, Chubbies, Demiboys und -girls, Femmes, Genderfae, Genderfauns, Genderflors, Girlfluxer, Genderqueers, Intergenders, Lesben, Librafeminine, Librafluxer, Libramaskuline, Maxigenders, Monogenders, Neurogenders, Neutrois, Non-Binaries, Omnigender, Pangender, Polygender, Third Genders, Tomboys, Transfrauen und -männer, Trigenders und liebe Xenogenders,

ich möchte euch etwas sagen. Es ist weder besonders revolutionär noch dürfte es für eine Demonstration reichen. Man kann es vermutlich nicht einmal vernünftig auf ein Transparent schreiben. Ich akzeptiere euch. Einfach so. Ohne Hintergedanken.

Kein Liebesbeweis, keine Hochachtung, aber… Respekt

Natürlich war ich verdutzt darüber, dass die Grünen-Spitzenpolitikerin aus Sachsen-Anhalt, Sziborra-Seidlitz, vor dem Landtag auf eine Frage der AfD, wie viele Geschlechter es denn gäbe, antwortete: 42. Ich hielt das für eine Schätzung bzw. für eine Anspielung auf Douglas Adams’ „Per Anhalter durch die Galaxis“.

Dann dachte ich mir aber: Moment mal. Der Landtag von Sachsen-Anhalt ist nicht die Plattform X, wo man, um recht zu bekommen, einfach die ethische Satire-Abkürzung nimmt, denn Satire hat immer recht. X quillt mittlerweile von Accounts über, die zwar Meinungen äußern und Haltung zeigen, bei denen man aber überhaupt nicht mehr sicher sein kann, ob das ernst gemeint ist. Deshalb habe ich mir angewöhnt, nur noch dann zu kommentieren, wenn ich das Gefühl habe, dass da jemand mit seinem Klarnamen postet. Alles andere wird ignoriert, obwohl es mir sehr oft in den Fingern juckt.

Jedenfalls wollte ich es genauer wissen und kam auf eine Erklärseite. Ich vermisste im Verzeichnis noch den Begriff Dragqueen. Aber ich muss das auch überhaupt nicht alles verstehen. Akzeptanz und Respekt genügen.

Denn: Wenn zwei Männer sich lieben, sollen sie sich lieben. Wenn zwei Frauen miteinander glücklich sind, wünsche ich ihnen Glück. Wenn jemand als Mann geboren wurde und als Frau leben möchte oder umgekehrt, dann werde ich beim La Gondola trotzdem meinen grünen Tee trinken. Wenn jemand sich weder als Mann noch als Frau versteht, wird auch dadurch die Erdrotation voraussichtlich nicht zum Erliegen kommen. Und wenn jemand für seine eigene Identität einen Begriff gefunden hat, den ich mit meinen inzwischen 60 Jahren noch nie gehört habe, dann ist das zunächst einmal auch kein Drama. Ich muss ihn vielleicht zweimal erklärt bekommen. Möglicherweise sogar dreimal. Das Alter ist grausam.

Ich möchte euch nicht vorschreiben, wie ihr leben sollt

Ich habe nämlich mit meinem eigenen Leben ausreichend zu tun. Das ist ein durchaus zeitraubendes Projekt. Ich möchte niemandem erklären, wen er lieben soll. Ich möchte niemandem vorschreiben, mit wem er zusammenlebt. Ich möchte nicht kontrollieren, welche Kleidung jemand trägt, wie jemand seine Haare schneidet oder welchen Menschen er abends küsst.

Solange Erwachsene freiwillig miteinander umgehen und niemand einem anderen schadet, geht mich das Privatleben anderer Menschen wenig bis nichts an. Ich empfinde das nicht als Toleranz. Toleranz klingt immer ein bisschen danach, als säße irgendwo eine höhere Instanz, die großzügig verkündet: Na gut, ausnahmsweise dürft ihr so sein.

Wer sollte diese Instanz sein? Ich bin mir nicht sicher, ob es nicht doch Versuche gibt, solche Instanzen zu etablieren. Meldestellen und so. Ich jedenfalls bin eine solche Instanz nicht.

Ich habe nur eine Bitte

Macht aus eurem Leben kein Pflichtseminar für meines. Lebt. Liebt. Streitet. Fahrt in den Urlaub. Bleibt zu Hause. Ärgert euch über die Deutsche Bahn. Zahlt zu viele Steuern. Kauft Dinge, die ihr nicht braucht. Lasst euch vom Wetter die Grillparty ruinieren. Schimpft über euren Internetanbieter und stellt irgendwann fest, dass früher auch nicht alles besser war. Ärgert euch über euer geklautes Fahrrad am Neumarkt-Sankt Veiter Bahnhof und über die Kippen auf dem Stadtplatz.

Kurz gesagt: Führt euer Leben. So, wie wir anderen unseres führen.

