Sonntag, 23. August 2026

https://www.alpincenter.com/hamburg-wittenburg/de
Zuckle ich da irgendwo im Norden der Republik durch die Gegend. Steht da mitten in der Landschaft so ein Monster aus Stahl. Schon die Neigung lässt erahnen, worum es hier geht: eine Skihalle.
So eine Einrichtung gehört für mich zur schlimmsten Kategorie westlicher Dekadenz.
Das Alpincenter Hamburg-Wittenburg ist ein Ort, an dem der Mensch eindrucksvoll beweist, dass er sich von der Natur wirklich gar nichts mehr sagen lässt. Kein Berg da? Egal. Kein Schnee da? Auch egal. Mecklenburg-Vorpommern ist topografisch eher für die Kategorie „Man sieht am Montag schon, wer am Freitag zu Besuch kommt“ bekannt? Auch egal.
Dann baut man eben für rund 75 Millionen Euro eine riesige Halle, hält sie künstlich unter dem Gefrierpunkt, produziert Schnee, installiert Sessellifte und nennt das Ganze Wintersport.
Willkommen im Alpincenter Hamburg-Wittenburg, wobei schon der Begriff „Hamburg-Wittenburg“ großzügig gewählt ist. Denn Hamburg ist rund 80 Kilometer entfernt. Andererseits: Neumarkt-Sankt Veit liegt auch rund 95 Schienenkilometer von München entfernt, und trotzdem sind wir inzwischen Mitglied im MVV. Entfernungen sind offenbar auch nur noch eine Frage des Marketings.
75 Millionen Euro für die Alpen an der A24
Eröffnet wurde die Anlage im Dezember 2006 noch unter dem Namen Snow Funpark Wittenburg. Mecklenburg-Vorpommern bewilligte dafür 17,4 Millionen Euro Fördermittel, von denen bis 2008 etwa 15,9 Millionen Euro ausgezahlt worden waren.
Hinter dem Projekt stand vor allem der Hamburger Unternehmer Hans-Gerd Hanel, dessen geschäftlicher Hintergrund ausgerechnet in der Kälte-, Klima- und Verfahrenstechnik lag. Wenn jemand also auf die Idee kommen konnte, in Mecklenburg einen Berg in einen Kühlschrank zu stellen, dann war die berufliche Qualifikation zumindest vorhanden.
Die Rechnung war zunächst beeindruckend optimistisch. Für das erste volle Betriebsjahr wurden rund 900.000 Besucher erwartet. Es kamen etwa 638.000.
Das ist eine Differenz von rund 262.000 Besuchern. Oder anders formuliert: Fast jeder dritte erwartete Kunde hatte offenbar beschlossen, dass Skifahren vielleicht doch mehr Spaß macht, wenn draußen tatsächlich Berge herumstehen.
Und plötzlich fehlte Geld
Bereits Ende 2007 kursierten Berichte über wirtschaftliche Schwierigkeiten. Im Juni 2008 meldete schließlich die Hanel Holding Insolvenz an. Wenig später geriet auch die Betreibergesellschaft in die Insolvenz. Die Anlage war im Dezember 2006 eröffnet worden. Anderthalb Jahre später war das ursprüngliche Geschäftsmodell praktisch erledigt. Da hatte sich der Kunstschnee länger gehalten als die ursprüngliche Finanzierung.
Der Landesrechnungshof fand das alles nicht ganz so lustig
Besonders hübsch wurde die Geschichte, als sich der Landesrechnungshof mit den Fördermitteln beschäftigte. Wobei solche Prüfungen bekanntlich die unangenehme Eigenschaft haben, dass sie häufig stattfinden, wenn das Geld bereits ausgegeben wurde.
Der Landesrechnungshof kommt mir manchmal ein wenig vor wie das Bundeskartellamt: Man liest regelmäßig, dass es die Institution gibt, man liest auch regelmäßig, dass sie etwas kritisiert, und wartet anschließend gespannt und vergeblich darauf, dass daraus dramatischen Folgen entstehen.
Jedenfalls kritisierte der Landesrechnungshof unter anderem, dass für das 75-Millionen-Euro-Projekt keine ausreichende Energiekostenkalkulation vorgelegen habe. Außerdem seien die Besucherzahlen zu optimistisch angesetzt worden. Selbst die nahezu gleichzeitig entstandene Konkurrenz-Skihalle in Bispingen sei bei der Planung nicht ausreichend berücksichtigt worden.
Und ich dachte schon, der Landesrechnungshof würde die Förderung als solche kritisieren.
