PFAS – Häuslibauer im Landkreis Altötting haben ein dickes Problem.

Mittwoch, 19. August 2026

Gestern hatte ich doch über die neue EU-Verpackungsverordnung geschrieben. Darin kommen auch Grenzwerte für PFAS vor. Damit der Blog nicht ewig wird, versprach ich, diesem Teufelszeug heute einen eigenen Blog zu widmen, denn: Wer im Landkreis Altötting ein Haus bauen möchte, muss bei der Grundstücksplanung nicht nur über Garage, Terrasse und Garten nachdenken. Ein weiterer Punkt ist inzwischen ebenso wichtig:

Wohin mit dem Erdaushub?

Denn ausgerechnet der Boden, auf dem das neue Eigenheim entstehen soll, kann zum finanziellen Problem werden. Nicht weil dort unbedingt eine alte Tankstelle war, der Vorbesitzer hinterm Gartenhaus Altöl oder eine Baufirma vor Jahrzehnten Asbest entsorgt hat. Nein, das Problem ist größer.

Im Landkreis Altötting gibt es eine großflächige Belastung mit PFOA, einer Substanz aus der Gruppe der PFAS, der sogenannten Ewigkeitschemikalien. Und wer diesen Boden beim Bauen ausgräbt, besitzt plötzlich etwas, das er eventuell nur unter erheblichen Schwierigkeiten wieder loswird. Das Eigenheim beginnt dann nicht mit dem ersten Stein, sondern mit der Frage: Wohin mit 200 oder 300 Kubikmetern Erde?

Woher kommt das PFOA überhaupt?

Die Geschichte führt zum Chemiepark Gendorf in Burgkirchen an der Alz. Nach Angaben des Landratsamtes Altötting wurde dort von 1968 bis 2004 PFOA hergestellt und als Emulgator bei der Produktion von Fluorpolymeren eingesetzt. Bis 2008 gelangte ein Teil der PFOA-Emissionen auch in die Luft. Von dort wurden die Stoffe über Niederschläge in die Böden der Umgebung eingetragen. PFOA gelangte außerdem über Abwasser in die Alz. Das Problem daran: PFOA verschwindet nicht einfach wieder. PFAS werden nicht ohne Grund als Ewigkeitschemikalien bezeichnet. Sie sind extrem langlebig. Was vor Jahrzehnten freigesetzt wurde, beschäftigt die Region deshalb noch heute. Und vermutlich noch ziemlich lange.

Der Boden ist großflächig belastet

Das ist keine theoretische Befürchtung. Das Landratsamt schreibt ausdrücklich, dass sich bei einer Detailuntersuchung der Verdacht einer großflächigen Bodenbelastung durch PFOA-Emissionen bestätigt habe. Auf Grundlage einer 2018 abgeschlossenen Detailuntersuchung wurde die räumliche Verteilung untersucht. Innerhalb des ermittelten Belastungsgebiets geht die Behörde davon aus, dass die Böden flächendeckend oberhalb des entsprechenden Stufe-1-Wertes belastet sind. Besonders betroffen sind Ober- und Unterboden. Doch inzwischen wird es noch interessanter. Aufgrund einer Änderung der Untersuchungsmethodik könne nicht ausgeschlossen werden, dass auch außerhalb des ursprünglich festgelegten Belastungsgebietes bodenschutz- und abfallrechtlich relevante Konzentrationen vorkommen. Deshalb gelten die entsprechenden Handlungshinweise des Landratsamtes derzeit sogar für den gesamten Landkreis Altötting. Das ist schon eine Hausnummer.

