Dienstag, 15. September 2026

- Hinzugefügt: Brandanschlag am 2.9. auf die Firma Heidelberg Materials.
14.09.2026, Mittelherwigsdorf/Niederoderwitz, 385m Bahnkabel zerschnitten und Zugverkehr lahmgelegt: Unbekannte haben an der Bahnstrecke Bischofswerda–Zittau umfangreich Kabel der Leit- und Sicherungstechnik durchtrennt. In der Nacht zum 14.09. meldete die Deutsche Bahn gegen 01:27 Uhr eine Störung des Signalkabels zwischen Mittelherwigsdorf und Niederoderwitz. Die Bundespolizei entdeckte elf herausgeschnittene Kabelstücke von jeweils rund 35m Länge. Zurückgelassenes Tatwerkzeug wurde sichergestellt, ein Diensthund kam bei der Suche nach den Tätern zum Einsatz. Der Bahnverkehr wurde erheblich beeinträchtigt und Schienenersatzverkehr eingerichtet. Bereits am 12.09. hatten Beamte in Zittau einen geöffneten Kabelschacht entdeckt, aus dem etwa 55kg Kupferkabel herausgeschnitten worden waren. Insgesamt wurden an den beiden Stellen mehr als 385m Bahnkabel angegangen. Die Bundespolizei ermittelt wegen besonders schweren Diebstahls und Störung öffentlicher Betriebe. Nach bisherigem Ermittlungsstand spricht allerdings mehr für Kupferdiebstahl als für politisch motivierte Sabotage: Die Kabel waren teilweise zum Abtransport bereitgelegt worden und sollten nach Einschätzung der Ermittler vermutlich an Schrotthändler verkauft werden.
11.09.2026, Karlsruhe, sieben mutmaßliche Hamas-Mitglieder wegen Anschlagsplänen angeklagt: Die Bundesanwaltschaft hat Anklage gegen sieben mutmaßliche Mitglieder beziehungsweise Unterstützer der Terrororganisation Hamas erhoben. Nach Überzeugung der Ermittler waren die Beschuldigten an der Beschaffung und Lagerung von Waffen beteiligt, die für Anschläge in Deutschland oder Österreich bereitgehalten werden sollten. Als mögliche Ziele standen demnach insbesondere israelische oder jüdische Einrichtungen im Raum. Die Verdächtigen waren in den vergangenen Monaten im In- und Ausland festgenommen worden. Mit der nun erhobenen Anklage erreicht das Verfahren eine neue Stufe.
10.09.2026, Dortmund-Dorstfeld, Brandstiftung an Gleisanlage beschädigt Stromleitungen: Unbekannte legten am Donnerstagabend gegen 19:20 Uhr neben einer Gleisanlage in Dortmund-Dorstfeld Feuer. Dabei wurden mehrere Kabel beziehungsweise Stromleitungen einer Anlage für den Güterverkehr beschädigt. Die Bundespolizei erhielt zunächst eine Störmeldung, anschließend löschte die Feuerwehr den Brand. Ein Spezialteam der Deutschen Bahn nahm die betroffenen Leitungen vom Netz. Bei der Fahndung nach möglichen Tatverdächtigen, bei der auch ein Hubschrauber eingesetzt wurde, fanden die Einsatzkräfte in der Nähe eine Tasche mit Werkzeug, das typischerweise für Buntmetalldiebstahl verwendet wird. Die Polizei geht deshalb derzeit eher von einem Zusammenhang mit einem möglichen Metalldiebstahl als von politisch motivierter Sabotage aus. Eine Gefahr für Fahrgäste oder Unbeteiligte bestand nicht; die Höhe des Sachschadens ist noch unklar. Die Polizei ermittelt wegen Brandstiftung und sucht Zeugen.
08.09.2026, Weisweiler, mutmaßlicher Stromnetz-Saboteur mit weiteren Sprengmitteln festgenommen: Nach der tagelangen Fahndung ist der 48-jährige Mann gefasst worden, der im Verdacht steht, hinter der Serie von Sabotageangriffen auf die Stromversorgung in Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen zu stecken. Die Polizei nahm ihn in der Nähe des Kraftwerks Weisweiler bei Aachen fest. Besonders pikant: Der Verdächtige hatte nach Polizeiangaben weitere Sprengmittel bei sich. In einem nahe gelegenen, im Unterholz versteckten Zelt fanden die Einsatzkräfte zusätzliche Sprengladungen. Spezialisten des LKA untersuchen die Vorrichtungen; zugleich wird das Gelände nach weiteren möglicherweise bereits installierten Abschussvorrichtungen abgesucht. Die Ermittler bringen den Mann unter anderem mit den Angriffen bei Jänschwalde in Brandenburg und Bergheim in Nordrhein-Westfalen sowie den zahlreichen Sprengvorrichtungen an Hochspannungsleitungen in Sachsen in Verbindung. In Bergheim führte ein absichtlich herbeigeführter Kurzschluss dazu, dass fünf Braunkohle-Kraftwerksblöcke zeitweise vom Netz gingen. In Ostsachsen wurden inzwischen insgesamt 21 Vorrichtungen entdeckt. Sie waren so konstruiert, dass Drähte über Hochspannungsleitungen geschleudert und dadurch Kurzschlüsse erzeugt werden sollten. Sachsens Innenminister Armin Schuster erklärte am 08.09.2026, bei erfolgreicher Durchführung hätten die Anschläge sogar einen regionalen Blackout verursachen können. Nach Angaben von NRW-Innenminister Herbert Reul spricht derzeit vieles dafür, dass der Verdächtige allein gehandelt hat. Die Ermittlungen zu möglichen Unterstützern und zum genauen ideologischen Hintergrund laufen allerdings weiter. Bekennerschreiben deuten nach bisherigen Erkenntnissen auf eine Motivation gegen fossile Energieträger und insbesondere die Braunkohleverstromung hin. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt ordnete die Serie deshalb dem Bereich des Klimaextremismus zu. 05.09.2026, Weisweiler (Nordrhein-Westfalen): Weitere Abschussvorrichtung am Kraftwerk gefunden. Die gestrige Suche am Kraftwerk Weisweiler bei Aachen hat inzwischen einen konkreten Fund erbracht. Nachdem Weisweiler in einem Bekennerschreiben genannt worden war, durchsuchte die Polizei das Gelände rund um Kraftwerk und Umspannwerk. Dabei fanden die Einsatzkräfte eine weitere Abschussvorrichtung und stellten zahlreiche dünne Drähte sicher. Die Konstruktion passt damit offenbar zu der Methode der anderen Angriffe, bei denen leitfähiges Material auf Hochspannungsleitungen geschleudert werden sollte, um Kurzschlüsse zu verursachen. Gestern war Weisweiler noch lediglich ein Verdachtsfall. Inzwischen gibt es dort also tatsächlich eine entsprechende Vorrichtung.
07.09.2026, München, mutmaßliche Sabotage an Windkraftanlage verursacht sechsstelligen Schaden: Unbekannte haben auf der Baustelle des neuen Windparks im Forstenrieder Park rund 60 große Betonelemente der Windkrafttürme mit politischen Parolen beschmiert. Zu lesen waren unter anderem „Windradmafia stoppen“ sowie weitere gegen das Projekt gerichtete Botschaften. Die Tat ereignete sich zwischen dem 05.09. gegen 17 Uhr und dem Morgen des 07.09.2026. Das Bemerkenswerte ist weniger die philosophische Tiefe der Sprüche als deren Wirkung: Weil sich die Farbe offenbar nicht ohne Weiteres entfernen lässt, müssen möglicherweise ganze Bauteile ersetzt werden. Die Polizei beziffert den Schaden auf einen mittleren sechsstelligen Betrag. Die Ermittler prüfen, ob ein Zusammenhang mit der derzeitigen Serie von Sabotageakten in Deutschland besteht.
