Donnerstag, 16. Juli 2026

Deutschland diskutiert seit Jahren über steigende Pflegekosten. Senioren müssen ihre Ersparnisse aufbrauchen, Angehörige finanziell einspringen. Das Eigenheim, das man so gern vererbt hätte, wird plötzlich zum Rettungsanker, sprich: zur letzten Finanzierungsquelle. Wenn es leersteht, weil die Bewohner ins Pflegeheim gewechselt sind, wird es zur Finanzierung herangezogen.
Seit dem 1. Juli 2026 liegt der durchschnittliche Eigenanteil für einen Pflegeheimplatz im ersten Jahr bundesweit bereits bei 3.364 Euro pro Monat. Vor einem Jahr waren es noch 3.108 Euro. Anfang 2022 lag der Betrag sogar noch deutlich unter 2.500 Euro. Die Richtung kennt seit Jahren nur noch einen Weg: nach oben. Zu Ende gerechnet steigen die Kosten aller fünf Jahre somit um 1.000 Euro.
Zuzahlungen der Pflegekassen (stationär)
- Pflegegrad 1: 131 Euro
- Pflegegrad 2: 805 Euro
- Pflegegrad 3: 1.319 Euro
- Pflegegrad 4: 1.855 Euro
- Pflegegrad 5: 2.096 Euro
Die wirklichen monatlichen Gesamtkosten für einen Pflegeplatz für einen Menschen mit Pflegegrad 5 sprengen somit die 5.000-Euro-Marke. Das klingt nicht unlogisch. Bei Pflegegrad 5 kann man davon ausgehen, dass es eine weitgehende 1:1-Betreuung gibt. Eine Pflegekraft für einen zu Pflegenden. 5.000 Euro dürfte ein Gehalt sein, dass Pflegekräfte eher nicht erreichen. Man muss aber auch bedenken, dass die Betreuung über 30 bzw. 31 Tage pro Monat erfolgt – und nicht etwa 20 bis 22 Arbeitstage – wie bei uns Gehaltsempfängern. Die 5.000 Euro sind somit sehr leicht erklär- und nachvollziehbar.
Jetzt könnte man meinen: Na gut. Dann nehme ich das Geld von der Pflegekasse, sehe es als Gehalt und pflege den Angehörigen zu Hause. Ach. Wieder falsch, denn: Der Gesetzgeber unterscheidet bei den Zuzahlungen zwischen stationärer und häuslicher Pflege.
Pflegegeld der Pflegeversicherung (häusliche Pflege durch Angehörige)
- Pflegegrad 1: kein Anspruch
- Pflegegrad 2: 347 Euro
- Pflegegrad 3: 599 Euro
- Pflegegrad 4: 800 Euro
- Pflegegrad 5: 990 Euro
Pro Tag sind das 32,45 Euro, pro Stunde 1,35 Euro. Das ist gar nichts. Ich überlege, ob das gerecht ist. Eher nein. Ich korrigiere: Klares Nein.
Beispiele, die sprachlos machen
In Bremen müssen Pflegebedürftige inzwischen durchschnittlich 3.761 Euro pro Monat selbst aufbringen. Selbst in Sachsen-Anhalt, dem derzeit günstigsten Bundesland, sind es fast 2.900 Euro monatlich. Rechnen wir das einmal durch:
- 3.364 Euro pro Monat
- über 40.000 Euro pro Jahr
- nach fünf Jahren weit über 200.000 Euro
Da reicht die Rente nicht einmal ansatzweise aus. Sind beide Eltern fünf Jahre im Pflegeheim, pulverisiert sich ein Vermögen von 400.000 Euro, Preissteigerungen nicht eingeschlossen.
Woher kommen diese Kosten?
Natürlich gibt es mehrere Ursachen. Da wären zunächst die gestiegenen Energiepreise, höhere Lebensmittelpreise, Investitionen in Gebäude und die allgemeinen Preissteigerungen. Vor allem aber die Personalkosten.
Seit 2022 dürfen Pflegeeinrichtungen grundsätzlich nur noch Verträge mit den Pflegekassen schließen, wenn sie ihre Beschäftigten nach Tarif oder tarifähnlich bezahlen. Das war politisch ausdrücklich gewollt – und aus Sicht der Beschäftigten auch nachvollziehbar. Pflegekräfte leisten körperlich und psychisch extrem belastende Arbeit und waren über viele Jahre zu schlecht bezahlt. Entsprechend gelten die höheren Löhne heute als einer der wichtigsten Kostentreiber. Und genau hier beginnt die German Doppelmoral.
Die Doppelmoral unserer Zeit
Auf der einen Seite fordern wir – oft völlig zu Recht – höhere Löhne.
- Mehr Geld für Pflegekräfte.
