Dienstag, 06. Oktober 2026

Frankreich erlebt grade eine Welle der Gewalt, die als Schülerproteste ursprünglich tatsächlich von Schülern ausging. Was inzwischen auf den Straßen zahlreicher französischer Städte geschieht, lässt sich mit dem freundlichen Etikett „Schülerproteste“ aber nicht mehr beschreiben. Schulen werden angezündet, Polizisten und Lehrer angegriffen, Feuerwerkskörper und Molotowcocktails eingesetzt, Einsatzfahrzeuge zerstört. Frankreich diskutiert längst über „urbane Gewalt“. In Teilen der deutschen Berichterstattung hält man dagegen am pädagogisch beruhigenden Begriff des Schülerprotests fest. Und wir ahnen es. Ganz vorn dabei? Die Linken. Die französischen Linken mobilisieren und machen sich das Thema zu eigen.
Mehr als 5.000 Festnahmen
Die Dimensionen sind enorm. Seit Beginn der Eskalation wurden mehr als 5.000 Menschen festgenommen. Etwa 85% der Festgenommenen sind minderjährig, nach Angaben der französischen Behörden handelte es sich bei vielen tatsächlich um Schüler. Gleichzeitig stellte Innenminister Laurent Nuñez ausdrücklich klar, dass nicht jeder Festgenommene Schüler der jeweiligen Schule war. An zahlreichen Orten mischten sich externe Gruppen unter die Protestierenden. Allein am 1. Oktober wurden 1.949 Menschen festgenommen. Am folgenden Tag waren es weitere 1.747. Inzwischen stehen rund 1.800 Beteiligte vor einer Strafverfolgung. Das hat mit einer etwas temperamentvoll geratenen Klassensprecherwahl ungefähr so viel zu tun, wie wenn ich Autos anzünden würde und mit dem Effekt der Verkehrsberuhigung argumentieren würde.
Hunderte Verletzte
Besonders erschreckend ist die Zahl der Verletzten. Nach dem aktuellen Stand wurden rund 650 Sicherheitskräfte verletzt. Hinzu kommen etwa 190 verletzte Schüler und 78 Beschäftigte des Bildungswesens. Zwei Polizisten wurden in Paris und Belfort von Gruppen zusammengeschlagen. In Marseille soll ein 15-Jähriger einen Passanten mithilfe eines Aerosols angezündet haben. Diverse Videos auf X bestätigen das mehr oder weniger. Die Gewalt ist unfassbar. Ein 15-Jähriger verlor am 5. Oktober in Lens eine Hand und einen Teil des Unterarms, nachdem er eine Polizeigranate aufheben wollte, die auf der Straße rumlag. Was man halt als Gymnasiast so macht, wenn man neugierig ist. Ein 14-Jähriger erlitt einen doppelten Kieferbruch, ein weiterer Jugendlicher verlor möglicherweise durch ein Gummigeschoss das Sehvermögen auf einem Auge. Seltsam, dass diese drei Fälle herausgestellt werden, während man bei den 650 Sicherheitskräften nicht so genau ins Detail geht. Passiert halt. Berufsrisiko.
Schäden in zweistelliger Millionenhöhe
Auch die Sachschäden haben längst Dimensionen erreicht, bei denen der Begriff „Schulblockade“ fast niedlich wirkt. Mehrere französische Regionen sprechen bereits von Schäden in Höhe mehrerer zehn Millionen Euro. Allein die Region Île-de-France bezifferte ihre Schäden zunächst auf rund sieben Millionen Euro, Occitanie auf weitere drei Millionen Euro. In Pays de la Loire wurden bereits mindestens zwei Millionen Euro genannt. Schulgebäude wurden in Brand gesetzt, Tore und Eingangsbereiche zerstört. In Nantes brannte das Lycée Nelson-Mandela so schwer, dass der Unterricht zunächst auf Remote umgestellt werden musste. Dort sollen mobile Gruppen mehrere Brandanschläge auf Schulen versucht haben. In Marseille wurde ein Fahrzeug der Feuerwehr geplündert und angezündet, während Feuerwehrleute einen Brand löschen wollten. Ein Feuerwehrmann wurde verletzt. Man kennt sie, die Franzosen und die, die in Frankreich leben, mit dem Land aber nichts anfangen können und wollen. Sie lieben es, Zeug zu verbrennen.
