Politik: Zuckersteuer kommt.

Donnerstag, 27. August 2026

Die Bundesregierung möchte uns gesünder machen. Das ist nett. Sobald der Staat unsere Gesundheit entdeckt, sollte man allerdings vorsichtshalber schon einmal nachsehen, ob der Geldbeutel noch da ist.

Diesmal geht es um Zucker. Genauer gesagt um eine neue Steuer auf zuckerhaltige Getränke. Ich hatte in zwei Blogs hier und hier darüber geschrieben und dargelegt, dass die Zuckersteuer eigentlich sinnlos ist. Aber red‘ mal mit einer Wand…

Eine normale Coca-Cola enthält rund 10,6 Gramm Zucker pro 100 Milliliter. In einer Halbliterflasche stecken damit etwa 53 Gramm Zucker. Das ist eine ordentliche Ladung. Wer davon täglich größere Mengen trinkt, betreibt sicherlich keine aktive Gesundheitsvorsorge. Deshalb kommen diese Modegetränke für mich seit mindestens 30 Jahren nicht mehr infrage.

Cola Zero enthält dagegen praktisch keinen Zucker. Der Unterschied ist nicht ganz unwesentlich, wenn man eine Zuckersteuer einführen möchte. Für mich allerdings gilt: Ich trinke keine normale Cola, also trinke ich auch keine Cola Light oder Cola Zero. Beim Bier ist es ebenso. Ich trinke weder Bier noch alkoholfreies Bier. Alkohol ist Zellgift und Ersatzgetränke bleiben tabu. Das Bundesfinanzministerium hatte trotzdem kurzzeitig eine bemerkenswerte Idee.

Wir besteuern den Zucker. Auch dort, wo keiner drin ist

Am 25. August wurde ein Eckpunktepapier aus dem Bundesfinanzministerium bekannt. Danach sollte die geplante Steuer wesentlich weiter reichen als ursprünglich vorgesehen. Neben klassischen Limonaden sollten beispielsweise Nektare, Smoothies, Milchmischgetränke, Haferdrinks, Fertigkaffees und alkoholfreie Biermischgetränke erfasst werden. Und Getränke mit Süßstoffen. Also auch Cola Zero und Cola Light. Für ausschließlich mit Süßstoffen gesüßte Getränke waren 26 Cent pro Liter vorgesehen. Bei zuckerhaltigen Getränken sollte die Belastung je nach Zuckergehalt bis auf 38 Cent pro Liter steigen.

Das muss man erst einmal sacken lassen. Man führt eine Steuer ein, um den Zuckerkonsum zu reduzieren. Ein Hersteller entfernt den Zucker vollständig und ersetzt ihn durch Süßstoffe. Und der Staat sagt: Sehr schön. Macht dann bitte 26 Cent. So schafft man Anreize. Nach derselben Logik könnte man Elektroautos künftig mit einer Dieselsteuer belegen. Schließlich fahren sie auch auf der Straße.

Lars Klingbeil: Das ist Quatsch

Nun muss man Lars Klingbeil ausdrücklich zugutehalten, dass er persönlich diese Idee nicht verteidigt hat. Im Gegenteil. Der Bundesfinanzminister stellte am Mittwoch klar:

„Ich werde als Finanzminister keine Steuer vorlegen, mit der zuckerfreie Getränke besteuert werden.“

Und weiter:

„Ich halte das für Quatsch.“

Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte anschließend, er könne das „eins zu eins unterstreichen“. Damit ist die Sache mit Cola Zero und Cola Light nach aktuellem Stand vom Tisch.

Ärzte könnten sehr wohl einwenden, dass die Sache so einfach nicht ist. Denn für Süßstoffe nutzt man z.B. Aspartam. Er ist ungefähr 200-mal süßer als Haushaltszucker, weshalb nur winzige Mengen benötigt werden. Unumstritten ist der Stoff jedoch nicht. Die Krebsforschungsagentur IARC der WHO stufte Aspartam 2023 als möglicherweise krebserregend für Menschen“ (Gruppe 2B) ein. Ja, aber möglicherweise ist aber auch das Leben an sich gefährlich.

