FC Bayern: Das neue Ticketsystem – Smartphone statt Eintrittskarte

Sonntag, 30. August 2026

Wer ab dieser Saison zu einem Heimspiel des FC Bayern in die Allianz Arena möchte, braucht grundsätzlich ein Smartphone und darauf die FC Bayern App. Das Smartphone wird damit zur Eintrittskarte. Der Verein begründet die Umstellung vor allem mit mehr Sicherheit, weniger Ticketfälschungen und der Bekämpfung des Schwarzmarkts. Das ist nachvollziehbar. Denn ein PDF konnte man weiterleiten, ausdrucken, noch einmal ausdrucken und theoretisch auch fünf Interessenten parallel auf ebay verkaufen. Am Ende standen fünf Menschen mit demselben Bar- bzw. QR-Code am Drehkreuz und derjenige, der zuerst gescannt hatte, durfte hinein. Vier hatten das Nachsehen und waren maximal gefrustet. Damit ist nun Schluss.

Ich meine, dass es dieses Problem beim CL-Finale in Paris gab. Unbedarfte Fans hielten auf dem Weg zum Stadion ihr Papierticket vermeintlich sicher in der Hand und bemerkten nicht, wie Jugendliche aus einiger Entfernung gezielt die QR-Codes abfotografierten und dann zum Einlass sprinteten. Ich glaube, deswegen hatte sich damals sogar der Spielbeginn verzögert.

Das Ticket steckt ausschließlich in der Bayern-App

Die Tickets für Heimspiele werden künftig grundsätzlich digital bereitgestellt. Nach dem Kauf findet man sie zunächst im DTC (Digital Ticket Center). Etwa zwei Wochen vor dem jeweiligen Spiel werden die Tickets zusätzlich für die FC Bayern App beziehungsweise die Allianz Arena App freigeschaltet. Dort erscheinen sie nach dem Login automatisch im Ticket-Wallet. Mit „Wallet“ ist die Wallet innerhalb der Bayern- beziehungsweise Arena-App gemeint. Apple Wallet funktioniert nicht mehr. Google Wallet beziehungsweise andere Android-Wallets funktionieren ebenfalls nicht. Aber wer hat schon Android-Phones… Ein PDF funktioniert nicht. Ein ausgedrucktes Ticket funktioniert nicht. Und auch ein Screenshot des Tickets funktioniert nicht. Screenshots werden innerhalb der App sogar unterbunden. Der QR-Code für den Zutritt wird erst am Spieltag angezeigt.

Damit verkürzt der FC Bayern bewusst den Zeitraum, in dem mit einem Zugangscode irgendwelcher Unsinn veranstaltet werden könnte. Ich selbst bin am Freitag davon ausgegangen, dass der QR-Code erst am Stadion zugeschickt wird. Ich hatte ihn aber schon am Vormittag bekommen. Denn ganz unbekannt ist mir das System nicht. Ich meine, dass schon bei der letzten EM in Deutschland das Ticketsystem genauso funktionierte. Der FCB hat somit nicht das Rad neu erfunden, sondern ein sehr gutes System übernommen.

Internet braucht man – aber nicht unbedingt am Drehkreuz

Ganz ohne Internet funktioniert das System natürlich nicht. Das Ticket muss zunächst in die App geladen und der QR-Code (passiert automatisch) aktiviert werden. Ist das erledigt, steht das Ticket anschließend auch offline zur Verfügung. Das ist wichtig. Man muss also nicht mit 75.000 anderen Menschen vor der Allianz Arena darauf hoffen, dass das Mobilfunknetz gerade einen besonders guten Tag erwischt hat. Allerdings sollte man das Ticket rechtzeitig laden. Der FC Bayern weist in seinen Geschäftsbedingungen ausdrücklich darauf hin, dass der Kunde für ein funktionsfähiges Smartphone verantwortlich ist. Leerer Akku, kaputtes Smartphone – alles nicht das Problem des FCB.

Was passiert, wenn ich mehrere Tickets gekauft habe?

