Samstag, 31. Oktober 2026

Es ist bewundernswert, mit welcher Konsequenz die Bundesregierung Reformen anpackt. Noch im Sommer wollte Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) beim Elterngeld kräftig sparen. Statt 14 Monaten sollte es künftig nur noch zwölf Monate geben. Prien nun aber zum Thema:
„Wir haben uns darauf verständigt, das Elterngeld strukturell weiterzuentwickeln.“
Auf Deutsch: Wir sind vor den Sozis eingeknickt. Somit folgt, wie so oft, die Rolle rückwärts: Die 14 Monate bleiben. Und damit nicht genug: Der Mindestbetrag soll von 300 auf 330 Euro steigen, der Höchstbetrag von 1.800 auf 1.900 Euro. Auch die Berechnung wird verändert. In den jeweils vier für Mutter und Vater reservierten Monaten soll es künftig 80 % statt bisher in der Regel 65 % des maßgeblichen Nettoeinkommens geben, in den übrigen Monaten dagegen nur noch 50 %. Die Bundesregierung nennt das Reform. Ich nenne das die vollkommene Symbiose aus Reformunwilligkeit und Reformunfähigkeit.
Besonders bemerkenswert: Familienministerin Prien bestreitet, dass es sich um eine Rolle rückwärts handelt. Verstanden. Wenn man erst falsch nach links abbiegt, anschließend falsch wendet und schließlich falsch nach rechts fährt, ist das in Berlin eine konsequente Fortsetzung des eingeschlagenen Weges.
Der Lacher des Tages: Der Verwaltungsaufwand soll reduziert werden, sodass das Elterngeld schneller bei den Eltern ankommt.
Allein 2025 zahlten wir Steuerzahler rund sieben Milliarden Euro Elterngeld. Eine unglaubliche sozialpolitische Fehlleistung. Warum?
Die derzeitige Einkommensgrenze liegt bei 175.000 Euro zu versteuerndem Jahreseinkommen, sowohl für Paare als auch für Alleinerziehende. Maßgeblich ist dabei das Einkommen im Kalenderjahr vor der Geburt. Die Höhe des Elterngeldes wiederum orientiert sich am individuellen Nettoeinkommen vor der Geburt beziehungsweise am wegfallenden Erwerbseinkommen. Zwei unterschiedliche Einkommensbegriffe für ein und dieselbe Sozialleistung. Man gönnt sich ja sonst nichts.
Welches junge Paar, das jahrelang ein zu versteuerndes Jahreseinkommen von 170.000 Euro erzielt hat und sich dann für sein erstes Kind entscheidet, wäre tatsächlich auf Elterngeld angewiesen?
Andersherum können es sich Familien mit einem erheblich geringeren Verdienst sicherlich oft gar nicht leisten, auf 35 % beziehungsweise künftig in den reservierten Monaten auf 20 % ihres bisherigen Nettoeinkommens zu verzichten. In den übrigen Monaten würde der Einkommensverlust sogar auf 50 % steigen, sofern man die jeweiligen Prozentsätze zugrunde legt und die gesetzlichen Höchstbeträge außer Acht lässt. Ich erinnere an die Geschichte mit den leeren Heizöltanks.
Meine Einschätzung: Das Elterngeld bis zum letzten Euro auszunutzen, können sich vor allem diejenigen leisten, die finanziell ohnehin gut aufgestellt sind.
Ich verstehe ohnehin nicht, warum man eine solche Sozialleistung am Nettoeinkommen festmachen muss. Reduziert das den Verwaltungsaufwand? Von wegen. Vielmehr berechnet die Elterngeldstelle ein eigenes, sogenanntes Elterngeld-Netto. Der Amtsschimmel wiehert vor Freude.
Bei angestellten Müttern werden grundsätzlich die zwölf Kalendermonate vor Beginn des Mutterschutzes betrachtet, bei angestellten Vätern normalerweise die zwölf Monate vor der Geburt. Bei Selbstständigen gelten andere Bemessungszeiträume. Reduzierter Verwaltungsaufwand? Selten so gelacht.
