Dienstag, 14. Juli 2026

„Arbeit bringt Familien bis zu 1.400 Euro mehr als Bürgergeld“
Die Mainstreammedien gendern nach allen Regeln der Kunst. Der FOCUS schafft es dagegen nicht einmal, den seit dem 1. Juli 2026 geltenden Begriff Grundsicherung zu verwenden. Stattdessen ist durchgehend noch vom Bürgergeld die Rede.
Nicht, dass dadurch irgendetwas im System besser oder gerechter würde. Verwunderlich ist es trotzdem. Ich vermute, der Beitrag wurde bereits im Juni geschrieben und nach Inkrafttreten der Reform unverändert veröffentlicht.
Arbeiten für acht Euro die Stunde?
Jedenfalls suggeriert der FOCUS, dass eine arbeitende Familie – je nach Konstellation – bis zu 1.400 Euro im Monat mehr zur Verfügung habe als eine vergleichbare Familie im Leistungsbezug.
Umgerechnet entspricht das ungefähr acht Euro pro Arbeitsstunde. Kein gerade überwältigender Abstand zwischen Arbeiten und Nichtarbeiten. Dem FOCUS ist diese Zahl dennoch eine Schlagzeile wert.
Doch kommen wir zum eigentlichen Kern der Sache und richten den Blick auf München.
Hier schrumpft der Abstand auf gerade einmal 491 Euro. Rechnet man diesen Betrag auf zwei Vollzeitbeschäftigte mit jeweils rund 160 Arbeitsstunden im Monat um, bleiben lediglich rund 1,50 Euro je geleisteter Arbeitsstunde. Für 1,50 Euro pro Arbeitsstunde steht man morgens auf. Dafür pendelt man. Man sitzt man im Berufsverkehr und zahlt man Steuern und Sozialabgaben. Dafür organisiert man Kinderbetreuung und verzichtet auf Freizeit. Der FOCUS schreibt:
„In München hätte eine Familie mit zwei Verdienern ein verfügbares Einkommen von 4.733 Euro. Mit nur einem Verdiener wären es 4.620 Euro. Lebt die Familie statt von Arbeit nur von Bürgergeld, wären es 4.242 Euro. Das ist ihr rechnerisches Existenzminimum.“
Der Konjunktiv („hätte“) ist zwar korrekt, weil es sich um eine „was wäre, wenn“-Modellrechnung handelt. Inhaltlich bleibt aber die Frage, ob ein Abstand von lediglich 491 Euro zwischen zwei arbeitenden Erwachsenen und einer vergleichbaren Familie im Leistungsbezug tatsächlich ein überzeugender Arbeitsanreiz ist.
Der FOCUS hält diese Konstellation für weitgehend unproblematisch, erläutert Regelsätze und Berechnungsmethoden und blendet dabei das Gerechtigkeitsempfinden vieler Berufstätiger aus.
Ich bin jahrelang von Burghausen und später von Neumarkt-Sankt Veit nach München gependelt. Jeden Tag gingen Stunden an Lebenszeit verloren, weil Wohnen in München für uns trotz Arbeit und zweier Einkommen finanziell nicht infrage kam.
Die eigentliche Frage
Noch spannender finde ich eine ganz andere Frage. Warum akzeptiert unser Sozialstaat dauerhaft, dass Haushalte im Grundsicherungsbezug in einer der teuersten Städte Deutschlands wohnen, während zahllose Berufstätige gezwungen sind, 50, 60 oder 70 Kilometer entfernt zu leben und täglich zu pendeln?
Wie viele Menschen nehmen Staus oder überfüllte Züge in Kauf, weil sie sich München schlicht nicht leisten können?
Selbstverständlich soll der Sozialstaat Menschen vor Obdachlosigkeit schützen. Daran gibt es nichts auszusetzen. Die entscheidende Frage lautet aber:
Muss der Steuerzahler dauerhaft die teuersten Wohnlagen Deutschlands finanzieren, wenn genau diese Steuerzahler selbst längst ins Umland verdrängt wurden?
Das eigentliche Problem ist deshalb weniger die Unterstützung als ihre Signalwirkung.
Nach den Berechnungen des FOCUS werden in München für eine Familie Unterkunftskosten von bis zu 2.369 Euro warm berücksichtigt. Gleichzeitig beziehen rund 40.000 Haushalte in München Leistungen der Grundsicherung.
Hinzu kommen – je nach persönlicher Situation – weitere Leistungen wie die Befreiung vom Rundfunkbeitrag, Kinderzuschläge, Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket, die Übernahme der Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge sowie weitere Unterstützungen.
Der FOCUS sieht dagegen vor allem ein anderes Problem: Der Regelbedarf hätte nach einer Nachberechnung nicht bei 563 Euro, sondern lediglich bei 557 Euro liegen dürfen. Das entspräche Einsparungen von rund 374 Millionen Euro.
Mir erscheint diese Diskussion zu kleinteilig. Es geht nicht um sechs Euro mehr oder weniger Regelbedarf. Es geht um die grundsätzliche Frage, ob der finanzielle Abstand zwischen Arbeiten und staatlicher Unterstützung ausreichend ist und ob es gerecht ist, dass sich viele arbeitende Familien München nicht leisten können, während der Staat dort dauerhaft hohe Wohnkosten übernimmt.
Der FOCUS verteidigt das bestehende System an vielen Stellen mit Verweisen auf Aufstocker, Kinder, chronisch Kranke oder Menschen mit Behinderungen. Das sind berechtigte Aspekte.
Der Beitrag im Fokus lässt aber nicht den Hauch einer Kritik am ausufernden Sozialstaat erkennen. Muss ein Medium wie der FOKUS nicht beide Seiten der Medaille betrachten?
Modellrechnung mit einem Bruttogehalt von 2.500 Euro
Letzter Punkt. Warum wählt der FOCUS ausgerechnet zwei Eltern mit jeweils nur 2.500 Euro Brutto? Das entspricht bewusst einem Niedriglohn-Szenario. Interessanter wäre doch die Frage gewesen, wie groß der Abstand bei einem typischen Facharbeiter-, Handwerker- oder Angestellteneinkommen ist. Die Wahl des Ausgangseinkommens entscheidet maßgeblich darüber, wie groß oder klein der Abstand zur Grundsicherung am Ende ausfällt. Das wird leider nicht erklärt.
Das Medianentgelt von Vollzeitbeschäftigten in Deutschland liegt deutlich höher als 2.500 Euro – je nach Region und Beruf häufig bei 4.000 Euro brutto oder mehr. Wäre es nicht realistischer gewesen, dieses Bruttogehalt anzusetzen?
Ich glaube, der Fokus wollte eher darauf hinaus, dass Grundsicherungsempfänger, wenn sie denn in Arbeit kommen, eher im Niedriglohnsektor unterkämen. Ja, das könnte die Erklärung sein. Jetzt erklärt sich auch das Wort „hätte“.
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