
Wer könnte hier anderer Meinung sein? Tatsächlich gibt es immer noch Menschen, die uns erzählen wollen, Wetter und Klima müsse man fein säuberlich voneinander trennen, als hätten beide ungefähr so viel miteinander zu tun wie die Bundesliga und der TSV Neumarkt-Sankt Veit, der übrigens wieder ein Jahr hat vergehen lassen, ohne an der Bubinger Straße endlich den Kunstrasen zu bauen.
Natürlich sind Wetter und Klima nicht dasselbe. Wetter beschreibt den kurzfristigen Zustand der Atmosphäre, Klima dagegen die statistischen Verhältnisse über lange Zeiträume. Aber daraus zu schließen, beides hätte nichts miteinander zu tun, ist grober Unfug. Änderungen des Klimas verändern selbstverständlich auch die Wahrscheinlichkeiten bestimmter Wetterlagen und Extremereignisse.
Etwas anderes zu behaupten, ist zumindest ein Indiz dafür, dass man möglicherweise den falschen Lobbyisten zu lange zugehört hat.
Da passt es ziemlich gut, dass ich gerade ein Buch lese, das wie die Faust aufs Auge zu diesem Thema passt.
Der Titel mag reißerisch klingen. Aber inhaltlich sitzt bislang praktisch jeder Satz. Ich bin zwar erst bei der Hälfte, könnte aber eigentlich schon aufhören und konstatieren:
Wir sind verloren.
Deny, delay, deflect

Eindrucksvoll beschreibt der Autor, mit welchen Mitteln Teile der fossilen Industrie vorgehen, um mit Öl und Gas weiterhin das ganz große Geld zu verdienen.
Noch dramatischer schildert er die Vorgänge in den USA. Mit irrwitzigen Summen, die im Land der unbegrenzten Möglichkeiten in Lobbyismus und politische Einflussnahme fließen, wird versucht, das bestehende System möglichst lange am Leben zu erhalten.
Das Wissen um die Klimaschädlichkeit fossiler Energieträger hält die Branche dabei offenbar nicht auf. Stattdessen wird die unbequeme Wahrheit relativiert, verschoben, umgedeutet oder mit vermeintlichen Gegenargumenten so lange bearbeitet, bis am Ende wieder genügend Zweifel übrig bleiben.
Das erinnert nicht zufällig an die Tabakindustrie. Auch dort wurde jahrzehntelang der Zusammenhang zwischen Rauchen und schweren Erkrankungen bestritten, relativiert oder kleingeredet. Irgendwann ließ sich die wissenschaftliche Evidenz nicht mehr wegdiskutieren.
Die fossile Industrie scheint aus dieser Geschichte vor allem eine Lektion gelernt zu haben: Man darf niemals in dieselbe Lage geraten.
Vom Leugnen zum Verzögern
Früher wurde die Klimaschädlichkeit fossiler Energien teilweise noch komplett geleugnet. Diese Position ließ sich irgendwann nicht mehr ernsthaft durchhalten. Also änderte sich die Strategie.
Aus „deny“ wurde zunehmend „delay“ und „deflect“.
Nicht mehr unbedingt das Problem selbst wird bestritten. Stattdessen wird über die Maßnahmen gestritten. Und zwar möglichst lange.
Plötzlich ist nicht mehr die Verbrennung gigantischer Mengen Kohle, Öl und Gas das eigentliche Problem, sondern das Windrad. Die Wärmepumpe. Das Elektroauto. Das Stromnetz. Die Strompreise. Der Landschaftsschutz. Der Vogelschutz. Die Rohstoffe. China. Indien. Die Nachbarn. Der kleine Mann. Irgendjemand findet sich immer, auf den man zeigen kann.
Hauptsache, man muss selbst möglichst wenig verändern.
Das ist vermutlich die genialste Variante dieser Strategie: Man muss den Klimawandel gar nicht mehr leugnen. Es reicht vollkommen, jede konkrete Gegenmaßnahme einzeln so lange zu zerlegen, bis am Ende wieder nichts passiert.