Der Bauherr hat den Stoff nicht verursacht – aber nun das Problem

Und jetzt kommt der Punkt, bei dem die Angelegenheit richtig ärgerlich wird. Da kauft jemand ein Grundstück. Er möchte ein Einfamilienhaus darauf bauen. Er hat mit der jahrzehntelangen industriellen Verwendung von PFOA ungefähr so viel zu tun wie ich mit der Erfindung von Teflon. Dann kommt der Bagger. Und plötzlich hat der Bauherr ein Problem. Denn solange der belastete Boden friedlich unter der Wiese liegt, ist er zunächst einmal dort. Sobald man ihn jedoch aushebt, muss geklärt werden, wie mit diesem Material umgegangen werden darf. Der Bauherr wird damit zum unfreiwilligen Verwalter eines Umweltproblems, das Jahrzehnte vor seinem Hausbau entstanden ist. Das muss man erst einmal hinbekommen.

Also besser keinen Keller bauen?

Das neue Bodenmanagementkonzept des Landkreises enthält deshalb einen geradezu bemerkenswerten Hinweis. Bodenaushub soll, soweit technisch und planerisch möglich, vermieden werden. Als Beispiele werden ausdrücklich eine aushubschonende Planung und sogar der Verzicht auf eine Unterkellerung genannt. Das muss man sich einmal vorstellen. Ein Umweltproblem aus der Vergangenheit kann heute Einfluss darauf haben, ob jemand sein neues Haus mit Keller plant. Der Keller kostet ohnehin ein Vermögen. Im Landkreis Altötting kann jetzt noch die Frage dazukommen, was anschließend mit dem Lochinhalt passiert. Vielleicht sollte der Architekt künftig gleich fragen: „Wie hätten Sie Ihr Haus gerne? Mit Keller, ohne Keller oder mit sehr großem Grundstück zur dauerhaften Aufnahme Ihrer persönlichen PFOA-Sammlung?“

Die Erde untersuchen lassen – natürlich auf eigene Kosten

Bevor man überhaupt weiß, was man mit dem Aushub machen kann, muss möglicherweise untersucht werden, wie stark der Boden belastet ist. Auch das kostet. Das Landratsamt nennt selbst Orientierungswerte. Für eine In-situ-Untersuchung mit vier Proben werden bei einem Einfamilienhaus ungefähr 1.800 bis 2.300 Euro genannt. Eine Haufwerksuntersuchung nach LAGA PN 98 mit neun Proben wird mit ungefähr 3.800 bis 4.400 Euro veranschlagt. Dabei geht die Beispielrechnung von maximal 500 Kubikmetern Aushub aus. Da ist noch kein Gramm Erde entsorgt. Wir haben lediglich herausgefunden, was wir für Erde haben. Mehrere Tausend Euro dafür, dass einem anschließend möglicherweise jemand mitteilt, dass die Erde, die gerade noch zum eigenen Grundstück gehörte, nun ausgesprochen schwierig unterzubringen ist. Hausbau macht schließlich noch nicht genug Freude.

Was kostet die Entsorgung von PFAS-belasteter Erde?

Die unangenehme Antwort lautet: Das kann richtig teuer werden. Einen einheitlichen Preis pro Tonne gibt es nicht. Entscheidend sind PFAS-Belastung, Einstufung des Bodens, zulässiger Entsorgungsweg, Transportentfernung und die Frage, welche Deponie das Material überhaupt annimmt.

Aus 300 Kubikmetern werden schnell 500 Tonnen

Das eigentliche Problem ist die Masse. Bei beispielsweise 300 Kubikmetern überschüssigem Aushub können je nach Bodenart grob 480 bis 540 Tonnen zusammenkommen.

Schon bei angenommenen 100 Euro je Tonne wären das 48.000 bis 54.000 Euro. Bei 150 Euro wären es 72.000 bis 81.000 Euro. Das sind ausdrücklich Beispielrechnungen und keine aktuellen Entsorgungstarife für den Landkreis Altötting. Sie zeigen aber, weshalb PFAS-belasteter Bodenaushub für einen privaten Bauherrn finanziell verheerend werden kann.

