Die EU verbietet das Wegwerfen neuer Kleidung – gut gemeint oder wirtschaftlicher Irrweg?

Die Anzahl der Altkleider-Container geht rasch zurück. Die Preise gehen gegen Null. Die Vermüllung ist unfassbar.

Wer schon einmal eine Jacke oder ein Paar Schuhe im Internet bestellt hat, kennt das Spiel. Passt nicht? Dann geht die Ware eben zurück. Bislang endete ein Teil dieser Retouren und unverkauften Lagerbestände im Müll oder in der Verbrennungsanlage. Warum war das so? Es war teilweise einfach zu viel Aufwand. Retour-Pakete öffnen, Ware auf Unversehrtheit prüfen, wieder in die Warenwirtschaft zurückbuchen (unter Umständen als ungetragene B-Ware), neu verpacken usw. usf. Man vernichtete die Ware lieber.

Genau damit soll jetzt Schluss sein. Seit dem 19. Juli dürfen große Unternehmen in der Europäischen Union unverkaufte Kleidung, Schuhe und bestimmte Modeartikel grundsätzlich nicht mehr vernichten. Stattdessen sollen sie die Ware erneut verkaufen, spenden, aufbereiten oder anderweitig weiterverwerten. Beschädigte oder hygienisch problematische Produkte bleiben von dem Verbot ausgenommen.

Die Vorteile

Auf den ersten Blick klingt die neue Regel vernünftig. Es erscheint schwer vermittelbar, dass fabrikneue Kleidung im Müll landet, obwohl sie noch getragen werden könnte. Die Herstellung von Textilien verbraucht enorme Mengen Wasser, Energie und Rohstoffe. Jede Jacke oder jedes Paar Schuhe, das doch noch einen Käufer findet, spart Ressourcen und vermeidet unnötige CO₂-Emissionen. Außerdem könnte die Verordnung für Verbraucher sogar positive Folgen haben. Händler werden künftig eher versuchen, Restposten über Outlets, Sonderaktionen oder Second-Hand-Kanäle zu verkaufen, statt sie zu vernichten. Das könnte das Angebot günstiger Markenware erhöhen und Verbrauchern zusätzliche Kaufmöglichkeiten eröffnen.

Die Nachteile

Ganz so einfach ist die Realität allerdings nicht. Zurückgesandte Artikel befinden sich häufig nicht mehr im Originalzustand. Verpackungen fehlen, Etiketten sind beschädigt oder die Ware weist Gebrauchsspuren auf. Das Sortieren, Prüfen, Reinigen, Lagern und erneute Vermarkten kostet Geld – teilweise mehr, als der Artikel überhaupt noch wert ist. Hinzu kommt ein erheblicher bürokratischer Aufwand. Unternehmen müssen dokumentieren, wie sie mit unverkaufter Ware umgehen. Für viele Händler entstehen zusätzliche Lager-, Personal- und Verwaltungskosten. Diese dürften am Ende auf die Verkaufspreise umgelegt werden. Man könnte genauso gut die kostenlose Lieferung abschaffen. Man könnte Retouren auch verpflichtend kostenpflichtig machen. Wir kommen an höheren Preisen nicht vorbei. Dann sollten sie auch dort anfallen, wo wir sie verursachen.

Das eigentliche Problem bleibt

Die Verordnung bekämpft somit vor allem die Folgen – nicht die Ursache. Das eigentliche Problem heißt Fast Fashion. Solange täglich neue Kollektionen zu Dumpingpreisen auf den Markt geworfen werden und Verbraucher Kleidung wie Wegwerfartikel behandeln, wird die Zahl der Retouren hoch bleiben. Daran ändert das Vernichtungsverbot zunächst nichts. Hinzu kommt ein weiterer Kritikpunkt: Kleine Unternehmen sind vorerst ausgenommen, während große europäische Händler die neuen Pflichten sofort erfüllen müssen. Gleichzeitig verkaufen außereuropäische Billigplattformen weiterhin riesige Mengen direkt an Verbraucher. Viele Branchenvertreter fordern deshalb, dass auch diese Anbieter in gleicher Weise Verantwortung für Entsorgung und Recycling übernehmen müssen. Aber rede mal jemand mit den Chinesen. Da kommt man nicht weiter.

