Dienstag, 16. Juni 2026

Mario Voigt, der MP von Thüringen, hat ein Problem. Eigentlich sogar zwei, oder drei.
Das erste Problem ist bekannt: die Plagiatsvorwürfe rund um seine Dissertation. Die TU Chemnitz hat ihm inzwischen den Doktortitel aberkannt. Voigt hält die Entscheidung für falsch und zieht vor Gericht. Die juristische Aufarbeitung wird noch einige Zeit dauern.
Das zweite Problem könnte für ihn politisch sogar gefährlicher werden. Denn inzwischen geht es nicht mehr nur um die Frage, ob vor vielen Jahren wissenschaftlich sauber gearbeitet wurde. Es geht um die Gegenwart. Es geht um die Frage, wer eigentlich die Texte eines Ministerpräsidenten schreibt.
Als drittes Thema gibt es noch seine Professur „Digitale Transformation und Politik“, irgendwo in Berlin. Diese Professur ruht natürlich im Moment. Bei digitaler Transformation denke ich an Cloud-Architekturen, Prozessautomatisierung, Cybersecurity, Datenplattformen, Softwareentwicklung und KI-Systeme. Ich glaube allerdings, dass er nur bei den KI-Systemen ein wenig mitreden kann, und dies auch nur als User… Was auch immer er als Professor seinen Studenten erzählt, allzu technisch kann es nicht sein.
Voigt: Doktor, Professor, KI-User
Zurück zum Thema: Mehrere Recherchen haben den Verdacht aufgeworfen, dass bei Gastbeiträgen, Kommentaren und Reden von Mario Voigt künstliche Intelligenz zum Einsatz gekommen sein könnte. Besonders viel Aufmerksamkeit erhielt ein Gastbeitrag, den die Frankfurter Allgemeine Zeitung nach Bekanntwerden entsprechender Vorwürfe sogar aus ihrem Online-Angebot entfernte. Diskutiert werden dabei nicht nur mögliche KI-Formulierungen, sondern auch nicht nachvollziehbare Expertenzitate.
Dabei stellt sich eine interessante Frage: Ist die Nutzung von KI überhaupt ein Problem? Nein, würde ich sagen. Jedenfalls nicht automatisch. Wenn eine KI einen Kommentar entwirft, der 100%ig meinen Gedankengängen entspricht – wo ist da eigentlich das Problem?
Ist die Kritik überzogen?
Politiker nutzen seit Jahrzehnten Redenschreiber, Pressesprecher, wissenschaftliche Mitarbeiter und Kommunikationsberater. Niemand erwartet ernsthaft, dass ein Ministerpräsident jede Rede, jede Pressemitteilung und jeden Gastbeitrag nachts allein am Küchentisch verfasst.
Deshalb ist Künstliche Intelligenz zunächst nichts anderes als ein weiteres Werkzeug. Sie kann Informationen strukturieren, Formulierungen verbessern und Textentwürfe erstellen. Wer KI als Hilfsmittel nutzt, begeht weder einen Betrug noch eine moralische Verfehlung.
Problematisch wird es erst dann, wenn die Grenze zwischen Hilfsmittel und Autor verschwimmt.
Ein Politiker wird gewählt, weil Bürger seine Überzeugungen kennenlernen wollen. Wenn jedoch ganze Passagen von einer Maschine stammen und niemand mehr nachvollziehen kann, welche Gedanken tatsächlich vom Politiker selbst kommen, entsteht ein Glaubwürdigkeitsproblem. Bürger erwarten keine perfekte Grammatik, obwohl ich selbst großen Wert darauflege. Die meisten Menschen erwarten jedoch… Authentizität.
Besonders heikel wird die Angelegenheit, wenn die KI Texte produziert, die scheinbar wissenschaftliche Belege oder Expertenzitate enthalten, die sich später nicht nachweisen lassen. Dann geht es nicht mehr um moderne Arbeitsmethoden, sondern um die Frage der Sorgfalt. Ein Ministerpräsident trägt Verantwortung für jedes Wort, das unter seinem Namen veröffentlicht wird – unabhängig davon, ob es von einem Mitarbeiter, einem Ghostwriter oder einer Software stammt. Experten haben genau auf diesen Punkt hingewiesen und von schlechtem handwerklichem Vorgehen gesprochen.
