Donnerstag, 08. Januar 2026

https://www.sueddeutsche.de/meinung/internet-klarnamenpflicht-social-media-kommentar-li.3360905
Eigentlich dachte ich, dass es unter Vernunftbegabten bei der Klarnamenpflicht keine zwei Meinungen geben kann. Natürlich muss eine Klarnamenpflicht rigoros durchgesetzt werden. Eine Meinung wird ja nicht dadurch schlechter, nur weil man weiß, von wem sie kommt. Am wenigsten hätte ich geglaubt, dass ausgerechnet ein Kommentator der SZ erklärt, dass eine Klarnamenpflicht übel für die Demokratie wäre und diese…
„Weltfremd“
…findet. Wenn das so ist, dann bin ich aber sehr gern weltfremd.
Lehrer wöllten schließlich nicht, dass Schülerinnen und Schüler sie online finden. Seltsames Argument. Als ob es eine Pflicht gäbe, an den sozialen Medien teilzunehmen. Außerdem können wir aus Rücksicht auf die Lehrer Hass und Hetze im Internet nicht einfach anonym weiterlaufen lassen.
Das Internet vergesse nun mal nichts. Es wäre doch doof, wenn man sich bei jeder kleinen Regung im Internet mit vollem Namen outen müsste. Kleine Regung? Der Mann von der SZ hat offensichtlich noch nie einen Shitstorm abbekommen. Es gibt auf X keine „kleine Regung“. X ist verbaler Krieg, durchzogen von allen staatlichen und privaten Akteuren auf diesem Erdball, die man sich nur vorstellen kann. Man definiere folglich, was eine „kleine Regung“ ist.
Klarnamenspflicht sei nur für öffentliche Figuren gut. Und man sollte ja auch nicht vergessen, dass berufstätige Menschen einen Chef haben, der mitliest. Und ich sage, dass ich die eigene Zivilcourage höher ansetze als die Angst um meinen Arbeitsplatz. Was gesagt werden muss, sollte auch gesagt werden dürfen. Seine Meinung zu sagen, sollte keinen Mut erfordern müssen, sondern den eigenen Stolz wecken.
„Eine Pflicht zum Outing würde sehr viel kaputt machen“
Jetzt war ich aber ganz gespannt, was da wohl kaputtgehen könnte. Aber die Antwort kommt nicht mehr. Der Kommentator vergleicht noch die Klarnamenpflicht mit dem Vermummungsverbot, obwohl der Vergleich ja nun wirklich hinkt.
Wer an einer Demo teilnehme, der müsse sich ja nun kein Namensschild umhängen oder sich vor einer Demo auf einer staatlichen Plattform registrieren. Meine Erwiderung: Mit der Software Palantir braucht es keine Namenschilder und auch keine Registrierung mehr. Die Welt hat „Namensschilder“ bereits weit hinter sich gelassen.
Man könne ja mit einem Allerweltsnamen auch bei einer Klarnamenspflicht einigermaßen anonym posten. Echt jetzt? Hier hat jemand den Sinn von sozialen Medien nicht verstanden. Es geht ja gerade darum, bekannt zu werden, seine Meinungen in die Welt zu pusten und eben nicht anonym zu bleiben. Ich habe noch nie einen Kommentar gelesen, bei dem im Kleingedruckten stand: Bitte nicht lesen, ich möchte anonym bleiben.
Der Artikel endet abrupt und lässt und mit der Materie allein.
Die technischen Möglichkeiten, sich auf sozialen Plattformen zu identifizieren, sind längst da, siehe z.B. die Nutzung der Ausweis-App. Noch besser wäre allerdings eine weltweite Zertifizierungsstelle, verknüpft mit biometrischen Daten wie einer Gesichtserkennung, mit der ich mich im Internet auf allen Plattformen und Kanälen ebenso authentifiziere wie im Supermarkt, wo die Kassen zugunsten intelligenter Einkaufwagen ganz abgeschafft werden könnten. Schon beim Einschichten von Ware werden die Preise automatisch gescannt, mir diese in der VR-Brille angezeigt und die Werte schon einmal addiert. Beim Rausgehen hat die Brille meine Iris längst gescannt, weiß somit, welche Kreditkarte ich hinterlegt habe und hat die Abbuchung vorbereitet. Vorher kommt die finale Frage der Brille, ob ich meinen Kauf abschließen möchte. „Zur Bestätigung schließen sie kurz ihr linkes Auge“. Als Quittierung öffnet sich die Ausgangstür, und die Sache ist erledigt.
Ja, so könnte es in Zukunft laufen.
Zurück zum Thema. Mit Klarnamenpflicht wären Fake-Accounts Vergangenheit. Klarnamen sind wie eine Diskussion von Angesicht zu Angesicht. Sie stärken die demokratischen Umgangsformen. Bliebe noch die Frage, was wir mit autokratisch geführten Ländern machen, in denen den Menschen Gefängnis droht, wenn sie sich systemkritisch äußern. Da müsste man – wohl oder übel – Pseudonyme erlauben, die ich für User in der westlichen Welt aber nicht zulassen würde.
Ich sehe für uns Europäer bei einer Klarnamenpflicht keine Einschränkung von Demokratie oder Freiheitsrechten. Ich selbst habe mir angewöhnt, auf X keine Kommentare auf anonymen Profilen abzugeben. Und wenn es mir noch so stark in den Fingern juckt.
Als Schlusspunkt des heutigen Blogs kopiere ich einen der 104 Kommentare zu diesem ärgerlichen SZ-Kommentar, der die Mehrheitsmeinung aller Kommentatoren am besten auf den Punkt bringt:
„Die Anonymität nützt denjenigen, die mit der Demokratie nichts anfangen können, und Freiraum für das Ausleben antidemokratischer Vernichtungsimpulse brauchen. Gerade weil es das Internet in seiner aktuellen Form gibt, trauen sich viele Menschen nicht mehr, offen ihre Meinung zu nennen. Die Notwendigkeit, den eigenen Namen zu verbergen, entsteht erst durch die ungehemmte Wucht, die ein anonymes Internet entfalten kann. Das klarnamen-freie Internet fördert die Meinungsfreiheit nicht, es vernichtet sie.„
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