07.09.2026, Langerwehe, weitere Sprengvorrichtungen an Hochspannungsleitungen entdeckt: Im Kreis Düren sind am Montag weitere Abschuss- beziehungsweise Sprengvorrichtungen unter Strommasten entdeckt worden. Der Fundort liegt an der A4 bei Langerwehe und in der Nähe des Braunkohlekraftwerks Weisweiler. Die Autobahn wurde deshalb vorsorglich gesperrt. Die Ermittler prüfen einen Zusammenhang mit der laufenden Serie von Sabotageanschlägen auf die deutsche Strominfrastruktur. Weiterhin wird nach dem 48-jährigen Hauptverdächtigen gefahndet, dem mehrere Angriffe auf Umspannwerke und Hochspannungsleitungen zugerechnet werden.
07.09.2026, Schleife/Graustein, neun weitere Sprengvorrichtungen an Hochspannungstrassen gefunden: Bei der abschließenden Absuche südlich des Umspannwerks Graustein in Ostsachsen entdeckten Ermittler neun weitere selbst hergestellte Sprengvorrichtungen unmittelbar an Hochspannungsleitungen. Spezialkräfte des LKA entschärften sie. Damit steigt die Zahl der allein in Sachsen gefundenen Vorrichtungen von zwölf auf 21. Nach Erkenntnissen der Ermittler sollten sie Kurzschlüsse verursachen und die Stromleitungen beschädigen. Wegen versuchter verfassungsfeindlicher Sabotage und des Verdachts des Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion wird ermittelt. Schäden oder Ausfälle der Stromversorgung entstanden nicht. Im Zuge der Ermittlungen zur Anschlagsserie auf die Stromversorgung entdeckt die Polizei an zwei Fundorten nahe Umspannwerken vier bislang unbekannte Sprengvorrichtungen. Nach Angaben von Sachsens Innenminister Armin Schuster ergeben sich die Hinweise auf die Orte aus einem Bekennerschreiben; die Vorrichtungen werden gesichert und entschärft. Die sächsischen Behörden stimmen ihre Ermittlungen mit den ebenfalls betroffenen Bundesländern ab, während nach einem 48-jährigen Tatverdächtigen aus Nordrhein-Westfalen europaweit gefahndet wird.
06.09.2026, Wesel, Unbekannte dringen offenbar auf Gelände eines Umspannwerks ein: Am Umspannwerk Niederrhein in Wesel wurde am Sonntagabend ein Loch im Sicherheitszaun entdeckt. Nach bisherigen Erkenntnissen könnten Unbekannte dadurch auf das Gelände gelangt sein. Die Polizei rückte mit starken Kräften an und untersuchte die Anlage auf Manipulationen oder Sprengvorrichtungen. Ob tatsächlich ein weiterer Sabotageversuch vorliegt und ob eine Verbindung zur aktuellen Anschlagsserie besteht, ist bislang offen. Angesichts von mittlerweile selbst gebauten Spreng- und Abschussvorrichtungen an Stromtrassen in mehreren Bundesländern behandelt die Polizei ein Loch im Zaun eines Umspannwerks inzwischen verständlicherweise nicht mehr als besonders ambitionierte Tätigkeit eines Kaninchens.
05.09.2026, Hambacher Forst/Niederzier (Nordrhein-Westfalen): Mutmaßlicher Stromnetz-Saboteur weiter auf der Flucht. Die Polizei fahndet weiterhin nach dem 48-jährigen Tatverdächtigen aus Gevelsberg. Am Hambacher Forst bei Niederzier fanden die Ermittler seinen zu einem Wohnmobil umgebauten Lastwagen und stürmten das Fahrzeug. Der Gesuchte war jedoch bereits verschwunden. Spezialeinsatzkräfte durchkämmten daraufhin bis in die Nacht ein Waldgebiet; am Samstag wurde die Suche unter anderem mit einem Hubschrauber fortgesetzt. Zuvor war die Wohnung des Mannes in Gevelsberg durchsucht worden. Dort fanden Ermittler sprengstoffverdächtige Gegenstände. Bemerkenswert ist inzwischen das Ausmaß der Serie: Brandenburg, Bergheim, Dormagen, Weisweiler und nun zwei Fundorte in Sachsen. Allein in Sachsen liegen zwölf weitere Sprengvorrichtungen vor. Damit ist aus einigen zunächst ziemlich rätselhaften Zwischenfällen binnen weniger Tage eine bundesländerübergreifende Serie von mutmaßlichen Sabotageakten gegen die Stromversorgung geworden. Die Behörden prüfen einen linksextremistischen beziehungsweise klimaextremistischen Hintergrund, halten aber auch andere Hintergründe weiterhin für möglich. Eine abschließende Einordnung gibt es noch nicht.
04.09.2026, Bärwalde/Schleife (Sachsen): Die Serie von Angriffen auf die deutsche Strominfrastruktur weitet sich aus. In Sachsen haben Ermittler insgesamt zwölf selbstgebaute Sprengvorrichtungen an Hochspannungstrassen entdeckt. Acht lagen südlich des Umspannwerks Bärwalde bei Lippen im Landkreis Bautzen, weitere vier östlich des Umspannwerks Graustein bei Schleife im Landkreis Görlitz. Nach Angaben von Generalstaatsanwaltschaft Dresden, Landeskriminalamt Sachsen und Polizeidirektion Görlitz sollten die Konstruktionen Kurzschlüsse und damit Schäden an den Hochspannungsleitungen verursachen. Spezialkräfte entschärften sämtliche Vorrichtungen. Zu Schäden oder Stromausfällen kam es nicht. Ermittelt wird wegen des Verdachts des Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion, versuchter Störung öffentlicher Betriebe und versuchter verfassungsfeindlicher Sabotage.
04.09.2026, Gevelsberg/Niederzier (Nordrhein-Westfalen): Im Zusammenhang mit den Sabotageangriffen auf Umspannwerke durchsucht die Polizei die Wohnung und später einen als Unterkunft genutzten Lastwagen eines 48-jährigen Tatverdächtigen. Nach Angaben von NRW-Innenminister Herbert Reul werden in der Wohnung unter anderem Kaliumnitrat und Kaliumperchlorat gefunden; der Mann ist weiterhin flüchtig. Zwei ihm zugerechnete Bekennerschreiben werden von den Behörden inzwischen als authentisch bewertet, zugleich wird weiter geprüft, ob er tatsächlich für die Angriffe verantwortlich ist und ob Verbindungen zu den Vorfällen in Brandenburg bestehen.
03.09.2026, München (Bayern): In der Nacht werden mehrere Brandsätze auf eine Baustelle im Umfeld des Technologie- und Rüstungskonzerns Rohde & Schwarz geworfen. Mindestens ein Brandsatz entzündet sich, einen weiteren müssen Spezialkräfte unschädlich machen. Größerer Sachschaden entsteht offenbar nicht, das Betriebsgelände von Rohde & Schwarz selbst ist nach Unternehmensangaben nicht betroffen. Das Bayerische Landeskriminalamt übernimmt die Ermittlungen und geht von einem möglichen politisch motivierten Anschlagsversuch auf ein Unternehmen der Rüstungsbranche aus. Eine 28-jährige Frau und ein 38-jähriger Mann werden festgenommen; nach Medienberichten handelt es sich um bulgarische Staatsangehörige. Ob sie tatsächlich für die Tat verantwortlich sind und welches Motiv dahintersteht, ist zunächst offen. Bemerkenswert ist die Vorgeschichte des Standortes: Bereits 2021 wurde im Umfeld von Rohde & Schwarz eine Stromleitung angezündet, woraufhin rund 20.000 Haushalte ohne Strom waren. Der damalige Anschlag wurde in einem Bekennerschreiben ausdrücklich gegen den „Rüstungskonzern“ gerichtet und ist bis heute nicht aufgeklärt.
