
Das Goethe-Institut in Moskau hatte zuletzt nur noch einen sehr eingeschränkten Spielraum. Das Institut gab es eigentlich nur noch auf dem Papier. Trotzdem war es keineswegs völlig nutzlos und auch keine verlassene deutsche Immobilie, in der seit 2023 nur noch ein Kopierer auf bessere Zeiten wartete. Deutsche Beschäftigte waren weiterhin vor Ort. Allerdings hatte Russland die personellen Möglichkeiten der deutschen Einrichtungen drastisch zusammengestrichen.
Moskaus Personalobergrenze
Im Frühjahr 2023 verhängte Russland eine Obergrenze von insgesamt 350 Beschäftigten für die deutschen Auslandsvertretungen und die sogenannten Mittlerorganisationen. Dazu gehören neben dem Goethe-Institut beispielsweise auch deutsche Schulen. Besonders hübsch war dabei der kleine bürokratische Kniff, dass nicht nur die aus Deutschland entsandten Mitarbeiter mitgezählt wurden, sondern auch die russischen Ortskräfte.
Das Goethe-Institut musste deshalb seine Belegschaft drastisch verkleinern. Viele russische Mitarbeiter verloren ihre Arbeitsplätze, ein Teil des deutschen Personals musste Russland verlassen. Vollständig abgezogen wurden die deutschen Beschäftigten jedoch nicht. Das Institut arbeitete in Moskau mit einer kleinen deutschen Besetzung weiter. Wie viele Deutsche zuletzt tatsächlich dort tätig waren, wurde öffentlich nicht sauber aufgeschlüsselt. Mitteilung des Goethe-Instituts von 2023
Was dort überhaupt noch stattfand
Nach den Einschränkungen verlagerte sich die Arbeit vor allem auf Deutschkurse, Sprachprüfungen und die Fortbildung russischer Deutschlehrer. Daneben blieben die Bibliothek, digitale Medienangebote und einige kulturelle Veranstaltungen erhalten. Die Sprachkurse reichten weiterhin von A1 bis C2, und in Moskau konnten international anerkannte Goethe-Zertifikate erworben werden. Das hat aber mit einem „Institut“ nichts mehr zu tun.
Ein Sprachkurs stürzt das System Putin nicht. Er kann einem jungen Russen aber eine Tür nach Europa öffnen. In einem Land, das seine Bürger zunehmend geistig und tatsächlich einzäunt, ist selbst eine solche Tür offenbar schon verdächtig.
Kulturarbeit im russischen Schraubstock
Mit dem früheren Anspruch des Goethe-Instituts hatte der verbliebene Betrieb allerdings nichts mehr zu tun. Größere Kulturveranstaltungen, öffentliche Diskussionen und direkte Begegnungen waren seit dem russischen Angriff auf die Ukraine erheblich zurückgegangen. Vieles wurde ins Internet verschoben. Dafür brauche ich aber keine Immobilie, sondern nur noch einen Server.
Das Auswärtige Amt beschrieb die Situation im August 2026 bemerkenswert offen. Man versuche, die wenigen Menschen, die noch erreicht werden könnten, zu erreichen. Pläne für eine Ausweitung habe es nicht gegeben, weil die Freiheit von Kunst, Medien und auswärtiger Kulturarbeit in Russland massiv eingeschränkt sei.
Damit war das Goethe-Institut zuletzt weniger ein großes deutsches Kulturzentrum als eine kleine verbliebene Kontaktstelle. Bücher, Sprache und kultureller Austausch konnten den Krieg nicht beenden. Sie hielten aber wenigstens noch eine Verbindung zu jenen Russen offen, die Deutschland nicht ausschließlich aus den täglichen Erzählstunden des Kreml mit seinen Scharfmachern Medwedew und Peskow kennenlernen wollten.
Goethe gegen das Russische Haus
Nun verschwindet auch dieser Rest. Russland hat am 03.09.2026 angekündigt, die Goethe-Institute im Land schließen zu lassen. Außenminister Sergej Lawrow bezeichnete das als Reaktion auf die deutsche Entscheidung, das Russische Haus in Berlin zu schließen.
Dabei wird gern so getan, als handele es sich um zwei vollkommen gleichartige Einrichtungen. Das Goethe-Institut unterrichtet Deutsch, nimmt Sprachprüfungen ab, betreibt Bibliotheken und veranstaltet Kulturprogramme. Beim Russischen Haus stehen dagegen seit Jahren mögliche Desinformation, politische Einflussnahme und Verbindungen zu russischen Staatsstrukturen im Raum. Die zuständige Betreiberorganisation Rossotrudnitschestwo unterliegt zudem EU-Sanktionen. Aber in Moskaus diplomatischem Gemischtwarenladen gilt offenbar: Kulturzentrum ist Kulturzentrum. Für das französische Innenministerium liegt die Sache anders. Für die Franzosen ist das Russische Haus reine Tarnung für den russischen Geheimdienst KGB. Ich stimme zu. Und das russische Generalkonsulat in Bonn, Stadteil Bad Godesberg, ist für mich auch nichts anderes als eine KGB-Zentrale. Wenn ich staatlichen Akteuren nicht traue, dann fallen mir sofort China, Russland und… der CIA ein.
Der angekündigte Rausschmiss
Ein konkreter Termin für die Schließung des Moskauer Instituts wurde zunächst nicht genannt. Es ist daher nicht so, dass am Morgen der Verkündung bereits sämtliche Türen verriegelt und die Goethe-Büsten in Transportkisten verstaut worden wären. Politisch ist das Ende der deutschen Kulturpräsenz jedoch angekündigt. Reuters, Tagesschau
Man kann darüber streiten, wie groß der Nutzen des stark verkleinerten Instituts zuletzt noch war. Sein Wirkungskreis war zweifellos überschaubar. Gerade deshalb ist die russische Reaktion so entlarvend. Moskau schließt keine mächtige politische Organisation, sondern eine Einrichtung, die zuletzt hauptsächlich Sprachkurse, Prüfungen, Bücher und Lehrerfortbildungen anbot. Offenbar kann man in einem zunehmend abgeschotteten Staat gar nicht vorsichtig genug sein. Heute lernt jemand den deutschen Konjunktiv – und morgen äußert er womöglich einen eigenen Gedanken
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