Samstag, 22. August 2026

Ich hatte Teile dieser Studie schon aus dem Augenwinkel gesehen, wollte aber erst einmal abwarten, ob sie das Zeug dazu hat, auch in den Mainstreammedien aufzutauchen. Hat sie.
Der Merkur schreibt nun, eine neue Studie liefere „überraschend“ klare Antworten auf die Frage, warum Menschen die AfD wählen.
Überraschend? Nein.
Daran ist eigentlich überhaupt nichts überraschend. Überraschend erscheint das Ergebnis höchstens jenen, die sich jahrelang lieber mit Erklärungsmodellen beschäftigt haben, die wunderbar ins eigene politische Weltbild passten.
Die neue Studie bestätigt jedenfalls ziemlich eindrucksvoll das, was ich seit langer Zeit schreibe: Das Märchen vom wirtschaftlich abgehängten AfD-Wähler, der aus sozialer Not sein Kreuz bei der falschen Partei macht, greift viel zu kurz.
Die Soziologen Martin Schröder, Moritz Rehm und Anja Röcke von der Universität des Saarlandes haben Daten des Sozio-oekonomischen Panels aus den Jahren 2014 bis 2024 ausgewertet. Und das Ergebnis hat es durchaus in sich.
Die Sorge über Migration erklärt nach den Berechnungen der Forscher rund 75 Prozent der statistisch erklärbaren Unterschiede bei der Unterstützung der AfD. Beim tatsächlichen Wahlverhalten sind es sogar rund 90 Prozent.
Mit anderen Worten: Migration überstrahlt praktisch alles.
Damit bekommt die seit Jahren gepflegte Theorie vom „Modernisierungsverlierer“ ein ziemlich großes Loch.
Gerade im Osten Deutschlands kommt meiner Meinung nach noch etwas hinzu. Die Menschen in der damaligen „DDR“ waren 1989 überglücklich, „ihr“ Deutschland wiederzubekommen. Heute hat ein erheblicher Teil dieser Bevölkerung offenbar den Eindruck, dass sich dieses Deutschland kulturell und gesellschaftlich so schnell verändert, dass es ihnen erneut entgleitet.
Ob man diese Wahrnehmung teilt oder nicht, ist dabei zunächst zweitrangig. Wer verstehen will, warum Menschen AfD wählen, sollte zur Kenntnis nehmen, dass solche Wahrnehmungen existieren.
Ende der Durchsage.
Zumindest stimmt damit aber das Fazit des Merkur: Parteien, die vor allem auf sozialpolitische Maßnahmen gesetzt haben, um vermeintliche „Modernisierungsverlierer“ zurückzugewinnen, könnten auf das falsche Pferd gesetzt haben.
Allen voran die SPD. Wer sonst.
Ich habe zwar das Sommerinterview mit Lars Klingbeil bei Sat.1 nicht gesehen. Aber offenbar genügte es, um einem Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung den Blutdruck in Regionen zu treiben, für die normalerweise ein Kardiologe zuständig ist. Überschrift:
Nach diesem Interview wählt auch der letzte Arbeiter die AfD
Auch wenn der Kommentar von Simon Strauß hinter einer Bezahlschranke steckt, genügt bereits der Teaser:
„Nichts an diesem Sommerinterview ist berichtenswert. Nichts hat inhaltliche Bedeutung. Das Gespräch mit Vizekanzler Lars Klingbeil bei Sat.1 ist scharlatanhafte Rosstäuscherei und missbraucht den Begriff des Politischen.“
Ein paar weitere Passagen wurden anschließend in den sozialen Netzwerken verbreitet. Der Tenor: Klingbeil wolle die AfD „politisch stellen“, irgendwann das Rentensystem reformieren, kleine und mittlere Einkommen entlasten und in der demokratischen Mitte Kompromisse finden.
Politisches Beruhigungsmittel in Satzform.
Alles schon einmal gehört. Alles ungefähr so konkret wie die Ankündigung, dass morgen auch wieder ein Tag sein wird. Und während die SPD versucht, mit Lars Klingbeil das politische Valium neu zu erfinden, stellt sich eine andere Frage: Was treibt eigentlich die CDU an, der AfD massive Wahlkampfhilfe zu leisten? Dazu zwei Beispiele: Dennis Radtke und Bernd Prange.