02.09.2026, Rosbach vor der Höhe, Brandanschlag auf Fahrzeuge von Heidelberg Materials: In der Nacht zum 02.09.2026 brannten auf dem Betriebsgelände von Heidelberg Materials im Wetteraukreis mehrere schwere Fahrzeuge. Fünf Betonmischer wurden vollständig zerstört, außerdem wurden weitere Fahrzeuge beziehungsweise ein Radlader beschädigt. Insgesamt registrierte die Polizei sieben beschädigte Fahrzeuge. Der Sachschaden liegt bei rund 800.000€. Verletzt wurde niemand. Nach der Tat erschien auf der vom Verfassungsschutz als linksextremistisch eingestuften Plattform Indymedia ein Bekennerschreiben. Entscheidend ist der inzwischen neue Ermittlungsstand: Die Polizei teilte am 09.09.2026 mit, dass sie den Inhalt dieses Bekennerschreibens nach Auswertung von Spuren und Zeugenaussagen als glaubwürdig einstuft. Die Kriminalpolizei ermittelt wegen des Verdachts der Brandstiftung; die genaue Motivation der bislang unbekannten Täter ist noch Gegenstand der Ermittlungen. Hessens Innenminister Roman Poseck bezeichnete die Tat ausdrücklich als „Brandanschlag“.
02.09.2026, Bergheim (Nordrhein-Westfalen): Unbekannte greifen ein Umspannwerk in Bergheim-Rheidth an und verursachen gezielt einen Kurzschluss. Die Täter bringen leitfähiges Material beziehungsweise Kabel an Hochspannungsleitungen und benutzen dafür offenbar selbstgebaute Abschussvorrichtungen. In einem nahe gelegenen Feld findet die Polizei sechs solcher Konstruktionen. Die Folgen sind erheblich: Fünf Braunkohle-Kraftwerksblöcke in Niederaußem und Neurath mit mehreren Tausend Megawatt Leistung fallen zeitweise aus. Die allgemeine Stromversorgung bleibt dennoch stabil. NRW-Innenminister Herbert Reul bezeichnet das Geschehen ausdrücklich als absichtliche Straftat; er sagt, wer eine solche Infrastruktur angreife, greife das Land an. Ermittelt wird wegen des Anfangsverdachts der verfassungsfeindlichen Sabotage. Die Behörden prüfen sowohl eine fremdstaatlich gesteuerte Aktion als auch einen linksextremistischen Hintergrund und untersuchen wegen der nahezu identischen Vorgehensweise einen Zusammenhang mit dem Angriff in Brandenburg am Vortag.
01.09.2026, Turnow-Preilack/Jänschwalde (Brandenburg): Unbekannte versuchen am Umspannwerk Turnow-Preilack nahe dem Kraftwerk Jänschwalde, mit selbstgebauten Flugkörpern massive Kurzschlüsse im Höchstspannungsnetz auszulösen. An den raketenähnlichen Konstruktionen befinden sich leitfähige Materialien, die in die Hochspannungsleitungen gelangen sollen. Mehr als ein Dutzend entsprechende Vorrichtungen werden entdeckt. Mindestens ein beziehungsweise nach unterschiedlichen Zwischenständen zwei Versuche führen tatsächlich zu Kurzschlüssen, ein größerer Stromausfall bleibt jedoch aus. Brandenburgs Innenminister Jan Redmann spricht von einem gezielten Sabotageakt und keineswegs von irgendeinem etwas übermotivierten Silvesterexperiment. Die Ermittler gehen auch einem Terrorverdacht nach. Als mögliche Hintergründe werden sowohl fremdstaatlich gesteuerte Sabotage als auch Linksextremismus geprüft. Durch den nahezu identischen Angriff einen Tag später in Bergheim erhält der Fall zusätzlich eine bundesweite Dimension.
04.08.2026, Schkeuditz/Flughafen Leipzig-Halle (Sachsen): Am Flughafen Leipzig/Halle wird eine mit Sprengstoff präparierte Drohne in der Nähe ukrainischer Frachtflugzeuge entdeckt. Die Drohne kann entschärft werden, bevor sie Schaden anrichtet. Der Flughafen besitzt wegen seiner Rolle im internationalen Frachtverkehr sowie bei Transporten im Zusammenhang mit der Unterstützung der Ukraine erhebliche strategische Bedeutung. Anfang September macht die Bundesregierung Russland für den gescheiterten Angriff verantwortlich. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt verweist auf technische Merkmale und Erkenntnisse der Sicherheitsbehörden, die nach deutscher Einschätzung auf eine russische Operation hindeuten. Moskau weist die Vorwürfe zurück. Deutschland reagiert unter anderem mit diplomatischen Maßnahmen gegen russische Einrichtungen. Der Vorgang wird damit nicht lediglich als Drohnenzwischenfall behandelt, sondern als Teil der inzwischen erheblich verschärften Bedrohung Deutschlands durch hybride Angriffe.
24.06.2026, Berlin/Frankfurt am Main (Berlin/Hessen): Die Bundesanwaltschaft lässt Räume in Berlin und Frankfurt durchsuchen und ermittelt wegen des Verdachts der Beihilfe zu versuchter verfassungsfeindlicher Sabotage. Der Fall hängt mit der Gazprom Germania GmbH zusammen, die 2022 aus dem russischen Gazprom-Konzern herausgelöst wurde und später unter staatliche Kontrolle geriet. Nach Auffassung der Ermittler soll versucht worden sein, über gesellschaftsrechtliche beziehungsweise wirtschaftliche Konstruktionen Einfluss auf das Unternehmen und damit auf einen für die deutsche Energieversorgung wichtigen Bereich auszuüben. Zusätzlich geht es um mögliche Verstöße gegen das Außenwirtschaftsgesetz. Anders als bei brennenden Strommasten oder explodierenden Paketen handelt es sich hier also um eine mögliche Sabotageoperation mit wirtschaftlichen und gesellschaftsrechtlichen Mitteln. Dass sich ausgerechnet bei einem ehemals russisch kontrollierten Energiekonzern die Bundesanwaltschaft mit dem Straftatbestand der verfassungsfeindlichen Sabotage beschäftigt, zeigt, wie breit das Thema inzwischen geworden ist. Die Ermittlungen bedeuten selbstverständlich noch keinen Schuldnachweis gegen den Beschuldigten.
03.01.2026, Berlin-Lichterfelde (Berlin): Ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke legt große Teile des Berliner Südwestens lahm. Rund 45.000 Haushalte und etwa 2.200 Gewerbebetriebe sind zeitweise ohne Strom. Besonders unangenehm ist der Zeitpunkt: Der Anschlag erfolgt mitten im Winter und demonstriert ziemlich eindrucksvoll, wie wenige gezielt beschädigte Komponenten nötig sind, um Zehntausende Menschen zu treffen. Eine sogenannte Vulkangruppe bekennt sich zu der Tat und erklärt, das Gaskraftwerk Lichterfelde sabotiert zu haben. Die Polizei hält das Bekennerschreiben aufgrund darin enthaltener Tatortkenntnisse für authentisch. Die Gruppierung wird dem linksextremistischen Spektrum zugerechnet und ist seit Jahren mit Anschlägen auf Infrastruktur in Berlin und Brandenburg verbunden. Der Angriff trifft nicht nur ein Unternehmen, sondern unmittelbar die öffentliche Versorgung. Genau deshalb gehört er in diese Chronik und nicht in die etwas harmloser klingende Schublade „Sachbeschädigung“.