Schüler protestieren – aber andere nutzen die Lage
Die Proteste begannen Mitte September in Créteil im Großraum Paris. Schüler beklagen Unterrichtsausfälle, fehlende Lehrer, überfüllte Klassen, marode Gebäude und Probleme mit dem französischen Hochschulzulassungssystem Parcoursup. Diese Probleme sind real. Der Protest entstand zunächst tatsächlich an Schulen. Und wenn ich so an Deutschland denke, dann würde ich mal beten und hoffen, dass die Bewegung nicht mit den gleichen Begründungen herüberschwappt. Inzwischen berichten französische Sicherheitsbehörden von einer zweiten Entwicklung. Gruppen Jugendlicher aus „sozial schwierigen Stadtvierteln“ schlossen sich den Aktionen an. Darunter befinden sich sowohl Schüler als auch Jugendliche, die mit den betroffenen Schulen überhaupt nichts zu tun haben. Hinzu kommen gewaltbereite Gruppen sowie politische Aktivisten aus dem linksradikalen Umfeld. Französische Nachrichtendienste streiten derzeit sogar darüber, wie groß der Einfluss von „La France insoumise“ und anderer linksradikaler Strukturen auf die Bewegung tatsächlich ist. Da gibt es nichts zu streiten. Da bilden die Linken mit Protestierenden sehr gern eine proletarische Kampfgruppe. Aus einem Schulprotest ist damit eine klassische französische Gemengelage aus sozialem Protest, Banlieue-Jugend, politischen Aktivisten, Krawalltouristen und ein paar tatsächlichen Schülern geworden.
Und die Araber?
In zahlreichen Bildern aus Saint-Denis, Créteil und anderen Vorstädten sind auffällig viele Jugendliche mit nordafrikanischem oder arabischem Familienhintergrund zu sehen. Das überrascht angesichts der Bevölkerungsstruktur dieser Viertel nicht sonderlich. Die französischen Proteste entstanden schließlich gerade in sozial schwachen Vorstädten wie Seine-Saint-Denis. Eine belastbare Aufschlüsselung der über 5.000 Festgenommenen nach arabischer, afrikanischer oder europäischer Abstammung liegt nicht vor. Auch die französischen Sicherheitsbehörden sprechen bislang eher von Jugendlichen aus den „quartiers“, externen Gruppen, gewaltbereiten Minderheiten und teilweise linksradikalen Aktivisten. Frankreich erhebt aus historischen und verfassungsrechtlichen Gründen kaum Statistiken nach ethnischer Herkunft. Rentiert sich nicht. Jeder weiß, dass die Franzosen eine bunte Ethien-Mischung sind. Interessanterweise wird die ethnische Dimension in Frankreich selbst durchaus diskutiert. Bei einer Kundgebung in Saint-Denis beklagte beispielsweise ein Schüler, wonach auf der einen Seite weiße Demonstranten und auf der anderen Seite schwarze und arabische Randalierer stünden. Tja, die Geister, die ich rief…
Kann so etwas auch Deutschland treffen?
Die Voraussetzungen für ähnliche Eskalationen existieren auch hier. Jugendliche können über TikTok, Snapchat, Instagram oder Messenger innerhalb weniger Stunden mobilisiert werden und zu praktisch nicht mehr zu kontrollierenden Massen anschwellen, siehe Silvesterausschreitungen. Der entscheidende Punkt ist die gefährliche Mischung aus ethnischer Herkunft, Parallelgesellschaften, mittelalterlichen Religionen, sozialer Perspektivlosigkeit, Gruppenidentität, geringer Hemmschwelle gegenüber staatlichen Institutionen, fehlende Akzeptanz gegenüber der Polizei und der Überzeugung, bei entsprechender Gruppengröße könne einem persönlich ohnehin wenig passieren.
Dark times ahead.
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