Mittwoch 15. April 2026

Es ist eines dieser Spiele, wo man schon vorher das Gefühl haben konnte, dass es ein denkwürdiges Event werden könnte. Was könnte also schöner sein, als dabei zu sein. Habe ich mir auch gedacht und maximale Geduld bewiesen. Denn 24 Stunden vor dem Spiel hatte ich noch kein Ticket. Dann kam der Silberstreif am Horizont: Stehplatzkarte bei den Ultras in der Südkurve, im Unterrang.
Die Vorstellung, mich als alter weißer Mann in dieses Getümmel zu werfen, war ein wenig surreal. Aber ich hätte die Herausforderung wacker angenommen und hatte mich auch schon damit abgefunden. Es gibt aber Landsleute, denen es nicht egal ist, ob man für einen Sitzplatz 100 Euro bezahlt oder für einen Stehplatz nur 20 Euro. Und so wurde aus meinem „Steher“ dann doch noch ein bequemer Sitzplatz im Oberrang. Richtig weh tat es nicht. Aus diversen Transaktionen heraus hatte sich auf paypal ein Guthaben gebildet. So kann man sich die Sache finanziell schönreden…

Dieses Bildchen segelte im Vorfeld in mein Whatsapp hinein. Es gab somit keine Ausreden mehr. Bei der Anzahl der Bayern-Spiele, die ich mir schon anschauen durfte, war es nicht mehr akzeptabel, kein Bayern-Trikot zu besitzen.
Der Besuch des Bayern Stores in München war mandatory.
Ich hatte mich in der Firma zeitig abgemeldet, um mit Freunden in München einen schönen Nachmittag zu haben. Hinzu fahre ich traditionell mit der Bahn, die auf der Strecke Mühldorf – München Ost auch traditionell Verspätung hat. Aber was will die Bahn auch tun, wenn sich 82 Jahre nach dem Krieg der ganze Bahnverkehr Richtung Landeshauptstadt (und zurück) immer noch auf einem Gleis abspielt und die Züge bei jedem etwas größeren Bahnhof aufeinander warten müssen. Die Verzögerungen schaukeln sich zwangsläufig auf. Ich mache der Bahn keine Vorwürfe. Die Mitarbeiter tun ihr bestes.
In München hatte ich Termin im Bayern Store, um für 105 Euro ein Shirt zu kaufen. Auch hier könnte ich sagen. Kein Problem, ich hatte letztens erst ein älteres iPhone im Ebay für 205 Euro verkauft. Das Leben ist ein ständiges Geben und Nehmen. Außerdem halte ich ja nur die Uhr dran, ans Bezahlterminal. Das Bewusstsein, dass ein solcher Bezahlvorgang letztlich Auswirkungen auf den Kontostand hat, verschwindet ein wenig.

Die Stimmung war schon lange vor dem Spiel am kochen, wie das Video zeigt. Nach 37 Sekunden Spielzeit war das ganze Stadion (außer die Real-Fans natürlich) dann aber zunächst sprachlos. Ein Riesenfehlpass von Manuel Neuer brachte die Bayern ins Hintertreffen. In der sechsten Minute folgte dann zum Glück der schnelle Ausgleich. Das Stadion explodierte förmlich, wie bei jedem folgenden Bayern-Treffer.
Im Stadion nimmt die Unart des Rauchens wieder zu, obwohl das untersagt ist. Links neben mir saß ein Spanier, der mich höflich fragte, ob es mich denn stören würde, wenn er raucht. Natürlich tut es das. Hat er akzeptiert. Rechts neben mir saß ein Bayern-Fan, dem mein Einwand aber „sch…egal“ war. Er qualmte. Ich konnte leider nicht viel ausrichten. Der Typ war 1,90m hoch und 120kg schwer. Das nächste Mal nehme ich mir einen Fächer mit, um mir demonstrativ frische Luft zuzufächeln.
Das Spiel ging hin und her. Ein wenig Glück hatten die Bayern bei der gelb-roten Karte für den Madrilenen Eduardo Camavinga in der 86. Minute, beim Stand von 3:2 für Madrid. Der Schiri hatte in dieser Sekunde nicht bedacht, dass er dem eingewechselten Camavinga schon die gelbe Karte gezeigt hatte. Hätte er das auf dem Schirm gehabt, hätte er für dessen kleine Spielverzögerung nicht Gelb gezeigt.
Mit dem Zwischenstand von 3:2 für Madrid wäre es in die Verlängerung gegangen. Bei der Überzahl war ich mir aber plötzlich sehr sicher, dass die Bayern das Spiel mindestens in der Verlängerung drehen werden.
Noch schöner war es natürlich, dass die Sache mit zwei Toren in der regulären Spielzeit erledigt wurde. Das Stadion war außer sich vor Freude, um es mal vorsichtig auszudrücken. Das Spektakel war perfekt.
Nach dem Spiel schaute ich um mich und dachte: Hier liegt ja das Geld quasi auf der Straße. Ich investierte fünf Minuten und sammelte 30 leere Bierbecher ein. Ich empfand die Aufräumaktion als kurzen Schmerz dafür, dass man sich am Ende bei der Abgabe 60 Euro auf die Kreditkarte laden lassen darf. Offensichtlich sah ich auch recht bedürftig aus. Ein paar Fans übergaben mir ihre Becher proaktiv. Ich bedankte mich artig.

Aber nichts im Leben geschieht ohne Hintergedanken. Denn heim ging es über die A9, die A99 und die A94, wo unsere Fahrgemeinschaft in Dorfen beim McDonald’s traditionell immer einen Zwischenstopp einlegt. Da war dann die Kreditkarte wieder zur Stelle und der ganze Einkauf für alle kostenlos. Vielen Dank an alle Zellgift-Konsumenten. Sehr generös von euch, uns ein Essen zu bezahlen.
Bei den Bestellautomaten beim McDonald’s fällt auf, dass man zwar beim Bezahlvorgang eine Spende für die SOS-Kinderdörfer hinzufügen kann, aber kein Trinkgeld für das Personal, dass den Laden bis 0100 in der Früh am Laufen hält. Dieser Umstand fällt mir aber auch erst jetzt beim Schreiben ein, sonst hätte ich denen einen Zehner auf den Tresen gelegt.
Jetzt steigt das Halbfinale gegen Paris St. Germain. Ich bin in vielerlei Hinsicht zuversichtlich.
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