31.03.2025, Köln (Nordrhein-Westfalen): Drei ukrainische Staatsangehörige sollen im Auftrag eines russischen Nachrichtendienstes zunächst Testpakete von Köln in Richtung Ukraine verschicken. In den Sendungen befinden sich GPS-Tracker, mit denen Transportwege, Laufzeiten und logistische Abläufe ausgekundschaftet werden sollen. Nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft kommt der Auftrag über Mittelsmänner aus dem russisch besetzten Mariupol. Das eigentliche Ziel soll wesentlich gefährlicher gewesen sein: Später sollten Pakete mit Brand- beziehungsweise Sprengvorrichtungen verschickt werden, die sich während des Transports entzünden sollten. Damit wären nicht nur Paketzentren, sondern möglicherweise erneut Frachtflugzeuge gefährdet gewesen. Daniil B., Vladyslav T. und Yevhen B. werden später festgenommen beziehungsweise angeklagt. Die Bundesanwaltschaft wirft ihnen unter anderem geheimdienstliche Agententätigkeit und Agententätigkeit zu Sabotagezwecken vor. Der Fall zeigt geradezu lehrbuchhaft das Prinzip der sogenannten Low-Level- oder Wegwerfagenten: Ein Geheimdienst braucht keine eigenen Leute vor Ort, wenn sich andere für einzelne Aufgaben anwerben lassen.
20.07.2024, Schkeuditz/Flughafen Leipzig-Halle (Sachsen): Im DHL-Luftfrachtzentrum am Flughafen Leipzig/Halle entzündet sich ein Paket mit einer Brandvorrichtung und setzt einen Frachtcontainer in Brand. Was zunächst wie ein ungewöhnlicher Paketbrand aussieht, entwickelt sich zu einem der brisantesten Sabotagefälle der vergangenen Jahre. Vergleichbare Brandsätze tauchen anschließend auch in Polen und Großbritannien auf. Deutsche Sicherheitsbehörden vermuten einen Zusammenhang mit russischen Sabotageaktivitäten; spätere Recherchen weisen auf den russischen Militärgeheimdienst GRU und den Einsatz angeworbener „Wegwerf-Agenten“ hin. Besonders erschreckend ist, dass das Paket eigentlich per Flugzeug weitertransportiert werden sollte. Nach Angaben des damaligen Verfassungsschutzpräsidenten Thomas Haldenwang verhindert letztlich nur eine Verzögerung, dass sich die Brandvorrichtung während des Fluges entzündet. Ein möglicher Absturz eines Frachtflugzeugs steht damit zumindest als reales Gefahrenszenario im Raum. Die Bundesanwaltschaft übernimmt die Ermittlungen.
11.07.2024, Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen): Öffentlich wird, dass westliche Nachrichtendienste einen mutmaßlichen russischen Anschlagsplan gegen Rheinmetall-Chef Armin Papperger entdeckt haben. Nach einem Bericht von CNN sollen US-Geheimdienste die deutschen Behörden gewarnt haben. Papperger steht an der Spitze eines der wichtigsten europäischen Rüstungskonzerne und Rheinmetall liefert in großem Umfang Waffen und Munition an die Ukraine. Der mutmaßliche Plan soll Teil einer breiteren russischen Kampagne gegen Führungskräfte europäischer Rüstungsunternehmen gewesen sein. Deutsche Sicherheitsbehörden verstärken daraufhin den Schutz Pappergers erheblich. Allerdings ist wichtig, zwischen Medienberichten und einem strafrechtlich vollständig belegten Anschlagsplan zu unterscheiden: Deutsche Ermittlungsbehörden äußern sich damals deutlich zurückhaltender zur konkreten Ausgestaltung. Der Fall passt dennoch in das Muster aus Spionage, Sabotage und Einschüchterung, das Sicherheitsbehörden seit Beginn des russischen Angriffskrieges zunehmend beobachten.
03.05.2024, Berlin-Lichterfelde (Berlin): Auf dem Gelände des Rüstungsunternehmens Diehl Metal Applications bricht ein Großbrand aus. Das Feuer zerstört Teile des Werkes und löst wegen der starken Rauchentwicklung einen Großeinsatz aus. Später verdichten sich Hinweise, dass es sich nicht um einen gewöhnlichen Industriebrand gehandelt haben könnte. Deutsche Sicherheitsbehörden prüfen einen möglichen Sabotagehintergrund und einen Zusammenhang mit russischen Nachrichtendiensten. Der Fall wird Teil der europäischen Ermittlungen zu mutmaßlichen russischen Sabotageoperationen gegen Unternehmen, die für die Unterstützung der Ukraine von Bedeutung sind. Ein abschließender öffentlich belegter Nachweis der russischen Urheberschaft liegt lange Zeit nicht vor, weshalb hier die Formulierung „mutmaßliche Sabotage“ entscheidend bleibt. Gerade diese Grauzone ist charakteristisch für hybride Operationen: Der materielle Schaden ist real, die staatliche Urheberschaft soll möglichst schwer gerichtsfest nachzuweisen sein.
17.04.2024, Bayreuth (Bayern): Die Bundesanwaltschaft lässt die deutsch-russischen Staatsangehörigen Dieter S. und Alexander J. festnehmen. Der Vorwurf ist erheblich: Dieter S. soll sich mit einem russischen Geheimdienstmitarbeiter über mögliche Sabotageaktionen in Deutschland ausgetauscht und sich bereit erklärt haben, Sprengstoff- und Brandanschläge zu verüben. Als mögliche Ziele werden militärische Einrichtungen, Rüstungsunternehmen und Industrieanlagen genannt. Außerdem soll der Bahnverkehr als Anschlagsziel in Betracht gezogen worden sein. Die Beschuldigten kundschaften nach Erkenntnissen der Ermittler unter anderem militärisch relevante Standorte aus; Medien nennen dabei auch den US-Truppenübungsplatz Grafenwöhr. Dieter S. soll Fotos und Videos möglicher Ziele an einen Verbindungsmann des russischen Geheimdienstes übermittelt haben. Später erhebt die Bundesanwaltschaft gegen insgesamt drei Männer Anklage. Der Vorgang gehört zu den deutlichsten öffentlich bekannt gewordenen Fällen, in denen deutsche Ermittler konkrete russische Sabotagevorbereitungen auf deutschem Boden annehmen.
05.03.2024, Grünheide/Steinfurt (Brandenburg): Unbekannte setzen einen Hochspannungsmast in Brand und unterbrechen damit die Stromversorgung des Tesla-Werks in Grünheide sowie weiterer Betriebe und Haushalte. Die Produktion bei Tesla steht mehrere Tage still, der wirtschaftliche Schaden geht in die Hunderte Millionen Euro. Zu dem Anschlag bekennt sich eine linksextremistische „Vulkangruppe“, die Tesla unter anderem wegen Umweltverbrauch, Kapitalismus und Rohstoffpolitik angreift. Die Bundesanwaltschaft übernimmt die Ermittlungen. Sie sieht einen Anfangsverdacht unter anderem wegen verfassungsfeindlicher Sabotage und sogar wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Das ist juristisch eine ganz andere Hausnummer als der gern verwendete Begriff „Aktivisten“. Der Anschlag demonstriert zudem die enorme Hebelwirkung von Angriffen auf kritische Infrastruktur: Ein einzelner Strommast genügt, um einen Milliardenkonzern für Tage lahmzulegen. Der Verfassungsschutz führt den Anschlag später ausdrücklich in seinem Bericht zum Linksextremismus auf.