Wer noch Lust hat, sich damit zu beschäftigen, ob es überhaupt möglich ist, mit staatlichen Programmen die Geburtenziffer zu erhöhen, kann einen Blick auf die internationalen Statistiken werfen. Meine Einschätzung: Staatliche Programme erzeugen erhebliche Mitnahmeeffekte, während ihre langfristige Wirkung auf die Geburtenzahlen überschaubar bleibt. Das Ergebnis des milliardenschweren Geldregens? Ernüchternd. Aber lesen Sie selbst.
Elterngeld und Geburtenrate: Kann der Staat sich mehr Kinder erkaufen?
Seit dem 1. Januar 2007 gibt es in Deutschland das Elterngeld. Dahinter stand unter anderem die politische Hoffnung, jungen Menschen die Entscheidung für Kinder zu erleichtern, insbesondere gut ausgebildeten und berufstätigen Frauen.
Knapp 20 Jahre später fällt die demografische Bilanz ernüchternd aus. Im Jahr 2025 wurden in Deutschland nur noch 654.241 Kinder geboren, so wenige wie seit 1946 nicht mehr. Die Geburtenziffer lag bei 1,32 Kindern je Frau. Im Jahr 2016 hatte sie immerhin noch 1,60 betragen.
Auch 2026 sieht es bisher nicht nach einer Trendwende aus: Von Januar bis Juli wurden rund 376.000 Kinder geboren, nochmals 1,4 % weniger als im Vorjahreszeitraum.
Daraus allein lässt sich allerdings nicht schließen, dass das Elterngeld wirkungslos ist. Vielleicht wäre die Geburtenrate ohne diese Leistung sogar noch niedriger. Nur lässt sich eben auch nicht behaupten, dass ein milliardenschweres Förderprogramm automatisch für mehr Nachwuchs sorgt.
Frankreich: Mehr Kinder dank umfassender Familienförderung?
Frankreich gehört seit Jahrzehnten zu den Ländern Europas mit vergleichsweise hohen Geburtenziffern. Der Staat setzt nicht ausschließlich auf direkte Geldzahlungen, sondern auch auf Kinderbetreuung, Vorschulangebote und Unterstützung für Familien mit mehreren Kindern.
Doch selbst Frankreich erlebt einen deutlichen Rückgang. Während die Geburtenziffer 2010 noch bei ungefähr 2,0 lag, waren es 2025 nur noch 1,56 Kinder je Frau. Das ist immer noch mehr als in Deutschland, aber keineswegs ausreichend, um langfristig ohne Zuwanderung die Bevölkerungszahl stabil zu halten.
Schweden und Dänemark: Großzügige Elternzeit ist keine Geburten-Garantie
Die skandinavischen Länder gelten als Vorbilder, weil sie bezahlte Elternzeit mit einem gut ausgebauten Betreuungsangebot verbinden. Eltern können dort Erwerbstätigkeit und Kinderbetreuung vergleichsweise gut miteinander vereinbaren.
Trotzdem lagen Schweden und Dänemark 2024 nur bei ungefähr 1,43 beziehungsweise 1,47 Kindern je Frau. Besonders deutlich ist die Entwicklung in Schweden: 2015 lag die Geburtenziffer noch bei ungefähr 1,85.
Das zeigt: Selbst eine über Jahrzehnte entwickelte Familienpolitik kann einen allgemeinen Geburtenrückgang nicht zwangsläufig aufhalten.
Ungarn: Finanzielle Anreize mit begrenzter Wirkung
Ungarn ist für diesen Vergleich besonders interessant. Die Regierung hat die finanziellen Anreize für Familien erheblich ausgebaut, darunter Steuervergünstigungen, geförderte Kredite und Hilfen beim Immobilienerwerb.
Zunächst stieg die Geburtenziffer tatsächlich: von ungefähr 1,3 Anfang der 2010er-Jahre auf 1,63 im Jahr 2021. Anschließend ging sie wieder zurück, auf 1,41 im Jahr 2024.
Offenbar lässt sich die Entscheidung für Kinder nicht dauerhaft mit Steuervergünstigungen und günstigen Immobilienkrediten erkaufen.
Polen: Geld allein macht noch keine größeren Familien
Auch Polen hat mit seinem 2016 eingeführten Kindergeldprogramm „500+“, das später auf 800 Złoty erhöht wurde, erhebliche finanzielle Anreize geschaffen.