Genau diesen Fall hatte ich zum Bundesligaauftakt gegen den VfB Stuttgart. Ich hatte zwei Tickets in meiner App und versuchte – in Unkenntnis der Lage – vergeblich, eines davon an meinen Sohn weiterzuleiten. Ein Menüpunkt „Weiterleiten“ war nicht zu finden. Wir mussten somit gemeinsam durch die Zugangskontrolle gehen.

So funktioniert die Ticketweitergabe

Der ursprüngliche Ticketkäufer kann ein Ticket weiterhin kostenlos beziehungsweise ohne kommerzielle Absicht an Freunde, Familienmitglieder oder Bekannte weitergeben. Das funktioniert entweder über das Digitale Ticket Center oder direkt über die App. In der App wählt man das betreffende Ticket aus und geht auf „Weiterleiten“. Anschließend kann die E-Mail-Adresse des Empfängers eingetragen werden. Alternativ lässt sich ein Annahmelink beispielsweise per SMS oder WhatsApp verschicken. Der Empfänger öffnet den Link und nimmt das Ticket an. Hat er bereits einen FC-Bayern-Account, meldet er sich damit an. Hat er keinen Account, kann er einen Account beziehungsweise eine vereinfachte Gastregistrierung anlegen, was ich aber nicht empfehle. Eine personalisierte Kontrolle dieser Daten am Eingang der Allianz Arena findet laut FC Bayern grundsätzlich nicht statt. Das angenommene Ticket erscheint sofort im DTC und ab der Freischaltung, normalerweise etwa zwei Wochen vor dem Spiel, auch in der App.

Ein weitergeleitetes Ticket kann nicht noch einmal weitergeleitet werden

Und jetzt kommt eine der wichtigsten Einschränkungen des neuen Systems. Der ursprüngliche Käufer kann sein Ticket weiterleiten. Der Empfänger kann dieses Ticket aber nicht anschließend selbst an eine dritte Person weiterleiten. Ein bereits weitergeleitetes Ticket kann vom Empfänger also nicht nach dem Motto „Ich kann jetzt auch nicht, dann schicke ich es eben dem Luigi“ weitergereicht werden. Stattdessen muss der ursprüngliche Ticketkäufer tätig werden. Er zieht die erste Weiterleitung zurück und schickt das Ticket anschließend an die neue Person.

Das funktioniert sogar dann, wenn der erste Empfänger das Ticket bereits angenommen hat. Solange das Ticket noch nicht zum Zutritt verwendet worden ist, kann der ursprüngliche Besitzer die Weiterleitung zurücknehmen und neu vergeben. Das ist einerseits umständlicher, andererseits ziemlich clever. Damit bleiben die Kontrolle und die Verantwortung über die Weitergabekette beim ursprünglichen Käufer und der FC Bayern verhindert, dass ein Ticket anschließend durch fünf Hände wandert und irgendwann für 600 Euro irgendwo im Internet auftaucht.

Kann der Empfänger das Ticket in den Zweitmarkt stellen?

Nein. Ein Ticket, das man lediglich durch eine Weiterleitung erhalten hat und kann vom Empfänger nicht in den offiziellen Ticket-Zweitmarkt eingestellt werden. Diese Möglichkeit bleibt beim ursprünglichen Ticketinhaber beziehungsweise Ticketbesteller. Kann der Empfänger plötzlich doch nicht zum Spiel, muss also wieder der ursprüngliche Besitzer tätig werden: Weiterleitung zurückziehen und entweder an jemand anderen weiterleiten oder das Ticket, soweit für dieses Ticket möglich, in den offiziellen Zweitmarkt einstellen. Bei adhoc-Problemen muss man darauf hoffen, dass der eigentliche Ticketverkäufer flexibel genug ist, sofort zu reagieren, notfalls auch noch Minuten vor dem Stadionbesuch. Tatsächlich funktionierte aber dieses System der Ticketweitergabe bisher auf der menschlichen Ebene wunderbar. Ich habe schon Dutzende FCB-Tickets von irgendjemandem unbekannterweise bekommen – aber es gab nie das kleinste Problem. Der inner circle für die Tickets war/ist 100%ig zuverlässig. Eine wahre Freude.