08.09.2023, Hamburg (Hamburg): In der Nacht werden an drei verschiedenen Stellen im Hamburger Stadtgebiet Kabelschächte der Deutschen Bahn in Brand gesetzt. Betroffen ist insbesondere die wichtige Fernverkehrsverbindung zwischen Hamburg und Berlin. Zahlreiche ICE- und IC-Verbindungen fallen aus oder müssen umgeleitet werden, mehr als 100 Züge sind nach späteren Angaben unmittelbar oder mittelbar betroffen. Auf einer linksextremistischen Internetplattform erscheint ein Bekennerschreiben, in dem ausdrücklich von der Sabotage „kapitalistischer Infrastruktur“ gesprochen wird. Die Täter erklären, mit wenigen Litern Benzin möglichst langfristige Beeinträchtigungen des Bahnverkehrs herbeiführen zu wollen. Der Staatsschutz ermittelt wegen vorsätzlicher Brandstiftung und eines politischen Tatmotivs. Der Verfassungsschutz ordnet den Anschlag später dem linksextremistischen Aktionsfeld „Switch off“ zu, das gezielte Angriffe auf Energie-, Verkehrs- und Kommunikationsinfrastruktur propagiert. Bundesverkehrsminister Volker Wissing bezeichnet solche Anschläge als eine Form von Terrorismus. Wieder einmal zeigt sich die erstaunliche Effizienz moderner Infrastruktur: Milliarden werden in ein Verkehrsnetz investiert, und ein paar angezündete Kabelschächte reichen, um einen beträchtlichen Teil davon auszubremsen.
08.10.2022, Herne (Nordrhein-Westfalen) und Berlin-Hohenschönhausen (Berlin): Unbekannte Täter durchtrennen nahezu zeitgleich an zwei weit voneinander entfernten Stellen wichtige Glasfaserkabel der Deutschen Bahn. Dadurch fällt das digitale Zugfunksystem GSM-R in weiten Teilen Norddeutschlands aus. Ohne diesen Funk dürfen die Züge aus Sicherheitsgründen nicht weiterfahren, weshalb der Fern-, Regional- und Güterverkehr für mehrere Stunden praktisch zum Erliegen kommt. Besonders auffällig ist, dass die Täter offenbar wussten, dass das System redundant ausgelegt ist und deshalb Kabel an zwei verschiedenen Orten beschädigt werden mussten. In Herne werden mehrere Kabel im Gleisbereich gezielt durchtrennt, während die zweite Manipulation in Berlin-Hohenschönhausen erfolgt. Der Staatsschutz übernimmt die Ermittlungen und prüft eine politische Motivation. Spekulationen reichen damals von Linksextremisten bis zu einem möglichen ausländischen Nachrichtendienst, belastbare Beweise für eine dieser Varianten werden zunächst jedoch nicht bekannt. Hinweise auf Terrorismus oder die Beteiligung eines fremden Staates liegen nach Angaben der Ermittler zu diesem Zeitpunkt nicht vor. Unstrittig ist dagegen, dass es sich um einen gezielten Sabotageakt handelt, bei dem die Täter erhebliche Kenntnisse über die technische Infrastruktur der Bahn besitzen.
25.05.2021, München (Bayern): Im Münchner Osten wird eine offenliegende Stromleitung in einer Baugrube in Brand gesetzt. Rund 20.000 Haushalte sind zeitweise ohne Strom, außerdem werden zahlreiche Unternehmen beeinträchtigt. In einem im Internet veröffentlichten Bekennerschreiben wird die Aktion ausdrücklich als Angriff auf den Rüstungs- und Technologiekonzern Rohde & Schwarz dargestellt. Der Anschlag zeigt bereits Jahre vor der heutigen Debatte, wie leicht sich ein vermeintlich punktueller Angriff auf ein Unternehmen auf einen ganzen Stadtteil ausweiten kann. Tausende völlig unbeteiligte Menschen sitzen im Dunkeln, weil jemand glaubt, politische Botschaften ließen sich besonders überzeugend über Stromkabel kommunizieren. Die Tat wird nicht aufgeklärt. Bemerkenswert ist sie heute erneut, weil am 03.09.2026 wiederum Brandsätze im Umfeld von Rohde & Schwarz auftauchen. Ein Zusammenhang zwischen beiden Taten ist bislang nicht belegt.
05.10.2020, Berlin (Berlin): Unbekannte setzen mehrere Signalkabel in einem Bahnschacht in Brand und legen damit den S-Bahn-Verkehr zwischen Ostkreuz und Frankfurter Allee vollständig lahm. Neben den Bahnkabeln werden auch Telekommunikationsleitungen beschädigt. Der Fernverkehr kann zwar weiterfahren, im Berliner Nahverkehr verursacht der Anschlag jedoch erhebliche Störungen. Auf der linksextremistischen Plattform Indymedia erscheint anschließend ein Selbstbezichtigungsschreiben unter dem Titel „Anschlag Lockdown fürs kapitalistische Patriarchat“. Als Urheber bezeichnet sich eine „Feministisch-Revolutionär-Anarchistische-Zelle“. In dem Schreiben werden unter anderem Antifa, Genderpolitik und die bevorstehende Räumung des linksradikalen Szeneobjekts Liebig34 thematisiert. Die Bundesregierung führt den Vorgang später ausdrücklich als politisch motivierte Brandstiftung und gezielte Sabotage an Bahninfrastruktur. Ein paar Kabel im Schacht reichen eben aus, um zu demonstrieren, dass moderne Großstädte zwar digital und vernetzt sind, ihre Lebensadern aber gelegentlich immer noch aus Dingen bestehen, die hervorragend brennen.
04.10.2020, Dresden (Sachsen): Gegen 21:25 Uhr greift der Syrer Abdullah A. H. H. in der Nähe des Dresdner Kulturpalastes zwei Männer im Alter von 55 und 53 Jahren unvermittelt mit einem Messer an. Einer der beiden Männer stirbt wenig später im Krankenhaus, der andere überlebt schwer verletzt. Die Bundesanwaltschaft übernimmt den Fall aufgrund des islamistischen Hintergrunds. Nach ihrer Anklage handelt der Täter aus einer radikal-islamistischen Gesinnung und wählt die beiden Männer als Opfer aus, weil er sie für ein homosexuelles Paar hält. Der Täter war den Sicherheitsbehörden bereits als islamistischer Gefährder bekannt und erst wenige Tage zuvor aus der Haft entlassen worden. Er wird am 21. Oktober festgenommen. Das Oberlandesgericht Dresden verurteilt ihn später wegen Mordes, versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung zu lebenslanger Freiheitsstrafe und stellt die besondere Schwere der Schuld fest. Der Fall gehört deshalb nicht in eine gewöhnliche Messerchronik, sondern als islamistisch motivierter Anschlag ausdrücklich in diese Terrorchronik.