Man plant eine gigantische Kühlhalle mit 30.000 Quadratmetern Schneefläche, Schneekanonen, kilometerlangen Kühlleitungen und Temperaturen unter null Grad. Und ausgerechnet bei den Energiekosten scheint die Euphorie größer gewesen zu sein als der Taschenrechner.
Aber Hauptsache, das Land hatte schon einmal 17,4 Millionen Euro Fördermittel bewilligt.
Der Steuerzahler aus Mecklenburg-Vorpommern fährt bekanntlich besonders gern Ski. Selbst wenn er gar keine Ski besitzt. Unsere alpine Nationalmannschaft wimmelt schließlich geradezu vor Wintersportlegenden aus Schwerin, Rostock und Ludwigslust.
Wie viel Energie braucht so ein Kühlschrank mit Sessellift?
Und damit kommen wir zum eigentlich absurden Teil.
In der Halle herrscht eine durchschnittliche Temperatur von ungefähr minus 1,5 Grad Celsius. Dafür arbeiten nach Angaben des Betreibers 54 Umluftkühlgeräte und fünf große Kältemaschinen. Im Boden beziehungsweise in der Anlage stecken rund 30 Kilometer Kühlschläuche. Für die Beschneiung stehen 15 Schneekanonen bereit.
Frühere Betreiberangaben vermitteln eine Vorstellung von der Größenordnung: Pro Tag wurden etwa 40.000 Liter neuer Schnee produziert. Der damalige jährliche Stromverbrauch entsprach ungefähr dem Verbrauch von 1.700 Drei-Personen-Haushalten.
Das muss man sich kurz vorstellen. Eine einzige Freizeitanlage mitten in Mecklenburg-Vorpommern benötigte so viel Strom wie Neumarkt-Sankt Veit? Allerdings hat sich energetisch in Wittenburg inzwischen einiges verändert.
Ausgerechnet die Sonne rettet den Schnee
Und hier muss man den heutigen Betreibern tatsächlich zugestehen: Sie haben verstanden, dass es auf Dauer etwas schwierig zu vermitteln ist, Millionen Kilowattstunden Energie aufzuwenden, damit Menschen bei sommerlichen Außentemperaturen durch Schnee fahren können.
2013 entstand zunächst eine große Photovoltaikanlage. Später wurden weitere Dach- und Freiflächen mit Solarmodulen bestückt. Inzwischen wird eine Gesamtleistung von rund 10 Megawatt angegeben. Rechnerisch soll damit genügend Strom erzeugt werden können, um den Bedarf der Kühlanlagen zu decken.
Während der Corona-Schließzeiten wurde außerdem die Steuerungstechnik modernisiert. Dadurch soll der Energieverbrauch um etwa 15 Prozent gesunken sein.
Hinzu kommt eine benachbarte Biogasanlage. Deren Blockheizkraftwerke liefern Strom und Wärme. Selbst die Abwärme wird genutzt und über Nahwärmeleitungen zur Anlage transportiert. Sie dient unter anderem der Kälteerzeugung und der Wärmeversorgung des Hotels. Clever.
Wir bauen also mit erheblichem Energieaufwand mitten ins norddeutsche Flachland einen künstlichen Winter und anschließend eine riesige regenerative Energieversorgung, damit wir genügend Energie haben, diesen künstlichen Winter aufrechtzuerhalten. Beeindruckend.
Irgendwo sitzt vermutlich ein Physiker, der einfach nur nach Hause möchte und sich denkt: Man betreibt einen erstaunlichen Aufwand, um ein Problem zu lösen, das ohne die Skihalle gar nicht existieren würde.
Auch die Solaranlage bekam öffentliche Unterstützung
Die erste große Photovoltaikanlage kostete nach veröffentlichten Angaben etwa acht Millionen Euro. Rund eine Million Euro davon übernahm wiederum das Land Mecklenburg-Vorpommern. Das Projekt hat damit eine bemerkenswerte Förderhistorie. Erst unterstützt der Staat finanziell den Bau einer gigantischen Skihalle. Dann stellt sich heraus, dass diese gigantische Skihalle gigantische Mengen Energie benötigt. Dann unterstützt der Staat auch noch den Aufbau der Energieversorgung. Man muss die deutsche Förderpolitik einfach lieben. Sie hat die wunderbare Eigenschaft, gelegentlich auch die Lösung eines Problems zu fördern, dessen Entstehung sie zuvor bereits gefördert hat.