WhatsApp funktioniert – aber anders als früher

Hier besteht leicht ein Missverständnis. Tickets können weiterhin über WhatsApp „weitergegeben“ werden. Aber nicht das eigentliche Ticket. Über WhatsApp wird lediglich der offizielle Annahmelink verschickt. Der Empfänger öffnet diesen Link, registriert sich beziehungsweise meldet sich an und erhält anschließend das Ticket in seinem eigenen Bayern-Account. Ein Screenshot des QR-Codes per WhatsApp ist dagegen keine Lösung. Screenshots werden von der App unterbunden. Ein Abfotografieren des QR-Codes mit einem zweiten Mobiltelefon soll angeblich auch nicht funktionieren. Da habe ich aber noch meine Zweifel. Denn QR-Code ist QR-Code. Das probiere ich beim nächsten Besucht in der AA aus.

Was ist mit Kindern und Menschen ohne Smartphone?

Hier wäre eine kompromisslose Smartphone-Pflicht natürlich besonders reizvoll gewesen. „Kevin Sören, du bist jetzt sechs Jahre alte, kauf dir endlich ein iPhone.“ Ganz so weit geht der FC Bayern nicht. Kinder und Personen ohne eigenes Smartphone können gemeinsam mit einer Begleitperson das Stadion betreten. Ihre Tickets können auf demselben Smartphone gespeichert werden. Entscheidend ist dann allerdings, dass die Personen gemeinsam am Eingang erscheinen. Wer überhaupt keine Möglichkeit hat, mit einem Smartphone ins Stadion zu gelangen, soll sich an den Ticketservice des FC Bayern wenden. Auch am Spieltag gibt es Unterstützung an der Allianz Arena. Das ist auch notwendig. Denn eine Eintrittskarte darf nicht faktisch daran scheitern, dass ein 82-jähriger Dauerkartenbesitzer keine Lust verspürt, wegen eines Fußballspiels plötzlich App-Administrator zu werden.

Fanclubs bekommen eine eigene Massenverteilung

Besonders kritisch wäre die Umstellung für Fanclubs geworden. Ein Fanclub mit 40 oder 50 Karten kann schließlich schlecht verlangen, dass der Vorsitzende vor jedem Spiel einen gemütlichen Abend damit verbringt, 50 Tickets einzeln durch eine Smartphone-App zu schieben. Dafür bleibt das Digitale Ticket Center bestehen. Größere Kontingente können dort per CSV-Datei verteilt werden. Fanclubs können Sitzplätze den einzelnen Mitgliedern zuordnen, E-Mail-Adressen hinterlegen, Zuordnungen verändern und anschließend sämtliche Tickets verteilen. Der FC Bayern nennt ausdrücklich Fanclubs mit mehr als 45 Tickets pro Heimspiel als Beispiel. Auch kurzfristige Änderungen bleiben möglich. Wird ein Mitglied auf der Busfahrt nach München krank, kann die Weiterleitung zurückgezogen und das Ticket einer anderen Person zugewiesen werden. Das ist tatsächlich eine ziemlich vernünftige Lösung.

Der offizielle Zweitmarkt bleibt bestehen

Wer selbst nicht zum Spiel kann und das Ticket nicht privat weitergeben möchte, kann weiterhin den offiziellen Ticket-Zweitmarkt des FC Bayern nutzen. Selbst der FCB geht davon aus, dass es Menschen gibt, die keinerlei Freunde haben, die sich für ein Heimspiel des FCB interessieren. Auf dem Zweitmarkt kann beispielsweise eine Tageskarte oder das Besuchsrecht aus einer Jahreskarte für ein bestimmtes Heimspiel angeboten werden. Hospitality-Tickets sind davon allerdings ausgenommen. Auch Auswärtstickets können nicht über den Bayern-Zweitmarkt angeboten werden.

Wird ein Ticket erfolgreich verkauft, verliert der ursprüngliche Besitzer das entsprechende Besuchsrecht und erhält eine Gutschrift nach den Bedingungen des FC Bayern. Mit einem Ticket durch Weiterverkauf eine goldene Nase verdienen? Ist nicht.

