Spanien: Ceuta – warum die Lage plötzlich eskalierte

Sonntag, 02. August 2026

Ceuta ist eine spanische Exklave an der nordafrikanischen Mittelmeerküste. Die Stadt gehört politisch zu Spanien und damit zur EU, liegt aber auf afrikanischem Boden und grenzt unmittelbar an Marokko. Auf dem Landweg trennt ein mehrere Meter hoher Grenzzaun mit umfangreichen Sicherungsanlagen beide Gebiete auf einer Länge von rund acht Kilometern. Über das Meer beträgt die Entfernung zwischen der marokkanischen Küste und Ceuta an manchen Stellen nur wenige hundert Meter. Deshalb versuchten viele Migranten, die Exklave schwimmend zu erreichen.

Genau dieser Weg rückte durch ein Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs in den Mittelpunkt. Die Richter entschieden, dass Migranten, die auf dem Seeweg nach Ceuta gelangen oder bereits im Wasser aufgegriffen werden, nicht mehr im Wege einer sofortigen Zurückweisung („Pushback“) nach Marokko gebracht werden dürfen. Stattdessen muss ein reguläres ausländerrechtliches Verfahren durchgeführt werden. Das Urteil änderte zwar nicht das Gesetz selbst, schränkte die bisherige Praxis jedoch erheblich ein.

Oberste Gerichtshof Spaniens fällt Urteil mit fataler Signalwirkung

Man fragt sich, wie das Gericht darauf kommt, bei einem illegalen Grenzübertritt zwischen dem Überwinden einer Mauer und einer Schwimmaktion zu unterscheiden.

Schleuser verbreiteten daraufhin offenbar gezielt die Botschaft, dass eine Ankunft über das Meer praktisch ein Bleiberecht verschaffe. Innerhalb weniger Tage setzte deshalb ein beispielloser Ansturm auf Ceuta ein. Zunächst war von rund 50.000 Migranten die Rede, später korrigierten die spanischen Behörden die Zahl auf etwa 60.000. Für eine Stadt mit lediglich rund 87.000 Einwohnern bedeutete dies einen Zustrom in einer Größenordnung von fast 70 Prozent der eigenen Bevölkerung.

Auf WELT TV kam dann ein Interviewgast zu Wort, der meinte, wir sollten doch alle einmal ein wenig entspannen. Nur ein Bruchteil der Angekommenen habe überhaupt die Absicht zu bleiben. Der Rest wolle Europa lediglich kurz „Guten Tag“ sagen und anschließend durch das große Grenztor wieder nach Hause gehen. Die Moderatorin war über diese Aussage ebenso verblüfft wie ich.

Moderatorin war verblüfft – ich auch

Nach Angaben der spanischen Regierung kehrten tatsächlich innerhalb weniger Tage bereits rund 48.000 bis 50.000 Migranten freiwillig oder im Zuge von Rückführungen wieder nach Marokko zurück. Madrid betont zudem, dass niemand von Ceuta unkontrolliert auf das spanische Festland und damit in den Schengen-Raum gelange.

Diese Information beruhigt mich allerdings nur wenig. Es gibt historisch genügend Beispiele dafür, dass Staaten in Phasen der Überforderung große Flüchtlingsgruppen mit Papieren ausstatteten und kontrolliert in andere Länder weiterreisen ließen – unter anderem nach Deutschland, einem Land, in dem es für das Nichtstun pro Woche teilweise so viel Geld gibt wie anderswo für einen 60-Stunden-Job.

Die Ereignisse zeigen eindrucksvoll, welche Auswirkungen ein einzelnes Gerichtsurteil auf Migrationsbewegungen haben kann. Eine rechtliche Differenzierung zwischen Land- und Seeweg genügte offenbar, um innerhalb kürzester Zeit Zehntausende Menschen zur Überquerung der EU-Außengrenze zu bewegen.

Man fühlt sich an den Ukrainekrieg erinnert, wo sogenannte „Saturation Strikes“ die gegnerische Luftabwehr durch schiere Masse überfordern sollen. So ähnlich war es auch hier. Die schiere und plötzliche Masse an Menschen im EU-Raum ist eine deutliche Warnung an die EU.

Wie mir scheint, hat die spanische Polizei nebst Militär das Urteil des Obersten Spanischen Gerichtshofes nicht allzu ernst genommen und anscheinend die Kontrolle über Ceuta zurückgewonnen, ohne dass die 60.000 Marokkaner ein reguläres ausländerrechtliches Verfahren bekommen hätten.

Ceuta ist eine deutliche Warnung an die EU

Die Reaktionen der EU-Länder fielen entsprechend heftig aus. Der sozialistischen Regierung Spaniens wurde vorgeworfen, ihrer Aufgabe zum Schutz der EU-Außengrenzen nicht nachgekommen zu sein. Frankreich und Italien verschärften umgehend ihre Grenzkontrollen. Sogar ein Ausschluss Spaniens aus dem Schengen-Abkommen wurde ins Spiel gebracht. Als ob Schengen nicht ohnehin längst ein weitgehend totes Konstrukt wäre.

Nur Deutschland reagierte wie gewohnt. Bundeskanzler Merz forderte entschlossenes Handeln, ohne allerdings so wirklich zu konkretisieren, wie dieses aussehen sollte.

„Spanien solle seine Kontrolle über Ceuta schnellstmöglich zurückgewinnen. Der Schutz der EU-Außengrenzen sei eine Kernaufgabe aller Mitgliedstaaten. Zugleich begrüßt er die spanische Entscheidung, die Migranten nicht auf das europäische Festland weiterreisen zu lassen, und fordert Marokko auf, seine Staatsangehörigen unverzüglich zurückzunehmen. Außerdem verlangt er eine konsequente Umsetzung der neuen EU-Rückkehrverordnung.“

Fordern und verlangen. Ich glaube nicht, dass wir mit unserem Sozialsystem als Migrationsmagnet Nr.1 von Spanien etwas fordern sollten.

Hätte Merz die Abwahl der sozialistischen Regierung in Spanien verlangt, ich wäre bei ihm gewesen.


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