Montag, 15. Juni 2026

Schon wieder hat sich Deutschlands Ober-Ökonom an die Arbeit gemacht. Diesmal hat er es auf die Teilzeitquote bei Frauen abgesehen. Wirtschaftlich bleibe ein riesiges Potenzial ungenutzt.
Arbeitslose, Bürgergeldempfänger, Migranten, Zuwanderer.
Früher hatte Fratzscher diese Personengruppen wenigstens noch im Blick. Nun aber sollen es ausgerechnet die Frauen richten. Für ihn ist es nicht vorstellbar und nicht akzeptabel, dass die Familien ihre eigenen Lebensmodelle haben und ihn das eigentlich gar nichts angeht.
„Eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen wäre außerdem das effektivste und beste Instrument, um das gesetzliche Rentensystem in Deutschland über die nächsten 15 bis 20 Jahre zu stabilisieren.“
Sagt er so und begründet es nicht. Wenn jemand gar nicht arbeitet, bekommt er keine Rente. Wer wenig arbeitet, bekommt wenig Rente und wenn jemand viel und lange arbeitet, bekommt er eine höhere Rente. Was ändert sich für das System? Nichts. Alle Beitragszahler von heute sind die Rentenempfänger von morgen. Das hat sogar die Regierung verstanden und denkt nicht einmal darüber nach, Deutschlands Beamte in das Rentensystem zu integrieren. Fratzscher möchte die strukturellen Probleme zeitlich somit nur verschieben. Mehr Beitragszahler jetzt, wie wir das mit den Rentenzahlungen in 30 Jahren machen, das überlegen wir uns dann mal, wenn es so weit ist. Oder wie?
„Kalkulationen einer EU-Behörde, wonach mehr Gleichstellung von Frauen das Bruttoinlandsprodukt europaweit bis 2050 um bis zu 10 Prozent erhöhen könnte, bezeichnete Fratzscher als realistische Größenordnung.„
Man definiere ‚Gleichstellung‘. Was bedeutet das? Pay-Gap schließen? Das kann es eher nicht sein. Dadurch würde ja keine Schraube mehr produziert. Das Kinderkriegen können wir den Frauen leider nicht abnehmen. Damit ist der Karriereknick unausweichlich da.
Lässt sich in KI-Zeiten, Zeiten von kriegerischen Auseinandersetzungen, Klimaerwärmung, in Zeiten des industriellen Abstiegs Deutschlands in den nächsten 24 Jahren überhaupt mehr Arbeit für Frauen schaffen? Wenn ich mir die Entwicklung der Arbeitslosenquote so anschauen, habe ich da leichte Zweifel. Deutschland hat inzwischen gleichzeitig:
- knapp 3 Millionen Arbeitslose,
- über 600.000 gemeldete offene Stellen,
- Fachkräftemangel, besonders im Handwerk
Wo hätten wir hier Millionen Arbeitsplätze, die von Frauen in Vollzeit besetzt werden könnten? Deutschland hat ca. 22 Millionen erwerbstätige Frauen, von denen rund 11 Millionen in Teilzeit sind. Diese Zahl verschweigt uns Fratzscher. Die Zahl von rund 11 Millionen Frauen in Teilzeit zeigt zwar das theoretische Potenzial, macht aber zugleich deutlich, wie unrealistisch die Vorstellung ist, einen großen Teil dieser Beschäftigten kurzfristig in Vollzeit zu bringen.
„Hürden für Frauen auf dem Jobmarkt seien unter anderem unzureichende Kinderbetreuung in Kitas und Schulen, geringe finanzielle Anreize wegen Ehegattensplitting.„
Hat Fratzscher eigentlich das Ehegattensplitting nicht verstanden? Muss ich das immer und immer wieder erklären? Die Einkommen beider Ehepartner werden zunächst zusammengerechnet. Anschließend wird die Summe halbiert. Für diese Hälfte wird die Einkommensteuer berechnet. Das Ergebnis wird dann verdoppelt. Dadurch wird die Steuer so berechnet, als würden beide Partner exakt gleich viel verdienen.
Das Ehegattensplitting ist somit das fairste Instrument, das das deutsche Steuersystem jemals hervorgebracht hat. Daran zu rütteln und dies auch noch als Begründung für die Teilzeitquote heranzuziehen, ist viel zu weit hergeholt. Ich kenne keine einzige Studie, die beweisen würde, dass das Ehegattensplitting der Grund für die hohe Teilzeitquote von Frauen ist.
Nur wer die Familie als kleinste Keimzelle der Gesellschaft geringschätzt bzw. für wertlos hält, kann auf die Idee kommen, das Splitting abzuschaffen.
Kostenlose Mitversicherung von Ehepartnern bei der Krankenkasse als Hemmschuh
In dieser Beziehung hat er natürlich einen Punkt. Er vermeidet aber, uns zu erklären, wie er die Abschaffung technisch umsetzen würde. Das kann er auch nicht. Sonst wäre er ja vielleicht in die Politik gegangen. Er bleibt aber lieber bei seinen Ratschlägen von außen.
Gesundheitsministerin Warken wollte ursprünglich 3,5% des Bruttolohns des Ehemannes als Versicherungsbeitrag für die Ehefrau heranziehen. Jetzt sind es wohl nur 2,5%. Und selbst das wird vom Bundesrat als „reine Sparpolitik“ abgetan. Natürlich ist das Sparpolitik. Was hatte sich der Bundesrat denn sonst vorgestellt. Es geht in den finanziell schweren Zeiten nur noch um das Sparen und um gar nichts anderes. Das hat so mancher Politiker noch nicht verstanden und würde gern weiter fröhlich Geld verteilen.
Die Ausnahmeregelungen sind schon wieder viel zu weit gefasst. Paare mit Kindern unter sieben Jahren, Familien, die ein behindertes Kind betreuen, pflegende Angehörige sowie Paare im Rentenalter sind ausgenommen. Das hört sich alles sehr sozial an. Und ich wäre der letzte Mensch, der es all diesen Personengruppen nicht gönnen würde, wenn es die Kassenlage denn hergibt. Das tut sie aber nicht.
Mein Grundsatz ist, dass jeder, der versichert sein möchte, auch einen Beitrag dafür zahlen muss. Anders kann eine Versicherung niemals vernünftig funktionieren. Härtefälle müssen über andere Elemente des Sozialstaates geregelt werden.
„Minijobs sind für Frauen eine Falle.“
Warum das eine Falle sein soll, wird nicht erklärt. Aber wir können ja helfen. Bei Minijobs zahlt der Arbeitgeber 15% des Bruttogehaltes in die Rentenversicherung. Die Differenz zum gesetzlichen Prozentsatz von 18,6% kann der Arbeitnehmer aus eigener Tasche bezahlen. Mit Minijobs lässt sich keine vernünftige Rente aufbauen. Man erwirbt so etwa 0,17 Rentenpunkte für ein Jahr Minijob. Das sind sieben Euro Rente. Was ist daran aber bitteschön die Falle? Spätestens in dem Moment, in dem eine Minijobber die Entscheidung treffen muss, die 3,6% selbst zu zahlen, bzw. sich befreien zu lassen, muss er sich mit den Auswirkungen seines Handelns beschäftigen. Minijobber wissen somit, was rententechnisch auf sie zukommt.
Die Vergangenheit zeigt, dass viele wirtschaftspolitische Empfehlungen Fratzschers kritisch hinterfragt werden sollten. Wer seinen Vorschlägen folgt, sollte sich immer auch die Gegenposition ansehen.
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