Rot gegen Blau
Die Spaltung von Politik und Gesellschaft hat in den USA inzwischen ein Ausmaß erreicht, das von außen teilweise nur noch schwer nachvollziehbar ist.
Schwarz oder Weiß? Religion hier, Religion dort? Bei vielen politischen Fragen scheint das inzwischen zweitrangig zu sein. Die entscheidende Frage lautet immer häufiger:
Bist du ein Roter oder ein Blauer? Republikaner oder Demokrat?
Der Autor des Buches spricht von „Stammesidentität“. Der Begriff trifft es ziemlich gut. Politische Positionen werden dann nicht mehr ausschließlich danach beurteilt, ob sie sinnvoll, wissenschaftlich begründet oder wirtschaftlich vernünftig sind. Entscheidend wird, aus welchem politischen Lager sie stammen.
Und damit wird Klimapolitik zum Bestandteil eines Kulturkampfes.
Ein Windrad ist dann plötzlich nicht mehr einfach eine technische Anlage zur Stromerzeugung. Es wird zum politischen Symbol. Ebenso das Elektroauto, die Solaranlage oder die Öl- und Gasförderung.
Als hätte ein CO₂-Molekül irgendeine Ahnung davon, ob sein Besitzer Republikaner oder Demokrat ist.
Und China?
Beim nachhaltigen Umbau der Welt drohen die USA damit zumindest zeitweise als verlässlicher Antreiber auszufallen. Gleichzeitig sollte man sich auch bei China keinen romantischen Illusionen hingeben.
China baut zwar in gigantischem Umfang erneuerbare Energien aus und dominiert inzwischen große Teile der weltweiten Produktion von Solarmodulen, Batterien und anderen Schlüsseltechnologien. Gleichzeitig setzt das Land weiterhin massiv auf Kohle und verfolgt seine Energie-, Industrie- und Klimapolitik vor allem entlang eigener wirtschaftlicher und strategischer Interessen.
Die Weltrettung aus reiner Menschenliebe wurde in Peking bislang jedenfalls noch nicht zum Teil des Fünfjahresplan erklärt.
Und so stehen wir da.
Die einen wollen weiter Öl und Gas verkaufen. Die anderen wollen ihre Industrie ausbauen. Wieder andere erklären jede Klimaschutzmaßnahme zum persönlichen Angriff auf ihre Freiheit. Und irgendwo dazwischen veranstalten wir Klimakonferenzen, verabschieden Abschlusserklärungen und beglückwünschen uns anschließend gegenseitig dafür, dass man sich darauf verständigt hat, sich irgendwann wieder zu verständigen.
Der Blick in den Spiegel
Unsereins kann nur eines tun. Abends in den Spiegel schauen und sich fragen, ob man an diesem Tag wenigstens irgendetwas Vernünftiges getan hat, um seinen ökologischen Fußabdruck zu reduzieren.
Es ist vollkommen unerheblich, ob dieser Beitrag groß oder klein war. Niemand rettet morgens zwischen Frühstück und Mittagessen allein das Weltklima.
Aber der Beitrag sollte auch nicht jeden Tag exakt null sein. Das ist vielleicht nicht viel. Aber für den Blick in den Spiegel ist es verdammt wichtig.
Schade, dass die Grünen derart ihren Kompass verloren haben. Wir könnten eine einflussreiche und wahrhafte grüne Partei gut gebrauchen.
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Ja, Wetter und Klima gehören zusammen – aber aus dieser richtigen Feststellung folgt noch lange nicht, dass jede Kritik an einer konkreten Klimaschutzmaßnahme Lobbyismus oder Klimaleugnung ist. Und Wetter hat halt für die meisten Nichtstatistiker eine kaum vorstellbare, realisierbare Varianz. Deren Ausschläge werden gerne von Sekten (Wettersegnern, Regenmachern, Wissenschaftlermehrheiten) mit jeweils eigenem Katechismus erklärt und in Profite verwandelt, seien es Wärmepumpen oder Dieselmotoren – mit vernünftiger Statistik und einem offenen wissenschaftlichen Diskurs und Abwägen hat das allerdings wenig zu tun.