Dienstag, 23. Juni 2026

Selten so gelacht wie heute. Ich habe viele Jahre gebraucht, um zu dem Schreibstil zu gelangen, den ich heute pflege. Mails schreibe ich im Zeitalter der überbordenden, inflationären Nutzung grundsätzlich im Chat-Modus. Ein „Vielen Dank“ wird auf „thx“ zusammengekürzt. Sollte ich eine Mail dann doch einmal mit „Sehr geehrter…“, dann muss es schon eine außergewöhnliche Mailtapete sein. Nur, wenn mich jemand noch nicht kennt, werden die Etikette eingehalten. Alle anderen Mitmenschen müssen mit 100% Nutzinfos leben, ohne jede Prosa. Signaturen? Fehlanzeige. Man kennt mich…
Jetzt hat im Outlook Copilot Einzug gehalten und reagiert völlig irritiert.
„Tonfall könnte diplomatischer formuliert werden“
Auf keinen Fall. Wir sind hier hier nicht beim nichtsnutzigen Labern. Infos müssen von links nach rechts geschickt werden. Nicht mehr, nicht weniger.
„Leserstimmung – könnte verständnisvoller wirken“
Was interessiert mich die Leserstimmung meines Gegenüber? Verständnis? Mein Verständnis für so manche Zustände um mich herum geht gegen Null. Da darf ich meine eigene Stimmung durchaus zum Ausdruck bringen.
Und wenn die KI wirklich eine KI wäre, dann würde sie mich bereits kennen und einsehen, dass sich der alte weiße Mann nicht mehr wird ändern lassen, womit die Hoffnung bleibt, dass die KI wenigstens meine Blogs liest, um sich zu trainieren und zu diesen Erkenntnissen zu gelangen:
- Nutzer bevorzugt kurze Mails
- Nutzer mag keine Floskeln
- Nutzer ignoriert Höflichkeitsoptimierungen
- Nutzer schreibt informationsorientiert
- Vorschläge für mehr Diplomatie werden zu 100% verworfen
Letztens sah eine geöffnete Mail plötzlich völlig anders aus. Die Zeilen waren zentriert und der Text auseinandergezogen. Irgendwann kam ich drauf, dass ich mit meiner Maus aus Versehen auf den Button „Immersive Reader“ gekommen war. Sehbehinderte können den Text dann wohl besser lesen. Bei mir trat das Gegenteil ein. Ich könnte mit so dargestellten Mails nicht arbeiten.
Aber grundsätzlich bin ich mir sicher, dass sich im Outlook noch die eine oder andere sinnvolle KI-Funktion finden wird. Zugegebenerweise bin ich bei der Nutzung und in den Abläufen so festgefahren, dass das schwierig wird.
Bei MS-Teams sehe ich da schon mehr Potenzial. Copilot kann die Meetings mitschreiben. Ich bin zwar im Meeting präsent, schreibe aber lieber einen Blog für meine Homepage und lasse das Meeting am Ende von der KI zusammenfassen. Blöd wird es nur, wenn mittendrin eine Frage an mich gerichtet wird. Oh, sorry, ich war grade abgelenkt…, wie war die Frage?
Insgesamt finde ich es witzig, wenn ich ChatGPT zur Sinnhaftigkeit von Copilot im Outlook befrage. ChatGPT hat aber keinerlei Berührungspunkte. Die Vorteile von Copilot in der einen oder anderen Anwendung kommen wie aus der Pistole geschossen. Die KI ist nicht voreingenommen.
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