Tod am Großglockner und ein Rückblick auf das Jahr 2003

Freitag, 27. Februar 2026

Nordansicht des Großglockners (links nach rechts): Adlersruhe, Bahnhof, Kleinglockner, Großglockner, Glocknerhorn, Teufelshorn, Untere Glocknerscharte und Glocknerwand (Copyright+Quelle: Stefan Straub)

Es ging durch die Medien, dass vor rund einem Jahr eine junge Frau 50m unterhalb des Gipfels des Großglockners mitten in der Nacht und in der Kälte erfror. Sie war mit ihrem Freund unterwegs. Der Freund stand mittlerweile vor Gericht und wurde auf Bewährung verurteilt. Was war geschehen? Das Pärchen wollte im Winter auf den Gipfel gehen. Ich dachte mir schon nach der ersten Meldung: Was für ein Wahnsinn. Der Stüdlgrat ist unfassbar hart. Niemals in meinem Leben würde ich den höchsten Gipfel Österreichs über einen anderen Weg als den Normalweg besteigen. Oder besser gesagt: Niemals hätte ich diesen Gipfel anders bestiegen. Denn am 19. September 2003 wagte ich den Alleingang auf den Gipfel. Ich kann somit zur Beschreibung der Schwierigkeiten des Berges einiges beitragen. Hier mein Tagebuchbericht von damals:

Husarenritt auf den Großglockner

Bereits am Mittwochabend packe ich das Auto. Diesmal bin ich schlauer und nehme die Luftmatratze mit. Das Auto wird gleich so hergerichtet, dass ich vor Ort nicht erst groß umbauen muss. Leider kommt mir am Donnerstag ein Kundentermin in die Quere. Meine Abfahrt nach Österreich verzögert sich.

Ich komme erst um 18.30 Uhr aus der Firma heraus. Macht aber nichts. Die Autoroute habe ich mir im Internet organisiert. Wenn man allein fährt, kann man nicht ständig auf die Karte schauen. Meine Fahrt führt über Kufstein und den Felbertauerntunnel. Die Durchfahrt verzögert sich etwas, weil durch „dringende Wartungsarbeiten“ der Tunnel gesperrt ist. In völliger Dunkelheit erreiche ich den Großparkplatz am Lucknerhaus, welcher sich schon in einer Höhe von 1918m befindet. Über mir sehe ich einen gigantischen Sternenhimmel. Und am Ende des Tales sehe ich das Felsmassiv des Großglockners, der mich zur Besteigung einlädt, aber mir durch seine Mächtigkeit gleich zu verstehen gibt: Junge, du kannst es versuchen. Aber sieh dich vor. Nach einem kleinen Abendbrot lege ich mich zur Ruhe und schlafe diesmal viel besser, weil die Luftmatratze um einiges bequemer ist als die Isomatte.

19.09.2003, 06.15 Uhr: Das Unternehmen beginnt.

Mein Rucksack scheint mir viel zu schwer zu sein. Aber ich kann nichts entbehren. Ohne warme Klamotten gehe ich nicht los. Drei Liter Getränke und eine riesige Tüte voller Essereien tun ihr Übriges. Nach einem kurzen bequemen Marsch erreiche ich die Lucknerhütte in einer Höhe von 2.241m. Ich halte mich nicht auf und gehe an ihr vorbei. Um 7.50 Uhr sind um mich herum die ersten Fleckerlteppiche aus Schnee zu sehen. (8.45) Ich erreiche die Stüdlhütte, die sich in einer Höhe von 2802m befindet. Sie ist neu erbaut und macht einen supermodernen Eindruck auf mich. Um diese Zeit ist sie jedoch wie ausgestorben. Ich raste fünfzehn Minuten und gehe weiter. Nach etwa einer halben Stunde erreiche ich das mächtige Schneefeld namens Ködnitzkees. Ich ziehe es vor, die Steigeisen zu montieren.

Eigentlich handelt es sich um einen Gletscher. Aber der Weg ist völlig ungefährlich. Die Überquerung dauert etwa eine Stunde. Am Ende wartet ein Holzsteg, über den ich auf den Klettersteig gelange. Dieser künstliche Eingriff war notwendig geworden, weil sich durch den Rückgang des Gletschers ein überwindlicher Spalt zwischen Gletscher und Fels – ähnlich wie vor drei Wochen auf der Zugspitze – auftut. Ab jetzt führt ein teilweise versicherter Steig zur Erzherzog-Johann-Hütte (3.454m), die ich um 11.15 Uhr erreiche.

