Mittwoch, 07. Oktober 2026

Deutschland im Herbst 2026. Am Montag erklären uns die Chefs unserer Nachrichtendienste, wie gefährlich die Welt geworden ist, wie aggressiv Russland agiert, wie groß die Bedrohung durch Spionage und Sabotage ist und warum die Dienste dringend mehr Befugnisse benötigen. Am Dienstag wird dann ein ehemaliger Präsident des Bundesnachrichtendienstes wegen des dringenden Verdachts der landesverräterischen Ausspähung, des Auskundschaftens von Staatsgeheimnissen, des versuchten Landesverrats und geheimdienstlicher Agententätigkeit festgenommen.
Kannste dir eigentlich nicht ausdenken. Muss man aber auch nicht mehr.
August Hanning leitete den BND von 1998 bis 2005. Nach Angaben der Bundesanwaltschaft soll er anschließend über Jahre hinweg geheime Informationen ausgerechnet von seinem früheren Mitarbeiter Manfred D. erhalten haben. Manfred D. arbeitete noch bis März 2026 beim BND. Zwischen 2010 und mindestens 2022 soll er Hanning gegen Geld mit Informationen versorgt haben. Bei Hanning wurden nach Medienberichten rund 2.000 digitale Dokumente aus dem BND gefunden, darunter teilweise hochklassifizierte Informationen.
Hanning soll diese Informationen nach dem derzeitigen Ermittlungsstand für seine private Beratertätigkeit genutzt haben. In mindestens einem Fall soll auf Grundlage solcher Informationen eine Sicherheitsanalyse für einen ausländischen Nachrichtendienst erstellt worden sein. Welcher Staat dahinterstand, hat die Bundesanwaltschaft bisher nicht offiziell genannt. Durchgedrungen ist Aserbaidschan.
Natürlich gilt die Unschuldsvermutung. Hanning bestreitet die Vorwürfe. Aber politisch ist der Schaden längst angerichtet. Denn die Frage taucht ja nun zwangsläufig auf, wie verlässlich er eigentlich während seiner Amtszeit war.
Wie soll eigentlich Vertrauen in einen Geheimdienst funktionieren, wenn offenbar ein früherer Präsident noch Jahre nach seinem Ausscheiden Zugang zu einem persönlichen Lieferservice für Staatsgeheimnisse gehabt haben könnte? Ein ehemaliger Chef bestellt Informationen, ein Mitarbeiter im aktiven Dienst liefert, und das Ganze soll sich über mehr als ein Jahrzehnt hingezogen haben. Falls sich dieser Verdacht bestätigt, ist das ein Skandal höchsten Ausmaßes. Der ganze BND gehört somit auf den Prüfstand.
Grundsätzliches Kontrollproblem
Besonders grotesk wird die Angelegenheit dadurch, dass der Fall offenbar nur deshalb aufflog, weil Ermittler im Zusammenhang mit der Entführung der Kinder der Unternehmerin Christina Block Hannings Räume durchsuchten. Gesucht wurde Material zu einem völlig anderen Verfahren. Gefunden wurden dabei Tausende BND-Dokumente. Deutschland ist zu einem Irrenhaus verkommen. Kann man nicht mehr ernst nehmen. Die Financial Times berichtet bereits von erheblichen Sorgen um Vertrauen und Zusammenarbeit mit ausländischen Partnerdiensten.
Genau hier liegt das eigentliche Problem: Nachrichtendienste funktionieren nur mit Vertrauen. Bürger müssen darauf vertrauen können, dass enorme Befugnisse nicht missbraucht werden. Die Bundesregierung muss darauf vertrauen können, dass ihre geheimsten Informationen geschützt bleiben. Und verbündete Staaten müssen darauf vertrauen können, dass Informationen, die sie Deutschland überlassen, nicht irgendwann in irgendwelchen privaten Beratungsunterlagen auftauchen. Alles kaputtgemacht. Und wenn man den Faden weiterspinnt, dann kommt doch die Frage auf, ob dieser Fall nur die Spitze eines Eisbergs ist.
Vertrauen mit dem Vorschlaghammer zerstört
Man könnte deshalb in bitterster Satire fast auf die Idee kommen, BND, Verfassungsschutz und den ganzen Geheimdienstzirkus einfach aufzulösen, dem Mossad zwei Milliarden Euro im Jahr zu überweisen und die Israelis zu bitten, die Geheimdiensttätigkeiten für uns gleich mitzuerledigen.
Ein Staat kann von seinen Bürgern nicht ständig Vertrauen verlangen, während seine Sicherheitsbehörden regelmäßig erklären müssen, warum ausgerechnet innerhalb der eigenen Sicherheitsarchitektur wieder jemand an Informationen gekommen ist, an die er niemals hätte gelangen dürfen. Die Nachrichtendienste wollen mehr Möglichkeiten, mehr Überwachung, mehr Daten und mehr Kompetenzen. Vielleicht sollten sie uns vorher einmal erklären, wer eigentlich auf die Aufpasser aufpasst.
Dark times ahead.
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