
Hand aufs Herz. Wer hat sich in seinem Leben schon einmal zwanglos und privat mit einem orthodoxen Juden unterhalten? Kaum jemand? Eben. Wir reden täglich über Israel, über die Juden, über den Krieg gegen die Hamas, aber kaum jemand redet mit ihnen.
Letztens saß ich am frühen Abend an einem ausgesprochen schönen See. In Rufnähe chillte eine jüdisch-orthodoxe Großfamilie. Typisch schwarz-weiße Kleidung. Das Familienoberhaupt (im Bild) trug jetzt nicht den typischen Tzitzit mit den Bändern am Oberhemd, die männlichen Vertreter aber ausnahmslos. Diese Quasten erinnern den Träger an das Gebot in der Tora (Numeri 15,38–41), stets an Gottes Gebote zu denken, wenn man sie sieht.
Ich beobachtete ein wenig die Szenerie. Außer im Aussehen unterschied sich die Familie (drei Generationen) in Nichts von normalen Familien. Sie hörten Musik, sie telefonierten ohne Ende, sie rauchten ihre Zigaretten, sie dattelten auf ihren Tablets. Sie hörten Musik.
Der Boss schaute freundlich drein, sodass ich mich kurzerhand zu ihm gesellte und wir zwanglos über Gott und die Welt sprachen. Die Familie lebt in Antwerpen und war wie wir im Urlaub.
Bei vielen Themen hielt sich mein Gegenüber bedeckt. Zum Israel-Hamas-Krieg wollte er sich überhaupt nicht äußern. Juden und Israel – das seien durchaus zwei verschiedene Dinge, die getrennt zu betrachten seien. Sie hätten als Familie andere Themen. Wums. Während ich zu großer Form auflaufen und das Thema intensiv beleuchten wollte, hatte er das in Deutschland so im Vordergrund stehende Thema mit einem einzigen Satz abgearbeitet.
Einer der jungen Leute erzählte mir, dass er studiert. Ich weiß zwar, dass orthodoxe Juden in Israel ausschließlich die Bibel studieren und sich sonst nicht so stark in die Gesellschaft einbringen, weil sie zum Beispiel den Militärdienst ablehnen. Dass aber auch im Ausland lebende orthodoxe Juden dieses Studium wählen, ist mir nicht recht erklärlich, weil sich mir nicht erschließt, wie man rein mit Bibelwissen in Belgien seinen Lebensunterhalt bestreiten kann.
Fragen in dieser Hinsicht brauchte ich aber nicht zu stellen. Die Familie hätte sich wiederum recht bedeckt gehalten. Ein Blick ins Netz reicht aber aus, um zu verstehen, wie das funktioniert. Die orthodoxen Juden sind Teil eines weltweiten, aber in sich geschlossenen Systems. Die Frauen haben mit eher einfachen Jobs ihr Einkommen und unterstützen den Mann bei seinem lebenslangen „Lernen“. Es gibt professionell organisierte Spendenstrukturen. Und es gibt auch Berufe, die zumindest in moderneren orthodoxen Familien ausgeübt werden, ohne die eigenen Regeln zu verletzen, Beispiele: Lehrer (auch an säkularen Schulen), Anwalt für Religionsrecht, Buchhalter oder Immobilienmakler. In der besagten Familie war das Familien-Oberhaupt ganz offensichtlich auch der finanzielle Mäzen. Er sei im Goldgeschäft tätig (gewesen).
Auch wenn das Gespräch überhaupt nicht tiefgreifend war, gab es doch einen kleinen Einblick in eine völlig fremde Lebensgestaltung.
Ansonsten empfehle ich die Radiosendung „Schalom“ auf Bayern 2, die immer am Freitag von 1505 bis 1520 zu hören ist und auf den jeweils am Freitagabend beginnenden Schabbat einstimmt. Der Tag beginnt bei den Juden nicht um Mitternacht sondern mit dem Sonnenuntergang, weshalb in der Sendung immer die Sonnenuntergangszeiten für die großen bayerischen Städte genannt werden. Michael Strassmann moderiert die Sendung immer mit einem winzig kleinen Augenzwinkern – so mein Gefühl.
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