Montag, 24. August 2026

Der Krieg in der Ukraine erreicht eine neue Stufe. Was vor wenigen Jahren noch wie Science-Fiction klang, ist inzwischen Realität: sogenannte Mutterdrohnen.
Dabei handelt es sich um größere Drohnen, die mehrere kleinere Drohnen mitführen, sie tief im Einsatzgebiet absetzen und von dort aus auf ihre Ziele schicken können. Die Mutterdrohne dient dabei als fliegende Trägerplattform, während ihre „Kinder“ ausschwärmen. Sie suchen Fahrzeuge, Stellungen oder Soldaten und können aus unterschiedlichen Richtungen angreifen.
Die Sache mit den Glasfaserleitungen, die von Drohnen während des Fluges abgerollt werden, damit elektronische Störsender wirkungslos bleiben, ist schon wieder beinahe Schnee von gestern. Mein Blog aus dem April hat sich längst überlebt.
Und nachdem die Telekom nun endlich mitgeteilt hat, wann man in Neumarkt-Sankt Veit ungefähr mit Glasfaserleitungen verkabeln möchte, ist auch mein Verdacht ausgeräumt, es könne wegen der russischen Drohnen inzwischen an Glasfasern mangeln.
Eine klassische Frontlinie gibt es zwar immer noch. Doch scheint es zunehmend weniger ausschließlich darum zu gehen, Gelände zu gewinnen, sondern darum, Infrastruktur, Nachschub und Kampfkraft des Gegners weit hinter der eigentlichen Front zu zerstören.
Das große Töten
Die Entwicklung zeigt, wie rasant sich moderne Kriege verändern. Wo früher Panzerkolonnen, Artillerie und Kampfflugzeuge das Schlachtfeld dominierten, übernehmen heute immer häufiger fliegende Roboter die gefährlichsten Aufgaben.
Für die Soldaten bedeutet das eine permanente Bedrohung. Die Gefahr kommt nicht mehr nur von vorne. Sie kommt von oben, von hinten, von der Seite und möglicherweise von einer Drohne, die seit einer halben Stunde irgendwo zwischen zwei Bäumen hängt und darauf wartet, dass sich endlich jemand bewegt.
Drohnen greifen alles an, was als lohnendes Ziel erkannt wird. Sei es autonom, teilautonom oder von einem Menschen gesteuert.
Ein Horror tut sich auf, während ich gemütlich vor dem Fernseher sitze und Fußball schaue.
Besonders erschreckend ist die industrielle Dimension dieser Entwicklung. Drohnen werden inzwischen in gewaltigen Stückzahlen produziert. Sie sind im Vergleich zu klassischen Waffensystemen günstig, lassen sich permanent weiterentwickeln und können zunehmend miteinander vernetzt werden.
Eine riesige Drohnenshow.
Fehlt eigentlich nur noch, dass die russischen Drohnen nachts leuchten und beim Anflug auf die Ukraine einen breit grinsenden Totenschädel formieren.
Aus einem einzelnen Fluggerät wird ein ganzes System. Aus einem Angriff wird ein Schwarm.
Die Vorstellung wirkt beinahe apokalyptisch: Eine große Drohne erscheint am Himmel, öffnet ihre Ladeklappen und setzt links und rechts eine Batterie kleiner Kampfdrohnen aus. Sekunden später verteilen sie sich über das Gelände und beginnen ihre Suche.
Was bislang vor allem in militärischen Zukunftsstudien und Science-Fiction-Filmen beschrieben wurde, wird auf realen Schlachtfeldern zumindest in seinen ersten Ausprägungen Wirklichkeit. „Independence Day“ wirkt dagegen beinahe beruhigend, und bei „Star Wars“ muss man sich langsam fragen, welcher Teil davon eigentlich noch Science-Fiction ist.
Wenn Drohnen immer autonomer werden, immer größere Reichweiten erzielen und in immer größeren Verbänden eingesetzt werden können, verändert sich nicht nur die Art der Kriegsführung. Es verändert sich auch das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine.
Der Soldat steht nicht mehr zwangsläufig einem anderen Soldaten gegenüber, sondern einer technischen Infrastruktur, die rund um die Uhr einsatzbereit ist.
Gegen diese Technik hilft wiederum Technik.
Im Extremfall führt irgendwann das Rechenzentrum des Angreifers Krieg gegen das Rechenzentrum des Verteidigers. Dazwischen stehen Menschen, für die es derweil heißt: verstecken, so gut es geht. Nicht bewegen. Möglichst nicht auffallen. Und wenn es irgendwie machbar ist, vielleicht auch nicht mehr atmen.
