Berliner Götterdämmerung: Wenn das politische Links-Gut-Rechts-Böse-Schema zerbricht

Samstag, 26. September 2026

Es gibt politische Glaubenssätze, die in Deutschland lange Bestand hatten. Einer davon lautet ungefähr: Links ist gut, rechts ist böse. Links bedeutet sozial, tolerant, weltoffen, inkludierend und menschenfreundlich. Rechts dagegen verkörpert die finsterste deutsche Geschichte.

Dieses wunderbar einfache Weltbild hat nur einen kleinen Schönheitsfehler: Die Wirklichkeit hält sich nicht daran. Und ausgerechnet Berlin könnte gerade der Ort werden, an dem diese bequeme moralische Sortieranlage ins Stottern gerät. Der linke Blätterwald gibt es zwar nicht zu, dürfte aber innerlich über eine Person höchst verärgert sein: Wir sprechen über den Bundestagsabgeordneten Ferat Ali Kocak, der mit zwielichtigen Gestalten Kontakt hat und der sogar im Innenausschuss des Bundestages sitzt, wenngleich er im Moment – derart unter Druck geraten – alle Ämter ruhen lässt und sich darauf konzentriert, dass die Diäten pünktlich an ihn überwiesen werden. Leistung wird von ihm nicht verlangt.

Nur Gott weiß, wie man hier den Bock zum Gärtner machen konnte. Chats sind aufgetaucht, in denen er Mitglieder des Remmo-Clans mit „Respekt“ grüßt.

Konnte sich dieser Mann nicht einfach etwas zurückhalten und seine Verbindungen ins Clan-Milieu im Privaten pflegen? Nun hat er aber dem politisch auf links gebürsteten Deutschland erheblich in die Suppe gespuckt. Wie dumm von ihm. Die Situation lässt sich nun nicht mehr kleinreden. Die Medien müssen jetzt gegenüber den Linken – ungewollt – kritischere Töne anschlagen. Alles hätte doch so schön sein können. Jetzt müssen die Medien Kritik üben, obwohl man doch eigentlich Feierlaune verbreiten wollte. Eine sozialistische Hauptstadt, eine linke Bürgermeisterin – was kann es Schöneres geben?

Bei der Abgeordnetenhauswahl am 20. September 2026 wurde die Linke mit 25,7 Prozent stärkste Partei. Die Medien bezeichnen die Linken als klare Siegerin, obwohl nur jeder vierte Wähler der Meinung ist, dass das mit den Linken in Berlin eine gute Idee ist. In Sachsen-Anhalt dagegen hat die AfD 38% erreicht. Von dem Begriff „klarer Sieger“ hört man nichts.

In Berlin kam die CDU nur auf 18,8 Prozent, die AfD auf 16,3 Prozent, die Grünen auf 14,3 Prozent und die SPD auf gerade einmal 12,1 Prozent. Die bisherige Koalition aus CDU und SPD hat damit ihre Mehrheit verloren. Rechnerisch möglich ist unter anderem eine Koalition aus Linken, Grünen und SPD unter Führung der Linken. Berlin ist eigentlich schon gefallen, jetzt käme aber noch der Sargnagel oben drauf.

Plötzlich muss die Linke nicht mehr nur fordern

Opposition ist eine schöne Lebensform. Man verlangt Wohnungen, niedrigere Mieten, höhere Sozialleistungen, mehr Personal, bessere Schulen und möglichst noch kostenlosen Nachtisch für alle. Die unangenehme Frage, wer das bezahlt und wie es praktisch funktionieren soll, darf die jeweilige Regierung beantworten. Das Problem für die Berliner Linke lautet nun: Sie hat die Wahl gewonnen. Damit verwandelt sich politische Romantik ziemlich plötzlich in Excel. Und Excel schaut bei Ines Schwerdtner, der Bundesvorsitzenden der Linken hinsichtlich der Kosten der Enteignung von 220.000 Wohnungen so aus:

„Es könnte ein symbolischer Euro sein, es könnten mehrere Milliarden sein. Das ist das Spektrum, über das wir sprechen.“

Die Partei will große private Wohnungsunternehmen vergesellschaften. Im Raum steht die Überführung von rund 220.000 Wohnungen in öffentliches Eigentum. Über die Kosten wird heftig gestritten; Schätzungen reichen in Größenordnungen von vielen Milliarden Euro. Reuters verwies nach der Wahl auf Schätzungen um etwa 20 Milliarden Euro und darauf, dass die Zustimmung zur konkreten Umsetzung in jüngeren Umfragen deutlich niedriger lag als beim Volksentscheid von 2021. Willkommen in der faszinierenden Welt, in der Geld nicht dadurch entsteht, dass man das Wort „Gerechtigkeit“ besonders entschlossen ausspricht.

