Gesundheit: Pubertätsblocker – fragwürdiger denn je.

Freitag, 14. August 2026

https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zuendfunk/roisin-murphy-von-der-ikone-der-queeren-community-zur-stimme-der-transphoben100.html?utm_source=chatgpt.com

Es geht um Kinder. Es geht nicht nur um pubertierende Jugendliche. Und genau deshalb verstehe ich bei dieser Diskussion immer weniger, warum ausgerechnet diejenigen, die besondere Vorsicht bei medizinischen Eingriffen an Minderjährigen verlangen, sich dafür rechtfertigen müssen.

Anlass des Blogs ist ein Beitrag des Zündfunk auf Bayern 2 über die irische Sängerin Róisín Murphy. Ich hörte mir den Beitrag auch deshalb genau an, weil ich Madonna-Fan bin. Murphy, früher Sängerin des Duos Moloko und lange eine Ikone der queeren Szene, kritisiert seit Jahren den Einsatz von Pubertätsblockern bei Minderjährigen. Nun hat sie sich auch mit Madonna angelegt. Murphy wirft ihr sinngemäß vor, wegzusehen, wenn Kinder medikamentös behandelt werden, bevor sie überhaupt die Reife besitzen, die Tragweite solcher Entscheidungen zu verstehen. Im Verlauf meiner Recherche zu dem Thema musste ich erst einmal verstehen, dass es bei diesem Streit Gott sei Dank nicht um den Pop-Star Madonna geht, sondern um The Blessed Madonna (Marea Stamper). Was fällt Frau Stamper eigentlich ein, den Namen Madonna zu benutzen? Die fragende Überschrift des BR lautet über dem Artikel lautet:

„Von der Ikone der queeren Community zur Stimme der Transphoben?“

Später erfahren wir, dass Murphys Zweifel keineswegs irgendeiner wissenschaftsfeindlichen Parallelwelt entspringen. Der BR schreibt selbst, Kritiker aus der Wissenschaft bemängelten die geringe Zahl von Studien zur Wirksamkeit und zu psychischen Langzeitfolgen. Aber der Rahmen ist schon mit der Überschrift gesetzt.

England zieht die Notbremse

Wir reden wir hier nicht über irgendeinen Kulturkampf auf X. Wir reden über eine medizinische Behandlung von Minderjährigen bei einer unzureichend geklärten Evidenzlage. Man muss nur über Deutschlands Grenzen hinausschauen. Nach dem umfangreichen Cass Review hat NHS England seinen Umgang mit Minderjährigen mit Geschlechtsdysphorie grundlegend geändert. Pubertätsblocker werden dort für diese Indikation unter 18 Jahren nicht mehr als reguläre Behandlungsoption angeboten. NHS England begründet das ausdrücklich mit der begrenzten Evidenz hinsichtlich Sicherheit, Risiken, Nutzen und Behandlungsergebnissen. Und damit nicht genug: Im März 2026 setzte NHS England sogar den Beginn neuer Behandlungen Minderjähriger mit geschlechtsangleichenden Hormonen zunächst aus. Auch hierfür wird die schwache beziehungsweise sehr begrenzte Evidenz angeführt.

Was tut Deutschland?

Es gibt hier kein generelles Verbot von Pubertätsblockern für Minderjährige bei Geschlechtsdysphorie. Im Gegenteil: Die seit März 2025 geltende deutsche S2k-Leitlinie sieht Pubertätsblocker weiterhin als mögliche Behandlung vor. Sie ist bis September 2029 gültig.

Die Voraussetzungen sind allerdings enger, als es manchmal in der öffentlichen Diskussion klingt. Nach der Leitlinie soll eine Pubertätsblockade nicht vor Beginn der Pubertät erfolgen (Tanner-Stadium 2). Vorgesehen sind grundsätzlich eine kinder- und jugendpsychiatrische bzw. psychotherapeutische Einschätzung und die Beteiligung einer erfahrenen pädiatrisch-endokrinologischen Fachperson. Auch die Einwilligungsfähigkeit des Minderjährigen soll geprüft werden. Blablabla. Kann Deutschland ein einziges Mal – wenigstens bei Kindern – eine klare Entscheidung treffen? Nein, kann es nicht.