Was ist eine Drittelregelung?

Die Drittelregelung ist eine Art Mindestnutzungsregel für Jahreskarten des FC Bayern. Sie soll verhindern, dass jemand eine der extrem begehrten Dauerkarten besitzt und sie dann die meiste Saison ungenutzt in der digitalen Schublade vergammeln lässt. Nach den aktuellen Ticket-AGB 2026/27 kann der FC Bayern eine Jahreskarte außerordentlich kündigen, wenn der Inhaber sie nachweislich wiederholt nicht nutzt, konkret also weniger als ein Drittel der Veranstaltungen einer Saison besucht. Bei den normalen 17 Bundesliga-Heimspielen bedeutet ein Drittel rechnerisch 5,67 Spiele. Vereinfacht: Wer praktisch überhaupt nicht auftaucht und seine Karte auch nicht ordnungsgemäß weitergibt, riskiert seine Jahreskarte. Eine zulässige Weiterleitung über das Digitale Ticket Center beziehungsweise das offizielle System oder eine Abgabe über den offiziellen Zweitmarkt gilt dabei nicht als Nichtnutzung. Man muss also nicht zwangsläufig selbst auf seinem Platz sitzen.

Für Stehplatz-Jahreskarten gelten strengere Regeln

Hier wird die Sache typisch deutsch: Eine Regel allein hätte offenbar nicht genügt. Für Stehplatz-Jahreskarten in der Süd- und Nordkurve gilt 2026/27 eine besondere Mindestnutzung von 10 der 17 Bundesliga-Heimspiele. Dabei zählt eine Weiterleitung nur dann als Nutzung, wenn der Empfänger anschließend tatsächlich ins Stadion geht und das Ticket entsprechend gescannt wird. Der bloße Verkauf über den Zweitmarkt zählt bei diesen Stehplatz-Jahreskarten ausdrücklich nicht als Nutzung. Für Jahreskarten für Menschen mit Behinderung in den Blöcken 108 und 215 gilt sogar eine Mindestnutzung von 12 der 17 Heimspiele. Dort gelten wiederum persönliche Nutzung, erfolgreicher Zweitmarktverkauf oder eine Weiterleitung an eine berechtigte Person mit anschließendem Stadionzutritt als Nutzung.

Erkennt das neue Ticketsystem, wenn ich meine Zugangsdaten weitergebe?

Was passiert eigentlich, wenn ein Jahreskartenbesitzer gar nicht die offizielle Weiterleitungsfunktion verwendet, sondern einfach seine App-Zugangsdaten weitergibt? Nehmen wir ein bewusst extremes Beispiel. Beim ersten Bundesliga-Heimspiel bekommt Freund A meine Login-Daten und meldet sich auf seinem Smartphone mit meinem FC-Bayern-Account an. Beim zweiten Heimspiel macht das Freund B, beim dritten Freund C. Das treiben wir munter weiter, bis am Ende der Saison 17 verschiedene Menschen mit 17 verschiedenen Smartphones meinen Account verwendet haben. Kann der FC Bayern das erkennen? Technisch zumindest teilweise ja. Ob und in welchem Umfang der Verein solche Daten tatsächlich zur Kontrolle von Jahreskarten auswertet, ist öffentlich allerdings nicht bekannt.

Der FC Bayern speichert Login-Daten

Ein Login in einen digitalen Account ist eben nicht unsichtbar. Der FC Bayern erklärt in seiner Datenschutzerklärung zu myFCBAYERN, dass im Zusammenhang mit der Anmeldung auch technische Informationen verarbeitet werden. Dazu gehören unter anderem die IP-Adresse und der Zeitpunkt der Anmeldung. Diese Login-Daten werden laut Datenschutzerklärung sogar 18 Monate nach der jeweiligen Anmeldung gespeichert. Damit könnte der Verein grundsätzlich erkennen, dass sich ein Account immer wieder unter unterschiedlichen technischen Bedingungen anmeldet. Nun bedeutet eine andere IP-Adresse selbstverständlich noch lange keinen Missbrauch. Wer morgens zu Hause im WLAN sitzt, anschließend über Mobilfunk zugreift und am nächsten Tag im Hotel-WLAN landet, produziert bereits unterschiedliche IP-Adressen. Auch ein neues iPhone ist kein Verbrechen. Im Gegenteil… Geräte gehen kaputt, werden ersetzt oder ein Nutzer besitzt schlicht mehrere davon. Wenn aber ein Jahreskarten-Account innerhalb einer Saison 17x in völlig unterschiedlichen Konstellationen benutzt wird, könnte das technisch durchaus auffallen.

