Sonntag, 29. März 2026

Es gibt Themen, die sind so klein, so banal und sie erscheinen so leicht lösbar, dass man eigentlich davon ausgehen müsste, sie seien längst erledigt. Die Zeitumstellung gehört genau in diese Kategorie. Zweimal im Jahr drehen wir an der Uhr, zweimal im Jahr sind Millionen Menschen müde, durcheinander oder schlicht genervt. Und das seit Jahrzehnten.
Doch dann geschah etwas Erstaunliches. Im Jahr 2019 beschloss die Europäische Union tatsächlich, diesem Unsinn ein Ende zu setzen. Eine Mehrheit der Mitgliedsstaaten war dafür, das Europäische Parlament ebenfalls, und die Bürger sowieso. Über 80 Prozent sprachen sich in einer Befragung für die Abschaffung aus. Man könnte meinen: Das war’s. Deckel drauf, Uhr bleibt stehen, Problem gelöst.
Tja. Wir schreiben das Jahr 2026. Und was machen wir? Genau. Wir stellen die Uhren um.
Man fragt sich unweigerlich: Was genau ist da schiefgelaufen? Hat jemand den Schlüssel zum Uhrwerk verloren? Nein. Das Problem liegt schlicht darin, dass sich die Mitgliedsstaaten nicht einigen können, ob sie lieber dauerhaft Sommerzeit oder Winterzeit wollen.
Was ist ein EU-Beschluss wert, der diese wichtige Frage nicht gleich miterledigt? Richtig. Nichts. Dabei sprechen wir hier über kein komplexes geopolitisches Problem. Es geht nicht um Verteidigung, Migration oder Haushaltsfragen.
Es ist doch nur eine Uhr.
Doch genau hier zeigt sich die wahre Stärke der EU: Wenn etwas einfach ist, wird es kompliziert gemacht. Und wenn es kompliziert ist, wird es vertagt. Und wenn es vertagt wird, bleibt am Ende alles, wie es ist.
Die offizielle Begründung lautet ganz staatsmännisch: Man wolle eine „fragmentierte Zeitlandschaft“ in Europa vermeiden. Klingt wichtig. Bedeutet übersetzt aber: Wir kriegen es nicht hin, uns zu einigen, also machen wir lieber gar nichts.
Das Ergebnis ist ein Meisterwerk europäischer Entscheidungsfindung. Ein Beschluss existiert. Eine Mehrheit ist vorhanden. Der politische Wille wurde zumindest einmal simuliert. Und trotzdem passiert exakt… nichts.
Man könnte fast meinen, die Zeitumstellung sei ein Symbol geworden. Nicht für Effizienz, sondern für das Gegenteil. Für eine Bürokratie, die sich selbst blockiert. Für Prozesse, die so lange dauern, bis sie niemanden mehr interessieren. Und für Entscheidungen, die getroffen werden – nur um sie anschließend nicht umzusetzen.
Vielleicht ist das auch die eigentliche Pointe: Die EU hat die Abschaffung für die Zeitumstellung für sich abgeschafft und lässt uns fröhlich weiter zweimal im Jahr die Uhren umstellen. Wir bewegen die analogen Zeiger, während sich in der EU rein gar nichts bewegt.
Am meisten amüsieren mich die Experten, die den Sinn der Sommerzeitumstellung bezweifeln. Experten sollten aber nicht zweifeln, sondern wissen. Anderenfalls unterscheiden sie sich in Nichts von mir als Laien. Sparen wir jetzt Energie, oder nicht?
Spart die Sommerzeit wirklich Energie? Eine nüchterne Bilanz.
Die Sommerzeit wurde einst mit einem einfachen Versprechen eingeführt: mehr Tageslicht am Abend, weniger Stromverbrauch, also ein Gewinn für alle. Klingt logisch, fast schon bestechend einfach. Doch wie so oft gilt: Was auf den ersten Blick plausibel erscheint, hält einer genaueren Betrachtung nur bedingt stand.
