Tierschutz: Nicht-Veganer sind verantwortlich

Donnerstag, 13. August 2026

Schwarz gekleidete Menschen stehen mitten zwischen Reisenden, teilweise mit den bekannten Guy-Fawkes-Masken vor dem Gesicht. Vor dem Körper halten sie große Bildschirme, auf denen Aufnahmen aus der Tierhaltung und Schlachtung oder Ähnliches gezeigt werden.

Das Foto ist aus dem Frankfurter Hauptbahnhof, vom letzten Wochenende. Darauf ist die Botschaft „Nicht-Veganer sind verantwortlich“ zu lesen. Leicht übertrieben, wie ich finde. Als Vegetarier lastet auf mir eher keine Verantwortung. Durch die Masken schauen die Aktivisten etwas unnahbar aus. Sieht so wirksame Überzeugungsarbeit aus. Ich glaube nicht.

Der „Cube of Truth“

Die Inszenierung erinnert sehr stark an den sogenannten „Cube of Truth“. Bekannt gemacht wurde diese Aktionsform insbesondere durch die internationale Tierrechtsorganisation Anonymous for the Voiceless.

Aktivisten sprechen Passanten an und diskutieren mit ihnen über Tierhaltung, Fleischkonsum und Veganismus. Dafür bin ich grundsätzlich zu haben. Ich halte aber Veganismus für übertrieben. Um diese Welt zu heilen, müssten wir Schritt 1 vor Schritt 5 machen. Schritt 1 wäre, den Fleischkonsum wieder zu etwas Besonderem zu machen. In der „DDR“-Mangelwirtschaft gab es nur am Sonntag Fleisch, obwohl wir zu den Begnadeten gehörte, die freien Zugang zu Fleisch hatten. Rouladen, Klöße und Rotkraut – das war der Standard.

Schritt 2 wäre dann, sich vegetarisch zu ernähren. Der Weg zum Veganismus wäre Schritt 3 bis 5. Das ist in Deutschland aber nicht zu machen. So drastisch muss da auch nicht sein.

Anonymous for the Voiceless beschreibt den „Cube of Truth“ selbst als friedliche Form des Straßenaktivismus. Die maskierten Teilnehmer sollen schweigen und möglichst regungslos stehen. Die Organisation gibt sogar detailliert vor, wie eine solche Aktion abzulaufen hat.

Mit der Hacker- bzw. Aktivistengruppe „Anonymous“ hat die Organisation trotz der Guy-Fawkes-Masken übrigens nichts zu tun.

In Deutschland gibt es noch eine zweite Organisation

Etwas komplizierter wird die Sache dadurch, dass in Deutschland eine weitere Organisation mit sehr ähnlichen Aktionen auftritt: Activists for the Victims e.V.

Der Verein erklärt auf seiner Internetseite, dass er sich gegen die „Ausbeutung von Tieren“ und gegen den sogenannten Speziesismus wendet. Der Schwerpunkt liege auf Aufklärungsarbeit und persönlichen Gesprächen mit Passanten. Ziel sei letztlich eine vegane Lebensweise. Den Begriff Speziesismus kannte ich nicht. Diese Web-Seite kam mir somit gerade richtig.

Es gibt Probleme, von denen wusste ich bis heute nicht einmal, dass wir sie haben. Zum Glück gibt es PETA. Die Tierrechtsorganisation hat nämlich eine weitere bislang offenbar sträflich vernachlässigte Baustelle unserer Gesellschaft entdeckt: Redewendungen zum Nachteil von Tieren.

Wer bislang glaubte, er könne morgens einigermaßen gefahrlos das Haus verlassen und im Laufe des Tages zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, den Stier bei den Hörnern packen oder irgendwann die Katze aus dem Sack lassen, sollte jetzt ganz stark sein. Denn das ist… Ausbeutung von Tieren.

PETA erklärt nämlich, unsere Sprache sei von Redewendungen durchzogen, die Gewalt gegen Tiere verherrlichten. Dahinter stecke „Speziesismus“, also nach dem Verständnis der Organisation eine Diskriminierung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Spezies. Wer das „System der Tierausbeutung“ nicht unterstützen wolle, solle deshalb auch seine Sprache überdenken. Besonders hart trifft es einen Klassiker der deutschen Sprache:

Zwei Fliegen mit einer Klappe? Auf keinen Fall.