- Mehr Geld für Erzieher.
- Mehr Geld für Handwerker.
- Mehr Geld für Busfahrer.
- Mehr Geld für die Müllabfuhr.
- Mehr Geld für das Krankenhauspersonal.
- Mehr Geld für alle.
Auf der anderen Seite wundern wir uns anschließend über steigende Pflegekosten, höhere Kita-Gebühren, teurere Handwerkerrechnungen und wachsende Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung. Langsam, ganz langsam, setzt sich die Erkenntnis durch, dass Löhne und Gehälter keine abstrakten Zahlen auf einem Tarifvertrag sind. Lange wollte man es nicht glauben, aber: Diese Kosten tauchen irgendwann auf einer Rechnung wieder auf. Irgendjemand muss sie bezahlen.
Das ist keine Kritik an den Beschäftigten. Gute Arbeit verdient gute Bezahlung. Es ist vielmehr eine Kritik an der politischen Ehrlichkeit. Wer höhere Löhne verspricht, muss den Bürgern gleichzeitig sagen, dass dadurch Dienstleistungen zwangsläufig teurer werden.
Die Pflegeversicherung war nie als Vollkasko gedacht
Viele Menschen glauben noch immer, die Pflegeversicherung würde die Pflege vollständig bezahlen. Das stimmt nicht. Schon bei ihrer Einführung im Jahr 1995 war sie ausdrücklich nur als Teilkaskoversicherung gedacht. Einen erheblichen Teil der Kosten müssen Pflegebedürftige weiterhin selbst tragen. Genau deshalb steigen die Eigenanteile seit Jahren immer weiter an.
Was will die Politik tun?
Die Bundesregierung arbeitet derzeit an einer neuen Pflegereform. Diskutiert werden unter anderem:
- spätere und geringere Entlastungszuschläge für Heimbewohner,
- höhere Pflegeversicherungsbeiträge für Kinderlose,
- Änderungen bei den Leistungen für pflegende Angehörige,
- eine Stabilisierung der Pflegeversicherung,
- sowie eine stärkere Beteiligung der Bundesländer an Investitionskosten der Pflegeheime.
Gleichzeitig fordern Krankenkassen und Experten seit Jahren, dass Investitions- und Ausbildungskosten nicht länger vollständig auf die Bewohner umgelegt werden. Auch eine stärkere Finanzierung aus Steuermitteln wird regelmäßig diskutiert. Da waren sie wieder, die immergleichen Forderungen:
Der Steuerzahler soll das Problem lösen
Und schön höre und sehe ich den Elefant durch den Raum purzeln: Die Mehrwertsteuer könnte wegen eines Finanzlochs von 30 Milliarden ab 2028 von 19% auf 22% steigen. Als soziale Komponente soll Mehrwertsteuer auf Lebensmittel (im Moment 7%) entfallen. Angesichts der Tatsache, dass immer noch 30% der Lebensmittel weggeschmissen werden, ist eine solche Idee zu tiefst besorgniserregend und daher abzulehnen. Die Bundesregierung kann unmöglich einer Verschwendung von bis zu 12 Millionen Tonnen Lebensmittel pro Jahr weiteren Vorschub leisten. Das eigentliche Problem bei dem 30-Milliarden-Loch ist, dass Finanzminister Klingbeil an die Pflegekosten ganz sicher nicht gedacht hat.
Die Reform wird zum Sparpaket verzwergen
Zurück zur Pflege: Deutschland altert. Immer mehr Menschen benötigen Pflege. Gleichzeitig fehlen hunderttausende Pflegekräfte. Mehr Personal bedeutet höhere Lohnkosten. Weniger Personal bedeutet schlechtere Versorgung. Dieses Dilemma lässt sich nicht wegreformieren. Was als Reform angekündigt wird, wird allerhöchstens ein Sparpaket werden, wobei sich die Sozialisten bereits in Stellung gebracht haben, um Kürzungen jeglicher Art – mit dem Totschlagargument der sozialen Gerechtigkeit – zu verhindern.
Mein Fazit
Ich gönne jeder Pflegekraft jeden Euro mehr Gehalt. Aber wir sollten endlich aufhören, so zu tun, als gäbe es höhere Löhne zum Nulltarif. Die Rechnung landet am Ende immer irgendwo. Mal beim Pflegebedürftigen. Mal bei den Angehörigen. Mal bei den Beitragszahlern. Mal beim Steuerzahler. Und damit letztlich wieder bei uns allen. Die eigentliche politische Aufgabe besteht deshalb nicht darin, ständig neue Milliarden zu verteilen, sondern endlich ehrlich zu sagen, wer diese Milliarden dauerhaft bezahlen soll. Denn eines ist sicher: Der demografische Wandel fängt gerade erst an.
Dark times ahead
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