ABS 38: Von München über Mühldorf direkt zur Nato-Ostflanke.

Mittwoch, 19. August 2026

https://www.ovb-online.de/muehldorf/muehldorf/100-tage-im-amt-muehldorfs-landrat-zum-ausbau-der-bahnstrecke-94445213.html

Landrat Max Heimerl hat im Interview noch einmal eindringlich für den Ausbau der Bahnstrecke München–Mühldorf geworben. Das kann ich gut verstehen. Die ABS 38 ist seit Jahrzehnten eines dieser Projekte, bei denen man sich gelegentlich fragt, ob die Bahnstrecke oder ihre Planungsunterlagen schneller altern.

Max Heimerl verweist zunächst auf die ganz profanen Dinge: Eine ausgebaute Strecke würde die Pünktlichkeit verbessern, wäre wichtig für die Pendler von und nach München und für das Chemiedreieck. Alles richtig. Aber dann holt unser Landrat plötzlich ziemlich weit aus.

Von Mühldorf direkt zur NATO

Die ABS 38 sei nicht nur ein Thema für Südostbayern, erklärt Heimerl. Schließlich sei die Strecke Teil des europäischen Streckennetzes. Auch sicherheitspolitisch sei sie relevant:

„Die ABS 38 ist auch eine wichtige West-Ost-Verbindung für Bundeswehr und NATO.“

Spätestens an dieser Stelle bekommt die gute alte Bahnstrecke München–Mühldorf eine Karriere verpasst, von der sie vermutlich selbst noch nichts wusste. Vorgestern noch sollten Pendler morgens einigermaßen pünktlich nach München kommen. Heute bringt sie mich zu den Kindern und Enkeln. Morgen schon sichern wir mit der ABS 38 die Verteidigungsfähigkeit Europas und speziell die NATO-Ostflanke.

Man muss offenbar nur lange genug auf den zweigleisigen Ausbau warten, dann wird aus einer Regionalstrecke irgendwann Geopolitik.

500 Milliarden Euro stehen herum

Ganz zufällig ist dieser argumentatorische Ausflug allerdings nicht. Seit 2025 existiert schließlich das „Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität“. Dahinter verbergen sich bis zu 500 Milliarden Euro zusätzliche kreditfinanzierte Investitionen, die über zwölf Jahre bewilligt werden können. 300 Milliarden davon sind für Investitionen des Bundes vorgesehen, weitere 100 Milliarden für Länder und Kommunen und 100 Milliarden für den Klima- und Transformationsfonds.

Und zu den ausdrücklich vorgesehenen Bereichen gehört selbstverständlich die Verkehrsinfrastruktur.

Heimerl hat diese Geldquelle längst entdeckt. Bereits im Juni 2026 wandte er sich wegen der ABS 38 direkt an Bundesfinanzminister Lars Klingbeil und forderte die „zeitnahe Bereitstellung der notwendigen Mittel aus dem Sondervermögen des Bundes“. Antwort? Unbekannt.

Man könnte aber sagen: Der Landrat steht bereits mit dem Eimer am 500-Milliarden-Euro-Brunnen und versucht, das Geld hochzupumpen.

Und warum auch nicht? Wenn der Bund schon eine halbe Billion Euro auf Kredit bereitstellt, wäre es aus Sicht des Landkreises ziemlich töricht, höflich daneben zu stehen und anderen beim Schöpfen zuzusehen.

Und wenn Infrastruktur nicht reicht, haben wir noch die Landesverteidigung

Interessant wird es allerdings mit Heimerls zweitem Argumentationsstrang. Denn Deutschland hat seine Finanzierungsregeln für Verteidigungsausgaben ebenfalls massiv erweitert.

Dabei muss man allerdings sauber bleiben: Es gibt nicht einfach ein zweites neues „500-Milliarden-Sondervermögen für die Bundeswehr“. Das 2022 geschaffene Sondervermögen Bundeswehr hatte ursprünglich ein Volumen von 100 Milliarden Euro. Die inzwischen erheblich erweiterten finanziellen Möglichkeiten für Verteidigung beruhen auf anderen haushalts- und verfassungsrechtlichen Regelungen.

Die Pointe bleibt trotzdem bemerkenswert

Wenn die ABS 38 als normale Bahnstrecke nicht genügend politische Dringlichkeit entfaltet, wird sie eben zur kritischen Infrastruktur. Und wenn kritische Infrastruktur noch nicht reicht, kommt die militärische Mobilität ins Spiel.

Pendler, Kinder, Enkel, Chemiedreieck, europäischer Güterverkehr, Bundeswehr, NATO. Viel mehr kann man argumentativ kaum noch auf einen Schienenstrang packen.

Mir fehlt eigentlich nur noch die Rettung des Abendlandes.

Dabei braucht die ABS 38 diese Verrenkungen überhaupt nicht

Das eigentlich Absurde daran ist: Die ABS 38 ist tatsächlich wichtig genug.

Das Gesamtprojekt umfasst rund 145 Kilometer zwischen dem Großraum München, Mühldorf, Freilassing, Burghausen und der österreichischen Grenze. Die Strecke soll durchgehend elektrifiziert und in weiten Teilen zweigleisig ausgebaut werden. Die Bahn selbst verweist ausdrücklich auf bessere Verbindungen im Personenverkehr, höhere Kapazitäten im Güterverkehr und die Bedeutung für das südostbayerische Chemiedreieck.

Man braucht eigentlich keinen Leopard 2 auf einen Güterwagen zu stellen, um Berlin von der Notwendigkeit des Projekts zu überzeugen. Eine leistungsfähige Bahnstrecke zwischen München, Mühldorf und dem südostbayerischen Wirtschaftsraum sollte in einem Industrieland des 21. Jahrhunderts auch ohne NATO-Stempel eine Selbstverständlichkeit sein.

Sollte.

Wir reden schließlich über Deutschland.

Nach Jahrzehnten bekommt plötzlich jeder Geldtopf ein ABS-38-Etikett

Trotzdem kann ich Max Heimerls Vorgehen nachvollziehen. Wenn ein für die Region entscheidendes Infrastrukturprojekt jahrzehntelang nicht mit der notwendigen Konsequenz vorangebracht wird und plötzlich in Berlin gewaltige kreditfinanzierte Spielräume entstehen, muss ein Landrat versuchen, einen möglichst großen Aufkleber mit der Aufschrift „ABS 38“ auf diese Geldtöpfe zu kleben.

Beim 500-Milliarden-Sondervermögen für Infrastruktur passt die Strecke ohnehin hervorragend hinein. Das Gesetz nennt Infrastruktur ausdrücklich als Verwendungszweck. Und wenn die Strecke zusätzlich militärische Bedeutung besitzt, darf man auch darauf hinweisen.

Nur wirkt die Argumentationskette inzwischen ein wenig so, als wolle man auf keinen Fall riskieren, dass irgendein Bundesminister auf die Idee kommt, sich für nicht zuständig zu erklären. Also werden vorsichtshalber alle zuständigen Ministerien adressiert:

Bundesverkehrsministerium? ABS 38!

Bundesfinanzministerium? ABS 38!

Verteidigungsministerium? Moment, wir haben da auch noch etwas für euch: ABS 38!

Und falls demnächst das Landwirtschaftsministerium einen milliardenschweren Sondertopf auflegt, wird sich vermutlich noch herausstellen, dass es entlang der Strecke ausgesprochen viele Maisfelder gibt.

Vielleicht bauen wir sie einfach endlich

Mir wäre die wesentlich langweiligere Variante lieber. Wir bauen die Strecke zweigleisig aus, elektrifizieren sie vollständig und sorgen dafür, dass Pendler und Großeltern zuverlässig nach München kommen und Unternehmen ihre Güter vernünftig transportieren können.

Dass die Strecke darüber hinaus Bestandteil eines leistungsfähigen europäischen Verkehrsnetzes ist und im Ernstfall auch für militärische Transporte genutzt werden kann, ist ein zusätzliches Argument.

Aber eigentlich zeigt Heimerls bemerkenswerter Rundumschlag vor allem eines: wie umfassend man inzwischen argumentieren muss, damit eine seit Jahrzehnten notwendige Bahnstrecke endlich die politische und finanzielle Priorität bekommt, die sie längst verdient hätte.

Wenn dafür am Ende gleichzeitig das 500-Milliarden-Infrastrukturpaket, Europas Sicherheit und die NATO bemüht werden müssen, bitte sehr. Hauptsache, am Ende liegen tatsächlich zwei Gleise. Und zwar in einem zeitlichen Rahmen, den ich noch erlebe.

Keine Panik während der Ausbauphase

Wir Neumarkt-Sankt Veiter sind dabei in einer vergleichsweise komfortablen Position. Wenn es auf der Strecke Mühldorf–München während der Bauarbeiten drunter und drüber geht, können wir den Weg nach München notfalls über Landshut nehmen.

Das dauert zwar länger, aber immerhin haben wir eine Alternative. Ein Luxus, den nicht jeder Ort entlang der ABS 38 besitzt.

Der Ausbau kann also kommen.

Die Befürchtung, dass das Deutschlandticket bis zur Fertigstellung die 100-Euro-Grenze überschritten haben wird, ist allerdings durchaus real.

Hilft aber nichts.


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1 Kommentar zu „ABS 38: Von München über Mühldorf direkt zur Nato-Ostflanke.“

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