Dennis Radtke und die totale Selbstaufgabe
Beginnen wir mit Dennis Radtke, CDU-Europaabgeordneter und Bundesvorsitzender der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft.
Radtke erklärte bei Markus Lanz sinngemäß, selbst wenn Deutschland sämtliche illegalen Migranten abschieben würde, werde sich das Erscheinungsbild vieler Städte nicht grundsätzlich zurückdrehen lassen.
Beispiel Wattenscheid.
Seine Eltern würden sagen, Wattenscheid sehe nicht mehr aus wie früher. Seine Antwort darauf: Wattenscheid werde nie wieder aussehen wie in den 1970er- oder 1980er-Jahren. Der letzte deutsche Metzger in der Fußgängerzone habe geschlossen, dort gebe es nun einen Halal-Metzger. Auch daran werde sich durch Abschiebungen illegaler Migranten nichts ändern.
Markus Lanz reagierte bemerkenswert deutlich:
„Was Sie gerade beschreiben, ist die totale Selbstaufgabe.“
Treffer.
Denn genau hier liegt das politische Problem.
Natürlich kann niemand Deutschland auf Knopfdruck in das Jahr 1985 zurückversetzen. Darum geht es auch gar nicht. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, ob Politik gesellschaftliche Entwicklungen noch gestalten will oder den Bürgern lediglich erklärt, dass bestimmte Veränderungen nun eben eingetreten seien und man sich damit abfinden müsse.
Wer Letzteres vermittelt, darf sich anschließend nicht wundern, wenn Wähler zu einer Partei wechseln, die ihnen zumindest verspricht, genau diese Entwicklung verändern zu wollen.
Die Wahlkampfstrategen der CDU, sofern solche Wesen noch existieren, dürften bei diesem Auftritt jedenfalls ziemlich tief in ihren Sesseln zusammengerutscht sein. Selbstaufgabe in Reinkultur.
Und dann kam auch noch Bernd Prange.
CDU-Mann spendet 10.000 Euro an die AfD
In Sachsen-Anhalt bekommt die berühmte Brandmauer zur AfD gerade eine ausgesprochen interessante neue Variante. Normalerweise soll sie verhindern, dass CDU und AfD politisch miteinander in Berührung kommen. Der CDU-Kommunalpolitiker Bernd Prange hat nun offenbar beschlossen, dass man über eine Brandmauer wenigstens Geld werfen kann. Und zwar nicht gerade Kleingeld.
Prange, Bürgermeister der Gemeinde Altmärkische Höhe und seit 2004 für die CDU Mitglied des Kreistages Stendal, hat der AfD Sachsen-Anhalt insgesamt 10.000 Euro gespendet.
Das Geld kam in zwei Tranchen zu jeweils 5.000 Euro. Die AfD bestätigte den Eingang der Zahlungen.
Damit nicht genug.
Prange kündigte auch noch an, bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 selbst die AfD wählen zu wollen. Er wünsche sich sogar ein Ergebnis, bei dem die AfD allein regieren könne.
Sein erklärtes Ziel: Die CDU soll dadurch endlich ihren politischen Kurs überdenken und ihre Brandmauer zur AfD aufgeben.
Das ist keine kleine kommunalpolitische Verstimmung mehr. Das ist der Versuch, der eigenen Partei mit einem 10.000-Euro-Vorschlaghammer gegen das Schienbein zu schlagen.
Prange hält seine CDU für zu links
Prange begründet seinen bemerkenswerten Schritt mit dem Kurs seiner eigenen Partei.
Konservative Werte wie Leistung, Ordnung, Sicherheit, nationale Souveränität, wirtschaftliche Vernunft und kulturelle Identität sieht er in der CDU zunehmend nicht mehr vertreten.
Mit dieser Meinung ist er ganz offensichtlich nicht allein.
Stattdessen wirft er seiner Partei vor, immer weiter nach links zu rücken und gleichzeitig die Abgrenzung zur AfD zu verschärfen.
Besonders Bundeskanzler und CDU-Chef Friedrich Merz bekommt dabei sein Fett weg. Prange sieht unter dessen Führung den konservativen Kern der Union gefährdet.
Ich bin da schon einen Schritt weiter. Ich sehe den konservativen Kern inzwischen gar nicht mehr.