Ich möchte einem Menschen begegnen können, ohne vorher dessen komplettes identitätspolitisches Benutzerhandbuch studieren zu müssen. Wenn mir jemand sagt: „Ich heiße Claudia“, dann sage ich Claudia. Wenn mir jemand sagt: „Ich heiße Thomas“, dann sage ich Thomas. Wenn mir jemand sagt, wie er angesprochen werden möchte, kann ich versuchen, das zu berücksichtigen. Das gehört für mich zur Höflichkeit.

So ähnlich, wie ich erfolglos versuche, mir Namen und Gesichter zu merken. Und daraus resultieren Fehler. Nicht aus Hass. Nicht aus Menschenfeindlichkeit. Sondern weil Menschen eben Fehler machen. Ihr kennt doch Jesus. Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Oder so ähnlich.

Wir müssen uns nicht gegenseitig verstehen

Das ist vielleicht überhaupt der größte Irrtum unserer Zeit. Ich muss nicht alles verstehen, um es zu akzeptieren. Ich verstehe beispielsweise nicht, warum Menschen freiwillig einen Iron Man durchziehen (ich würde schon das Schwimmen nicht überleben). Trotzdem fordere ich kein Verbot.

Vermutlich verstehen manche von euch nicht, warum ein alter weißer Mann bestimmte Dinge vollkommen selbstverständlich findet, die euch merkwürdig vorkommen. Das Schöne an einer freien Gesellschaft besteht gerade darin, dass wir uns nicht gegenseitig verstehen müssen. Wir müssen miteinander auskommen. Das reicht als Herausforderung bereits vollkommen.

Ihr müsst mich auch nicht umerziehen

Vielleicht liegt genau dort der Punkt, an dem aus Akzeptanz manchmal Gereiztheit wird. Ich akzeptiere, dass andere Menschen anders leben. Dafür möchte ich allerdings nicht ständig erklärt bekommen, wie ich zu sprechen, zu denken oder mich selbst zu definieren habe.

Ich möchte nicht jeden Monat ein Sprach-Update installieren müssen. Version 6.4.2: Drei neue Genderbegriffe hinzugefügt, zwei Pronomen geändert, Kompatibilitätsprobleme mit Menschen über 60 weiterhin nicht behoben.

Lasst mir meine Lebensweise, meine Sprache und gelegentlich auch mein Unverständnis. Ich lasse euch schließlich auch eures. Ich finde, dass das ein ziemlich fairer Vertrag ist.

Vielleicht sind wir uns ähnlicher, als wir glauben

Denn irgendwann sitzt der schwule Mann beim Zahnarzt. Die lesbische Frau muss zum TÜV. Der nichtbinäre Mensch wartet auf ein Paket und die Abholstation beim Penny sagt, dass sie mit dem Strichcode auf dem Abholschein nichts anfangen kann, während man grundsätzlich ein Problem damit hat, in Neumarkt-Sankt Veit die Abholstation 158 (Penny mit Abholschein) und die Abholstation 159 (Lidl, nur mit App) geistig korrekt auseinanderzuhalten.

Oder: Der alte Mann sucht eine seiner vier Lieblingsbrillen. Die Transfrau ärgert sich über die Nebenkostenabrechnung. Und vermutlich fluchen wir alle ähnlich, wenn wir zur Tankstelle fahren und dort entscheiden müssen, ob wir bei der Agip für ein paar Cent mehr tanken und problemlos an der Kasse bezahlen oder 300m weiter zur SB-Tankstelle fahren, um dort ein paar Cent einzusparen, dann aber den großen Selbstbedienungsautomaten fehlerfrei bedienen müssen.

In diesen Augenblicken sind wir nicht LGBTABC oder sonst irgendetwas. Dann sind wir Menschen. Genervte Menschen meistens. Und vielleicht sollten wir uns häufiger genau dort treffen.

Deshalb mein Angebot

Lebt, wie ihr leben wollt. Liebt, wen ihr lieben wollt. Nennt euch, wie ihr euch nennen wollt. Geht euren Weg und erwartet von diesem Staat, dass er euch gemäß Grundgesetz vor Gewalt und tatsächlicher Diskriminierung schützt. Das steht jedem Menschen zu.

Aber lasst uns nicht aus jeder Begegnung eine politische Veranstaltung machen. Ich möchte nicht zuerst wissen, welcher Gruppe ein Mensch angehört. Ich möchte wissen, ob er nett ist und Humor besitzt. Ob man sich auf ihn verlassen kann. Ob er einem hilft, wenn man Hilfe braucht.

Aber ich möchte auch wissen, ob er BVB-Fan ist. Denn irgendwo muss die tolerante bayerische Gesellschaft schließlich Grenzen ziehen.

Vielleicht wäre das mein Wunsch an euch. Und an alle anderen gleich mit: Seid, wer ihr seid. Lasst die anderen sein, wer sie sind. Und dann kümmern wir uns gemeinsam um die wirklich wichtigen Probleme.

Zum Beispiel darum, wer jetzt eigentlich den Geschirrspüler falsch eingeräumt hat.

Ganz liebe Grüße

Euer Blogger Michael B. aus dem virtuellen Team Martenstein


Entdecken Sie mehr von Michael Behrens

Melden Sie sich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen

Entdecken Sie mehr von Michael Behrens

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen