Donnerstag, 27. August 2026
Als ich gestern das erste Video dieser Sturzflut sah, war mein erster Gedanke: Das werden Tausende sein, vielleicht sogar 10.000 Tote. Nicht weil ich plötzlich zum Katastrophenforscher mutiert wäre, sondern weil man auf diesen Aufnahmen innerhalb weniger Sekunden begreift, welche Gewalt dort durch das Tal geschossen ist.
Die Zahlen verändern sich praktisch stündlich. Am Donnerstagabend sprechen internationale Medien von mehreren Hundert bestätigten Todesopfern und weit mehr als 1.000 Vermissten auf beiden Seiten der Grenze. Reuters meldete zuletzt mindestens 359 Tote und nahezu 1.000 Vermisste, andere Quellen nennen noch höhere Zahlen. Und man muss sich die Geografie anschauen, um zu verstehen, warum diese Katastrophe derartige Ausmaße angenommen hat.
Ein Tal wird zur Todesfalle
Das Unglück ereignete sich ganz im Norden Nepals, unmittelbar an der Grenze zur chinesischen „Autonomen Region“ Tibet. Den Begriff der „autonomen Region“ Tibet hörte ich vorhin in den Nachrichten und konnte es nicht glauben, dass die ARD diese Begrifflichkeit verwendet. An Tibet ist nichts autonom. Tibet wird von China kulturell vollständig plattgemacht. Die Welt schaut zu und überlässt die tibetischen Menschen ihrem Schicksal.
Jedenfalls zwängen sich Flüsse durch extrem steile Täler des Himalaja. Der Lhende Khola mündet in den Bhote Koshi, dieser wiederum in den Trishuli. Das Wasser hat also eine natürliche Rennstrecke bergab. Nur leider keine Auslaufzone. Die Flut schoss durch einen engen Korridor mit Siedlungen, Straßen, Brücken und Grenzanlagen. Der Wasserstand des Trishuli soll stellenweise innerhalb von nur 30 Minuten um bis zu neun Meter gestiegen sein. Bei einer normalen Überschwemmung steigt ein Fluss. Hier kam etwas völlig anderes.
Eine gnadenlose Wasserwand
Schlamm, Felsbrocken, Eis, Bäume, Autos, ganze Brücken und Gebäudetrümmer, die diese Masse unterwegs mitnahm. Alles wurde Teil der Welle. Die Topografie des engen Tales konzentrierte die Energie zusätzlich. Experten sprechen von Geschwindigkeiten der Flut von möglicherweise rund 140km/h.
Wer diese Videos gesehen hat, versteht auch, warum mich die ersten damals genannten Opferzahlen irritiert haben. Da war zunächst von neun Toten die Rede. Dann von 22. Dann von über 150. Inzwischen sind es Hunderte.
Was ist dort eigentlich passiert?
Mittlerweile deutet alles darauf hin, dass ein gewaltiger Abbruch von Eis und Gestein im Hochgebirge die Katastrophe ausgelöst haben dürfte. Die Erschütterungen waren so stark, dass sie zunächst sogar für ein Erdbeben gehalten wurden. Nach Einschätzung des US Geological Survey handelte es sich jedoch um das seismische Signal eines gewaltigen Gletscher- beziehungsweise Bergsturzes. Der Klimawandel lässt grüßen.
Nepalesische Fachleute gehen nach derzeitigem Stand davon aus, dass Eis und Geröll einen Fluss blockiert haben könnten. Dahinter staute sich Wasser zu einem provisorischen See. Irgendwann hielt dieser natürliche Damm nicht mehr.
Eine andere Theorie ist, dass der Sturz von Fels und Gletschereis eine solche Energie entwickelte, dass das Gletschereis in kürzester Zeit schmolz, um dann auf dem Weg ins Tal alles mitzunehmen.
Ich erinnere mich an einen ähnlichen Fall in Burghausen, wo nach schweren Regenfällen oben in Ach ein See entstanden war, der dann durchbrach und auf dem Weg in die Salzach alles mitnahm, was im Wege stand. Die Mure war schrecklich anzuschauen. Ich finde aber keinen Bericht mehr darüber. Ich kann nicht mal mehr das Jahr bestimmen.
Satellitenbilder, die Nepal von chinesischer Seite erhielt, sollen eine Blockade etwa 20km oberhalb der Miteri-Brücke gezeigt haben. Das erklärt auch die unglaubliche Geschwindigkeit der Katastrophe. Ein Fluss wird nicht einfach ein bisschen voller. Ein natürlicher Damm bricht und Millionen Tonnen Wasser, Schlamm und Geröll machen sich gleichzeitig auf den Weg ins Tal.
