Ausbruch der Newcastle-Disease – ein Gastbeitrag von Samuel Hahnemann III.

Samstag, 07. März 2026

Letztens sinnierte ich beim Spazierengehen über die Newcastle-Krankheit. Ich kannte den Begriff gar nicht und hatte lediglich die ungenügenden ovb-Berichte dazu gelesen. Irgendwo in Neumarkt-Sankt Veit verfiel ich in meine typischen Selbstgespräche und wurde scheinbar beobachtet. Man hat dafür einen siebten Sinn. Es kam aber noch schlimmer. Dieses „etwas“ hatte mir auch zugehört. Ich blickte nach rechts und nahm nichts wahr. Ich blickte nach links und bemerkte hinter dem Zaun eine Bewegung. Ein Viech. Offensichtlich ein Flatterviech. Plötzlich sprach mich das Tier an: „Du interessierst dich für unsere Probleme?“

Das Viech duzt mich. Das kann ich vielleicht leiden. Insgeheim musste ich aber zugeben, dass mein Gegenüber eventuell Informationen hat, die mir weiterhelfen. Aber eine kleine Spitze musste sein: „Na, du flugunfähiges Ding, was kannst du denn zum Thema beitragen? Wer bist du überhaupt?“ Daraufhin flatterte der Vogel irgendwie auf den Zaun und antwortete prompt und auf Augenhöhe: „Ich bin Samuel Hahnemann III.“ Aha. „Na dann erzähle doch mal.“ Und er begann:

Eigentlich ist meine zweite Aufgabe am Tag, nachdem ich allen mitgeteilt habe, dass der Tag begonnen hat, die Inspektion des Gartens. Inspiriert durch den Film „Chicken Run“ haben wir es nämlich geschafft, den Zaun, der uns in unserem Bewegungsdrang einbremst, zu überlisten. Wir eroberten somit den ganzen Garten und nicht nur einen abgetrennten Teil. Da gibt es tolle Laubhaufen zum Auseinanderscharren, das Gras spitzt hervor und die Sonne lädt zum Verweilen ein. Irgendwie habe ich auch den Eindruck, dass unsere Ausflüge unseren beiden Menschen nichts ausmacht. Mit deren Hunden und Katzen kommen wir auch gut klar. Alles eitel Sonnenschein – könnte man sagen.

Aber heute war auf einmal alles anders. Gestern war schon emsiger Betrieb von Menschenseite an unserem Zaun und jetzt wissen wir warum: Wir dürfen nicht mehr raus. Immerhin gibts für uns außer dem Stall noch zwei Gewächshäuser. Da geht´s uns ja noch richtig gut. Die meisten unserer Artgenossen haben jetzt überhaupt keinen Freilauf mehr. Draußen würden wir uns anstecken, sagen sie. Eigentlich hatten wir erst vor zwei Wochen wieder einmal diese Flüssigkeit trinken müssen, die mit dem Impfstoff gegen das Aviäre Paramyxovirus 1, dem Auslöser der Newcastle-Disease (ND abgekürzt). Aber das Impfen reicht den Menschen nicht, denn es geht um viel Geld, um sehr viel Geld. In den größeren Betrieben werden teils Hunderttausende von uns einfach „vorsorglich“ abgeschlachtet. Zyniker könnten von der Gnade des frühen Todes sprechen und ausführen, dass das Keulen bei der Lebensqualität in den Massentierhaltungen vielleicht nicht das schlechteste Los ist. Wir Tiere sind ja nur Mittel zum Zweck des Verdienstes und der billigen Fleischproduktion. Wieso sollte man auch einen Gedanken daran verschwenden, dass auch wir Lebewesen sind und etwas Respekt verdienen, wenn schon die meisten von uns ihr sowieso kurzes Leben für die Menschen lassen müssen. Aber immerhin gehöre ich ja zu den Glücklichen mit einem schönen, sorgenfreien Leben.

Deshalb Schluss mit Jammern und der Moralkeule – Kikeriki, was für eine unpassende Begrifflichkeit – jetzt kommen wir mal zu den Fakten der Erkrankung für die interessierten Leser deines Blogs.

Schau an, der kennt sogar meinen Blog. Hören wir unserem Freund – dem Hahn – einfach weiter zu.