Der Tag ist noch jung, der Gipfel in Sichtweite.

Schon beim Anstieg reift in mir die Entscheidung, heute noch anzugreifen. Um 12.00 Uhr bin ich so erholt, dass ich anpacke. Eigentlich ist das meine Sache nicht, zu so später Stunde in dieser Höhe noch unterwegs zu sein. Aber das Wetter ist phantastisch. Und mir fällt der alte Spruch ein: Was du heute kannst besorgen… Es geht problemlos das Glocknerleit hinauf. Der schmale Weg hat sich in einen Sturzbach verwandelt. Aber meine Wanderschuhe waren teuer genug, um diesem äußeren Einfluss standzuhalten. In zwei großen Zickzack-Bewegungen geht es Richtung Kleinglockner.

Am Ende des Schneefeldes muss ich wegen Gegenverkehr warten. Der Einstieg in den Felsen ist so schmal, dass nur eine Person rauf oder runter kann. Bis hierher frage ich mich, ob die Warnungen vor diesem Berg von Bergführern stammen, die nur auf zahlungskräftiges Klientel aus sind. Bis jetzt war die Tour mehr als einfach. Am Felsen angelangt, entledige ich mich meiner Steigeisen.

Mittelschwere Kletterei bringt mich auf den Kleinglockner.

Ein oder zwei äußerst schwierige Passagen lassen mich dabei etwas nachdenklich werden. Ohne Seil und doppelten Boden darf man sich aber auch nicht den kleinsten Fehltritt leisten. An einer Stelle komme ich vorerst nicht weiter. Ein Übergang von einem Meter Breite ist zu bewältigen. Die Stelle hält mich fast zehn Minuten auf, bevor ich die richtige Idee habe. Gott sei Dank schaut niemand zu, der einen nervös machen könnte.

Jetzt kommt die entscheidende Stelle: Die Scharte. Das ist der Übergang vom Klein- zum Großglockner. Früher war diese Scharte meterhoch mit Schnee gefüllt und der Übergang kein Problem, weil die Versicherungen in bequemer Höhe angebracht sind. Jetzt muss man 4m abwärts klettern und drüben wieder hinauf – ohne Hilfsmittel. Ich vermeide es, einen Blick nach unten zu werfen. Die Höhe lässt einem den Atem stocken. Hier sind schon versierte Bergführer abgestürzt. Ich nehme mich zusammen und vertraue auf meine Erfahrung. Noch zwei, drei komplizierte Kletterstellen sind zu überwinden, bevor ich dann tatsächlich um 14.00 Uhr auf dem Gipfel stehe. Ich habe es geschafft und muss das klitzekleine Gipfelplateau nur mit einer Dreierseilschaft teilen, die über den Stüdlgrat angestiegen ist. Schon beim Aufstieg war mir klar, dass ich mich für den Abstieg – wenn möglich – bei irgendjemanden ins Seil einhängen werde.

Hinunter im Team

Nach ein paar vorwurfsvollen Bemerkungen geht die Sache klar. Natürlich habe ich denen erzählt, dass ich kein Anfänger bin und wesentlich höhere Berge bestiegen habe. Das lässt aufhorchen und rückt die Verhältnisse wieder ein wenig grade. Zu viert geht es bergab. Der Abstieg stellt nun kein Problem mehr dar. In kurzen Abständen sind alle paar Meter meterhohe Eisenstangen in den Felsen gelassen. Hätte ich ein Seil dabeigehabt, wäre der Abstieg für mich überhaupt kein Problem gewesen. Und auch beim Aufstieg hätte mir das Seil was gebracht.

Das Abklettern erledige ich professionell. Alles kein Problem. Aber im Schneefeld machen die Jungs richtig Dampf. Und jetzt merke ich, dass ich bereits 8 Stunden auf den Beinen bin. Um 15.30 Uhr sind wir an der Hütte. Mein Angebot, jedem für die Hilfe ein Getränk auszugeben, schlagen meine Begleiter aus. Sie wollen noch nach unten. Für mich ist der Tag gelaufen. Ich bin fix und fertig.