Das Umweltbundesamt hat in einer Untersuchung zu PFAS in Abfallströmen beispielsweise mit 40 Euro pro Tonne für Bodenrecycling gerechnet. Für ein Szenario mit notwendiger thermischer Behandlung wurden zusätzliche Kosten von 130 Euro pro Tonne angesetzt. Auch das sind Modellannahmen und keine Preisliste für Kastl.

Eine eigene PFAS-Deponie für 35 Millionen Euro

Welche Dimension das Problem erreicht hat, zeigt die geplante PFAS-Monodeponie in Haiming. Der Landkreis Altötting geht für Planung und Bau von einer Größenordnung von 35 Millionen Euro aus. Und damit sind wir beim entscheidenden Punkt: Die heutigen Häuslebauer haben diese Belastung nicht verursacht. Sie haben kein PFOA produziert und nichts davon in die Umwelt gebracht. Trotzdem können sie beim Ausheben ihrer Baugrube plötzlich vor einem Boden stehen, dessen Untersuchung mehrere Tausend Euro kostet und dessen Entsorgung im ungünstigen Fall enorme zusätzliche Kosten verursachen kann. Das Verursacherprinzip darf deshalb nicht ausgerechnet am Bauzaun enden. Denn ansonsten funktioniert die Sache bemerkenswert einfach: Die Industrie verursacht die Belastung. Die Chemikalie bleibt jahrzehntelang im Boden. Der Häuslebauer gräbt sie irgendwann aus – und bekommt die Rechnung. So kann man Verantwortung natürlich auch entsorgen.

Am besten bleibt die Erde einfach da

Immerhin hat der Landkreis inzwischen versucht, die Situation praktikabler zu gestalten. Das 2026 veröffentlichte Bodenmanagementkonzept sieht für kleinere Bauvorhaben wie Einfamilienhäuser grundsätzlich Möglichkeiten vor, ausgehobenen Boden vor Ort wieder einzubauen. Allerdings müssen dabei Bedingungen eingehalten werden. Das Vorhaben ist dem Landratsamt anzuzeigen, das Material muss innerhalb derselben Baumaßnahme wieder eingebaut werden und die Schadstoffsituation darf sich horizontal und vertikal nicht verschlechtern. Das ist zweifellos besser, als jeden Kubikmeter Erde teuer abtransportieren zu müssen. Nur gibt es ein kleines geometrisches Problem. Wer ein Loch gräbt und anschließend ein Haus in dieses Loch beziehungsweise auf einen Teil der Fläche stellt, hat hinterher Erde übrig. Physik ist da erstaunlich unkooperativ. Man kann einen Keller nicht gleichzeitig mit einem Keller und mit dem gesamten zuvor ausgehobenen Boden füllen. Also muss überschüssiger Aushub irgendwohin. Aus dem schönen ebenen Garten wird dann eben eine Hügellandschaft. Die Kinder wollten bestimmt schon immer einen Rodelberg.

Und genau dann kann es richtig teuer werden

Für überschüssiges beziehungsweise verdrängtes Bodenmaterial gelten abhängig von der Belastung weitere Anforderungen. Eine offene Verwertung ist nach dem neuen Konzept grundsätzlich nur bis zu bestimmten Belastungsklassen vorgesehen. Bei höheren Belastungen sind Einzelfallentscheidungen notwendig. Stark belastetes Material kann nicht einfach irgendwo anders hingefahren und dort eingebaut werden. Bodenbewegungen innerhalb des Belastungsgebietes sollen grundsätzlich nur in Bereiche mit gleicher oder höherer Belastung erfolgen. Das ist aus Sicht des Umweltschutzes vollkommen nachvollziehbar. Natürlich wäre es Unsinn, belastete Erde aus Altötting abzutransportieren und anschließend auf einer bislang unbelasteten Wiese zu verteilen. Nur löst diese Erkenntnis das Problem des Bauherrn nicht. Seine Erde ist immer noch da.