Van der Valk übernimmt
Nach der Pleite des ursprünglichen Betreibers kam 2008 die niederländische Van-der-Valk-Gruppe ins Spiel. Sie übernahm zunächst den Betrieb als Mieter mit Kaufoption. Ende 2010 wurde die Anlage schließlich an Van der Valk verkauft.
Heute firmiert der Betrieb als Hotel Hamburg-Wittenburg van der Valk GmbH. Geschäftsführer sind Vincent und Winny van der Valk. Damit änderte sich auch das Konzept.
Die Skihalle ist heute nur ein Teil eines größeren Freizeit- und Hotelkomplexes. Dazu gehören Gastronomie, Hotel, Bowling, Kinderland, Kartbahn und weitere Freizeitangebote. Und offenbar funktioniert das Modell unter dem neuen Betreiber deutlich besser als die ursprüngliche Konstruktion.
Das sollte man bei aller Häme fairerweise erwähnen. Die Van der Valks haben den ursprünglichen Unsinn schließlich nicht geplant und anschließend gegen die Wand gefahren, sondern die Anlage nach dem Scheitern des ursprünglichen Modells übernommen und daraus ein offenbar tragfähigeres Gesamtkonzept gemacht.
Von 900.000 erwarteten Besuchern blieben rund 100.000
Interessant ist allerdings die Entwicklung der Besucherzahlen. Vor der Eröffnung rechnete man mit etwa 900.000 Besuchern jährlich. Im ersten vollen Jahr kamen 638.000. Heute werden für die Skihalle nach Unternehmensangaben noch ungefähr 100.000 Besucher pro Jahr genannt. Aus einem geplanten touristischen Magneten für fast eine Million Menschen jährlich wurde damit eine Anlage mit ungefähr einem Neuntel der ursprünglich erwarteten Besucherzahl. Andererseits trainieren dort inzwischen auch internationale Skiteams. Im Sommer 2026 ist die Halle sogar ausschließlich für Skiteams geöffnet; für die Öffentlichkeit beginnt die nächste Saison laut Betreiber erst wieder am 19. Oktober 2026. Man hat also zumindest eine Nische gefunden. Eine ziemlich kalte Nische.
Und die Arbeitsplätze?
Auch hier lohnt sich der Blick zurück. Ursprünglich waren 264 Arbeitsplätze vorhanden. Bereits 2008 wurden davon 50 gestrichen. Kurz vor der Insolvenz wurde von ungefähr 230 Beschäftigten berichtet. Für die heutige Betreibergesellschaft findet sich in einer Landtagsdrucksache eine Größenordnung von 110 Arbeitnehmern. Das ist allerdings keine aktuelle Personalzahl für 2026. Eine belastbare öffentlich zugängliche aktuelle Beschäftigtenzahl habe ich nicht gefunden. Das Unternehmen sucht derzeit jedenfalls Personal in verschiedenen Bereichen, unter anderem für Küche, Housekeeping sowie Pisten- und Rennstreckenbetreuung. Die Entwicklung zeigt trotzdem ziemlich schön, wie weit die ursprünglichen Erwartungen und die heutige Realität auseinanderliegen.
Eine erstaunliche Überlebensgeschichte
Man kann über das Alpincenter herrlich spotten. Eine riesige Halle in Mecklenburg auf minus 1,5 Grad herunterzukühlen, damit Menschen 330 Meter Ski fahren können, bevor sie sich wieder mit dem Sessellift nach oben bringen lassen, besitzt zweifellos eine gewisse zivilisatorische Komik.
Der heutige Betreiber hat aus diesem ziemlich gefrorenen Scherbenhaufen allerdings ein Geschäftsmodell gebaut, das nun schon seit vielen Jahren funktioniert.
Und ausgerechnet beim größten Angriffspunkt, dem Energieverbrauch, wurde kräftig nachgebessert: Photovoltaik mit rund 10 MW Leistung, Biogas, Nutzung von Abwärme und modernisierte Steuerungstechnik.
Damit bleibt eine wunderbar deutsche Geschichte übrig: Wir geben Millionen aus, um dort Schnee zu erzeugen, wo die Natur keinen vorgesehen hat. Dann geben wir weitere Millionen aus, um die Energie dafür umweltfreundlicher zu erzeugen. Und anschließend fahren wir mit dem Auto hin, ziehen Skistiefel an und gleiten 330 Meter durch Mecklenburg-Vorpommern.
Man hätte natürlich auch einfach in die Alpen fahren können. Wobei selbst dieser Vorschlag inzwischen einen gewissen Haken hat: Da liegt auch nicht mehr zuverlässig Schnee.
Entdecken Sie mehr von Michael Behrens
Melden Sie sich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