Bemerkenswert ist eine weitere deutschlandtypische Ausnahme: In bestimmten als dringlich bewerteten Fällen kann laut Leitlinie ein Kinderendokrinologe eine Pubertätsblockade vorläufig beginnen, bevor die kinder- und jugendpsychiatrisch-psychotherapeutische Abklärung abgeschlossen ist, wenn die Verzögerung zu als problematisch angesehenen irreversiblen körperlichen Veränderungen führen würde. Die psychiatrisch-psychotherapeutische Begleitung soll dann zeitnah nachgeholt werden. Es ist einfach nicht zu fassen.

Und was macht die Bundesregierung?

Die Bundesregierung hat sich erst im April 2026 dazu geäußert. Auf eine Kleine Anfrage erklärte sie, dass sie die nationale und internationale wissenschaftliche Diskussion aufmerksam verfolge. Natürlich. Blablabla. Für die konkrete Ausgestaltung der Versorgung verweist sie jedoch auf die Selbstverwaltung im Gesundheitswesen und auf die deutsche S2k-Leitlinie. Auf Deutsch gesagt: Sie tut… nichts.

Während man beim deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunk offenbar schnell bei Begriffen wie „transphob“ und „extreme Rechte“ landet, wenn jemand Pubertätsblocker kritisch sieht, hat eines der größten staatlichen Gesundheitssysteme Europas genau bei dieser Behandlung einen sehr viel vorsichtigeren Kurs eingeschlagen. Ist NHS England jetzt ebenfalls transphob? Wohl kaum.

Und was machen deutsche Ärzte?

Seit 2025 existiert hier eine S2k-Leitlinie zur „Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter“. Sie sieht medizinische Maßnahmen einschließlich einer Pubertätssuppression unter bestimmten Voraussetzungen weiterhin als Behandlungsoption vor. Und genau an diesem Punkt endet für mich die kulturpolitische Folklore.

Die Verantwortung von Ärzten.

Ein Arzt ist nicht dazu da, gesellschaftliche Trends abzusegnen. Er ist auch nicht dazu da, politische oder identitätspolitische Erwartungen zu erfüllen. Seine erste Verpflichtung gilt seinem minderjährigen Patienten. Bei einem gebrochenen Bein ist das vergleichsweise einfach. Bei einem Jugendlichen, der mit seinem Geschlecht, seinem Körper, seiner Sexualität und seiner Identität ringt, ist es ungleich komplizierter. Und gerade deshalb müsste meiner Ansicht nach das Prinzip gelten: Je größer die Unsicherheit über die Langzeitfolgen und je jünger der Patient, desto höher die Schwelle für einen medizinischen Eingriff. Nicht niedriger.

Pubertät ist keine Krankheit

Mich stört schon das Wort „Blocker“. Es klingt nach einer Pausentaste beim in der Apple-Music-App. Pubertät anhalten, ein bisschen nachdenken und später einfach wieder auf „Play“ drücken. So einfach ist die Sache gerade nicht. Die Behandlung greift in eine Entwicklungsphase ein, in der Körper, Knochen, Sexualität und Psyche erheblichen Veränderungen unterliegen. Gerade deshalb untersucht NHS England mögliche Nutzen und Schäden weiter und verweist ausdrücklich auf bestehende Wissenslücken.

Hilfe und Medikation sind nicht dasselbe.

Psychologische Betreuung, Zeit, diagnostische Sorgfalt und ein Umfeld, das einem Jugendlichen erlaubt, Zweifel auszusprechen und auch seine Meinung wieder zu ändern, sind ebenfalls Hilfe. Vielleicht sogar die verantwortungsvollere.

Was fällt Ärzten eigentlich ein?

Und hier komme ich zu dem Punkt, der mich wirklich wütend macht. Wie sicher muss sich ein Arzt sein, bevor er bei einem Minderjährigen in die normale Pubertätsentwicklung eingreift?

  • 90 Prozent?
  • 95 Prozent?
  • 99 Prozent?