Erkennt Bayern auch unterschiedliche Smartphones?

Das digitale Ticketsystem muss zwangsläufig bestimmte technische Informationen verwalten, denn ein Ticket wird innerhalb der App bereitgestellt und kann auch zwischen Endgeräten des Kunden verschoben werden. Der FC Bayern erwähnt diese Möglichkeit sogar ausdrücklich in seinen Ticketbedingungen. Daraus sollte man allerdings nicht vorschnell ableiten, dass der Verein für seine Jahreskartenkontrolle eine Liste führt, auf der dann „iPhone Michael“, „Samsung Franz“, „Google Pixel Sepp“ und „iPhone Hubert“ stehen. Ich habe jedenfalls keine öffentliche Information des FC Bayern gefunden, wonach unterschiedliche Gerätekennungen systematisch mit der Nutzung einer Jahreskarte abgeglichen werden. Ebenso wenig veröffentlicht der Verein irgendwelche Grenzwerte nach dem Motto: Nach fünf verschiedenen Smartphones wird der Account überprüft. Technisch möglich und tatsächlich praktiziert sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Man muss nicht gleich den Datenschützer spielen und hinter allem eine missbräuchliche Nutzung vermuten.

17 Spiele, 17 Smartphones und keine einzige Weiterleitung

Interessant wird unser Gedankenexperiment, wenn wir es auf die Spitze treiben. Ich besuche selbst kein einziges der 17 Bundesliga-Heimspiele. Trotzdem wird meine Jahreskarte bei allen 17 Spielen am Drehkreuz benutzt. Gleichzeitig habe ich im Digitalen Ticket Center kein einziges Ticket weitergeleitet und auch kein einziges über den offiziellen Zweitmarkt abgegeben. Stattdessen habe ich vor jedem Spiel einem anderen Menschen meine Zugangsdaten gegeben. Das könnte zumindest ein interessantes Datenbild ergeben. Der FC Bayern würde im offiziellen Weiterleitungssystem keine Weitergaben sehen. Gleichzeitig würde die Jahreskarte 17-mal für einen Stadionzutritt verwendet. Hinzu kämen möglicherweise unterschiedliche Login-Zeitpunkte und unterschiedliche IP-Adressen.

Ob der Verein diese Daten tatsächlich miteinander verknüpft und daraus automatisiert Auffälligkeiten ermittelt, sagt er nicht. Dass dies technisch möglich wäre, liegt allerdings nahe. Ich glaube, der FCB hat diese Möglichkeit durchaus im Hinterkopf und wird entsprechende Auffälligkeiten zumindest beobachten. Ob daraus irgendwann strengere Bedingungen entstehen, dürfte auch davon abhängen, wie die Fans mit dem neuen System umgehen. Rückwirkend wird es wohl eher keine Sanktionen geben, aber die Daumenschrauben könnten dann in der nächsten Saison angezogen werden.

Account-Sharing ist nicht die vorgesehene Ticketweitergabe

Entscheidend ist ohnehin ein anderer Punkt. Der FC Bayern hat für die Weitergabe eines Tickets ausdrücklich eine eigene Funktion geschaffen. Kann ich ein Spiel nicht besuchen, kann ich mein Ticket über das Digitale Ticket Center beziehungsweise die App an einen Freund, Verwandten oder Bekannten weiterleiten. Der Empfänger bekommt das Ticket anschließend in seinen eigenen Account. Die Weitergabe der eigenen Account-Zugangsdaten ist dagegen keine offizielle Alternative zur Ticketweiterleitung. Ich rate ganz einfach davon ab. Accountdaten sollte man nicht weitergeben. Hier erwachen alle meine Sicherheitsbedenken. Die Bedingungen des FCB weisen denn auch exakt darauf hin, dass Zugangsdaten vor dem Zugriff unbefugter Dritter geschützt werden müssen.