Die WHO empfiehlt seit 2023, nicht-zuckerhaltige Süßstoffe nicht als langfristiges Mittel zur Gewichtskontrolle einzusetzen. Trifft sich gut. Mache ich nicht.

Beobachtungsstudien zeigen Zusammenhänge zwischen langfristig hohem Süßstoffkonsum und beispielsweise Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und erhöhter Sterblichkeit. Der entscheidende Haken: Zusammenhang ist nicht Ursache. Jemand ist adipös, greift deshalb zu zuckerfreien Getränken und verstirbt zwanzig Jahre später. Schon ist der Zusammenhang zwischen Süßstoff und Übersterblichkeit hergestellt…

Zurück zum verworfenen Eckpunktepapier. Klingbeil sagte, die entsprechenden Überlegungen seien Dinge gewesen, die er „noch nie auf meinem Schreibtisch hatte“. Es habe sich um Zwischenstände aus der Arbeit von Fachreferenten gehandelt. Solche Ideen müssten innerhalb der Ministerien diskutiert, entwickelt und gegebenenfalls wieder verworfen werden können.

Beamte müssen selbstverständlich verschiedene Modelle durchrechnen dürfen, ohne dass aus jedem Arbeitspapier sofort ein Regierungsbeschluss wird. Ein bisschen merkwürdig ist die Geschichte trotzdem.

Ein erstaunlich irrelevantes Eckpunktepapier

Denn ganz so bedeutungslos kann dieses Papier nicht gewesen sein. Das Bundeslandwirtschaftsministerium bezog sich bereits in einem Schreiben vom 12. August ausdrücklich auf ein „Eckpunktepapier vom 7. August 2026“ des Finanzministeriums und meldete erhebliche Bedenken an. Die Hausleitung des CSU-geführten Ministeriums hatte sogar Leitungsvorbehalt eingelegt. Das ist schon eine interessante Form eines völlig unverbindlichen Gedankenspiels.

Abgabe oder Steuer? Ein kleines, aber feines Problem

Noch interessanter ist allerdings eine andere Entwicklung. Ursprünglich war von einer Abgabe die Rede. Die Einnahmen sollten im Zusammenhang mit der Stabilisierung der gesetzlichen Krankenversicherung und gesundheitspolitischer Prävention stehen. Das Finanzministerium schlug in seinem Eckpunktepapier dagegen eine allgemeine Steuer vor. Eine Steuer kann eben in den Bundeshaushalt fließen und muss nicht zweckgebunden für das Gesundheitssystem verwendet werden. Und genau an dieser Stelle werde ich etwas hellhörig. Denn die CDU und CSU waren im Wahlkampf nicht gerade mit dem Schlachtruf angetreten: Gebt uns eure Stimme, dann erfinden wir neue Steuern. Im Gegenteil. Noch im Frühjahr erklärte die Bundesregierung auf die Frage nach Steuererhöhungen kurz und bündig:

„Der Koalitionsvertrag sieht keine Steuererhöhungen vor.“

Das ist erfreulich eindeutig. Nun kommt eine Zuckersteuer. Man kann selbstverständlich argumentieren, dass eine Lenkungssteuer gesundheitspolitisch sinnvoll ist. Man kann darauf verweisen, dass andere Länder damit Erfahrungen gesammelt haben (welche eigentlich?) und Hersteller ihre Rezepturen verändern. Alles diskutabel. Aber dann sollte man wenigstens aufhören, sprachlich herumzuturnen. Eine neue Steuer ist eine neue Steuer.

Und plötzlich wird Ricarda Lang zum Wutbürger

Die schönste Episode dieser ganzen Geschichte lieferte allerdings Ricarda Lang, die ich heute im Fernsehen glatt mit Heidi Reichinnek verwechselte. Lang schrieb angesichts der Meldungen über die mögliche Besteuerung von Light-Getränken:

„Wenn Cola light besteuert wird, werd‘ ich zum Wutbürger.“

Und bezeichnete eine Zuckersteuer auf zuckerfreie Getränke als „Schwachsinn“.

Deutschland diskutiert seit Jahren über explodierende Staatsausgaben, Energiepreise, Heizungsgesetze, Bürokratie, Migration, Sozialabgaben und eine Steuer- und Abgabenquote, bei der Arbeitnehmer regelmäßig überprüfen sollten, ob sich der Weg zur Arbeit überhaupt noch lohnt. Ricarda Lang blieb stabil.

