Die Verirrung des Tages: Anarcho-Primitivismus

Montag, 06. April 2026

Wegen diverser Anschläge auf die deutsche Infrastruktur (wir erinnern uns an Berlin) geraten jetzt Anhänger des Anarcho-Primitivismus ins Fadenkreuz von Polizei und Gesellschaft.

Es gibt politische Ideen, die wirken zumindest auf den ersten Blick durchdacht und funktionieren dann doch nicht (siehe die 12.00-Uhr-Benzinpreisbremse). Und dann gibt es den Anarcho-Primitivismus – Gestörte, die ernsthaft glauben, die Lösung unserer komplexen Gegenwart liege in der Rückkehr zu einer vorindustriellen Steinzeit-Idylle. Während die Welt über Künstliche Intelligenz, globale Lieferketten und medizinische Durchbrüche diskutiert, brüten arme Irre in abgedunkelten Räumen vor ihren Laptops über die Frage, ob das eigentliche Problem dieser Welt vielleicht die Erfindung des Ackerbaus gewesen sein könnte.

Nicht einmal der Grundgedanke klingt romantisch: weniger Technik, mehr Natur, ein „authentisches“ Leben ohne die Zwänge moderner Gesellschaften. Doch schon beim zweiten Hinsehen wird klar, wie dumm und geschichtsvergessen diese Typen sind. Denn hier wiederholt sich laut polternd die Geschichte der Maschinenstürmer.

Und noch früher, in der vorindustriellen Welt, war diese Erde eigentlich alles, nur kein sanftes Naturparadies. Angesagt war harte Arbeit, hohe Kindersterblichkeit, Gesetzlosigkeit und eine Lebenserwartung von unter vierzig Jahren. Wer ernsthaft dorthin zurückwill, sollte zumindest ehrlich genug sein, auch diese Details zu betrachten.

Was den Anarcho-Primitivismus besonders unerquicklich macht, ist seine bequeme Widersprüchlichkeit. Die Primaten nutzen moderne Technologien, um gegen die Moderne zu polemisieren. Sie schreiben Texte auf Laptops, verbreiten sie über das Internet und fordern gleichzeitig die Abschaffung genau dieser Errungenschaften. Das ist kein philosophischer Tiefgang. Das ist intellektuelles Camping mit WLAN-Unterstützung.

Insbesondere denke ich an den Sterbeprozess – so ganz ohne schmerzbetäubende Medikamente. So weit denken die Primitiven aber nicht.

Sterben ohne Medikamente – der Traum der Primitiven

Hinzu kommt eine moralische Schieflage mit einem Gefälle von mindestens 45%. Die Ablehnung von Zivilisation und Technologie klingt für Menschen in wohlhabenden Gesellschaften vielleicht nach Befreiung. Für Milliarden Menschen weltweit bedeutet Fortschritt jedoch Zugang zu sauberem Wasser, medizinischer Versorgung und Bildung. Wer all das als „Fehlentwicklung“ abtut, argumentiert aus einer Position der Sicherheit heraus, die er selbst nicht aufgeben muss – zumindest nicht konsequent. Das könnten beinahe grüne Positionen sein.

Natürlich gibt es berechtigte Kritik an Überkonsum, Umweltzerstörung und Entfremdung. Aber daraus die Schlussfolgerung zu ziehen, man müsse die gesamte Zivilisation rückabwickeln, ist ungefähr so sinnvoll, wie ein Haus abzureißen, weil die Heizung zu laut ist. Die Herausforderung besteht nicht darin, die Uhr zurückzudrehen, sondern darin, Fortschritt klüger zu gestalten.

Am Ende bleibt der Anarcho-Primitivismus eine merkwürdige Mischung aus Eskapismus (neuerdings kann ich den Begriff fehlerfrei und punktgenau nutzen) und Idealisierung. Er bietet einfache Antworten auf komplexe Fragen. Genau darin liegt sein Reiz, was wiederum AfD-Logik ist. Die Welt wird aber nicht dadurch besser, dass man sie sich einfacher vorstellt, als sie ist.

Solange sich die Primitiven eine einsame Insel suchen, um dort ihren niederen IQ auszuleben, kann uns die Sache recht sein. Erwachsen aus dieser kruden Theorie aber Anschlagsphantasien auf unsere Gesellschaft, die auch noch zur Ausführung kommen, dann sprechen wir über Terrorismus, der mit allem bekämpft werden muss, was wir haben, weil die Sache in der Praxis auf Ökofaschismus hinausläuft.


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1 Gedanke zu „Die Verirrung des Tages: Anarcho-Primitivismus“

  1. Romanus Johann Kraft

    Bitte nicht Primitivisten und Primaten durcheinanderbringen. Es könnte sich leicht der eine oder andere Lemure oder Maki beleidigt fühlen. Schimpansen und Bonobos sowieso, die sind ja nicht blöd.

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