Wer sein Passwort an 17 Freunde verteilt, dürfte sich bei der anschließenden Diskussion darüber, was unter „Schutz der Zugangsdaten“ zu verstehen ist, argumentativ jedenfalls in einer gewissen Defensive befinden. Und vor allem: Um die Mindestnutzungsregeln einzuhalten, ist dieses Verfahren überhaupt nicht notwendig. Bei normalen Jahreskarten wird eine ordnungsgemäße Weitergabe über die offiziellen Systeme berücksichtigt. Bei den besonderen Stehplatz-Jahreskarten zählt eine Weiterleitung ebenfalls als Nutzung, wenn der Empfänger anschließend tatsächlich ins Stadion geht. Man kann also das erste Spiel an seinen Sohn weiterleiten, das zweite an einen Freund und das dritte an den Nachbarn. Solange die Weitergabe ordnungsgemäß erfolgt und der jeweilige Empfänger tatsächlich ins Stadion geht, braucht niemand irgendwelche Login-Spielchen zu veranstalten.

Warum die offizielle Weiterleitung sogar geschickter ist

Genau hier zeigt sich die Logik hinter dem neuen Ticketsystem. Der FC Bayern möchte offenbar gar nicht verhindern, dass eine Jahreskarte von unterschiedlichen Personen genutzt wird. Er möchte vielmehr kontrollieren können, wie sie weitergegeben wird. Das ist ein erheblicher Unterschied. Wenn ich mein Ticket offiziell an einen Freund weiterleite, weiß Bayern: Der ursprüngliche Besitzer geht heute nicht, das Ticket wurde an einen anderen Account übertragen und dieser Besucher hat anschließend das Stadion betreten. Die Ticketkette bleibt nachvollziehbar. Wenn ich stattdessen meinen kompletten Account weiterreiche, sieht das System lediglich die Benutzung meiner Jahreskarte. Gleichzeitig entstehen möglicherweise ungewöhnliche Login-Muster. Ausgerechnet der Versuch, möglichst wenig Spuren einer Weitergabe zu hinterlassen, könnte also technisch mehr Auffälligkeiten produzieren als die vollkommen legale Weitergabe.

Kontrolliert der FC Bayern solche Gerätewechsel tatsächlich?

Es gibt derzeit keine öffentlich bekannte Aussage des FC Bayern, wonach der Verein systematisch kontrolliert, auf wie vielen verschiedenen Smartphones ein Jahreskarten-Account während einer Saison verwendet wurde. Es ist ebenfalls nicht öffentlich dokumentiert, dass beispielsweise häufig wechselnde IP-Adressen automatisch eine Überprüfung auslösen. Und es gibt keine bekannte Regel, wonach ein Ticketaccount nur auf einer bestimmten Anzahl von Geräten verwendet werden darf und anschließend automatisch gesperrt wird. Alles andere wäre Spekulation. Bekannt ist lediglich, dass bestimmte Login-Daten verarbeitet und gespeichert werden und dass das digitale Ticketsystem die Verwendung und Weiterleitung der Eintrittskarten technisch verwaltet. Damit verfügt der FC Bayern grundsätzlich über Informationen, die bei einer Missbrauchskontrolle interessant sein könnten. Welche davon tatsächlich miteinander verknüpft und automatisiert ausgewertet werden, verrät der Verein nicht.

Warum sollte Bayern seine Kontrollmechanismen veröffentlichen?

Das wäre allerdings auch eine etwas merkwürdige Erwartung. Angenommen, der FC Bayern hätte tatsächlich ein automatisches System, das ungewöhnliche Ticket- und Accountnutzungen erkennt. Dann wäre es ausgesprochen ungeschickt, öffentlich zu erklären: Bis zu vier Smartphones interessieren uns nicht, beim fünften werden wir misstrauisch und ab sieben unterschiedlichen IP-Adressen schaut sich jemand den Account genauer an. Damit hätte man den potenziellen Umgehungskünstlern gleich noch die Bedienungsanleitung geliefert. Deshalb lässt sich aus der Tatsache, dass Bayern keine Details veröffentlicht, weder schließen, dass solche Kontrollen stattfinden, noch dass sie nicht stattfinden.