Oder genügt inzwischen die Überzeugung, dass ein Jugendlicher seine gegenwärtige Geschlechtsidentität überzeugend genug schildert? Denn wenn die Wissenschaft selbst noch darüber diskutiert, wie groß Nutzen und Risiken langfristig sind, dann müsste ärztliche Zurückhaltung eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Das ist keine Transfeindlichkeit. Das ist eine elementare Forderung an die Medizin:

Erst wissen, dann behandeln.

Bei Erwachsenen sieht die Sache völlig anders aus. Ein volljähriger Mensch kann über seinen Körper entscheiden, Risiken gegeneinander abwägen, Geld in die Hand nehmen und die Ärzte vom Handeln überzeugen. Aber Kinder und Jugendliche stellen wir aus gutem Grund unter besonderen Schutz. Wir gestehen ihnen in vielen Bereichen gerade nicht dieselbe Entscheidungskompetenz zu wie Erwachsenen. Warum sollte ausgerechnet bei einer der fundamentalsten körperlichen Entwicklungen ihres Lebens plötzlich ein anderer Maßstab gelten?

Der Zündfunk macht daraus wieder einen Kulturkampf

Besonders bezeichnend ist deshalb die Dramaturgie des BR-Beitrags. Der Zündfunk lässt die Trans-Aktivistin Phenix Kühnert erklären, sie finde es positiv, dass heute mehr junge Menschen Pubertätsblocker nehmen könnten. Dies zeige, dass die Aufklärung der vergangenen Jahrzehnte etwas gebracht habe und mehr Eltern ihren Kindern diesen Schritt erlaubten. Das kann man als persönliche Auffassung senden. Aber wo ist an dieser Stelle der Kinderendokrinologe, der die Risiken erklärt? Wo ist der Kinder- und Jugendpsychiater, der die Unsicherheiten der Evidenz beschreibt? Wo ist ein Fachmann, der erklärt, warum Großbritannien nach jahrelanger Erfahrung inzwischen einen ganz anderen Weg geht?

Stattdessen folgt im Beitrag wenig später ein Abschnitt mit der Überschrift „Ein Argument der extremen Rechten“. Dort wird erklärt, dass rechtsextreme Akteure das Thema Kinderschutz gegen Trans-Menschen instrumentalisierten. Und damit ist aus einer medizinischen Diskussion ein politischer Kulturkampf geworden. Das Thema ist somit verbrannt. Wir können es abhaken. Wenn einfach nur noch jedes Thema mit „rechts“ und der AfD verknüpft wird, ist unser Land in Sachen Debattenkultur verloren. Nicht mehr das Argument wird geprüft, sondern es wird zunächst geschaut, wer es ebenfalls verwendet.

Wenn ein Rechtsextremer sagt, Rauchen verursache Lungenkrebs, wird die Aussage dadurch schließlich auch nicht falsch.

Ärzte sollten diejenigen sein, die am stärksten auf die Bremse treten. Nicht Aktivisten oder Popstars. Nicht Eltern. Und auch nicht Journalisten.

Kinder brauchen Schutz – auch vor dem Zeitgeist

Vielleicht stellt sich in zehn oder zwanzig Jahren heraus, dass der heutige deutsche Weg richtig war. Vielleicht stellt sich heraus, dass der britische Weg richtig war. Genau das ist der Punkt: Wir wissen heute offensichtlich noch nicht genug. Wenn aber selbst staatliche Gesundheitssysteme wegen einer unzureichenden Evidenzlage ihre Behandlungsstandards radikal verschärfen, dann kann die deutsche Antwort nicht darin bestehen, Kritiker mit dem Etikett „transphob“ zu versehen und anschließend über die extreme Rechte zu sprechen. Ich erwarte von einem öffentlich-rechtlichen Sender eine andere Debatte. Und von Ärzten erwarte ich noch mehr. Sie müssen sich im Zweifel nicht vor Aktivisten verantworten, nicht vor irgendwelchen Communitys und auch nicht vor dem Zeitgeist. Sie müssen sich irgendwann vor dem erwachsenen Menschen verantworten können, der als Kind vor ihnen gesessen hat.


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1 Kommentar zu „Gesundheit: Pubertätsblocker – fragwürdiger denn je.“

  1. Romanus Johann Kraft

    Der Zündfunk war mal eine richtig stabile Sendung.
    Seit über 20 Jahren leider nur noch Müll.
    Ab in die Tonne damit.

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