Dienstag, 30. Dezember 2025

Schluss mit Umschlägen, Briefmarken, gelben Kästen und dem Gefühl, dass irgendwo zwischen Absender und Empfänger noch Menschen beteiligt sind. Die Dänen sagen: Das braucht heute keiner mehr. Zu teuer, zu langsam, zu analog. Ein Land klappt den Umschlag zu – ein letztes Mal – und geht weiter.
Deutschland hingegen bleibt gelassen. Warum auch hetzen? Schließlich hat man hier noch ein Ass im Ärmel: das Faxgerät. Dieses technologische Fossil, das irgendwo zwischen Röhrenfernseher und Lochkarte angesiedelt ist, wird in deutschen Behörden bis heute liebevoll gepflegt. Es surrt, piepst und spuckt Papier aus – ein Geräusch wie aus einer Zeit, in der Helmut Kohl noch von „Datenautobahnen“ sprach.
Während in Kopenhagen der Briefkasten zur urbanen Deko erklärt wird, gilt in Berlin das Fax weiterhin als rechtssicher, verbindlich und – ganz wichtig – vertraut. Eine E-Mail? Zu unsicher. Ein Online-Formular? Wer weiß, wo das landet. Aber ein Fax! Das ist wie ein verlässlicher, analoger Handschlag.
Fortschritt, aber bitte behutsam.
Die Ironie ist perfekt: Ein Land verabschiedet sich von der Post, weil es digital ist. Das andere verteidigt ein Übertragungsmedium, das schon in dem Moment veraltet war, als die erste E-Mail verschickt wurde. Digitalisierung auf Deutsch bedeutet eben nicht, das Neue zu nutzen – sondern das Alte möglichst lange für „bewährt“ zu erklären.
Vielleicht liegt darin auch eine gewisse Beruhigung. Wer faxt, hat Zeit. Zeit zum Warten auf den Wählton. Wie schön sich doch anschließend die Melodie der DTMF-Töne anhört. Je nach Nummer immer eine neue Melodie. Dann das Freizeichen, gefolgt vom hörbaren Rauschen, mit dem sich beide Faxe auf eine Übertragungsgeschwindigkeit einigen, möglichst 9.600 Baud. Dann setzt die tolle Mechanik des Papiereinziehens ein. Und am Ende noch ein kleiner Ausdruck des Übertragungsprotokolls, dass man verwaltungstechnisch geübt an das Dokument anheftet, das man grade gefaxt hat. Anschließend lochen und abheften. Und sollte auf der anderen Seite besetzt sein, kann man schnell noch überlegen, ob es nicht doch besser wäre, ein Deckblatt hinzuzufügen. Das nimmt Zeit von der Uhr. Der Feierabend rückt näher.
Und so wird es kommen, wie es kommen muss: In Dänemark wird man eines Tages nostalgisch von Briefen und Bargeld sprechen. In Deutschland werden die Datenschützer erklären, wie man datenschutzkonform vom analogen auf das digitale Fax umstellen kann.
Und eins ist sicher: Wenn irgendwo auf der Welt der letzte Brief verschickt wird, dann wird er definitiv aus Deutschland kommen, nachdem man das Verschicken vorher per Fax angekündigt hat.
Eine Frage hätte ich noch: Wie funktioniert ab jetzt der rechtssichere Austausch von Behördenpost zwischen einer deutschen und einer dänischen Amtsstube? Dafür hat die deutsche Bürokratie ganz sicher ein Dutzend Verordnungen und Durchführungsbestimmungen geschaffen und… ausgedruckt.
Das erste kommerziell nutzbare Fax wurde von Xerox im Jahr 1964 auf den Markt gebracht. Die erste Mail wurde 1971 übertragen. Der Erfinder Ray Tomlinson führte gleichzeitig das @-Zeichen ein, um User und Server voneinander zu trennen. Genial.
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