Aber bei Cola Light ist Schluss. Da endet die Geduld. Da erwacht der Wutbürger. Offenbar verläuft die letzte Verteidigungslinie gegen einen übergriffigen Staat nicht beim Eigentum, nicht bei der Heizung und nicht beim Auto. Sie verläuft im Getränkeregal zwischen Cola Light und Cola Zero.

650 Millionen Euro für unsere Gesundheit

Die geplante Zuckersteuer soll nach bisherigen Planungen bereits 2027 kommen und rund 650 Millionen Euro an Mehreinnahmen generieren. Damit ist die Lenkungssteuer in sich widersprüchlich: Ist sie gesundheitspolitisch erfolgreich, sinkt der Konsum der besteuerten Produkte. Hersteller reduzieren den Zucker, Verbraucher weichen aus und die Steuereinnahmen gehen zurück. Das wäre gesundheitspolitisch ein Erfolg. Für einen Finanzminister ist es allerdings eher lästig. Deshalb sollte man bei jeder neuen Lenkungssteuer sehr genau hinschauen, wann aus dem angeblichen Erziehungsinstrument plötzlich eine verlässliche Einnahmequelle wird.

Der Grünen-Vorsitzende Felix Banaszak formulierte genau diesen Verdacht erstaunlich deutlich. Sein Eindruck sei, dass ein grundsätzlich sinnvolles gesundheitspolitisches Instrument benutzt werde, um Haushaltslöcher zu stopfen. Wenn sogar die Grünen anfangen zu fragen, ob der Staat vielleicht ein bisschen zu begeistert neue Steuern entdeckt, ist politisch wirklich etwas in Bewegung geraten.

Besonders konsequent ist die geplante Zuckersteuer ohnehin nicht. Sie konzentriert sich auf Getränke. Eine 0,5-Liter-Flasche Coca-Cola enthält rund 53 Gramm Zucker und soll künftig zusätzlich besteuert werden. Eine 100-Gramm-Tafel Vollmilchschokolade kann ebenfalls mehr als 50 Gramm Zucker enthalten und bleibt von dieser Steuer unberührt.

Wer also seine Cola zum Schokoriegel trinkt, wird gesundheitspolitisch nur für die Hälfte seines kleinen Ernährungsunfalls zur Kasse gebeten. Offenbar wird Zucker erst dann zum gesellschaftlichen Problem, wenn er schwimmen kann.

Ich verstehe nicht, warum man nicht einen ganzheitlichen Ansatz gewählt hat und den Rohstoff Zucker besteuert. Denn Zucker wird – was die Mehrwertsteuer angeht – sehr freundlich behandelt. Warum lässt man nicht für Lebensmittel, die zugesetzten Zucker enthalten, die Mehrwertsteuerermäßigung entfallen und verlangt 19% statt 7%?

Jetzt wissen wir natürlich, dass fast in allen Lebensmitteln zugesetzter Zucker drin ist. Deshalb brauchen wir eine Freigrenze. Überlegenswert: Fünf Gramm Zucker pro 100ml Getränk bzw. Essen ist von der Zuckersteuer ausgenommen. Das hätte einen enormen Lenkungseffekt. Hersteller würden anfangen zu rechnen: „Wenn wir den Zuckergehalt von 7,2 auf 4,9 Gramm reduzieren, fällt die Zuckersteuer vollständig weg. Genau diese Diskussion sollte man eigentlich in den Entwicklungsabteilungen der Lebensmittelindustrie auslösen.

Besonders absurd: Selbst das Pfund reiner Haushaltszucker im Supermarkt bleibt von der Zuckersteuer verschont und wird weiterhin mit 7% Mehrwertsteuer begünstigt. Der Staat besteuert also nicht den Zucker, sondern offenbar hauptsächlich dessen Fähigkeit, sich in Flüssigkeiten aufzulösen.

Es ist wie immer. Auf mich hört niemand. Ich schlürfe stoisch meinen grünen Tee weiter, und dies gerne auf dem Dorfplatz. Hoffentlich wird das Wetter morgen schön.


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