Eine eigene Deponielösung wurde deshalb zum Thema

Wie ernst die Lage ist, zeigt die Diskussion über spezielle Entsorgungsmöglichkeiten. Bereits 2024 wurde über eine mögliche Monodeponie für PFOA-belasteten Erdaushub und darüber diskutiert, wer die entsprechenden Kosten tragen sollte. Medien berichteten damals von massiven Schwierigkeiten und Verzögerungen bei Bauvorhaben aufgrund der belasteten Böden. Schon 2023 bezeichnete das Landratsamt die Situation rund um PFOA-belasteten Bodenaushub laut einem Bericht als eines der größten Hemmnisse für Bauvorhaben im Landkreis. Das Problem ist also keineswegs neu. Neu sind vor allem die Versuche, irgendwie praktikabel damit umzugehen.

Und wer bezahlt die Rechnung?

Genau an dieser Stelle komme ich bei der Geschichte nicht mehr mit. Die Menschen, die heute im Landkreis Altötting bauen, haben diese Chemikalien nicht in die Umwelt gebracht. Ein 30-jähriges Paar, das 2026 ein Grundstück kauft, war noch nicht einmal geboren, als in Gendorf bereits PFOA eingesetzt wurde. Trotzdem können genau diese Menschen heute mit Untersuchungskosten, Planungsaufwand, Einschränkungen bei der Bodenverwertung und im ungünstigen Fall erheblichen Entsorgungskosten konfrontiert werden. Das mag sich abfall- und bodenschutzrechtlich alles erklären lassen. Gerecht wird es dadurch noch lange nicht.

PFAS sind eben nicht nur irgendein abstraktes Umweltproblem

Beim Thema PFAS wird häufig über Grenzwerte, Blutuntersuchungen, Trinkwasser und europäische Chemikalienpolitik gesprochen. Der Landkreis Altötting zeigt sehr anschaulich, was solche langlebigen Stoffe in der Praxis bedeuten können. Die PFOA-Belastung gelangte über Jahrzehnte in Boden und Grundwasser. Die öffentliche Trinkwasserversorgung wurde inzwischen mit Filtertechnik entsprechend ertüchtigt. Nach Angaben des Landratsamtes wird seit Inbetriebnahme der Aktivkohlefilteranlage in Kastl im Oktober 2018 bei allen öffentlichen Trinkwasserversorgungen des Landkreises der damalige Trinkwasserleitwert für PFOA weit unterschritten. Den Boden kann man allerdings nicht einfach durch einen Aktivkohlefilter schicken. Der liegt da. Und wenn man ihn in Ruhe lässt, liegt er weiterhin da. Wer ihn ausgräbt, hat plötzlich ein Problem.

Der Irrsinn wird beim Eigenheim besonders sichtbar

Damit entsteht eine groteske Situation. Der Staat möchte, dass Wohnungen und Häuser gebaut werden. Politiker beklagen hohe Baukosten und fehlenden Wohnraum. Gleichzeitig explodieren Anforderungen und Nebenkosten beim Bauen. Und im Landkreis Altötting kommt für manche Bauherren noch ein Problem hinzu, das sie weder verursacht noch beeinflusst haben: der belastete Boden unter ihren Füßen.

Große Grundstücke helfen…

Deshalb ist der etwas flapsige Rat gar nicht so weit von der Realität entfernt: Wer dort baut, sollte genügend Grundstück übrig lassen, um möglichst viel Erdaushub wieder auf dem eigenen Gelände unterzubringen. Vielleicht wird der große Garten im Landkreis Altötting künftig nicht mehr mit „Platz für die Kinder“ beworben. Sondern mit:

„Großzügige Freifläche zur PFOA-konformen Wiedereinbringung des eigenen Bodenaushubs vorhanden.“

Klingt nicht besonders romantisch**,** ist aber inzwischen offenbar erstaunlich wertvoll.


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