Samstag, 11. Juli 2026

Früher war ein Einser-Abitur etwas Außergewöhnliches. Heute gehört es fast schon zum guten Ton. Inzwischen trägt etwa jedes dritte Abitur eine Eins vor dem Komma, jedes zehnte liegt sogar bei 1,3 oder besser. Deutschland müsste eigentlich vor lauter Hochbegabten überquellen. Tut es aber nicht. Denn fast jeder zweite Fahrschüler fällt durch die theoretische Führerscheinprüfung. 44 Prozent bestehen den ersten wichtigen Wissenstest im Straßenverkehr nicht, 37 Prozent scheitern sogar an der praktischen Prüfung. Wohlgemerkt: Es geht dabei nicht um Quantenphysik, sondern um Vorfahrtsregeln, Verkehrszeichen und Bremswege.
Gleichzeitig zeigen die PISA-Studien erhebliche Defizite bei den Kompetenzen vieler 15-Jähriger. Das sind aus meiner Sicht die Folgen eines deutschen Sozialsystems, das schon für junge Menschen kaum noch Anreize setzt, sich richtig reinzuhauen. Wissenschule.de erklärt sehr anschaulich, wo die Bildungschancen häufig erlischen:
„Es zeigen sich dabei große Unterschiede innerhalb und zwischen den Schulen in Abhängigkeit vom Bildungsstand der Eltern: Die Lernverluste betreffen vor allem Kinder aus bildungsbenachteiligten Elternhäusern. So sind die Lerndefizite von Kindern der am stärksten benachteiligten Gruppen („low-resourced households“) um 55 Prozent höher als im Durchschnitt („general population“).“
Die Politik kann von gleichen Bildungschancen für alle faseln, so lange sie möchte. Bildungstechnisch geprägt werden Kinder in erster Linie durch das Elternhaus. Kommt von dort nichts, kann sich unser Bildungssystem abstrampeln, wie es will.
Wie reagiert der Staat auf die Probleme in der Fahrschulausbildung? Erschreckend. Man will nicht etwa an den strengen Maßstäben der Fahrschulausbildung festhalten, damit der Straßenverkehr sicher bleibt, sondern den Führerschein vereinfachen. Weniger Theoriefragen. Wegfall der Präsenzpflicht. Weniger Pflicht-Sonderfahrten. Besonders interessant ist die Idee, Fahrschulen künftig zu verpflichten, ihre Durchfallquoten öffentlich zu machen. Würde man dieses Prinzip auch auf Schulen anwenden, dann würden sich am Ende nicht mehr die Schulen durchsetzen, die die beste Bildung vermitteln, sondern diejenigen, die die schönsten Statistiken produzieren.
Und an den Hochschulen?
Dort werden inzwischen flächendeckend Mathematik-Vorkurse, Brückenkurse und Orientierungskurse angeboten, weil viele Studienanfänger die notwendigen Grundlagen nicht mehr mitbringen. Wissenschaftliches Arbeiten? Häufig Fehlanzeige.
Die Noteninflation hat Folgen für die wirklich besten Schüler. Denn eine Eins sollte eine außergewöhnliche Leistung bescheinigen. Heute wirkt sie vielerorts wie eine Teilnahmeurkunde mit Goldrand. Wer immer mehr Bestnoten verteilt, entwertet jene, die sie sich wirklich verdient haben.
Der Durchschnitt des diesjährigen bayerischen Abiturjahrgangs liegt bei 2,13. Ich hatte gehofft, dass wenigstens das Vilsbiburger Montgelas-Gymnasium dagegenhält. Aber ach: Auch dort ist von einem der besten Abiturjahrgänge die Rede. Vor 25 Jahren lag der bayerische Durchschnitt noch bei 2,41. Deutschland müsste eigentlich vor lauter Hochbegabten überquellen.
Wie passen diese stetigen Verbesserungen zu den PISA-Studien, die für Deutschland eigentlich erschreckende Zahlen liefern? Das Ergebnis der jüngsten Erhebung (PISA 2022, veröffentlicht Ende 2023) war für Deutschland das schlechteste seit Beginn der PISA-Tests im Jahr 2000.