17.04.2020, München (Bayern): An zwei Stellen der Münchner Bahninfrastruktur werden nahezu zeitgleich Kabelanlagen angegriffen. Nachdem zunächst eine Stellwerksstörung registriert wird, entdecken Bahnmitarbeiter einen geöffneten Kabelschacht, in dem ein Signalkabelsatz mit einer unkonventionellen Spreng- beziehungsweise Brandvorrichtung vorsätzlich angezündet wurde. Der Kabelstrang wird vollständig zerstört und der Bahnverkehr erheblich beeinträchtigt. Der Schaden an dieser Stelle beträgt nach Angaben der Bundesregierung etwa 100.000 Euro. Zeitgleich setzen unbekannte Täter an einem weiteren Ort mit Brandbeschleuniger Signalkabel in einem anderen Kabelschacht in Brand. Dort entstehen weitere Schäden von rund 50.000 Euro, allerdings ohne vergleichbare Auswirkungen auf den Zugverkehr. Die Taten werden dem Bereich der politisch motivierten Kriminalität links zugeordnet. Besonders auffällig ist die parallele Vorgehensweise an zwei Stellen, die darauf ausgelegt ist, technische Bahninfrastruktur gezielt außer Funktion zu setzen.
19.02.2020, Hanau (Hessen): Der 43-jährige Tobias R. erschießt innerhalb weniger Minuten an mehreren Tatorten neun Menschen, die er gezielt aufgrund ihrer tatsächlichen oder von ihm angenommenen ausländischen Herkunft auswählt. Der Täter eröffnet zunächst im Bereich des Heumarkts das Feuer und setzt seine Mordserie anschließend in Hanau-Kesselstadt fort. Sechs weitere Menschen werden teilweise schwer verletzt. Danach fährt R. zu seinem Elternhaus, erschießt dort seine 72-jährige Mutter und anschließend sich selbst. Auf seiner Internetseite hat er zuvor Texte und Videos mit rassistischen, antisemitischen und verschwörungsideologischen Inhalten veröffentlicht. Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt kommen nach ihren Ermittlungen zu dem Ergebnis, dass der Täter einer rechtsextremen Ideologie anhing, seine Opfer nach rassistischen Kriterien auswählte und sich an früheren rechtsextremen Anschlägen orientierte. Hinweise auf Mittäter, Anstifter oder Mitwisser ergeben die umfangreichen Ermittlungen letztlich nicht. Der Anschlag von Hanau zählt damit zu den schwersten rechtsterroristischen beziehungsweise rassistisch motivierten Anschlägen der jüngeren deutschen Geschichte.
14.02.2020, mehrere Bundesländer: Die Bundesanwaltschaft lässt bei zwölf Beschuldigten in sechs Bundesländern Wohnungen und andere Objekte durchsuchen und zerschlägt damit die mutmaßliche rechtsterroristische „Gruppe S.“. Einen Tag später werden Haftbefehle wegen des Verdachts der Mitgliedschaft beziehungsweise Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vollstreckt. Bei den Durchsuchungen finden die Ermittler unter anderem Schusswaffen, Munition, Hieb- und Stichwaffen, Bombenbauanleitungen sowie selbstgebaute Handgranaten. Nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden soll die Gruppe Anschläge auf Politiker, Asylsuchende und insbesondere Muslime geplant haben. Ziel soll gewesen sein, durch möglichst spektakuläre Gewalttaten bürgerkriegsähnliche Zustände hervorzurufen und dadurch letztlich die staatliche und gesellschaftliche Ordnung der Bundesrepublik zu erschüttern. Diskutiert werden nach später bekannt gewordenen Erkenntnissen insbesondere Anschläge auf Moscheen nach dem Vorbild des rechtsterroristischen Anschlags von Christchurch. Der Fall ist damit ein Beispiel für eine Terrorserie, die nicht erst nach explodierenden Bomben in eine Chronik gehört: Die Sicherheitsbehörden greifen ein, bevor die Planungen umgesetzt werden können. Der Verfassungsschutz führt die Gruppe ausdrücklich im Kapitel „Rechtsextremismus/Rechtsextremistischer Terrorismus“.
09.10.2019, Halle (Sachsen-Anhalt): Am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur versucht der Rechtsextremist Stephan B., schwer bewaffnet in die Synagoge von Halle einzudringen. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich dort 52 Menschen. Der Täter ist mit insgesamt acht Schusswaffen und mehreren selbstgebauten Sprengsätzen ausgerüstet und will nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft möglichst viele Juden ermorden. Nur die verschlossene und stabile Eingangstür verhindert, dass er in die Synagoge gelangt. Vor dem Gebäude erschießt er die 40-jährige Jana L., anschließend tötet er in einem nahe gelegenen Kiez-Döner den 20-jährigen Kevin S. Weitere Menschen werden verletzt. Der Täter filmt den Anschlag und überträgt ihn live ins Internet, offensichtlich in Anlehnung an andere rechtsextremistische Terroranschläge. Die Bundesanwaltschaft wertet die Tat als antisemitisch, rassistisch und fremdenfeindlich motivierten Mordanschlag; später wird Stephan B. wegen zweifachen Mordes und zahlreicher Mordversuche zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.
12.11.2019, Offenbach (Hessen): Spezialkräfte nehmen drei Männer fest, die nach Überzeugung der Ermittler einen islamistisch motivierten Anschlag im Rhein-Main-Gebiet vorbereiten. Hauptbeschuldigter ist ein damals 24-jähriger Deutscher mazedonischer Herkunft. Er soll bereits Chemikalien und andere Bestandteile zur Herstellung eines Sprengsatzes beschafft haben. Außerdem werden bei Durchsuchungen verschiedene Waffen und Datenträger sichergestellt. Nach Angaben der Ermittler wollen die Männer mit Sprengstoff beziehungsweise Schusswaffen möglichst viele Menschen töten. Die Beschuldigten sollen Anhänger der Terrororganisation „Islamischer Staat“ beziehungsweise deren Ideologie sein. Das Bundesamt für Verfassungsschutz führt den Vorgang später ausdrücklich unter den 2019 verhinderten islamistisch motivierten Anschlagsplanungen. Zur Umsetzung kommt es nicht, weil die Sicherheitsbehörden rechtzeitig zugreifen. Der Fall gehört deshalb als vereiteltes Terrorvorhaben in die Chronik, auch wenn hier glücklicherweise kein späterer Tatort beschrieben werden muss.
02.06.2019, Wolfhagen-Istha (Hessen): Der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke wird kurz nach Mitternacht auf der Terrasse seines Wohnhauses aus nächster Nähe mit einem Kopfschuss getötet. Täter ist der Rechtsextremist Stephan Ernst, der bereits seit Jahrzehnten durch einschlägige Straftaten und Kontakte in die rechtsextreme Szene aufgefallen ist. Lübcke war insbesondere wegen seiner Haltung zur Aufnahme von Flüchtlingen zum Hassobjekt der rechtsextremen Szene geworden. Die Bundesanwaltschaft übernimmt am 17. Juni die Ermittlungen und stuft die Tat als politisch motiviertes Attentat mit rechtsextremistischem Hintergrund ein. Hinweise auf eine hinter der Tat stehende terroristische Vereinigung werden allerdings nicht festgestellt, weshalb hier die begriffliche Trennung wichtig ist: Es handelt sich um ein rechtsextremistisches politisches Attentat, nicht um den nachgewiesenen Anschlag einer Terrororganisation. Das Oberlandesgericht Frankfurt verurteilt Stephan Ernst später wegen Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe und stellt die besondere Schwere der Schuld fest. Der Mord gilt als Zäsur, weil erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik ein amtierender deutscher Politiker von einem Rechtsextremisten gezielt ermordet wird.