Und plötzlich entdeckt die Presse Probleme

Besonders bemerkenswert ist allerdings ein anderer Vorgang. Wer die Berichterstattung über Elif Eralp in den vergangenen Monaten verfolgt hat, konnte teilweise den Eindruck bekommen, hier werde eine politische Aufstiegsgeschichte geschrieben. Die ZEIT porträtierte die Linken-Politikerin noch im Frühjahr unter der Überschrift „Sie träumt vom Roten Rathaus“. Anfang September folgte ein weiteres großes Porträt. Bereits darin tauchte allerdings ein Problem auf, das inzwischen erheblich größer geworden ist: radikale Strömungen innerhalb der Berliner Linken.

Nach der Wahl klingt manches erheblich nüchterner.

Der Tagesspiegel fragte inzwischen ausdrücklich, ob Berlins Linke überhaupt kompromissfähig sei, und schrieb, Eralp müsse sich verändern, wenn sie regieren wolle. Das würde ich noch nicht unterschreiben. Ich habe mir gestern ihre Rede angehört/angesehen. Ruhiger Ton, kein Schaum vor dem Mund, keine Auf-die-Barrikaden-Parolen. Stattdessen wiederholte sie das Wahlprogramm der Linken. Punkt für Punkt. Gut, die Sache, Polizeiarbeit durch Sozialarbeit zu ersetzen, ließ sie geflissentlich weg. Aus meiner Sicht ist sie – außer der Tatsache, dass sie kein Geld hat, um das Wahlprogramm durchzusetzen – beinahe eine Realpolitikerin. Man kann ihr zuhören, ohne gleich den Mac, auf dem WeLT-TV den ganzen Tag läuft, genervt zuklappen zu müssen.

Ein weiterer Beitrag beschäftigte sich damit, ob ein Linksbündnis angesichts der Antisemitismusvorwürfe überhaupt noch zustande kommen könne. Selbst die taz, nun wirklich kein Zentralorgan des reaktionären Weltkapitalismus, schrieb über Antisemitismus in Teilen der Berliner Linken und bezeichnete die Nähe einzelner Mitglieder zu entsprechenden Gruppen als Gefahr für Eralps politisches Projekt.

Das ist interessant. Nicht weil Journalisten plötzlich geschlossen ihre politische Grundhaltung geändert hätten. Davon kann keine Rede sein. Sondern weil aus einer theoretischen politischen Möglichkeit plötzlich reale Macht geworden ist. Und Macht führt gelegentlich zu einer erstaunlichen Wiederentdeckung journalistischer Neugier.

Antisemitismus passt schlecht ins vertraute Weltbild

Besonders unangenehm wird es beim Thema Antisemitismus. Vor der Wahl sorgte eine Veranstaltung der Linken in Neukölln für Schlagzeilen, nachdem ein Rapper dort Gewaltaufrufe gegen Israel verbreitet hatte. Eralp distanzierte sich davon deutlich. Der Tagesspiegel berichtete allerdings anschließend, dass zunächst keine personellen Konsequenzen gezogen worden seien. Nach der Wahl verschärfte sich die Debatte weiter. Der Tagesspiegel berichtete über Besuche umstrittener Personen auf einer Linken-Wahlparty in Neukölln und über wachsenden Druck auf SPD und Grüne, vor möglichen Koalitionsverhandlungen Klarheit über den Umgang der Partei mit Antisemitismus herzustellen.

Und genau hier beginnt das vertraute politische Koordinatensystem unangenehm zu wackeln. Denn Antisemitismus ist eben nicht automatisch rechts. Er kann nationalistisch sein. Er kann religiös begründet sein. Er kann verschwörungsideologisch auftreten. Und er kann sich hinter vermeintlichem Antiimperialismus und einem radikalisierten Antizionismus verstecken. Das Etikett „links“ besitzt keinen eingebauten moralischen Kompass. Eigentlich eine ziemlich banale Erkenntnis. Man musste dafür nur einige Jahrzehnte politische Stammeskunde überwinden. Dagegen hilft die Warnung vor einer „DDR“ 2.0 nicht weiter. Aus Sicht der Linken darf sich Geschichte ruhig wiederholen.