Die CDU Sachsen-Anhalt findet die Angelegenheit erwartungsgemäß weniger unterhaltsam. Landesgeneralsekretär Mario Karschunke bezeichnete den Vorgang als sehr schwerwiegend. Ein Parteiausschlussverfahren steht im Raum.
Das dürfte Prange allerdings nur begrenzt erschüttern. Nach Medienberichten will er mit seinem Verhalten genau eine solche Auseinandersetzung provozieren.
Ministerpräsident Sven Schulze distanzierte sich ebenfalls von Prange. Interessant ist allerdings der Zeitplan. Mit einem möglichen Parteiausschluss will man sich offenbar erst nach der Landtagswahl beschäftigen. Jetzt sei schließlich Wahlkampf.
Das ist nachvollziehbar. Wenn das Haus bereits brennt, diskutiert man ungern darüber, wer eigentlich den Benzinkanister mitgebracht hat.
Schließlich liegt die AfD in Sachsen-Anhalt derzeit in Umfragen bei mehr als 40 Prozent und deutlich vor der CDU.
CDU: Sehenden Auges in die Katastrophe
Damit ist der Fall Prange weit mehr als die kuriose 10.000-Euro-Spende eines einzelnen Kommunalpolitikers.
Ein langjähriger CDU-Mann spendet Geld an den politischen Hauptgegner, kündigt öffentlich an, diesen zu wählen, wünscht ihm möglichst sogar die absolute Mehrheit und fordert damit seine eigene Partei zum Kurswechsel auf.
Man muss diese Methode nicht gutheißen, um zu erkennen, welches politische Signal darin steckt.
Die Brandmauer steht zwar weiterhin, nur einer aus der CDU hat gerade ihre Höhe getestet und 10.000 Euro darübergeworfen.
Ich kann der CDU deshalb nur einen Tipp geben.
Am Montag, dem 24. August 2026, müsste Friedrich Merz auf Bundesebene die Koalition mit der SPD beenden.
Damit würde die Union gleich mehrere politische Schockwellen auslösen.
Sie würde die SPD in eine existenzielle Krise stürzen. Sie würde noch rechtzeitig vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ein unübersehbares Signal senden, dass sie ihren bisherigen Kurs korrigieren will. Und sie könnte gleichzeitig herausfinden, wie ernst es der AfD tatsächlich mit ihrem Anspruch auf politische Verantwortung ist.
Denn dann würde es plötzlich interessant:
Würde die AfD eine CDU/CSU-Minderheitsregierung tolerieren?
Würde sie Sachentscheidungen ermöglichen?
Oder wäre ihr das politische Scheitern der Union wichtiger als die Umsetzung eigener Forderungen?
Plötzlich müsste die AfD liefern und könnte sich nicht mehr ausschließlich darauf beschränken, vom Spielfeldrand aus zu erklären, dass alle anderen unfähig sind.
Und Friedrich Merz?
Der müsste eine Regierungserklärung halten, bei der Freund und Feind die Spucke wegbleibt. Keine Textbausteine. Keine „Wir müssen die Menschen wieder mitnehmen“-Floskeln. Keine anderthalbstündige politische Wärmflasche. Sondern eine Ansage. Fehler eingestehen. Kurs korrigieren. Regierung beenden. Neue politische Mehrheiten im Bundestag suchen.
Das politische Erdbeben wäre komplett.
Am besten zieht die CDU in den Landesregierungen gleich nach. Überall dort, wo sie mit der SPD regiert, müsste sie prüfen, ob diese Koalitionen noch dem politischen Kurs entsprechen, mit dem sie ihre eigenen Wähler zurückgewinnen will.
Keine Zusammenarbeit mehr mit einer klingbeilisierten Bremserpartei SPD.
Das wäre zumindest einmal Politik, bei der am nächsten Morgen niemand fragen müsste, ob gestern eigentlich irgendetwas passiert ist.
Aber machen wir uns nichts vor. Genau das wird nicht passieren.
Stattdessen wird man weiter Brandmauern beschwören, Sozialprogramme ankündigen, Arbeitsgruppen bilden, Interviews geben und anschließend erstaunt feststellen, dass die AfD schon wieder zwei Prozentpunkte zugelegt hat.
Und deshalb beschließe ich diesen Blog mit meiner inzwischen beinahe routinemäßigen Zukunftsahnung:
Dark times ahead.
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