
Wenn Sozis ein Problem angehen möchten, dann geht das nur mit einer neuen Behörde. Arbeitsministerin Bärbel Bas dazu:
„Mit einer digitalen Fachkräfteagentur werden wir hier für mehr Tempo und weniger Bürokratie sorgen“
Sinn ist es wohl, Fachkräfte nach Deutschland zu bringen und an der deutschen Bürokratie vorbei in die Arbeitswelt zu integrieren. Könnte das gemäß dem Motto „Reagiert die Welt auf Deutschland stur, schaffe ich eine neue Agentur.“ klappen? Nein. Wie ich schon mehrmals ausführte, ist Deutschland als Arbeitsort zunehmend uninteressant geworden. Machen wir es an der IT fest und spinnen den Faden von gestern fort. Es gibt überhaupt keine Begründung dafür, warum IT-Fachkräfte nach Deutschland kommen wollen. Sie können in Dubai innerhalb eines Tages ein Unternehmen gründen, loslegen und als Subcontractor für jedes Unternehmen der Welt arbeiten.
USA und Dubai, aber nicht Deutschland
Was sind überhaupt die großen deutschen Software-Giganten? SAP, Datev, Software AG, Nemetschek, Teamviewer, PSI und Celonis. Nur die ersten fünf kenne ich. Das war’s. In den USA zeigt die Liste der SW-Giganten schon beim ersten Google-Treffer 21 Groß-Unternehmen. Deutschland ist vollständig unattraktiv geworden. Deshalb kann Deutschland der Palantir-Software, die ich gestern unter die Lupe nahm, nichts entgegensetzen. Beim US-Konzern Microsoft werden für Spitzen-IT-Kräfte Jahresgrundgehälter von 400.000 Dollar gezahlt, plus Bonus, plus Aktienpaket, siehe golem.de.
Und dann kommt Deutschland mit einer Sozialabgabenquote von 42%, und Sozialsystemen, die vor dem Kollaps stehen, und kaputter Infrastruktur. Vergesst es. Da kommt niemand.
Ungarn ist attraktiver als Deutschland.
Diese ganzen Zusammenhänge versteht die Arbeitsministerin nicht. Sie versteht auch nicht, dass es mit der Bundesanstalt für Arbeit bereits eine Behörde mit 113.000 Mitarbeitern gibt, womit die BfA die größte Bundesbehörde ist. Und jetzt brauchen wir eine weitere Arbeitsbehörde? Das ist nicht Ihr/ihr Ernst, oder?
Kann man wenigstens annehmen, dass die Mitarbeiter der neuen Behörde die 400 neuen Büros im Erweiterungsbau des Bundeskanzleramtes beziehen? Ach, von wegen. Das Bundeskanzleramt macht wegen gestiegener Anforderungen einen „deutlichen Aufwuchs des Personalkörpers“ geltend. Auch im zusätzlich und „solitär zu errichtenden Post- und Logistikgebäude“ dürfte für die Beamten der neuen „Work-And-Stay-Agentur“ kein Platz sein.
Bundeskanzleramt hat keinen Platz für die neue Agentur…
Letztens habe ich die BfA-Chefin Andrea Nahles bei einem Statement gehört. „Man müsse mal gucken“ und „in die Gänge kommen“. Da ist ja schon das verwendete Deutsch das Programm für Erfolglosigkeit. Tatsächlich kommt die Behörde auf sechs erfolgreiche Vermittlungen pro Mitarbeiter. Ineffizienter geht nicht. Arbeitsministerin Bas hat scheinbar keine Hoffnung, die BfA auf Erfolg trimmen zu können und erfindet lieber eine neue Behörde, als eine erfolglose Behörde abzuschaffen.
„Es geht darum, bürokratische Hürden einzureißen“
Schön, dass ich das auf WeLT lesen konnte. Denn ich hatte heute noch nicht gelacht. Jetzt war es so weit. Wir wollen eine Behörde aufbauen, die bürokratische Hürden einreißen will? Das wird nicht gelingen, weil das eine (Behörde) dem anderen (Hürden abbauen) im Wege steht.