Der Ukraine-Krieg wird damit immer mehr zum Testfeld einer neuen Generation von Waffensystemen. Technologien werden unter realen Bedingungen erprobt, verändert, verbessert und anschließend in Serie produziert. Militärs auf der ganzen Welt beobachten diese Entwicklung mit größtem Interesse.
Während ich mit größter Sorge dreinblicke.
Man muss kein Militärstratege sein, um zu erkennen, wohin die Reise gehen könnte: größere Reichweiten, mehr Autonomie, größere Schwärme, schnellere Entscheidungen und immer weniger Zeit für den Menschen, überhaupt noch einzugreifen.
Entscheidungen pro Krieg.
Das Waffen- und Drohnenarsenal muss letztlich nur so umfangreich sein, dass es vom Gegner nicht mehr vollständig abgewehrt werden kann. Masse wird damit wieder zu einem entscheidenden Faktor. Den nächsten großen Krieg gewinnt womöglich die Macht, die mehr finanzielle Mittel investieren, schneller produzieren und größere Verluste ersetzen kann.
Wir sind wieder beim unsäglichen Wettrüsten angekommen.
Nur dass diesmal nicht gezählt wird, wer die meisten Panzer, Interkontinentalraketen oder Atomsprengköpfe besitzt. Künftig zählen möglicherweise Produktionskapazitäten für Drohnen, Chips, Sensoren, Glasfasern, Batterien und künstliche Intelligenz.
Die eigentliche Tragik bleibt dabei unverändert: Hinter jeder technischen Innovation stehen Menschen. Menschen, die fliehen. Zivilisten, die verletzt werden. Soldaten, die sterben.
Der technische Fortschritt kennt offenbar auch auf dem Schlachtfeld kaum noch Grenzen.
Wobei: Was heißt eigentlich noch „Schlachtfeld“?
Mit dieser Drohnentechnologie lässt sich das Schlachtfeld immer weiter ausdehnen. Die klare Trennung zwischen Front und Hinterland verschwimmt. Entscheidend ist irgendwann nicht mehr, wo der nächste gegnerische Soldat steht, sondern wie weit eine Drohne fliegen, kommunizieren und ein Ziel erkennen kann.
Und dann kann man den Gedanken einmal konsequent weiterspinnen.
Was wäre, wenn irgendwann ein großes unbemanntes Transportflugzeug startet und während seines Fluges irgendwo über Europa Tausende Kampfdrohnen aussetzt?
Was dann?
Der Kreml würde vermutlich erklären, die Maschine sei leider außer Kontrolle geraten. Eigentlich habe man sie nur nach Nordkorea überführen wollen. Bedauerlicher technischer Defekt. Kann passieren. Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.
Und was machen wir, wenn sich eines Tages eine solche Mutterdrohne in eine deutsche Großstadt „verirrt“, zur Tat schreitet, Schäden anrichtet, Menschen tötet und anschließend niemand verantwortlich gewesen sein will?
Haken wir das als „ernsthaften Zwischenfall“ ab und sprechen von einer bislang nicht näher identifizierten fremden Macht?
Genau darin steckt neben der militärischen auch eine politische Gefahr dieser Waffen. Je kleiner, autonomer und zahlreicher solche Systeme werden, desto schwieriger kann es werden, einen Angriff eindeutig zuzuordnen. Und plötzlich steht nicht mehr nur die Frage im Raum, wie man einen Angriff abwehrt, sondern auch, gegen wen man sich anschließend eigentlich verteidigen soll.
Hut ab vor der Ukraine, die bei diesem technologischen Wettrennen unter denkbar schlechten Bedingungen erstaunlich wacker mithält und selbst zu einem der wichtigsten Entwickler moderner Drohnenkriegsführung geworden ist.
Manche Menschen sprechen inzwischen sogar von einem ukrainischen „Momentum“. So weit würde ich nicht gehen. Dafür ist dieser Krieg viel zu brutal, unberechenbar und von Ressourcen abhängig.
Eines allerdings halte ich für ziemlich eindeutig: Unser Frieden wird momentan auch in der Ukraine verteidigt. Denn was dort entwickelt, ausprobiert und perfektioniert wird, verschwindet nach diesem Krieg nicht wieder in irgendwelchen Lagerhallen.
Die Technologie bleibt.
Das Wissen bleibt.
Und die nächste Generation dieser Waffen ist längst in Arbeit.
Ich bleibe deshalb umso überzeugter bei meinem üblichen Schluss-Statement:
Dark times ahead.
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