Was ausdrücklich nicht erlaubt ist

Der FC Bayern verschärft mit dem digitalen System auch die Kontrolle über den nicht autorisierten Ticketmarkt. Tickets dürfen nicht einfach öffentlich bei eBay, Kleinanzeigen, Facebook oder nicht autorisierten Ticketplattformen angeboten werden. In den aktuellen Ticketbedingungen nennt der Verein ausdrücklich auch Plattformen wie Viagogo und StubHub. Bemerkenswert ist: Das öffentliche Anbieten auf solchen nicht autorisierten Plattformen ist laut ATGB sogar dann untersagt, wenn gar kein Preisaufschlag verlangt wird. Natürlich darf ein Ticket auch nicht mit Gewinn weiterverkauft werden. Die private, nicht kommerzielle Weitergabe an Freunde, Bekannte oder Familienangehörige bleibt dagegen ausdrücklich möglich. Genau dafür existiert die Weiterleitungsfunktion.

Die Vorteile des neuen Systems

Der größte Vorteil ist tatsächlich die Sicherheit. Ein digitales Ticket lässt sich nicht mehr beliebig kopieren. Ein PDF kann nicht hundertmal ausgedruckt werden. Screenshots funktionieren nicht. Der Zugangscode erscheint erst am Spieltag und die Weitergabe läuft kontrolliert über das Bayern-System. Damit dürfte es für professionelle Schwarzmarkthändler erheblich schwieriger werden. Hinzu kommt der Komfort. Wer sein Smartphone ohnehin dabei hat, hat automatisch auch seine Eintrittskarte dabei. Tickets verschiedener Spiele liegen zentral in der App, Informationen zu Block, Reihe, Platz und Kategorie sind direkt verfügbar. Zusätzlich bietet die App sogar eine 3D-Ansicht des Sitzplatzes sowie Informationen zu Anreise, Parken und Stadionbesuch. Auch die Möglichkeit, eine Weiterleitung wieder zurückzuziehen, ist praktisch. Gerade bei kurzfristigen Änderungen in einer Gruppe oder einem Fanclub ist das besser als ein PDF, das bereits irgendwo auf einem fremden Smartphone herumliegt.

Die Nachteile des neuen Systems

Der größte Nachteil ist genauso offensichtlich: Der FC Bayern macht das Smartphone faktisch zum Bestandteil der Eintrittskarte. Wer sein Smartphone vergisst, verliert oder beschädigt, dessen Akku leer ist oder dessen App aus irgendeinem Grund streikt, hat ein Problem. Der Verein bietet zwar Unterstützung an, aber die technische Verantwortung liegt grundsätzlich beim Besucher. Dazu kommt die stärkere Bindung an das Bayern-System. Warum beispielsweise Apple Wallet oder Google Wallet ausgeschlossen werden müssen, obwohl Millionen Menschen genau solche Wallets täglich für Bordkarten, Kreditkarten und andere Tickets verwenden, dürfte nicht jeder Fan spontan als Fortschritt empfinden.

Auch die Beschränkung der Weitergabe ist gewöhnungsbedürftig. Der Empfänger eines Tickets besitzt eben nicht dieselben Verfügungsmöglichkeiten wie der ursprüngliche Käufer. Kann er nicht zum Spiel, muss er wieder zurück zum Erstkäufer. Das erhöht zwar die Sicherheit, reduziert aber die Flexibilität. Und selbstverständlich braucht nun praktisch jeder erwachsene Einzelbesucher einen Account beziehungsweise zumindest eine Gastregistrierung. Der Stadionbesuch wird dadurch stärker an ein digitales Benutzerkonto gebunden. Die Möglichkeiten, Werbung zu platzieren, potenzieren sich für den FCB.

