Ministerposten nach dem Überraschungsei-Prinzip

Dienstag, 28. Juli 2026

Carsten Linnemann, der neue Gesundheitsminister

https://twitter.com/JonasToegel/status/2081643921940074984/video/1

Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: Da sucht Bundeskanzler Friedrich Merz einen neuen Verkehrsminister – und der designierte Nachfolger Fritz Güntzler sagt an einem späten Abend zu, am nächsten Morgen um 4:00 Uhr wieder ab und lässt den Kanzler bei seiner anberaumten Pressekonferenz ziemlich dumm dastehen.

Der bisherige Minister Patrick Schnieder bleibt deshalb vorerst im Amt, obwohl seine Ablösung bereits angekündigt worden war. Folgerichtig kündigt schließlich er selbst seinen Rücktritt an, um diesen unwürdigen Vorgang zu beenden.

Fast zeitgleich wird Carsten Linnemann Gesundheitsminister. Ausgerechnet Linnemann, der noch vor gut einem Jahr öffentlich erklärte, er wäre für dieses Amt vermutlich nicht erfolgreich gewesen und fragte, warum ausgerechnet er Gesundheitsminister werden solle – siehe Video. Nun übernimmt er genau dieses Ressort und bittet erst einmal um Einarbeitungszeit.

Carsten Linnemann war für mich immer ein Hoffnungsträger. Ich mag seine Art zu kommunizieren. Aber dieser Schritt wirft einen Schatten auf ihn. Es könnte sein, dass er es politisch nicht mehr für opportun hielt, einen angebotenen Ministerposten ein zweites Mal abzulehnen. Dann muss er das aber auch genau so erklären. Den geflügelten Satz „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“ sollte er jedenfalls nicht auf sich sitzen lassen.

Welchen Eindruck hinterlässt das?

Der eine will den Ministerposten gar nicht erst antreten. Der andere wollte ihn eigentlich nie haben. Das klingt weniger nach einer strategischen Kabinettsbesetzung als nach einer Reise nach Jerusalem, bei der am Ende jeder auf irgendeinem Stuhl landet.

Ein Gesundheitsministerium mit Milliardenbudget, Krankenhausreform, explodierenden Kassenbeiträgen und Ärztemangel ist kein Praktikum. Und das Verkehrsministerium mit maroden Brücken, einer kriselnden Bahn und milliardenschweren Infrastrukturprojekten ist ebenfalls kein Amt, das man nach Belieben ablehnen oder kurzfristig neu besetzen sollte.

Andererseits verstehe ich Politiker, die Positionen innehaben, bei denen sie eher nicht im Rampenlicht stehen und sich deshalb auch nicht täglich den Shitstorms der sozialen Medien aussetzen müssen. Günzler ist Vorsitzender der Arbeitsgruppe Finanzen der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, stellvertretender Landesvorsitzender der CDU Niedersachsen, Mitglied des Kreistags des Landkreises Göttingen sowie Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und Präsident der Steuerberaterkammer Niedersachsen.

Wer derart gut situiert ist, wird sich vermutlich gefragt haben, warum er sich den Stress eines Ministeramtes überhaupt antun soll. Das kann ich irgendwo nachvollziehen. Der fade Beigeschmack bleibt allerdings: Die Berufung zum Bundesminister ist eine der höchsten politischen Ehren in Deutschland. Eine solche Aufgabe lehnt man nicht leichtfertig ab. Linnemann ist dieser Logik nun offenbar – wenn auch zähneknirschend – gefolgt. Günzler hat sie ignoriert.

Regieren sollte den Eindruck vermitteln, dass die besten Köpfe bewusst für die schwierigsten Aufgaben ausgewählt werden. Wenn Ministerposten stattdessen wie Verhandlungsmasse wirken, leidet am Ende vor allem eines: das Vertrauen in die Professionalität der Regierung.


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