Man könnte jetzt einwenden, dass beim Aussprechen dieses Satzes üblicherweise überhaupt keine Fliege ums Leben kommt. Die Tiere erfahren davon nicht einmal und können somit auch nicht beleidigt werden. Und so viele Fliegen gibt es leider auch nicht mehr. Das reicht PETA aber nicht. Die Organisation fragt, warum es eigentlich eine gute Nachricht sein sollte, zwei Lebewesen zu erschlagen, und präsentiert gleich die tierfreundliche Alternative:

„Zwei Erbsen auf eine Gabel laden.“

Kein Witz. Das steht da wirklich. Ich stelle mir gerade die nächste Projektbesprechung vor: „Chef, ich habe gleichzeitig das Serverproblem gelöst und den Kunden zurückgerufen.“ Chef: „Perfekt, da haben Sie ja zwei Erbsen auf eine Gabel geladen!“ Kurzes Schweigen meinerseits. Hat er heute Morgen seine Medikamente verwechselt?

Finger weg auch von den Hörnern. Der Stier darf nicht mehr bei den Hörnern gepackt werden. PETA hält es für ethisch nicht vertretbar, den gewaltsamen Umgang mit Tieren derart selbstverständlich in die Alltagssprache einzubauen. Als Ersatz schlägt die Organisation vor, eine Aufgabe „so furchtlos wie eine Kuhmutter“ anzugehen. Dann machen wir das eben.

Die Katze darf ebenfalls nicht mehr aus dem Sack

Besonders gefährliches sprachliches Terrain betreten wir bei der Katze. Die Organisation argumentiert, solche Formulierungen erzeugten das Bild einer wehrlosen Katze in einem Sack, wodurch Formen der Tierquälerei normalisiert würden. Aber: Rettung naht in Form einer Pizza. Peta schlägt folgende Alternative vor. Wir könnten ab sofort „die vegane Calzone aufschneiden“.

„Chef, nun schneid endlich die vegane Calzone auf. Wer bekommt die Gehaltserhöhung?“

Ich bin sicher: Diese Redewendung wird sich durchsetzen.

Auch das Hühnchen wird nicht mehr gerupft

Wer mit seinem Nachbarn noch ein Hühnchen zu rupfen hat, sollte ebenfalls umdenken. PETA schlägt als konventionelle Alternative immerhin das völlig normale „eine Rechnung offen haben“ vor. Doch es geht noch kreativer: „Mit jemandem Weinblätter zu rollen haben.“

Denn Weinblätter zu rollen dauere schließlich ebenfalls lange und biete damit ausreichend Gelegenheit für Gespräche. Ich sehe schon die Schlagzeile vor mir: Merz hat mit Söder noch einige Weinblätter zu rollen. Die politische Berichterstattung wäre sofort friedlicher. Und irgendwie mediterraner.

Der Fisch darf wieder ins Wasser

Auch „wie ein Fisch auf dem Trockenen sitzen“ sollte nach Vorstellung von PETA besser verschwinden. Schließlich fühle sich ein echter Fisch außerhalb des Wassers nicht nur lediglich unwohl, sondern ersticke. Die vorgeschlagene Alternative ist hier erfreulich unkompliziert:„sich unwohl fühlen“ oder „hilflos sein“. Andererseits gibt es im Moment keine bessere Metapher, als auf austrocknende Flüsse hinzuweisen.

Das funktioniert zwar sprachlich, hat allerdings einen kleinen Nachteil: Wir könnten dann konsequenterweise gleich sämtliche Metaphern abschaffen und einfach nur noch exakt beschreiben, was wir meinen.

„Mir fällt ein Stein vom Herzen“?

Vorsicht. Steine haben dort nichts verloren.

„Da liegt der Hund begraben“?

Anzeige ist raus.

„Perlen vor die Säue werfen“?

Diskriminierung intelligenter Schweine.

„Da wird der Hund in der Pfanne verrückt“?

Darüber möchte ich gar nicht erst nachdenken, denn:

Ich habe schon Pferde vor der Apotheke kotzen sehen.


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1 Kommentar zu „Tierschutz: Nicht-Veganer sind verantwortlich“

  1. Romanus Johann Kraft

    Da muß ich die Pferdebesitzerin jetzt aber ganz schwer in Schutz nehmen. Sie kommt jedesmal nach dem Ausritt vorbei und sammelt die Äpfel vor der Apotheke oder sonstwo wieder auf.

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