Weißt du, ich trage nicht umsonst den Namen eines medizinisch gebildeten – wenn auch umstrittenen – Gelehrten. Jeder kennt die Vogelgrippe. Doch von der Newcastle-Krankheit haben bisher wahrscheinlich die wenigsten gehört. Schließlich ist es nach einer Pressemitteilung des Friedrich-Löffler-Instituts auch der erste Ausbruch seit 30 Jahren in Deutschland. Aufgrund der äußerst ähnlichen Symptomatik zur hochinfektiösen Vogelgrippe wird die Newcastle-Disease auch ‚Atypische Geflügelpest‘ genannt. Erkrankt einer meiner Artgenossen, so entstehen teils hohes Fieber und wässrige Durchfälle. Auch der Legeapparat meiner Hennen kann im Fall des Ausbruchs der Erkrankung betroffen sein, wodurch dünnschalige oder schalenlose Eier sowie ein Rückgang der Legeleistung auffällig werden können. Zusätzlich kann es zu Atemnot und schleimigem Ausfluss aus Nase und Augen kommen. Für Menschen oder andere Tiere als Geflügel ist dieses Virus ungefährlich – ist auf den Seiten des LGLs Bayern zu lesen. »Eine Infektion des Menschen ist sehr selten, aber möglich, und bleibt zumeist lokal auf eine Bindehautentzündung beschränkt«, schreibt auch das FLI. Vorsichtig solltet ihr Menschen allerdings beim Vorliegen einer Immunschwäche sein. Seit 1993 existiert in Deutschland eine Impfpflicht gegen die Newcastle-Krankheit, und seit 1996 galt Deutschland als frei von dieser Tierseuche.

Aktuell sind Betriebe in den Landkreisen Erding, Freising, Rottal-Inn und eben wir im Kreis Mühldorf von den Verdachtsfällen betroffen. In einem Schutzradius von 3km gilt für alle Geflügelhalter die Beachtung der Stallpflicht, die mich, meinen Hahnen-Nachwuchs Samuel Hahnemann IV. und meine Hennen im Augenblick unsere Freiheit kostet, aber immerhin nicht unser Leben. Falls du übrigens noch Artgenossen siehst, die noch draußen herumlaufen dürfen, dann liegt das wahrscheinlich an der Bürokratie. Denn auch wenn unsere Besitzer ihre Mailadresse bei der Tierseuchenkasse hinterlegt haben, ist es wohl zu viel Aufwand, sie mit einer Rundmail zu informieren. Hierfür muss man auf der Seite des Landratsamts intensiv nach der entsprechenden Mitteilung suchen – und dieser Internetauftritt ist nicht gerade bekannt für größtmöglichen Nutzerkomfort. Also wissen einige Halter von Hühnern eventuell noch gar nichts von den Pflichten, die sie im Moment haben.

Ich frage mich ja schon, wie es trotz Impfpflicht überhaupt zu den Ausbrüchen kommen konnte. Und auch wie wahrscheinlich es ist, dass ich mich bei einem wildlebenden Artgenossen anstecken könnte. Diese sind ja zumeist symptomfrei, auch bei Infektion. Ob mein Immunsystem das schaffen würde? Schließlich habe ich ja – außer mit Samuel IV – kaum Stress, wenig soziale Kontakte außerhalb meiner Gruppe und genügend Bewegung. Auch meine Ernährung ist hervorragend, da wollen wir uns überhaupt nicht beschweren.

Die Frage der Ansteckungsmöglichkeit werde ich, Samuel Hahnemann III, wohl niemals beantworten können. Denn schließlich ist der Zaun dicht und auch die Gewächshäuser scheinen ausbruchsicher zu sein, haha. Also bleibt nur abzuwarten, bis Entwarnung gegeben wird. Jetzt muss ich aber schnell zurück in die Quarantäne. Wenn mich einer von meinen zwei Menschen hier draußen erwischt, bekomme ich Ärger und es droht vielleicht doch noch die Keule. Außerdem muss ich schauen, dass Samuel IV. nicht zu aufmüpfig wird. Noch habe ich hier das Sagen.

Sprach’s, ließ mich nachdenklich stehen und verschwand im Nirvana. Ich wollte mich grade noch als Vegetarier outen und alle Vorwürfe gegen die Menschen weit von mir weisen. Nur für ein Foto hat es grade noch gereicht.

Toller Typ, der Samuel Hahnemann III. So geerdet, so gebildet. Herrchen und Frauchen würde ich wirklich sehr gerne einmal kennenlernen…


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