IT: Familiäre Grundsatzdebatte über ChatGPT

Mittwoch, 16. September 2026

In unserem Haushalt ist eine neue ökologische Grundsatzdebatte ausgebrochen. Verantwortlich dafür ist – wer sonst? – die bessere Hälfte. Sie bemängelt mein Nutzungsverhalten hinsichtlich der Nutzung von ChatGPT. Die KI verbrauche doch extrem viel Strom. Und alles nur deshalb, weil ich zu faul zum Googeln bin. Beide Argumente sind nicht zwingend falsch. ChatGPT sitzt nicht als körperloser Geist in einer Wolke und wartet dort völlig klimaneutral auf meine Fragen. Hinter jeder Antwort stehen Rechenzentren, Prozessoren, Netzwerktechnik und Kühlsysteme.

Ich verwies auf unsere Photovoltaikanlage. Auf unserem Reihenhaus arbeitet schließlich eine Anlage mit 8kWp, unterstützt von einem Speicher mit einer vernünftigen Kapazität. Wir sind ein Zwei-Personen-Haushalt und beziehen seit April praktisch keinen Strom mehr aus dem öffentlichen Netz. Wenn die Anlage an einem sonnigen Tag ein paar Stunden lang 4kW produziert, kann man durchaus argumentieren, dass wenigstens ein paar meiner Gespräche mit ChatGPT ökologisch vertretbar sind. Die Frage steht somit nicht im Raum, ob ich künftig vor jeder Anfrage einen Genehmigungsantrag und anschließend eine Umweltverträglichkeitsprüfung einreichen muss.

Wie viel Strom verbraucht eine ChatGPT-Anfrage?

OpenAI-Chef Sam Altman bezifferte den durchschnittlichen Stromverbrauch einer ChatGPT-Anfrage 2025 mit rund 0,34Wh. Das ist keine göttlich beglaubigte Naturkonstante, zumal OpenAI die vollständige Berechnung nicht veröffentlicht hat. Je nach verwendetem Modell, Länge der Antwort und Rechenaufwand kann der tatsächliche Verbrauch erheblich schwanken. Nehmen wir ein Watt an, weil wir auch die iPhone-Funktionalität mit einrechnen, wenn ich meine Frage nicht in die Tastatur tippe, sondern hineinspreche. Das erhöht die benötigte Rechenleistung des iPhones, was wiederum Strom kostet.

Eine kurze Frage nach der Hauptstadt der Schweiz benötigt natürlich weniger Rechenleistung als die Aufforderung, sämtliche politischen Winkelzüge bei der Wahl eines Ministerpräsidenten in Sachsen-Anhalt verfassungsrechtlich zu untersuchen. Wer zusätzlich Bilder, Videos oder umfangreiche Recherchen erzeugen lässt, benötigt ebenfalls mehr Rechenleistung.

Trotzdem liefert die Zahl eine brauchbare Größenordnung. Auch Google hat für eine durchschnittliche Textanfrage seines KI-Systems Gemini einen Verbrauch von 0,24Wh ermittelt. Wir bewegen uns bei gewöhnlichen Textanfragen also nicht in der Größenordnung eines eingeschalteten Backofens, einer Waschmaschine oder eines elektrischen Heizlüfters. Die einzelne Anfrage ist eher elektrisches Kleingeld.

PV-Anlage versus Rechenzentrum

Wenn unsere PV-Anlage gerade 4kW Leistung liefert, erzeugt sie in einer Stunde 4kWh Strom. In einer Minute sind das rund 66,7Wh und in einer einzigen Sekunde ungefähr 1,11Wh. Nach dem von Sam Altman genannten Durchschnittswert würde die Anlage damit innerhalb einer Sekunde genügend Strom für ungefähr eine ChatGPT-Anfrage erzeugen. Die Nutzung meines iPhones, iPads oder MacBooks während der ChatGPT-Session dürfte mehr Energie benötigen als die eigentliche durchschnittliche Textanfrage. Auch Router, WLAN und Bildschirm wollen versorgt werden. Nicht nur die künstliche Intelligenz ist stromhungrig. Auch die reale Intelligenz kommt nicht ohne Ladegerät bzw. Netzteil aus.

Fließt mein Solarstrom tatsächlich zu ChatGPT?

Leider führt von unserem Dach kein eigens verlegtes Verlängerungskabel zum nächsten OpenAI-Rechenzentrum. Der Solarstrom aus Neumarkt-Sankt Veit reist auch nicht mit einem kleinen Anhänger durch das Internet, auf dem „Nur für Michaels nächste Anfrage“ steht. Ich kann somit OpenAI nicht direkt unterstützen.

Trotzdem ist meine Rechnung ökologisch nicht völlig daneben. Eingespeister Solarstrom erhöht den Anteil erneuerbarer Energie im öffentlichen Netz und kann zeitgleich Strom aus anderen Quellen verdrängen. Unsere Anlage gleicht den Energieverbrauch von ChatGPT nicht unmittelbar aus. Sie trägt aber insgesamt dazu bei, dass mehr sauber erzeugter Strom zur Verfügung steht. Für den ökologischen Fußabdruck ist die Jahresbetrachtung aussagekräftiger als die triumphale Feststellung, seit April keine Kilowattstunde mehr gekauft zu haben, was ja auch nicht wirklich stimmt. Für die Synchronisation fließen immer so um die 3 Watt.

Die bessere Hälfte hat trotzdem einen Punkt

Eine einzelne ChatGPT-Anfrage verbraucht wenig Strom. Milliarden Anfragen, das Training immer größerer KI-Modelle und der Bau zusätzlicher Rechenzentren ergeben jedoch einen enormen Gesamtbedarf, bis hin zu Firmen wie – Achtung Insider – Reclaim III/V. Die Internationale Energieagentur geht davon aus, dass sich der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren bis 2030 ungefähr verdoppeln könnte. Dann würden Rechenzentren knapp 3% des weltweiten Stromverbrauchs beanspruchen.

Das ist nicht nichts. Es ist aber auch nicht ausschließlich ChatGPT. In Rechenzentren laufen Suchmaschinen, Videoplattformen, Cloudspeicher, soziale Netzwerke, Streamingdienste, Unternehmenssoftware und praktisch alles andere, was wir inzwischen für unverzichtbar halten. Wer ChatGPT wegen seines Stromverbrauchs abschalten möchte, sollte konsequenterweise auch über stundenlanges Videostreaming, automatisch startende Werbefilme und Milliarden weitgehend nutzloser Katzenvideos reden.

Merkwürdigerweise endet die ökologische Aufregung häufig genau dort, wo das eigene Abendprogramm beginnt.

Fazit: ChatGPT darf bleiben, weil unsere Stromnutzung und der geringe Netzbezug ökologisch gut vertretbar sind.


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