Verfolgung von Straftaten

Ein weiterer Aspekt des neuen Ticketsystems dürfte bei der Diskussion über Datenschutz und Nachvollziehbarkeit nicht unter den Tisch fallen: die Aufklärung von Straftaten. Kommt es in der Allianz Arena zu einer Körperverletzung, dem Abbrennen von Pyrotechnik, Sachbeschädigungen oder anderen Straftaten, interessiert sich die Polizei naturgemäß dafür, wer sich zum fraglichen Zeitpunkt an welchem Ort aufgehalten hat. Und genau hier kann ein digitales Ticketsystem zumindest zusätzliche Anhaltspunkte liefern. Schon bisher wusste der FC Bayern bei personalisiert gekauften Tickets, wer der ursprüngliche Käufer war.

Das bedeutete allerdings noch lange nicht, dass diese Person tatsächlich auf dem entsprechenden Sitzplatz saß oder mit dem Ticket ins Stadion gegangen war. Ein PDF konnte schließlich problemlos an einen Freund, Bekannten oder sonst wen weitergegeben werden. Mit der offiziellen digitalen Weiterleitung wird die Kette nachvollziehbarer. Wird mein Ticket über das DTC an meinen Sohn weitergeleitet und von dessen Account anschließend für den Stadionzutritt verwendet, existiert eine wesentlich deutlichere digitale Zuordnung als bei einem ausgedruckten PDF, das irgendwann den Besitzer gewechselt hat. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Polizei nun nach Belieben in den Ticketdaten des FC Bayern herumstöbern darf. Auch solche Daten unterliegen dem Datenschutz.

Bei Ermittlungen können Behörden jedoch unter den gesetzlichen Voraussetzungen Daten bei Unternehmen anfordern oder sicherstellen lassen. Welche Daten im konkreten Fall herausgegeben werden müssen oder dürfen, hängt von der jeweiligen Rechtsgrundlage und vom Ermittlungsverfahren ab. Und selbst dann beweist ein Ticketdatensatz allein noch keine Straftat. Wer mit einem bestimmten Ticket das Stadion betreten hat, muss nicht zwangsläufig während des gesamten Spiels auf dem zugewiesenen Platz gestanden oder gesessen haben. Gerade in Stehplatzbereichen wäre die Vorstellung einer metergenauen digitalen Personenortung ohnehin reichlich optimistisch. Ein Zutrittsdatensatz ist ein Ermittlungsansatz, kein eingebauter Staatsanwalt.

Kein Freibrief für Polizei und Staatsanwaltschaft

Trotzdem verändert das neue System die Ausgangslage. Wenn ein Ticket offiziell von Account A an Account B weitergeleitet und anschließend für den Zutritt verwendet wurde, lässt sich zumindest nachvollziehen, welcher Account mit diesem Ticket verbunden war. Zusammen mit Videoaufzeichnungen, Zeugenaussagen, Einlassdaten und anderen Ermittlungsergebnissen kann das durchaus relevant werden. Interessant wird damit erneut das Account-Sharing. Gibt ein Jahreskartenbesitzer einfach seine kompletten Zugangsdaten an einen Freund weiter, sagt der Account zunächst weiterhin: Der kleine Michi war’s. Der tatsächliche Nutzer war aber vielleicht der kleine Luigi. Damit wird nicht nur die vom FC Bayern vorgesehene Weiterleitungskette umgangen, sondern unter Umständen auch die spätere Zuordnung erschwert.

Spätestens wenn rund um dieses Ticket eine Straftat untersucht wird, könnte die vermeintlich clevere Passwortweitergabe ziemlich unangenehme Erklärungen erforderlich machen. Das digitale Ticket ist deshalb nicht nur Eintrittskarte. Es hinterlässt auch eine nachvollziehbarere technische Nutzungskette als das alte PDF. Für jemanden, der friedlich Fußball schaut, ist das normalerweise ziemlich unspektakulär. Für jemanden, der im Stadion meint, noch eine kleine Nebenkarriere als Schläger oder Pyrotechniker beginnen zu müssen, könnte diese zusätzliche Nachvollziehbarkeit dagegen ausgesprochen lästig sein.


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