Dennoch sank die Geburtenziffer von 1,48 im Jahr 2017 auf nur noch 1,14 im Jahr 2024.
Mehr Geld für Familien bedeutet also keineswegs automatisch mehr Kinder. Eine Erkenntnis, die in politischen Haushaltsdebatten offenbar nur schwer zu vermitteln ist.
Südkorea: Wenn selbst massive staatliche Unterstützung nicht reicht
Ein besonders extremes Beispiel liefert Südkorea. Trotz umfangreicher staatlicher Programme zur Familienförderung lag die Geburtenziffer 2023 bei gerade einmal 0,72 Kindern je Frau. Im Jahr 2025 erholte sie sich auf 0,80, blieb damit aber auf einem international außergewöhnlich niedrigen Niveau.
Hohe Wohnkosten, berufliche Belastungen und Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie spielen dort eine wichtige Rolle.
Südkorea zeigt besonders eindrucksvoll, dass staatliche Förderprogramme an ihre Grenzen stoßen, wenn die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht stimmen.
Was sagt die Wissenschaft über die Wirkung des Elterngeldes?
Eine Untersuchung der Forscher Martin Bujard und Jasmin Passet zur deutschen Elterngeldreform von 2007 ergab, dass sich die Einkommenssituation von Familien mit kleinen Kindern verbessert hatte, besonders deutlich bei akademisch ausgebildeten Eltern.
Bei der Entscheidung für ein zweites Kind ließ sich für die Gesamtbevölkerung allerdings kein allgemeiner Reformeffekt nachweisen. Positive Hinweise fanden die Forscher insbesondere bei Akademikerinnen zwischen 35 und 44 Jahren, die zuvor aufgeschobene Geburten nachholten.
Eine weitere Untersuchung von Kamila Cygan-Rehm zeigte, dass die Reform teilweise den zeitlichen Abstand zwischen Geburten veränderte. Bei Müttern mit niedrigen Einkommen gab es sogar negative Effekte auf weitere Geburten.
Die Forschung zeichnet damit ein wesentlich differenzierteres Bild als die politischen Ankündigungen. Das Elterngeld kann Einkommen absichern und bestimmte Familien bei der Entscheidung für weitere Kinder unterstützen. Eine allgemeine und dauerhafte Steigerung der Geburtenziffer lässt sich daraus jedoch nicht ableiten.
Was lässt sich daraus für Deutschland ableiten?
Der in der deutschen Elterngelddebatte gerne verdrängte Aspekt: Die Politik diskutiert darüber, ob Eltern für einige Monate 100 Euro mehr bekommen sollen, während die finanziellen und organisatorischen Herausforderungen der anschließenden rund 18 Jahre sehr viel größer sein können.
Bezahlbarer Wohnraum, verlässliche Kinderbetreuung, sichere Arbeitsplätze und eine funktionierende Bildungsinfrastruktur dürften für die langfristige Familienplanung viel entscheidender sein als ein paar Monate staatlicher Einkommensersatz.
Vielleicht sollte sich die Bundesregierung deshalb weniger damit beschäftigen, wie man das Elterngeld möglichst kompliziert umverteilt, und mehr damit, warum junge Menschen trotz jahrzehntelanger Familienförderung immer weniger Kinder bekommen.
Die Antwort darauf liegt in der Historie. Die eigene Pflege im Alter ergab sich früher durch viele eigene Kinder wie von selbst. Die Kinder teilten sich in die Pflegearbeit. Heute wird vollumfänglich nach dem Staat gerufen, der diesen Anspruch – wider besseren Wissens – über Jahrzehnte auch befriedigte, sich das alles aber nicht mehr leisten kann.
Das Familienministerium verspricht trotz höherer Elterngeldbeträge und unveränderter maximaler Bezugsdauer Einsparungen von jährlich rund 1,3 Milliarden Euro ab 2030. Wie diese Einsparungen im Einzelnen zustande kommen sollen, bleibt vorerst offen. Besonders bemerkenswert: Eine Reform, die ursprünglich Ausgaben reduzieren sollte, wird nun mit höheren Leistungen beworben und soll trotzdem Milliarden sparen. Auf die belastbare Rechnung dürfen wir Steuerzahler gespannt sein.
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