Ultra Fast Fashion Plattformen

Dass fabrikneue Kleidung nicht einfach im Schredder landen sollte, dürfte kaum jemand ernsthaft bestreiten. Insofern setzt die EU ein nachvollziehbares Signal gegen Verschwendung.

Ob die Verordnung am Ende tatsächlich Umwelt und Klima hilft oder vor allem Bürokratie schafft, wird davon abhängen, ob gleichzeitig die Ursachen der Wegwerfmode bekämpft werden. Ohne fairen Wettbewerb mit Ultra-Fast-Fashion-Anbietern und ohne funktionierende Wiederverwendungs- und Recyclingstrukturen könnte aus einer guten Idee schnell ein teures Verwaltungsprojekt werden. Die Zoll-Gebühren jetzt auch auf kleinere Pakete von Temu oder Shein auszuweisen, ist ein kleiner Anfang.

Immerhin soll für Pakete mit geringem Warenwert künftig eine pauschale Abwicklungsgebühr von drei Euro erhoben werden. Klingt verschwindend gering, ist aber pro Artikel. Drei Billigartikel in einem Paket lassen den Zoll schon auf neun Euro steigen. Aber keine Angst. Die Chinesen sind schon dabei, innovative Wege zu finden, um das Problem zu minimieren.

Zudem sind viele Online-Plattformen reine Vermittler. Viele außereuropäische Direktversender unterliegen den neuen Pflichten nicht in gleicher Weise wie große in der EU ansässige Händler. Dadurch sehen Branchenvertreter Wettbewerbsnachteile für europäische Unternehmen. Damit läuft das Vernichtungsverbot nicht nur ins Leere, sondern verzerrt auch noch den Wettbewerb. Während die europäische Bekleidungsindustrie die neue Verordnung einpreisen muss, überschwemmen chinesische Anbieter den europäischen Markt weiterhin mit Billigmode.

Laut einem Positionspapier des Unternehmens Südwesttextil kauften wir Deutschen bei Temu, Shein und Co. im Jahre 2023 rund eine Milliarde Modeartikel und Schuhe. Das entspricht rechnerisch weit mehr als zehn Artikel pro Einwohner. Weil in unserer Familie das niemand tut, steigt der Zähler bei manchen Landsleuten dann schon auf 50 bis 60 Artikel im Jahr.

Eine Milliarde Modeartikel pro Jahr bei Temu und Co.

Das Positionspapier las sich zunächst recht zäh. Aber ab Punkt 3 wurde es richtig interessant. Uns wird erklärt, wie sich die asiatischen Plattformen in Suchmaschinen höher ranken als seriöse europäische Firmen. Wir lernen etwas über das Prinzip der ‚Dark Patterns‘ und darüber, wie viele asiatische Händler bislang die Zollfreigrenze von 150 Euro umgangen haben – durch Splitsendungen (Fragmentierung). Das ähnelt dem Prinzip aus dem Ukrainekrieg. Man schickt so viele Pakete (Drohnen) nach Europa, bis selbst die beste Verteidigung (Zoll) überfordert ist. Klare Lesempfehlung.

Aufwachen, Leute. Wir Verbraucher entscheiden jeden Tag mit unserem Geldbeutel. Wenn wir unsere heimischen Unternehmen und Arbeitsplätze erhalten wollen, können wir nicht gleichzeitig jeden zweiten Einkauf bei Plattformen tätigen, deren Geschäftsmodell auf Dumpingpreisen, Massenversand und Wegwerfmode basiert. Nachhaltigkeit beginnt nicht in Brüssel, sondern beim Klick auf den „Jetzt kaufen“-Button.

Andernfalls heißt es auch in diesem Bereich bald: Dark times ahead.


Entdecken Sie mehr von Michael Behrens

Melden Sie sich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen

Entdecken Sie mehr von Michael Behrens

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen