Samstag, 30. Oktober 2021, Trauerrede für Papa.

Liebe Mama, liebe Viola, sehr geehrter Herr Pfarrer, liebe Bekannte, liebe Verwandte, liebe Trauergäste,

Niemand geht so ganz. Das ist ein Spruch, der sicherlich bei vielen Trauerfeiern zu hören ist und auch auf unseren Papa zutrifft. Aber was hat ihn gekennzeichnet? Was hat ihn ausgezeichnet? Was hat ihn einmalig gemacht? An was werden wir uns erinnern?

Die normalen gesellschaftlichen Maßstäbe dürfen wir bei der Frage, was denn von unserem Papa bei uns bleibt, nicht anlegen. Denn: Unser Papa hat sich nie politisch engagiert. Er war in keinem Verein organisiert. Er hat nie ein Buch geschrieben. Er ist nicht im Internet zu finden und hat schon gar keinen Wikipedia-Eintrag. Das Urteil auf den sozialen Plattformen wäre schnell klar: Unscheinbar, eher unwichtig, Kapitel schließen, Buch zuklappen, die Welt dreht sich weiter.

Wir als Familie jedoch sagen: Vorsicht, bis hierher und nicht weiter, denn die Medaille hat zwei Seiten. Unser Blick auf dich, Papa, ist ein anderer.

Ich erinnere an deine Rechtschaffenheit. Eine Zahlungserinnerung oder Mahnung kanntest du nicht. Flatterte mittags eine Rechnung ins Haus, war sie am Nachmittag bezahlt. Schulden waren dir suspekt. Du warst immer der Meinung, dass man Geld, das man ausgeben möchte, vorher verdient haben muss.

Ich erinnere an deine Ehrlichkeit. Du hast dir dein Leben so eingerichtet, dass selbst die kleinste Notlüge überflüssig war. Ich erinnere an deinen Fleiß, der sich in deiner ersten Lebenshälfte eher nicht auszahlte, dafür aber in der zweiten. Ausdruck dafür ist dein gepflegter Garten, den du mit Leidenschaft hegtest und pflegtest, während wir anderen ja keine Ahnung hatten… von Ackerbau und Viehzucht. Unter anderen Umständen wärest du zeitlebens ein perfekter Großgrundbesitzer gewesen. Aber Viola und David werden versuchen, deine großen Fußstapfen auszufüllen, um dein gärtnerisches Vermächtnis fortzuführen.

Ich erinnere an deine Großzügigkeit. Denn deine Sparsamkeit, die ab und an irritierte, war nur oberflächlich und richtete sich nur gegen dich selbst. Wir wissen, wie großzügig du in Wirklichkeit sein konntest. Deinen geflügelten Satz „Ich habe alles, nur kein Geld“ nahm dir schon lange keiner mehr ab, und du musstest auch selbst darüber schmunzeln.

Wir erinnern an deine Höflichkeit. Ich kann mich nicht erinnern, von dir in den letzten 50 Jahren jemals ein Schimpfwort gehört zu haben. Auch bei Meinungsverschiedenheiten wurdest du nie laut. Missgunst, Neid, üble Nachrede – Fehlanzeige.

Eine Kirche kanntest du im Wesentlichen nur auf Grund touristischer Aktivitäten. Und dennoch lebtest du wie ein Christ und hieltest die zehn Gebote vorbildlich ein. Das tatest du unbewusst und einfach deshalb, weil es deiner Lebenslogik und deinem Selbstverständnis entsprach.

Viola und ich, wir erinnern uns daran, wie du uns immer beim Fußballspielen zugeschaut hast. Du bist bei so vielen Heim- und Auswärtsspielen dabei gewesen und hast uns die Daumen gedrückt.

Wir erinnern uns auch daran, wie du uns allen das Skatspielen beigebracht hast. Wir lernten das Reizen und das Schnibbeln, und wenn jemand fragte, woher man denn wissen soll, was der andere für Spielkarten in der Hand hat, dann antwortetest du: Musst du riechen. Jedenfalls waren die Skatabende mit unseren Onkeln und Cousins legendär.

Ich erinnere mich daran, dass ich schon vor der Schule Schachspielen konnte und da auch einige Erfolge hatte. Das waren auch deine Erfolge. Du hast es mir beigebracht.

Wir sind dankbar, dass du eine so lange Zeit so sorglos dein Leben genießen durftest. In der letzten Zeit, als Patient, ertrugst du deine Schmerzen ohne viel Aufhebens, ohne Hysterie, stattdessen aber mit einer bemerkenswerten inneren Ruhe und Würde, und ohne jeden Anflug von Panik. Damit hast du uns das Abschiednehmen erleichtert.

Wir sind dankbar, dass deine Leidenszeit eine relativ kurze war. Und so friedlich, wie du mit allen Menschen zusammengelebt hast, so friedlich bist du eingeschlafen. Wir verabschieden uns heute von dir als einem Menschen, der aus unserer Erinnerung nicht wegzudenken sein wird. Und all die vorgenannten Punkte sind die Talente, mit denen du in unseren Herzen bleibst.

Heute. Morgen. Und für immer.

Danke, Papa.

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