Samstag, 01. August 2026

Eine Siliziumscheibe mit einer „Flat“ auf 0500
In einem TOP ging es am Donnerstag um eine Firma, die expandieren möchte und dazu in Neumarkt-Sankt Veit ein neues Gebäude kaufen oder anmieten möchte. Bürgermeister Stefan Streck sprach davon, dass sich die Firma mit dem Aufbereiten von Grundmaterialien für die Halbleiterindustrie beschäftige und dafür hochspezialisiert sei. Es gebe weltweit nur noch einen Mitbewerber, der in Florida angesiedelt sei.
Der Name der Firma wurde nicht genannt. Das hat durchaus Sinn, um die Ansiedlung nicht im letzten Moment zu gefährden. Schließlich kämpfen alle Kommunen um den Verbleib ihrer Firmen in ihren Kommunen. Deswegen werde ich den Firmennamen natürlich hier ebenfalls nicht nennen.
Firmenname wird nicht genannt.
Dennoch war natürlich mein Recherche-Kampfgeist geweckt, denn „diese Firma“ muss ja auch einen Namen haben. Und deren Business interessiert mich natürlich. Ein Prompt in ChatGPT wie „Wie heißt die Firma, die in Neumarkt-Sankt Veit Siliziumscheiben aufbereitet?“ brachte kein Ergebnis. Ich musste schon ein wenig in die erweiterte Trickkiste greifen, um herauszubekommen, wie die Firma heißt und wo sie im Moment angesiedelt ist. Entscheidend war letztlich ein eigentlich unbedeutendes Detail in der Stadtratssitzung: Ein DIN-A4-Bild.
Es zeigte diese ominösen Grundmaterialien für die Halbleiterproduktion, wobei daran nichts ominös ist. Es handelt sich um Silizium-Scheiben, die meistens rund sind. Gezeigt wurde aber auch eine viereckige Scheibe.
Die runden Scheiben werden in Reinsträumen durch zylindrische Zucht eines Einkristalls gezüchtet. Daraus ergibt sich die runde Form. Weil es bei „der Firma“ aber nicht um die Produktion, sondern um die Aufbereitung sogenannter Wafer geht, können die Scheiben auch andere Formen annehmen.
Viereckige Scheiben?
Zwei meiner Onkel arbeiteten in dieser Branche. Einer arbeitete in der Entwicklung von Siliziumscheiben, ein anderer Onkel hatte den Job, die produzierten Scheiben zu polieren. Die dazu genutzten Chemikalien könnten ihm einen Lymphdrüsenkrebs eingebracht haben. Noch wahrscheinlicher für die Erkrankung war aber wohl sein früherer Job in einem Bleiwerk. Nach der Diagnose hatte er noch 15 Monate zu leben. Traurige Sache.
Ich erzähle das nur, damit klar ist, woher mein Interesse kommt. Mein Onkel erzählte mir schon vor Jahrzehnten, dass alle Produzenten von Siliziumscheiben (z.B. Spurenmetalle oder Wacker) bei der Entwicklung stets nach Scheiben mit größerem Durchmesser trachteten. Das ist insofern logisch, als dass die Produktion sehr teuer ist. Wenn ich mit gleichen Kosten größere Scheiben produzieren kann, dann verbessert das das Kosten-Nutzen-Verhältnis immens. Und so wurden aus den früheren 100mm-Scheiben der heutige Standard von 300mm-Scheiben. Die werden dann per „Dicing“ zersägt, von der Halbleiterindustrie in Chips umgewandelt und existieren somit nicht mehr. Folglich stellt sich die Frage:
Wafer-Recycling – wie kann das funktionieren?
Die Antwort ist überraschend. Nicht alle Wafer werden am Ende zersägt. In der Halbleiterindustrie werden große Mengen an Wafern ausschließlich für Test- und Entwicklungszwecke verwendet. Bevor eine Produktionsanlage Chips in Serie herstellen kann, müssen Maschinen eingestellt, neue Verfahren erprobt und Produktionsprozesse optimiert werden. Dafür kommen sogenannte Testwafer zum Einsatz.
Nach diesen Tests sind die Wafer zwar mit verschiedenen Schichten, Metallen oder anderen Rückständen versehen, das eigentliche Grundmaterial ist jedoch noch vollständig vorhanden. Genau hier setzt das Geschäftsmodell unserer „Firma“ an. Die gebrauchten Wafer werden gereinigt, alte Schichten entfernt und die Oberfläche mit hochpräzisen chemomechanischen Polierverfahren (CMP) wieder spiegelglatt hergestellt. Anschließend können sie erneut für Entwicklungs- und Testzwecke verwendet werden. Besonders wirtschaftlich ist dieses Verfahren bei sogenannten Verbindungshalbleitern wie Galliumarsenid (GaAs), Indiumphosphid (InP) oder Galliumnitrid (GaN). Diese Materialien sind viel teurer als gewöhnliche Siliziumwafer. Jeder wiederaufbereitete Wafer spart daher erhebliche Kosten und wertvolle Rohstoffe.
Und warum kommt jetzt in all den genannten chemischen Verbindungen der Begriff „Silizium“ nicht vor? Nun, Silizium stößt manchmal an seine technischen Grenzen. Eine Verbindung von Gallium und Arsen (zweiteres ist ein wahres Teufelszeug) hat bei hohen Frequenzen Vorteile. Und wo brauchen wir gleich wieder hohe Frequenzen? Richtig. In unseren Smartphones. Und wo genau? In den Funkmodulen für 5G, WLAN oder Bluetooth.
Leuchtet es ein, dass ein Smartphone niemals in den Restmüll darf?
Die Wafer stammen natürlich nicht aus alten Smartphones oder Computern, sondern direkt von Halbleiterherstellern aus aller Welt. Diese schicken ihre gebrauchten Testwafer zur Wiederaufbereitung an unsere „Firma“, anstatt sie zu entsorgen.
Damit wird auch verständlich, warum sich ein mittelständisches Unternehmen aus unserer Region in einer technologischen Nische weltweit einen Namen machen konnte: Es stellt keine Mikrochips her – sondern sorgt dafür, dass besonders wertvolle Wafer mehrfach genutzt werden können. Das spart Geld, schont Ressourcen und unterstützt die internationale Halbleiterindustrie bei Forschung und Entwicklung.
Fazit: Die „Firma“ darf sehr gern bei uns expandieren.
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