Und dann ist da China
Genau an dieser Stelle wird die Geschichte politisch heikel. Denn die Flut kam aus Richtung Tibet über die Grenze nach Nepal. Nach einer technischen Auswertung nepalesischer Behörden wurde um 9:05 Uhr bekannt, dass eine gewaltige Flutwelle aus Tibet in den Bhote Koshi eingedrungen war. Wenige Minuten später wurden Warn-SMS verschickt. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Katastrophe aber längst begonnen. Nepalesische Medien berichten inzwischen offen über die Frage, warum es keine rechtzeitige grenzüberschreitende Warnung gab. Die nepalesischen Behörden erfuhren offenbar erst von der Gefahr, als die Flut praktisch schon vor der Haustür stand. Und genau deshalb gibt es Verdachtsmomente und Vorwürfe gegenüber China. Nicht, weil bisher bewiesen wäre, dass China diese Katastrophe verursacht hätte. Dafür gibt es derzeit keinen belastbaren Beleg. Aber weil sich eine ziemlich unangenehme Frage stellt:
Was wussten die chinesischen Behörden und wann wussten sie es?
China weist den Vorwurf zurück, Nepal nicht rechtzeitig gewarnt zu haben. Die chinesische Botschaft bezeichnet entsprechende Behauptungen ausdrücklich als falsch. Warum eigentlich glaube ich chinesischen Behörden kein einziges Wort?
Ebenso muss man aber erwähnen, dass Nepal und China unmittelbar nach der Katastrophe vereinbart haben, meteorologische Informationen künftig auszutauschen und Nepal bei Risiken auf chinesischer Seite unverzüglich zu informieren. Eine solche Vereinbarung wirkt nach einer Katastrophe natürlich ein wenig wie die Installation eines Rauchmelders, nachdem das Haus abgebrannt ist. Nepalesische Parteien fordern inzwischen außerdem ein gemeinsames Überwachungssystem für die gefährlichen Gletscherseen auf tibetischer Seite. Da kann man aber auch eher draufkommen.
Die Katastrophe kam aus dem Hochgebirge
Besonders bedrückend finde ich, wie wenig Zeit den Menschen offenbar blieb. Um 8:37 Uhr wurde ein seismisches Ereignis registriert. Um 8:50 Uhr fiel bereits eine Messstation in Nepal aus. Kurz danach war die Flut da. Mehr als 600.000 Warn-SMS wurden zwar noch verschickt, aber für viele Menschen im oberen Tal kamen sie schlicht zu spät. Man sieht es auf den Videos. Menschen laufen. Hinter ihnen kommt keine Welle, wie wir sie von einem über die Ufer tretenden Fluss kennen. Dort bewegt sich praktisch die gesamte Landschaft. Und dann verschwinden Häuser.
Der Himalaja wird gefährlicher
Noch etwas gehört zu dieser Geschichte, auch wenn es wieder diejenigen geben wird, die beim Wort Klimawandel vorsorglich geistig den Rollladen herunterlassen. Der Himalaja verändert sich. Gletscher ziehen sich zurück, Permafrost taut auf, Felswände verlieren Stabilität und auf sowie vor den Gletschern entstehen Seen, die von vergleichsweise instabilen natürlichen Barrieren gehalten werden. Wissenschaftler warnen seit Jahren vor sogenannten Glacial Lake Outburst Floods. Ausgerechnet erst im Juni 2026 erschien eine wissenschaftliche Untersuchung über gewaltige Ausbrüche von Gletscherseen an der chinesisch-nepalesischen Grenze. Die Forscher untersuchten zwei außergewöhnliche Ereignisse des Jahres 2025. Ein Jahr später sehen wir diese Bilder.
Und irgendwo fehlen jetzt ganze Familien
Bei all den Erklärungen über Gletscher, Gerölllawinen, chinesisch-nepalesische Frühwarnsysteme und Fließgeschwindigkeiten darf man eines nicht vergessen: Da unten haben Menschen gelebt. Sie saßen beim Frühstück. Sie arbeiteten. Touristen waren unterwegs. Pilger wollten zum heiligen Berg Kailash. Polizisten standen an der Grenze. Familien lebten seit Generationen in diesen Tälern. Dann kam diese Wand. Innerhalb weniger Minuten wurden Häuser, Straßen und Brücken weggerissen. Menschen wurden kilometerweit mitgerissen oder unter meterhohen Schlamm- und Geröllmassen begraben. Viele von ihnen werden niemals gefunden werden. Wenn der Schlamm einmal ausgehärtet ist, ist er hart wie Beton. Ich habe schon viele Bilder von Naturkatastrophen gesehen. Aber dieses erste Video aus Nepal hat mich wirklich erschüttert. Weil man sofort sieht, dass man gegen eine solche Gewalt keine Chance hat. Und weil mein erster Gedanke leider richtig gewesen sein könnte:
Das werden Tausende. Was für ein Elend. Es wird sogar eine zweite Flut befürchtet. Ich frage mich nur, warum man das nicht mit Satelliten zweifelsfrei feststellen kann. Man muss doch mit Satellitenbildern erkennen können, ob ein Fluss unnatürlich angestaut wird.
Und ich verschwende meine Zeit damit, darüber nachzudenken, ob ein Preis von 7,30 Euro für ein kleines Kastenbrot – heute gekauft in Mühldorf – gerechtfertigt ist. Angesichts der Tragik in Nepal ist das relativ borniert, oder?
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