Interessanterweise zeigen die aktuellen Debatten auch eine gewisse Doppelmoral. Viele Politiker preisen künstliche Intelligenz als Zukunftstechnologie an. Sie fordern Unternehmen, Verwaltungen und Schulen auf, die Möglichkeiten der Technologie zu nutzen. Wenn jedoch bekannt wird, dass ein Politiker selbst KI einsetzt, bricht sofort Empörung aus. Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob KI verwendet wurde.
Die entscheidende Frage lautet, ob die Inhalte stimmen.
Wenn ein Ministerpräsident einen KI-generierten Entwurf prüft, korrigiert und verantwortet, ist das aus meiner Sicht etwas völlig anderes, als wenn eine Maschine weitgehend unbeaufsichtigt politische Botschaften produziert. Die Verantwortung muss beim Menschen bleiben. Zeitdruck darf keine Ausrede sein.
Für Mario Voigt kommt die KI-Debatte allerdings zur Unzeit. Wer bereits wegen Plagiatsvorwürfen unter Beobachtung steht, wird bei jeder neuen Diskussion über geistige Eigenleistung besonders kritisch betrachtet. Das mag unfair erscheinen. Politisch ist es jedoch nachvollziehbar. Vertrauen ist ein empfindliches Gut. Wer einmal in Verdacht geraten ist, muss bei allen ähnlichen Themen mit erhöhter Aufmerksamkeit rechnen.
Am Ende könnte die eigentliche Lehre aus dem Fall Voigt deshalb eine ganz andere sein. Nicht die KI ist das Problem. Nicht einmal die Technologie steht im Mittelpunkt. Entscheidend bleibt die alte Tugend der Transparenz.
Wer KI nutzt, sollte dazu stehen. Wer fremde Hilfe in Anspruch nimmt, sollte Verantwortung übernehmen. Und wer politische Führung beansprucht, sollte jederzeit erklären können, welche Gedanken tatsächlich seine eigenen sind. Auch deshalb habe ich lieber keinen Mitarbeiterstab um mich herum. Das klassische Beispiel ist der „Bacon of Hope“-Versprecher von Annalena Baerbock. Der oder die Redenschreiberin hatte damals keine Gefühl dafür, wie gut Baerbocks Englisch ist. „Bacon“ und „Beacon.“ Das englische Wort ‚bacon‘ kennt jeder, der Schul-Englisch hatte. Beaconing ist dagegen etwas „special“.
Gibt es eine Schätzung darüber, wieviel Prozent aller veröffentlichten Medienartikel von KI erfasst wurden?
Eine belastbare Zahl gibt es bislang nicht. Das liegt vor allem daran, dass niemand zuverlässig feststellen kann, ob ein Text vollständig von einer KI, teilweise von einer KI oder nur mit KI-Unterstützung geschrieben wurde. Die Schätzungen gehen deshalb weit auseinander:
- Eine Studie auf Basis des Web-Archivs Common Crawl kommt zu dem Ergebnis, dass inzwischen rund 50% aller neu veröffentlichten Online-Artikel überwiegend KI-generiert sein könnten.
- Andere wissenschaftliche Untersuchungen schätzen den Anteil des KI-generierten Textes im gesamten Web deutlich niedriger auf, nämlich bei etwa 30 bis 40%.
- Für den klassischen Journalismus liegen die Zahlen erheblich darunter. Eine Untersuchung von 186.000 Artikeln US-amerikanischer Zeitungen kam auf etwa 9% teilweise oder vollständig KI-generierte Beiträge. Bei Meinungsartikeln und Gastkommentaren lag der Anteil deutlich höher als bei Nachrichtenmeldungen.
Für deutsche Medienhäuser gibt es derzeit keine belastbare Gesamtstudie. Die Medienhäuser würden sich wohl auch kaum ehrlich daran beteiligen. Zu erahnen ist aber, dass der Kosten- und der zeitliche Lieferdruck von immer neuen Artikeln, um die Online-Portale und die Zeitungen zu füllen, zu einer starken Nutzung von KI führt.
Fazit zur Causa Voigt: Die Bürger haben einen Ministerpräsidenten gewählt, und keinen Chatbot.
Technisch ist sogar dieser Satz falsch. Besser: Die Wahlergebnisse gaben nichts anderes her. Gewählt wurde Voigt letztendlich durch das thüringische Parlament.
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