30.01.2019, Kreis Dithmarschen (Schleswig-Holstein): Spezialkräfte nehmen drei irakische Männer fest, denen die Vorbereitung eines islamistisch motivierten Anschlags vorgeworfen wird. Zwei der Beschuldigten sollen sich intensiv mit dem Bau einer Bombe beschäftigt und dafür unter anderem Schwarzpulver aus Silvesterfeuerwerk gewonnen haben. Sie bestellen außerdem Zündvorrichtungen aus Großbritannien und suchen nach Möglichkeiten, eine Bombe zu bauen. Weil ihnen die Herstellung eines ausreichend wirkungsvollen Sprengsatzes offenbar nicht gelingt, beschäftigen sie sich anschließend mit anderen Anschlagsvarianten. Dazu gehören nach den Ermittlungen der Einsatz einer Schusswaffe sowie ein Anschlag mit einem Fahrzeug. Die Männer sollen im Internet außerdem Kontakt zu Personen aus dem islamistischen Umfeld unterhalten haben. Bis zu 200 Beamte sind zeitweise mit Observation und Ermittlungen beschäftigt, bevor die Sicherheitsbehörden zugreifen. Der Anschlag bleibt damit in der Planungsphase, was bei Terroranschlägen bekanntlich die deutlich angenehmere Variante für eine Chronik ist.
01.01.2019, Bottrop und Essen (Nordrhein-Westfalen): Kurz nach Mitternacht fährt ein 50-jähriger Mann mit seinem Mercedes gezielt auf mehrere Gruppen von Menschen zu, die er aufgrund ihrer ausländischen Herkunft auswählt. Zunächst versucht er in Bottrop, einen Mann anzufahren, der sich jedoch retten kann. Wenig später steuert er sein Fahrzeug gezielt in eine Gruppe von Menschen, darunter syrische und afghanische Staatsangehörige. Anschließend setzt er seine Fahrt nach Essen fort und versucht dort erneut, Menschen mit seinem Auto zu erfassen. Insgesamt werden mehrere Personen verletzt, eine Frau zeitweise lebensgefährlich. Die Ermittlungsbehörden gehen von einem gezielten fremdenfeindlichen und rassistisch motivierten Angriff aus; Hinweise auf eine organisierte terroristische Struktur ergeben sich nicht. Er ist ein politisch motivierter Mehrfachanschlag auf Menschen, wird aber von den Behörden nicht mit Halle gleichgesetzt und nicht als Tat einer terroristischen Vereinigung geführt.
15.10.2018, Köln (Nordrhein-Westfalen): Im Kölner Hauptbahnhof wirft ein syrischer Mann in einem Schnellrestaurant einen Molotowcocktail und verursacht einen explosionsartigen Brand. Ein 14-jähriges Mädchen erleidet dabei schwere Verbrennungen. Anschließend flüchtet der Täter in eine Apotheke, nimmt eine 44-jährige Mitarbeiterin als Geisel und übergießt sie mit Benzin. Bei sich beziehungsweise am Tatort hat er weitere Brandmittel und Gaskartuschen; gegenüber Zeugen soll er sich auf den „Islamischen Staat“ berufen haben. Ein Spezialeinsatzkommando beendet die Geiselnahme, wobei der Täter schwer verletzt wird. Zunächst übernimmt die Bundesanwaltschaft wegen konkreter Hinweise auf einen möglichen radikal-islamistischen Hintergrund die Ermittlungen. Spätere Ermittlungen können diese Indizien jedoch nicht erhärten; insbesondere finden sich keine Belege für eine Beteiligung am IS. Die Bundesanwaltschaft gibt das Verfahren deshalb im Dezember wieder ab. Für unsere Chronik bleibt der Fall als anfänglicher Terrorverdachtsfall relevant, muss aber ausdrücklich mit dem späteren Ergebnis versehen werden: Ein islamistisches Motiv konnte nicht nachgewiesen werden.
12.06.2018, Köln-Chorweiler (Nordrhein-Westfalen): Spezialkräfte durchsuchen die Wohnung des Tunesiers Sief Allah H. und entdecken dort Rizin sowie Materialien zum Bau eines Sprengsatzes. Der Mann hat im Internet Tausende Rizinussamen bestellt und daraus das hochgiftige Rizin hergestellt. Hinzu kommen Metallkugeln und weitere Komponenten, mit denen die Wirkung eines Sprengsatzes verheerender gemacht werden sollte. Nach den Ermittlungen orientiert sich H. an Anleitungen der Terrororganisation „Islamischer Staat“ und steht mit Personen aus dem islamistischen Umfeld in Kontakt. Die Behörden gehen davon aus, dass ein Anschlag in Deutschland vorbereitet wird, ein konkretes Ziel steht zum Zeitpunkt des Zugriffs jedoch noch nicht fest. Das Bundesamt für Verfassungsschutz bezeichnet den Vorgang später als den ersten Fall einer jihadistisch motivierten Herstellung einer biologischen Waffe in Deutschland. Nach Erkenntnissen der Ermittler hätte die Kombination aus Sprengsatz, Metallteilen und Rizin zahlreiche Menschen töten können. Das Oberlandesgericht Düsseldorf verurteilt H. später zu zehn Jahren Haft; seine Ehefrau wird wegen ihrer Beteiligung ebenfalls verurteilt. Der Zugriff verhindert damit einen der außergewöhnlichsten islamistischen Anschlagspläne, die bis dahin in Deutschland bekannt geworden sind.
13.02.2018, Eschwege (Hessen): Ein 17-jähriger irakischer Staatsangehöriger wird festgenommen, weil die Sicherheitsbehörden ihn der Mitgliedschaft in der Terrororganisation „Islamischer Staat“ verdächtigen. Nach Erkenntnissen der Ermittler war der Jugendliche bereits im Irak in Strukturen des IS eingebunden und reist anschließend als Flüchtling nach Deutschland ein. Besonders brisant wird der Fall, weil sich Hinweise auf eine mögliche Anschlagsbereitschaft ergeben. Der Verfassungsschutz führt die Festnahme später ausdrücklich im Zusammenhang mit den 2018 aufgedeckten beziehungsweise vereitelten islamistisch motivierten Anschlagsplanungen auf. Der Jugendliche soll sich mit Möglichkeiten zur Begehung eines Anschlags beschäftigt haben, bevor die Behörden eingreifen. Zu einem konkreten Anschlagsversuch kommt es nicht. Der Fall zeigt allerdings erneut das Problem, dass sich Terrorismus nicht erst dann materialisiert, wenn irgendwo eine Bombe explodiert oder ein Fahrzeug in eine Menschenmenge fährt. Für unsere Chronik reicht deshalb eine belastbar dokumentierte konkrete Anschlagsvorbereitung aus.
28.07.2017, Hamburg (Hamburg): Der 26-jährige Palästinenser Ahmad A. betritt am Nachmittag einen EDEKA-Markt im Stadtteil Barmbek und nimmt dort ein etwa 20cm langes Küchenmesser aus einem Regal. Anschließend sticht er unvermittelt auf Kunden ein und tötet einen 50-jährigen Mann. Auf seiner Flucht aus dem Supermarkt greift er weitere Menschen an und verletzt insgesamt sechs Personen. Passanten verfolgen den Täter, überwältigen ihn schließlich und halten ihn bis zum Eintreffen der Polizei fest. Die Bundesanwaltschaft übernimmt die Ermittlungen wegen des islamistischen Hintergrunds. Nach den späteren Feststellungen sympathisiert Ahmad A. mit der Ideologie des sogenannten Islamischen Staates, ohne nachweislich Mitglied der Terrororganisation zu sein. Er will möglichst viele deutsche Staatsangehörige christlichen Glaubens töten und rechnet damit, selbst als „Märtyrer“ zu sterben. Das Hanseatische Oberlandesgericht verurteilt ihn später wegen Mordes und sechsfachen versuchten Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe und stellt die besondere Schwere der Schuld fest.
