Die Bundesregierung erhöht die Alkoholsteuer – allerdings nicht auf Bier und Wein.

Mittwoch, 08. Juli 2026

Bitte was? Wenn ich das Wort Alkohol höre, denke ich zuerst an Bier. Danach an Wein. Vermutlich geht es den allermeisten Menschen genauso. Millionen Liter werden jedes Wochenende konsumiert – auf Volksfesten, in Biergärten, beim Grillen, beim Fußball, auf Weinfesten und bei Familienfeiern. Genau dort spielt sich ein Großteil des Alkoholkonsums in Deutschland ab. Und genau diese Getränke bleiben von der Steuererhöhung verschont? Ich fasse es nicht.

Man stelle sich vor, der Staat würde die Tabaksteuer erhöhen, anschließend aber erklären, dass Zigaretten selbstverständlich nicht betroffen seien. Erhöht würde nur die Steuer auf Zigarren. Jeder würde sich fragen, ob das Satire ist. Bei Alkohol scheint eine solche Logik dagegen völlig normal zu sein.

Steuererhöhung um 20 Prozent auf Spirituosen wie Korn, Wodka und Rum

Seit Jahren wird uns erklärt, Alkohol sei ein erhebliches Gesundheitsrisiko. Krankenhäuser behandeln Tausende Alkoholkranke, Rettungsdienste fahren unzählige Alkoholeinsätze, Familien zerbrechen an Suchtproblemen, und die volkswirtschaftlichen Schäden gehen in die Milliarden. Doch wenn es an die beliebtesten alkoholischen Getränke geht, setzen sich wie immer die Lobbyisten durch. In Sachen Bier dürfte der Freistaat Bayern in die Rolle des Lobbyisten geschlüpft sein. Die Begründung ist so simpel wie falsch: Bier ist in Bayern Kulturgut.

Bei Wein ist es sogar noch schlimmer. Wein ist nicht nur von der geplanten Erhöhung ausgenommen – auf Wein wird in Deutschland überhaupt keine Alkoholsteuer erhoben. Wo ist da die Logik? Die chemische Zusammensetzung des Alkohols ist in Bier, Wein und Spirituosen identisch: C₂H₅OH, besser bekannt als Ethanol. Ein Tropfen Alkohol hat somit immer die gleiche giftige Wirkung auf Zellen, egal aus welchem Getränk er stammt.

Man darf sich schon fragen, nach welchen Maßstäben hier Politik gemacht wird. Gesundheitspolitische Gründe können jedenfalls keine entscheidende Rolle gespielt haben. Sonst müsste dort angesetzt werden, wo der meiste Alkohol konsumiert wird.

Der Staat möchte den Alkoholkonsum verteuern – aber nur den Alkohol, den vergleichsweise wenige trinken. Das erinnert an einen Vegetarier, der dem Fleischkonsum entsagt, aber weiterhin Rind- und Schweinefleisch genießen möchte.

Gesetzesvorlage als Armutszeugnis

Wer den Alkoholkonsum wirklich reduzieren will, darf sich nicht ausgerechnet um Bier und Wein herumdrücken. Was die Bundesregierung hier abliefert, ist ein politischer Eiertanz zwischen Gesundheits- und Finanzministerium, Weinlobby und Brauereien.

Und es ist ein Armutszeugnis für alle Beteiligten, die während der Koalitionsverhandlungen wohl ein Weißbier zu viel getrunken haben.

„Es gibt keinen gesundheitlich unbedenklichen oder gar gesundheitsförderlichen Konsum.“

Die Suchtmedizinerin und Mitautorin des DHS-Jahrbuchs, Francesca Borlak, hat damit völlig recht. Neu ist dieser Satz allerdings nicht. Ich musste dennoch fast 31 Jahre alt werden, um ihn wirklich zu verstehen. Laut meinem Tagebuch stellte ich meinen Alkoholkonsum im Januar 1997 ein. Ich weiß es noch wie heute. Es war eine spontane Entscheidung – von einer Sekunde auf die andere, ohne Vorbereitung, ohne jede Andeutung, ohne besonderen Anlass. Ein nachhaltiger und äußerst positiver Geistesblitz.

Der Kampf gegen dieses Zellgift muss aber schon allein wegen der Statistiken weitergehen. Sie müssten eigentlich zum sofortigen Handeln führen. Doch nur Organisationen wie die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) oder Ärzteverbände heben warnend den Zeigefinger. Und ich natürlich.

Ärzteverbände (und ich) laufen Sturm.

Hier einige Zahlen für Deutschland, die ich persönlich allesamt für viel zu niedrig halte:

  • Rund 44.000 bis 47.000 Menschen sterben jedes Jahr infolge von Alkoholkonsum. Das entspricht ungefähr der Einwohnerzahl von Neumarkt-Sankt Veit plus sieben weiteren gleich großen Städten.
  • Rund zwei Millionen Erwachsene gelten als alkoholabhängig. Statistisch heruntergebrochen auf Neumarkt-Sankt Veit wären das etwa 190 bis 240 Menschen. Wobei man vorsichtig sein muss: Möglicherweise werden dabei auch trockene Alkoholiker mitgezählt.
  • Rund 1,7 Millionen Menschen zeigen Anzeichen von Alkoholmissbrauch.
  • Rund sieben Millionen alkoholbedingte Krankenhausbehandlungen pro Jahr.
  • Rund 57 Milliarden Euro volkswirtschaftliche Kosten jährlich.
  • Etwa 9,5 Millionen Menschen gaben auf Befragen an, innerhalb von 30 Tagen mindestens einmal einen Rausch gehabt zu haben.
  • Der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch beträgt 10,6 Liter reinen Alkohol pro Jahr. Dabei werden sogar Neugeborene und Kleinkinder mitgerechnet. Rechnet man nur die tatsächlichen Alkoholkonsumenten, ergibt sich ein Durchschnitt von etwa 15,4 Litern reinem Alkohol pro Jahr. Wer ausschließlich Bier mit fünf Volumenprozent trinken würde, käme damit rechnerisch auf rund 770 Halbe jährlich. Na dann: Prost Mahlzeit.
  • Alkoholkonsum erhöht nachweislich das Risiko für mindestens sieben Krebsarten: Mundhöhlen-, Rachen-, Kehlkopf-, Speiseröhren-, Leber-, Darm- und Brustkrebs.
  • In Deutschland kommen jedes Jahr mehr als 10.000 Kinder mit einer fetalen Alkoholspektrumstörung zur Welt. Diese Schädigungen sind unmittelbar auf Alkoholkonsum während der Schwangerschaft zurückzuführen.
  • Davon leiden rund 3.000 Kinder an der schwersten Form, dem fetalen Alkoholsyndrom.

Bleibt noch die Zahl der alkoholbedingten Scheidungen. Fehlanzeige. Wir kennen zwar die Zahl der Bierflaschen, die jedes Jahr verkauft werden, erfassen aber nicht einmal, wie viele Familien der Alkohol zerstört. Ein österreichischer Scheidungsanwalt erklärte gegenüber der Kleinen Zeitung, dass Alkohol nach Untreue mit rund 40 Prozent der zweithäufigste Scheidungsgrund in seiner Praxis sei.

Für Zellgiftkonsumenten heißt das alles: Dark times ahead.


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