Die SZ über Stuttgart: Isch vorbei

Samstag, 27. Dezember 2025

https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/stuttgart-porsche-bosch-auto-mercedes-benz-verbrenner-aus-e182401

Man sieht schon am ersten Satz im SZ-Beitrag, dass die drei Kommentatoren eine leichte Freude dabei empfinden, über den Niedergang der deutschen Automobilindustrie zu schreiben:

In Stuttgart haben sie Jahrzehnte bestens davon gelebt, teure Autos zusammenzuschrauben.

So richtig in die Welt hinausposaunen wollten sie ihren Bericht dann aber auch wieder nicht. Er verharrt hinter einer Bezahlschranke.

Nun, jedenfalls sprechen die SZ-Kommentatoren nicht etwa von Design, von Entwicklung, von hochwertigen Produkten, von daraus resultierendem Wohlstand, sondern von Schraubern, so als hätte man teure Autos zusammengeschustert und dabei den Zeitgeist vollständig ausgeblendet.

Fundamentalkritiker würden jetzt – falls sie sich ein SZ-Abo leisten würden – behaupten, dass hier der typische und gewünschte Haltungsjournalismus offen zutage tritt, weil sich die Meinung ganz und gar mit der des Baden-Württembergischen Landesverkehrsministers Winfried Herrmann deckt, der in der Schwäbsichen wie folgt zitiert wurde:

„Verlagerung von Arbeitsplätzen schmerzt mich nicht.“

Herrmann sah sich daraufhin erheblich kritisiert, deshalb genötigt, zu seiner eigenen Aussage Stellung zu beziehen und relativierte dann wie folgt:

“Es tut nicht, oder besser, weniger weh, wenn Arbeitsplätze wegfallen und dafür Jobs für neue Produktionselemente entstehen.

Die Aussage stammt schon aus dem April 2025. Herrmann ist seit 2011 im Amt. Irgendwer in BW übersieht seit 14 Jahren, ihn aus der Position zu entfernen. Der, der es tun müsste, hat die Situation ein wenig besser verstanden. Der Ministerpräsident Winfried Kretschmann findet:

„Wir sind in einer dramatischen Situation.“

Die Angst geht um, zu Detroit 2.0 zu werden. Aber hat man das nicht alles genau so gewollt? Die Menschen wollten eine grüne Regierung. Man hat sie auch immer wieder gewählt. Die Menschen wussten somit, was auf sie zukommt und sagen nun: “Isch vorbei”. Lustiger wird es heute nicht mehr.

Die SZ-Kommentatoren zählen – leicht sarkastisch – auf, wie bei Mercedes und Bosch gigantische Arbeitsplatzabbauprogramme in Gang gesetzt werden.

Den Verbrennermotor hätte “ein gewisser Gottfried Daimler” in einem Gartenhaus erfunden. Aus Sicht “gewisser” SZ-Kommentatoren war das wohl ein historischer Fehler.

Hätten damals nicht ein paar vermummte Linksradikale einfach das Gartenhaus abfackeln können?

Anschließend lassen die SZler den Stuttgarter Oberbürgermeister von pünktlichen Zügen in China schwärmen. Dort würden die Menschen 48 Stunden pro Woche arbeiten. Da könne man sich was abschauen.

Tatsächlich möchte ich mir von China überhaupt gar nichts abschauen. Jeder Verweis auf China ist völlig fehl am Platze. Das Leben eines Durchschnittschinesen in einem totalitären Staat will keiner von uns führen.

Die Verklärung der Verhältnisse in China gehört aber leider zu den woken Entwicklungen in unserem Land, das seit Jahren Tibet nicht mehr thematisiert. Nicht von Interesse, nicht einmal mehr eine Randnotiz wert. Tibet wurde absichtlich auf dem Altar dem schnöden Mammon geopfert. Wir sprechen über den Zwang, wirtschaftlich auf Gedeih und Verderb von China abhängig zu sein. Wir reden über die Perversität, sich nicht mehr trauen zu dürfen, Menschenrechtsthemen in China ansprechen zu dürfen.

Die Woken sprechen über die Verteidigung “unserer Demokratie” und verschließen die Augen, wenn es um China geht. Das nennt man Doppelmoral.

Doppelmoral par excellence

Der Sarkasmus nimmt fröhlich seinen Lauf, wenn die Kommentatoren erwähnen, dass die Menschen verzweifelt seien, jedoch nur wegen der langen Schlangen am Glühweinstand.

Das deckt sich mit meiner gebetsmühlenartig vorgetragenen Sicht der Dinge: Noch ist der persönliche Wohlstand vollständig abgekoppelt von der Deindustrialisierung Deutschlands. Doch wird sich das ändern. Bis dahin sollten wir die Begriffe “Wohlstandsverzicht” und “Wohlstandsverlust” in unseren Wortschatz aufnehmen.

Die Boschler demonstrieren jedoch lieber gegen Stellenabbau und das Management. Zusammenhänge mit Politik und Gesellschaft sehen sie nicht.

Letztlich kratzt der Bericht der an der Oberfläche. Die SZ belässt es beim “Niedergang der Autoindustrie”, ohne in die Ursachenforschung abzutauchen.

Natürlich bleiben aber die Warnungen vor der AfD nicht aus, die sich schon in Stellung bringe. Ja, was soll die Partei denn sonst tun, wenn eine Landtagswahl ansteht?

Jetzt kommt doch noch ein Satz, in dem sich die SZ und ich einig sind:

„Am liebsten wäre es den Stuttgartern, dass alles so bleibt, wie es einmal war.“

Tja, da hättet ihr die Grünen ernster nehmen müssen, denn wir kennen den Satz von Katrin Göring-Eckardt aus dem Jahr 2015:

“Unser Land wird sich ändern, und zwar drastisch.”

Ihr wackeren Württemberger: Nun freuet euch und jubilieret. Wanket und verzaget nicht. Cem Özdemir, der Heilsbringer, ist nahe.


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