Eine Stunde, um wieder zu Atem zu kommen

Einen kurzen Augenblick denke ich daran, selbst noch abzusteigen. Aber das hätte ich mein Glück wohl zu stark strapaziert. Hinunter gekommen wäre ich wohl. Aber ob ich die Autofahrt noch durchgestanden hätte, weiß ich nicht. Alsbald habe ich meinen Schlafplatz (oben in einem Doppelstockbett, 19,60 Euro inklusive Frühstück, bestehend aus zwei Scheiben Brot, Butter, Marmelade und Tee) eingerichtet und verbringe den Rest des Abends in der Gaststube. Um 19.15 Uhr kommt eine Gruppe zur Hütte zurück, die ich erst um 16.15 habe zum Gipfel aufbrechen sehen. Es ist unglaublich, aber jeder versichert mir, dass dies die beste Zeit ist. Und in der Tat sind die fürchterlichen Staus am Gipfel eine ernstzunehmende Gefahr. Mehr als einhundert Leute drängeln sich manchmal zwischen Klein- und Großglockner. Da geht nichts mehr vor und nichts mehr zurück. Was für ein Glück für mich, mir den richtigen Tag ausgesucht zu haben.

Den richtigen Tag ausgesucht

Einen Großteil der Schuld an den Verstopfungen am Berg tragen die Bergführer, die dafür sorgen, dass jeder patriotische Österreicher irgendwann in seinem Leben diesen Berg erklimmt. Sie nehmen 295 Euro pro Nase und 175 Euro pro Nase bei zwei Klienten. Ich merke, dass ich einer der wenigen bin, der die Gipfelbesteigung schon hinter sich hat, während der Großteil die Sache am nächsten Morgen angehen will. Mir gelingt es, einige ordentlich zu entmutigen. Aber ich weise auch daraufhin, dass meine Empfindungen die eines Alpinisten sind, der mit allen Schwierigkeiten ganz allein und ohne Seil fertig werden musste. Die Sache schaut völlig anders aus, wenn man gesichert wird. Unheimliche Mengen von Alkohol werden vertilgt, grade so, als hätten die Leute die größten Probleme schon hinter sich.

Ausgelassene Stimmung in der Hütte

Manche haben ein unheimliches Stehvermögen. Gegen 23.00 Uhr lege ich mich aufs Ohr. Trotz großer Müdigkeit schlafe ich schlecht ein und bin schon vor 5.00 Uhr munter. Da aber nichts ansteht, räkele ich mich noch bis 7.00 Uhr in meinem Hüttenschlafsack herum und beobachte amüsiert die Aufbruchsaktivitäten meiner Mitmenschen. Bis 8.00 Uhr befasse ich mich emotionslos mit meinem Frühstück und packe meinen Rucksack. Der Klettersteig ist kein Problem. Ich verzichte im Schneefeld auf meine Steigeisen und benutze auch nicht den ausgetretenen Weg. ich halte mich einen Meter abseits. Der Schnee ist noch hervorragend fest. Man kann wie auf einer Straße hinunter.

Um 9.00 Uhr habe ich die Stüdlhütte erreicht. Und der Tag ist noch jung. Ich lasse mich bei herrlichem Wetter auf einer Bank nieder und genieße ein Mineralwasser. Nebenan verabschiedet sich ein Bergführer von seinen Kunden und bemerkt, dass man so zeitig noch nicht heimgehen sollte. Ich krame meine nagelneue Wanderkarte heraus und entdecke den Luisenkopf. Also packe ich meine sieben Sachen wieder zusammen und stehe nach Überwindung von nicht zu unterschätzenden vierhundert Höhenmetern eine Stunde später auf dem Gipfel. Auf dem Gipfel ist keine Menschenseele. Ein Gipfelkreuz gibt es nicht. Nur ein Steinmännchen markiert den höchsten Punkt. Mit 3207m Höhe ist er dem Stüdlgrat vorgelagert. Außerdem habe ich einen herrlichen Blick auf die Ködnitzkees, die aber fast menschenleer ist.

Der Anstieg war von der Schwierigkeit her harmlos. Aber auf der anderen Seite des Gipfels fällt die Wand Hunderte von Metern ab. Wiederum eine halbe Stunde später bin ich zurück an der Hütte und brauche dringend einen Liter Mineralwasser zur Erholung.

Um 12.00 Uhr steht der letzte Teil des Rückweges an.

