Politik, Nato-Treffen: Ami – go home

Dienstag, 07. Juli 2026

Es sind schon bemerkenswerte Bilder, die uns vom NATO-Gipfel erreichen. Das Blogbild gehört natürlich nicht dazu. Nach dem klaren 4:1-Sieg der Belgier gegen die USA musste ein solches Spottbild aber unweigerlich im Netz auftauchen. Wer die Ladung abbekommt, kann man sich denken.

Trump kann ja im Sinne des amerikanischen Fußballs bei Infantino wegen der roten Karten intervenieren. Sich aber auch noch öffentlich dafür feiern lassen – das ist typisch Trump. Der weltweite Shitstorm, der hier zwangsläufig einsetzen musste, interessierte ihn offenbar nicht. Oder er versteht es nicht.

Da stehen Europas Staats- und Regierungschefs Schlange, loben Donald Trump, betonen seine Führungsstärke und versichern ihm nahezu im Minutentakt, wie wichtig die USA doch für Europa seien. Dieselben Politiker, die Trump noch vor wenigen Jahren als Gefahr für die Demokratie beschrieben haben, wirken plötzlich erstaunlich kleinlaut.

Man hat fast den Eindruck, als sei der NATO-Gipfel weniger ein Treffen gleichberechtigter Partner als vielmehr eine diplomatische Audienz beim amerikanischen Präsidenten, der ja sowieso nur nach Europa gekommen ist, weil das NATO-Treffen in der Türkei stattfindet. Und dort gibt es mit Erdoğan einen starken Mann. Und starke Männer liebt er. Er bezeichnete ja auch den nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un als „very smart“, sprach ihm eine „great personality“ zu und meinte sogar: „He loves his country very much.“ Alle drei Aussagen: mindestens bemerkenswert.

Mittendrin: Recep Tayyip Erdoğan.

Der türkische Präsident versteht es seit Jahren meisterhaft, seine strategische Bedeutung auszuspielen. Mal blockiert er einen NATO-Beitritt, mal fordert er Zugeständnisse, mal droht er mit einem Veto – und am Ende erhält die Türkei regelmäßig das, was sie haben möchte. Wer am längeren Hebel sitzt, muss eben nicht laut werden.

Als ich heute die zwei alten Männer vor der Air Force One gesehen habe, dachte ich mir: Geht doch bitte beide nach Hause und lasst uns in Frieden. Die NATO sollte sowohl der Türkei als auch den USA ein Ultimatum stellen: Entweder man ist mit Europa und der Ukraine auf Linie, oder man muss das Bündnis verlassen.

Der russische Präsident hält Trump vermutlich für so wankelmütig und wirkungsschwach, dass er seine Entscheidung, Europa anzugreifen, nicht von einer formalen Mitgliedschaft der USA in der NATO abhängig machen würde. Und die Türkei mit der zweitgrößten Armee aller NATO-Staaten wird von Putin als Land wahrgenommen, das öfter einmal den Konsens mit der NATO zugunsten eigener nationaler Interessen hintenanstellt. Das ist ganz im Sinne von Putin.

„Ami, go home“

Früher hallte dieser Spruch durch deutsche Innenstädte. Er war jahrzehntelang die Parole der Friedensbewegung und vieler Linker. Die amerikanischen Truppen sollten Deutschland verlassen, Europa müsse endlich auf eigenen Beinen stehen. Aus heutiger Sicht war das für Linke erstaunlich weitsichtig.

Heute wäre ich glatt dafür, den Spruch wieder zum Leben zu erwecken. Wir müssen so lange ohne die USA zurechtkommen, bis in Washington wieder ein berechenbarer Präsident im Weißen Haus sitzt.

Es fremdschämt mich, dass jeder Besuch aus Washington wie ein Staatsereignis zelebriert wird, während hinter vorgehaltener Hand über Trump gelästert wird, was das Zeug hält. Europa betont bei jeder Gelegenheit seine Abhängigkeit von den USA – militärisch, sicherheitspolitisch und inzwischen fast schon psychologisch. Man könnte fast meinen, aus „Ami, go home“ sei „Ami, please stay“ geworden.

Europas größte Schwäche

Das eigentliche Problem ist dabei gar nicht Donald Trump. Trump verfolgt selbstverständlich amerikanische Interessen. Genau dafür wurde er gewählt. Das Problem ist vielmehr Europa. Seit Jahrzehnten spricht man von einer gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Herausgekommen ist vor allem eines: Abhängigkeit. Sobald in Washington ein neuer Präsident gewählt wird, hält ganz Europa den Atem an. Wer sich derart abhängig macht, begibt sich zwangsläufig in eine schwächere Verhandlungsposition.

Ein Gipfel der Symbolik

Der NATO-Gipfel zeigt deshalb vor allem eines: Europa ist wirtschaftlich stark, politisch aber erstaunlich unsicher geworden. Man wartet auf Signale aus Washington, die in schöner Regelmäßigkeit kommen – negativ, selbstverständlich –, statt selbst welche zu senden.

Und Erdoğan? Er dürfte die Bilder mit Genugtuung betrachtet haben. Er weiß inzwischen genau, dass die NATO auf die geostrategische Lage der Türkei kaum verzichten kann – und nutzt diesen Vorteil konsequent aus.

Vielleicht sollte Europa weniger darüber nachdenken, wie man amerikanischen Präsidenten gefällt, und mehr darüber, wie man endlich selbst zu einem ernstzunehmenden geopolitischen Akteur wird. Die Versuche sehe ich wohl. Aber was nutzt es unserer Verteidigungsfähigkeit, wenn Kanada U-Boote in Deutschland kauft? Ein U-Boot der Klasse 212 CD dauert grob sechs Jahre vom Produktionsstart bis zur Auslieferung. Beim aktuellen deutsch-norwegischen Programm begann der Bau des ersten Bootes 2023; die Auslieferung an Norwegen ist für 2029 geplant. Die deutschen Boote sind für 2032 und 2034 vorgesehen.

Kanada will nun ebenfalls U-Boote dieser Klasse beschaffen. Aber auch hier zeigt sich das Problem: Die ersten vier Boote sollen nach aktuellem Stand 2034 kommen, nicht morgen, nicht übermorgen, sondern in acht Jahren. Von den bis zu zwölf Booten insgesamt ganz zu schweigen. Der Begriff „Kriegswirtschaft“ drängt sich unmittelbar auf – allerdings eher als bittere Ironie.

Dark times ahead.


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