Links ist keine Charaktereigenschaft

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Berliner Götterdämmerung. Ein linker Politiker ist nicht automatisch ein guter Mensch. Ein konservativer Politiker ist nicht automatisch ein schlechter Mensch. Ein Sozialist besitzt ebenso wenig ein Monopol auf Mitgefühl wie ein Konservativer auf wirtschaftliche Vernunft. Entscheidend sollten konkrete Positionen und konkretes Verhalten sein. Wer enteignen oder vergesellschaften will, muss erklären, was es kostet und welchen Nutzen es bringt. Wer Toleranz fordert, muss sie auch gegenüber Menschen praktizieren, die politisch anders denken. Wer Antisemitismus bekämpfen will, muss ihn auch dann bekämpfen, wenn er aus dem eigenen politischen Lager kommt. Genau dort wird es für politische Milieus traditionell ungemütlich. Der Extremist auf der anderen Seite ist leicht zu erkennen. Bei den Extremisten in den eigenen Reihen hat die Sache dann plötzlich einen „Kontext“ und muss nur richtig eingeordnet werden.

Der Realitätscheck beginnt erst jetzt

CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers sprach nach der Wahl davon, die Linke müsse sich einem „Realitätscheck“ unterziehen. Das kann man zunächst als gewöhnliche Oppositionsrhetorik betrachten. Tatsächlich steht ein solcher Realitätscheck aber unabhängig von Evers bevor. Denn eine Partei, die möglicherweise die Regierende Bürgermeisterin stellt, wird nicht mehr nur danach beurteilt, ob ihre Forderungen sympathisch klingen. Sie muss Haushalte aufstellen, Verwaltung organisieren, Polizei verantworten, Wohnungen bauen lassen und politische Kompromisse schließen. Der Tagesspiegel formulierte nach der Wahl ziemlich treffend das Spannungsfeld zwischen Eralps politischen Visionen und den Berliner Haushaltsproblemen. Genau dort endet Wahlkampf und beginnt Regierung. Man könnte sagen: Die Revolution hat plötzlich eine Kämmerei.

Was macht die CDU?

Für die CDU entsteht gleichzeitig ein Glaubwürdigkeitsproblem. Rechnerisch kommt neben dem links-rot-grünen Komplex auch ein Bündnis aus CDU, Grünen und SPD infrage. Politische Verhandlungen hat die CDU mit Verweis auf die Linken als Wahlgewinnerin abgelehnt. Sollte sich allerdings ein rot-grün-rotes Bündnis unter Führung der Linken bilden, müsste die CDU erklären, welche Konsequenzen sie daraus für ihre Zusammenarbeit mit SPD und Grünen an anderer Stelle zieht. Mein Vorschlag bezüglich der SPD ist klar. Ende der Koalition mit der SPD in der Bundesregierung. Merz ist durch einige Türen, die sich als Befreiungsschläge in der letzten Zeit aufgetan haben, nicht hindurchgegangen. Jetzt bietet sich eine neue Chance, die SPD endlich loszuwerden. Herr Merz, tun Sie es endlich. Und auf Landesebene müsste die CDU in den Bundesländern, in denen die Grünen mitregieren, den Ton erheblich verschärfen. Das betrifft Baden-Württemberg, NRW und Schleswig-Holstein.

Was machen die Grünen?

Sie forderten heroisch von den Linken ein klares Bekenntnis gegen Antisemitismus. Die Linken haben direkt zurückgefragt: Reicht eine kleine E-Mail? Die SPD darauf: Klar doch, Hauptsache wir haben es schriftlich. Gesagt, getan. Und schon können die Koalitionsverhandlungen beginnen. So löst der links-rot-grüne Komplex seine Probleme.

Vielleicht sollte die AfD auch einfach mal ein paar Einzeiler verschicken. Dann müsste ja die Brandmauer schnell in sich zusammenfallen, falls die Logik der Grünen nicht einfach nur Doppelmoral bedeutet.

Vielleicht endet gerade nur eine sehr bequeme Erzählung

Die Berliner Wahl beweist weder, dass „links“ schlecht ist, noch dass „rechts“ gut ist. Sie zeigt etwas viel Interessanteres: Wie untauglich diese moralische Kurzform überhaupt ist. Eine demokratische Gesellschaft sollte Parteien nicht nach Himmelsrichtungen beurteilen, sondern danach, was sie tatsächlich wollen, wen sie dulden, welche Methoden sie akzeptieren und was ihre Politik praktisch bewirkt. Bei der Berliner Linken werden diese Fragen nun erheblich konkreter gestellt als noch vor einigen Monaten. Der Dank dafür gilt ausgerechnet dem Bundestagsabgeordneten Ferat Ali Kocak und dem Remmo-Clan.

Berlin könnte ausgerechnet dafür das perfekte Versuchslabor werden. Denn wenn irgendwo politische Ideologie auf finanzielle Realität, Wohnungsnot, kaputte Verwaltung und Koalitionsarithmetik treffen kann, dann natürlich in Berlin. Wo sonst?

Dark times ahead.


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