Ich wappne ich mich für den Endspurt und bewältige die 900 Höhenmeter in einer Stunde. Ich schieße mit dem Selbstauslöser ein letztes Foto von mir und dem Gipfel und fahre davon. Jetzt ist das Mauthäuschen besetzt. Ein Schild deutet auf die Kartenkontrolle hin. Ich ignoriere es und fahre einfach durch. Auf hinzu war die Mautstelle bereits geschlossen gewesen. Maut gespart. Der Felbertauerntunnel kostet wieder zehn Euro. Die Fahrerei in Osterreich ist nervenaufreibend. Aller 500m findet sich eine Geschwindigkeitsbegrenzung.

Gegen 16.00 Uhr wieder daheim

Folgendes Resümee kann gezogen werden: Trotz des Erfolges auf der ganzen Linie sind drei Dinge zu bemängeln: Ich bin allein gegangen. Ich bin die Tour in einem Tag gegangen. Ich hatte kein Seil dabei. Das triumphale Gefühl des Sieges wird dadurch jedoch nicht geschmälert. Ich habe innerhalb von 24 Stunden zwei Dreitausender erstiegen. Wenn ich mir jetzt noch ein Seil und einen neuen Eispickel besorge, dann unterscheidet mich auch von der Ausrüstung her nichts mehr von den Cracks. Wobei die Ausrüstung nichts heißen mag. Viele Leute, die ich dort oben antraf, waren sehr gut ausgerüstet.

Am auffälligsten ist dabei immer die Kleidung. Doch dann stellte sich heraus, dass viele von denen mit Bergführern unterwegs waren. Mit etwas Erfahrung und Geschick ist ein Bergführer für diesen Berg überflüssig. Beim Anstieg zum Gipfel sah ich einen Rettungshubschrauber. Später erfuhr ich, dass eine Viererseilschaft abgerutscht war und sich einer die Schulter verletzt hatte. Die anderen drei blieben unverletzt. Mit wem ich in der Hütte dann auch darüber sprach: Jeder war mit mir einer Meinung, dass sich das gegenseitige Anseilen nicht rentiert. Drei Leute sind nicht in der Lage, einen Abstürzenden zu halten. Da kann man auch gleich allein gehen – wie ich.

Gedanken zum Tag

Mein Bericht entspricht nicht zu 100% meinen Erinnerungen. Ich kann mich nämlich entsinnen, dass ich auf dem Gipfel fix und fertig war und glaube, dass ich nicht einmal ein Gipfelfoto gemacht habe. Ich kann mich auch an eine Stelle im Felsen erinnern, wo es nur eine Möglichkeit gab, voranzukommen: Reibungskletterei, wobei ich mich den Händen nirgendwo festhalten konnte. Es galt, auf einer schrägen Felsfläche mit einem geschätzten Neigungswinkel von 60 Grad aufrecht aufzutreten und ganz der Reibung meiner Schuhe und meinem Gewicht vertrauen. Diese Platte hatte vielleicht Maße von vier mal vier Metern. Zum Glück war der Felsen trocken. Wäre es regnerisch gewesen, wäre es an dieser Stelle heikel geworden.

Ich kann mich auch nicht mehr daran erinnern, auf dem Rückweg den Luisenkopf bestiegen zu haben. Vielen Dank an mein Tagebuch, das diese Details aufzeigt. Dass ich auf dem Rückweg 900 Höhenmeter in nur einer Stunde bewältigt haben will, kann ich heute auch nicht mehr so richtig glauben.

Jetzt versuchen wir es noch einmal mit einer Analyse, warum das Pärchen im Januar 2025 in solche Nöte gekommen war. Sie haben den richtigen Zeitpunkt zum Umdrehen verpasst. Dieser Zeitpunkt war lange vor dem Tod, nämlich spätestens bei Anbruch der Dunkelheit. Im Januar sprechen wir hier von 15.00 Uhr. Einen Abstieg in der Dunkelheit halte ich bei diesem Schwierigkeitsgrad für undurchführbar. Die Frau hat ihre Kräfte und ihre Fähigkeiten vollständig überschätzt. Sie haben keinen Notruf abgesetzt, bzw. viel zu spät. Ein einziges Drama.

Was bin ich froh, dass ich so manche Tour in jungen Jahren erledigt und gut überstanden habe.


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