In Sachen Migration präsentiere ich den Offenbarungseid:
„Weil aber die Erwerbsmigration aus wichtigen Einwanderungsländern – insbesondere aus Süd- und Osteuropa – langsam versiegt, ist die Bundesregierung fieberhaft auf der Suche nach Alternativen.“
Ganz vorndran ist Berlin, das mittlerweile online einbürgert. Wir erinnern uns: Berlin ist die Stadt, wo man jahrelang keinen Termin für die Beantragung eines neuen Personalausweises bekam. Ausgerechnet beim sensibelsten aller Themen, der Einbürgerung, wird man jetzt kreativ und erledigt das gleich online.
Waren es laut Marcel Fratzscher, dem Dauer-Präsidenten des DIW Berlin, nicht die Migranten aus Syrien und den arabischen Staaten, die unsere Arbeitsprobleme und die damit verbundenen Finanznöte der Sozialkassen lösen werden? Dieser Meinung war er schon 2015. Und diese Meinung hat er heute noch. Da ist er eisern, auch wenn er in den Sozialen Medien für seine Fehleinschätzungen Hohn und Spott erntet.
Spott für Fratzschers Thesen
Seit zehn Jahren sehe ich die von ihm vorausgesagte positive Entwicklung nicht. Und die WeLT bringt es indirekt auf den Punkt. Die Zuwanderung beispielsweise aus Syrien löst nicht nur das Thema fehlender Facharbeiter nicht – man spricht gleich gar nicht mehr darüber. Man hat ganz einfach aufgegeben.
Deutschland hat heuschreckenartig Ost- und Südeuropa abgegrast und wendet sich jetzt „fieberhaft“ neuen Märkten zu. Tatsächlich habe ich noch nie einen Politiker „fieberhaft“ an etwas arbeiten sehen. In der Regierung bräuchte es 17 Minister vom Schlage eines Carsten Linnemann (Generalsekretär der CDU). Ihm nehme ich das, was er sagt, ab. Aber ich sehe in seinem Blick auch die Sorgenfalten, die Ohnmacht, die fehlenden Erfolgsaussichten für einschneidende Veränderungen in unserem Land, die dann auch zwangsweise wehtun würden. Er würde gern sagen, dass der Koalitionspartner SPD ein komplett „fertiger Haufen“ ist, so wie es Jan Fleischhauer, Focus-Kolumnist vor zwei Tagen so treffend hier beschrieb. Aus Rücksicht auf den Koalitionsfrieden kann Linnemann aber nicht aussprechen, was uns allen bereits klar ist. Thorsten Frey (Kanzleramtsminister) nehme ich auch noch positiv wahr. Ehre, wem Ehre gebührt.
In Schleswig-Holstein und Meck-Pomm fehlt in Bäckereien und Restaurants Personal. Es gibt nur noch begrenzte Öffnungszeiten.
Wie das? Wiederum WeLT beschreibt die Arbeitskräfte-Situation in den zwei norddeutschen Bundesländern. Wir haben eine Arbeitslosenzahl von 1,58 Millionen Menschen und dazu noch 1,46 Millionen nicht erwerbstätige Bürgergeldempfänger. Macht ziemlich genau drei Millionen potenzielle Arbeitskräfte für die deutschen Ferienregionen.
Frau Nahles, Frau Bär. Bitte agieren Sie. Neues Motto: Ab in den Norden. Und nicht „Work-And-Stay-Agentur“. Das Motto „work-and-stay“ könnte sich leicht in „work-and-travel“ verwandeln. Arbeitskräfte versuchen es bei uns, empfinden die Rahmenbedingungen als mies und reisen weiter.
Und wenn die Agentur kommt, dann bitte digital, also mit Faxgeräten.
Entdecken Sie mehr von Michael Behrens
Melden Sie sich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
Pingback: Montag, 04. August 2025, Regierungsprogramm Teil XI: Abschaffung Bundesagentur für Arbeit. | Michael Behrens