Denn moderne Studien zeigen, dass der tatsächliche Energieeinspareffekt, wenn er überhaupt existiert, verschwindend gering ist. Abends wird etwas weniger künstliches Licht benötigt. Warum eigentlich? Die einzige Erklärung, die mir für Deutschland dazu einfällt, ist folgende, und ich meine das wirklich ernst: Der nichtarbeitendende Teil der deutschen Bevölkerung (z.B. Rentner) schläft sich früh aus, bis es draußen hell ist und verbraucht somit weniger elektrische bzw. Heizungsenergie. Am Abend, wenn es dunkel wird, zeigt dieser Bevölkerungsteil aber die gleichen Lebensgewohnheiten wie die 40 Millionen Arbeitnehmer. Man geht auch bei Dunkelheit noch lange nicht ins Bett. Folglich ist es logischer und stromsparender, wenn es abends länger hell ist und weniger künstliches Licht benötigt wird.
doch dieser Vorteil wird an anderer Stelle wieder aufgefressen. Morgens ist es länger dunkel, es wird mehr geheizt, mehr beleuchtet, und in warmen Regionen steigt sogar der Bedarf an Klimaanlagen. Die Folge: Die angebliche Einsparung schrumpft auf ein Minimum oder kehrt sich teilweise sogar ins Gegenteil um.
Das eigentliche Problem liegt darin, dass die Sommerzeit auf Annahmen aus einer anderen Zeit basiert. Früher machte Beleuchtung einen deutlich größeren Anteil am Energieverbrauch aus. Heute dominieren ganz andere Faktoren, etwa Heizung, Kühlung und elektronische Geräte. Das Verschieben der Uhr hat auf diese Bereiche jedoch kaum den erhofften positiven Effekt.
Noch interessanter wird die Betrachtung, wenn man nicht nur den direkten Energieverbrauch anschaut, sondern die indirekten Kosten mit einbezieht. Die Zeitumstellung bringt den menschlichen Biorhythmus durcheinander. Viele Menschen schlafen schlechter, sind weniger konzentriert und brauchen Tage, um sich wieder einzupendeln. Das wirkt sich auf Produktivität, Wohlbefinden und im Zweifel auch auf die Gesundheit aus.
Gestörter Biorhythmus versus 0,05% Stromeinsparung
Zwar lässt sich nicht jede dieser Folgen exakt in Euro beziffern, aber die Richtung ist klar. Wenn ein System minimale oder gar keine Einsparungen, gleichzeitig aber Millionen Menschen zweimal im Jahr aus dem Takt bringt, dann wird die Rechnung schnell unerquicklich. Was als Effizienzmaßnahme gedacht war, entpuppt sich als Relikt aus vergangenen Zeiten.
Am Ende bleibt ein ernüchterndes Fazit. Die Sommerzeit ist kein ernstzunehmendes Energiesparinstrument mehr. Ihr Nutzen ist bestenfalls marginal, ihre Nebenwirkungen sind jedoch spürbar. Und genau deshalb wirkt die gar nicht mehr fortgesetzte Diskussion darüber fast schon wie ein Anachronismus.
Um der EU noch einmal auf die Sprünge zu helfen: Es gab einmal ausschließlich die Winterzeit. Alle lebten zufrieden vor sich hin. Dann wurde die Sommerzeit eingeführt. Wenn man also etwas abschaffen möchte, dann kann das nur die Sommer- aber nie die Winterzeit sein. Klingt logisch? Ist logisch.
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Seit Einführung der Sommerzeit störe ich mich an dem Wort „Winterzeit“. Es gibt keine Winterzeit. Das ist ganz einfach MEZ.
Winterzeit wäre genau genommen eine Rückstellung um 1 Stunde gemessen an MEZ, also Zulu Zeit (UTC).
Mittag ist, wenn die Sonne am höchsten steht. Was aber für die Herren/Damen/Sonstige der Politik scheinbar nicht einleuchtend ist.