Das erinnert fatal an Inflation. Wenn eine Währung ständig ausgeweitet wird, verliert sie ihren Wert. Wenn ständig Einser-Abiture vergeben werden, verlieren auch diese ihre Aussagekraft. Vielleicht sollten wir uns deshalb eine einfache Frage stellen: Werden unsere Schülerinnen und Schüler wirklich jedes Jahr intelligenter? Oder sind lediglich die Noten besser geworden?
Bessere Leistungen oder nur bessere Noten?
Wenn fast jeder Zweite an einer standardisierten Führerscheinprüfung scheitert und Hochschulen Vorkurse organisieren müssen, dann spricht vieles dafür, dass nicht die Leistungen explodiert sind, sondern die Zeugnisse. Und so kommt es, dass selbst ein 1,0-Abitur heute keine Garantie mehr dafür ist, zum Medizinstudium zugelassen zu werden.
Keiner der Beteiligten tut sich mit diesem Notenverfall einen Gefallen. Je schwächer das tatsächliche Niveau der Abiturienten ist, desto strenger fallen Einstellungstests von Arbeitgebern und Eingangstests der Hochschulen aus.
Das Dilemma beginnt bereits in der Grundschule und beim Übertritt auf das Gymnasium. Schon hier müssten deutlich strengere Kriterien gelten. Ich verstehe nicht, warum sich niemand an dieses Thema herantraut.
Im Bildungssystem passt hinten und vorne nichts zusammen.nd dem Übertritt ins Gymnasium. Bereits hier müssten viel strengere Kriterien her. Ich verstehe nicht, warum sich niemand an dieses Thema herantraut.
Im Bildungssystem passt hinten und vorne nichts zusammen.
Entdecken Sie mehr von Michael Behrens
Melden Sie sich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Auch wenn der Blog schon ein paar Tage auf dem Buckel hat möchte ich noch kurz auf den soeben von mir entdeckten Artikel „Als wäre man in einer Sekte: Neunjährige mit Schulabschluss – Umzug nach Deutschland scheiterte“ in der Berliner Zeitung verweisen.
https://www.msn.com/de-de/nachrichten/panorama/als-w%C3%A4re-man-in-einer-sekte-neunj%C3%A4hrige-mit-schulabschluss-umzug-nach-deutschland-scheiterte/ar-AA27Wtjq?ocid=BingHp01&cvid=2d1b5ba4efba48b2f30958d6cbcc1818&ei=12
Drei Passagen möchte ich zitieren.
a; „Dahinter stand eine These. „Unsere Intuition war, dass das Niveau, das bei dieser Prüfung verlangt wird, extrem zurückgegangen ist“, sagt Baldeck. Unterrichtet wurde Agnès gezielt mit französischen Lehrbüchern aus den 1950er-Jahren.
„In den Fünfzigerjahren verließ ein vierzehnjähriges Kind die Schule oft für immer. Es musste also alle Kenntnisse für den Rest seines Lebens haben“. erklärt er. Das Material war einst für Acht- bis Zehnjährige konzipiert – und reichte heute für den Abschluss der Mittelstufe. Mit dieser Einschätzung steht die Familie nicht allein. Das französische Bildungsportal Café Pédagogique, ein Referenzmedium für Lehrkräfte, nannte die diesjährige Naturwissenschafts-Prüfung „von bestürzender Einfachheit“. Auch die Zeitung Le Figaro schrieb über das sinkende Niveau der Brevet-Aufgaben.“
b; „Gleichzeitig steigt die Zahl der Bestnoten: Beim jüngsten G9-Abitur in Bayern gab es auffällig viele Einsen vor dem Komma. Bildungsforscher warnen, die Notenflut könne tieferliegende Probleme verdecken. Der Philologenverband brachte es auf den Punkt: Wenn am Ende jeder eine Eins vor dem Komma habe, verliere die Note ihren Wert.“
c; „Wir sind gerade dabei, unseren Umzug nach Irland zu organisieren“, verrät Baldeck. In angelsächsischen Ländern sei Hausunterricht kulturell viel stärker akzeptiert. „Wenn man in Frankreich sagt, dass man die Schule zu Hause macht, wird man oft angeschaut, als wäre man in einer Sekte.““
„von bestürzender Einfachheit“ – dass passt