Mittwoch, 12. August 2026

Knapp vier Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zeichnet sich ein Wahlergebnis ab, das noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen wäre. Deutschland stellt sich inzwischen die Frage, ob Ulrich Siegmund von der AfD am Ende sogar alleine regieren kann. Nach der jetzigen Umfrage wäre es eine Pattsituation zwischen der AfD einerseits und den Altparteien CDU, Linke und SPD andererseits, wenn man bei den Grünen deren 5% auf 4,99% abrundet.
Die AfD: 41, 42, 43 Prozent – The Sky Is The Limit oder was?
Noch bei der Landtagswahl 2021 kam die AfD in Sachsen-Anhalt auf 20,8 Prozent. Die CDU erreichte damals 37,1 Prozent. Fünf Jahre später haben sich die Verhältnisse praktisch umgedreht. Infratest dimap sieht die AfD inzwischen bei 41 und die CDU bei 24 Prozent. Der Korridor für die AfD liegt wohl bei 41 bis 45%.
CDU: Der Abstand wird nicht kleiner, sondern größer
Für die CDU entwickelt sich der Wahlkampf ausgesprochen ungünstig. Die Partei von Ministerpräsident Sven Schulze lag bei Infratest dimap zuletzt bei 24 Prozent. Pollytix sieht sie nur noch bei 23 Prozent. Zum Vergleich: 2021 holte die CDU noch 37,1 Prozent. Damit zeichnet sich ab, dass eine klassische Aufholjagd der CDU kaum noch möglich ist. Der Ministerpräsidentenbonus wirkt nicht. Am 28. Januar 2026 übergab Reiner Haseloff den Staffelstab an Sven Schulze weiter – wohl eher aus wahltaktischen Überlegungen. Ein regierender MP hat normalerweise immer einen kleinen Amtsbonus. Das scheint diesmal aber nicht so zu sein.
Die Linke dürfte sicher im Landtag sein
Die komfortable Situation der Linken ist wenig überraschend. Sie liegt derzeit stabil im Bereich von 13 bis 14 Prozent. Infratest dimap und Pollytix sehen sie jeweils bei 13 Prozent. Man kann nicht einmal von einem Linksruck Sachsen-Anhalts sprechen. Es gibt in den neuen Bundesländern eine stabile Schicht von ewig Gestrigen.
SPD: Noch drin – aber ungefährlich ist die Lage nicht
Die SPD bewegt sich zwischen fünf und sieben Prozent. Infratest dimap und Pollytix sehen sie derzeit bei sieben Prozent. Das klingt nach einem gewissen Sicherheitspolster. Bei einer Fünf-Prozent-Hürde sind zwei Prozentpunkte Vorsprung vier Wochen vor einer Wahl allerdings alles andere als beruhigend. Die SPD hat zudem ein strategisches Problem: Je stärker sich die Wahl auf die Frage Siegmund oder Schulze zuspitzt, desto schwieriger wird es für kleine Parteien, ihre eigenen Anhänger zu halten. Ich würde mir nichts mehr wünschen, als dass die Sozen endlich einmal aus einem Landtag fliegen. Die Chancen dafür stehen aber eher schlecht.
Grüne: Es geht knapp zu.
Besonders spannend wird es bei den Grünen. Infratest dimap sah sie bei genau fünf Prozent. Auch Pollytix misst aktuell fünf Prozent. Ob die Grünen am Ende 4,95 oder 5,05 Prozent bekommen, könnte größere Auswirkungen haben als die Frage, ob die AfD 42 oder 43 Prozent erreicht. Stimmen für Parteien, die an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern, werden bei der Sitzverteilung nicht berücksichtigt. Genau hier liegt der Schlüssel zur AfD-Strategie: Alle Kleinstparteien unter die 5%-Hürde drücken, weil dann 43% für die absolute Mehrheit und eine Alleinregierung reichen könnten. Leider zeigt die Kurve der Grünen eher leicht nach oben, statt nach unten.
BSW: Königsmacher oder draußen?
Noch extremer ist die Lage beim BSW. Infratest dimap sah die Partei zuletzt bei vier Prozent. Pollytix ebenfalls. INSA kam dagegen auf fünf Prozent. Das BSW bewegt sich damit exakt in der Gefahrenzone. Ausgerechnet diese Partei hat nun ein Szenario ins Spiel gebracht, das bundesweit für Schlagzeilen sorgt. Sahra Wagenknecht erklärte, das BSW könne sich bei einer Ministerpräsidentenwahl in einem dritten Wahlgang enthalten. Damit könnte theoretisch eine einfache Mehrheit für Ulrich Siegmund reichen. Zugleich wirbt das BSW für eine Expertenregierung beziehungsweise wechselnde Mehrheiten. Doch Siegmund will davon nichts wissen.
Wechselnde Mehrheiten würde voraussetzen, dass es der Politikerkaste nicht vornehmlich um Machterhalt oder Machtgewinn geht. Diesen Wesenszug vermag ich nicht erkennen. Eine Minderheitsregierung unter Führung der AfD? Das würde in Deutschland niemals funktionieren.
Siegmund lehnt den angebotenen Hintereingang dankend ab
Und hier wird die Strategie der AfD besonders interessant. Siegmund hätte die Möglichkeit, sich zumindest theoretisch einen Weg in die Staatskanzlei offenzuhalten, selbst wenn die AfD keine eigene Mehrheit bekommt. Sahra Wagenknecht deutete an, sich im dritten Wahlgang bei der Wahl des Ministerpräsidenten zu enthalten. Damit könnte Siegmund mit relativer Mehrheit zum MP gewählt werden. Thüringen lässt grüßen. Siegmund lehnt diesen Weg bislang ausdrücklich ab. Bereits Ende Juli sagte Siegmund zur angestrebten Alleinregierung:
„Es gibt keinen anderen Weg.“
Die AfD hatte zuvor als Zielgröße „45 Prozent plus X“ ausgegeben. Auch das jüngste Angebot des BSW weist Siegmund zurück. Er wolle sich nicht „verbiegen“ und nicht mithilfe des BSW Ministerpräsident werden. Dahinter steckt eine nachvollziehbare Alles-oder-Nichts-Strategie. Die AfD vermittelt ihren Anhängern: Wer einen AfD-Ministerpräsidenten will, muss – ohne jedes taktische Geplänkel – AfD wählen. Das schweißt das eigene Klientel zusammen und gibt Wählern kleinerer Parteien eine Denkaufgabe. Das ist auch nicht riskant. Eine Minderheitsregierung mit Duldung durch die BSW lässt sich nicht über fünf Jahre verlässlich planen.
Geht Siegmunds Alles-oder-nichts-Strategie auf?
Ich würde derzeit sagen: Sie kann aufgehen – aber die absolute Mehrheit ist eher wackelig. Siegmund lehnt Koalitionen und selbst eine mögliche indirekte Unterstützung durch das BSW ab und setzt darauf, dass genügend Wähler zu dem Schluss kommen:
„Wenn ihr Siegmund wirklich zum Ministerpräsidenten machen wollt, müsst ihr AfD wählen.„
Genau dadurch kann die Strategie zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Je stärker über die mögliche absolute Mehrheit gesprochen wird, desto attraktiver wird für AfD-Sympathisanten eine taktische Stimme für die AfD statt für BSW, FDP oder andere kleinere Parteien. Umgekehrt entsteht auf der anderen Seite derselbe Effekt: Wer eine AfD-Alleinregierung verhindern möchte, hat ein großes Interesse daran, dass Parteien nicht unter der Fünf-Prozent-Hürde verschwinden. Deshalb könnte Sachsen-Anhalt am 6. September eine paradoxe Wahl erleben, bei der nicht die großen Parteien über eine Regierungsbildung entscheiden, sondern die kleinen.
Auf jeden Fall sind Sachsen-Anhalt und ganz Deutschland gespannt darauf zu sehen, was die AfD in Regierungsverantwortung in der Lage ist zu leisten. Aber auch eine AfD-Regierung kann in Sachsen-Anhalt das System nicht einfach umkippen. Der höhere Verwaltungsapparat dürfte einer AfD-Regierung jedenfalls keineswegs durchgehend politisch nahestehen.
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