19.06.2017, mehrere Orte in Deutschland: Wenige Wochen vor dem G20-Gipfel werden nahezu zeitgleich Brandanschläge auf Einrichtungen der Deutschen Bahn in mehreren Bundesländern verübt. Betroffen sind unter anderem Berlin, Hamburg, Bremen, Bad Bevensen, Köln, Dortmund und Leipzig. Insgesamt werden an 14 Stellen Brandsätze beziehungsweise Brand- und Sprengvorrichtungen an Kabelschächten und elektronischen Stellwerken platziert. Signalkabel werden zerstört, Züge fallen aus oder verspäten sich erheblich und besonders der Ausfall der Betriebszentrale Leipzig sorgt für weitreichende Störungen. Weil entlang der Bahnstrecken auch Telekommunikationsleitungen verlaufen, trifft die Aktion zusätzlich das Vodafone-Netz; rund 14.000 Haushalte in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sind zeitweise von Kommunikationsausfällen betroffen. In einem Selbstbezichtigungsschreiben stellen die Täter ausdrücklich einen Zusammenhang mit dem bevorstehenden G20-Gipfel in Hamburg her. Der Verfassungsschutz ordnet die koordinierte Anschlagsserie dem Linksextremismus zu. Bemerkenswert ist vor allem die bundesweite Koordination innerhalb weniger Stunden: Hier werden nicht spontan irgendwo ein paar Kabel angezündet, sondern gleichzeitig Schwachstellen kritischer Infrastruktur an zahlreichen Orten angegriffen.
26.04.2017, Illkirch/Frankreich und Deutschland: Der Bundeswehr-Oberleutnant Franco A. wird am Flughafen Wien festgenommen; am folgenden Tag durchsuchen Ermittler mehrere Objekte in Deutschland, womit einer der ungewöhnlichsten rechtsextremistischen Terrorfälle der Bundesrepublik öffentlich wird. Franco A. hat sich zuvor unter falscher Identität als syrischer Flüchtling registrieren lassen und tatsächlich Leistungen als Asylbewerber bezogen. Nach den Ermittlungen plant er schwere Gewalttaten gegen hochrangige Politiker und Personen des öffentlichen Lebens. Auf seinen Listen beziehungsweise in seinen Unterlagen finden sich unter anderem Namen von Bundesjustizminister Heiko Maas und Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth. Der Plan soll darin bestanden haben, Anschläge zu begehen und den Verdacht anschließend auf Flüchtlinge zu lenken, wozu seine fingierte syrische Identität dienen konnte. Außerdem beschafft und versteckt er Waffen und Munition. Der Bundesgerichtshof verurteilt Franco A. später rechtskräftig wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat sowie weiterer Delikte zu fünfeinhalb Jahren Haft. Damit bleibt es glücklicherweise bei der Anschlagsvorbereitung, allerdings bei einer bemerkenswert weit fortgeschrittenen.
11.04.2017, Dortmund (Nordrhein-Westfalen): Kurz nach der Abfahrt des Mannschaftsbusses von Borussia Dortmund zum Champions-League-Spiel gegen AS Monaco detonieren am Straßenrand drei Sprengsätze. Die Bomben sind mit Metallstiften bestückt und werden gezündet, als der Bus vorbeifährt. BVB-Spieler Marc Bartra wird am Arm verletzt und muss operiert werden; auch ein Polizist erleidet Verletzungen. Zunächst sorgen am Tatort gefundene Bekennerschreiben für den Verdacht eines islamistischen Terroranschlags. Die Ermittlungen nehmen jedoch eine geradezu groteske Wendung: Tatverdächtig wird schließlich Sergej W., der zuvor Optionsscheine gekauft hat, mit denen er auf einen fallenden Aktienkurs von Borussia Dortmund wettet. Nach Überzeugung des Gerichts will er durch den Anschlag möglichst viele Spieler töten oder verletzen, damit der Aktienkurs des börsennotierten Vereins einbricht und er finanziell profitiert. Das Landgericht Dortmund verurteilt ihn später wegen 28-fachen versuchten Mordes zu 14 Jahren Haft. Politischer oder religiöser Terrorismus steckt also nicht hinter dem Anschlag, wohl aber ein planmäßig ausgeführter Bombenanschlag aus finanzieller Motivation. Für unsere Chronik bleibt er deshalb drin, allerdings mit genau dieser Einordnung und nicht mit dem anfänglichen Islamismusverdacht.
17.03.2017, Hamburg (Hamburg): In der Nacht werden auf einem Polizeigelände in Hamburg-Eimsbüttel mehrere Einsatzfahrzeuge in Brand gesetzt. Insgesamt werden Polizeifahrzeuge erheblich beschädigt beziehungsweise zerstört. Zu der Tat erscheint ein Bekennerschreiben unter der Bezeichnung „Fire and Flame for the Police“. Die Aktion richtet sich ausdrücklich gegen die Polizei und steht im Kontext der linksextremistischen Mobilisierung vor dem G20-Gipfel im Juli. Der Verfassungsschutz registriert 2017 eine deutliche Zunahme militanter Aktionen im Zusammenhang mit dem Gipfel. Ziel solcher Anschläge ist nicht allein der materielle Schaden, sondern auch die Einschüchterung staatlicher Institutionen und die Mobilisierung der eigenen Szene. Der Angriff gehört damit zu einer Reihe von Brand- und Sabotageaktionen, die dem eigentlichen G20-Gipfel um Monate vorausgehen.
24.07.2016, Ansbach (Bayern): Der 27-jährige syrische Asylbewerber Mohammed D. versucht am Abend, auf das Gelände des Musikfestivals „Ansbach Open“ zu gelangen, wird jedoch abgewiesen, weil er keine Eintrittskarte besitzt. Wenig später zündet er vor einem Weinlokal in der Ansbacher Altstadt einen selbstgebauten Sprengsatz, den er in einem Rucksack trägt. Der Täter stirbt bei der Explosion, 15 Menschen werden verletzt, vier davon schwer. Auf seinem Mobiltelefon finden die Ermittler ein vor der Tat aufgenommenes Video, in dem er dem damaligen Anführer des sogenannten Islamischen Staates die Treue schwört. Der IS veröffentlicht das Video wenig später über einen seiner Propagandakanäle. Die Ermittlungen ergeben außerdem, dass der Attentäter Kontakt zu Personen im Ausland hatte, die in die Anschlagsplanung eingebunden waren. Der Generalbundesanwalt übernimmt das Verfahren, und das Bayerische Landeskriminalamt richtet gemeinsam mit den Ermittlungen zum Würzburger Anschlag die „Soko Juli“ ein. Wäre der Täter mit seinem Sprengsatz auf das Festivalgelände mit mehr als 2.000 Besuchern gelangt, hätte der Anschlag erheblich mehr Opfer fordern können.
01.02.2016, Dallgow-Döberitz (Brandenburg): Die Bundespolizei entdeckt in einem Kabelschacht an der ICE-Strecke Berlin-Hannover einen selbstgebauten Brandsatz. Auf die Vorrichtung werden die Behörden ausgerechnet durch eine Selbstbezichtigung auf einer Internetseite aufmerksam, die dem linksextremistischen Spektrum zugerechnet wird. Der Brandsatz hat nicht gezündet, warum er versagt, bleibt zunächst unklar. Die Bahnstrecke wird während des Polizeieinsatzes gesperrt und der Fernverkehr umgeleitet. Spezialisten der Bundespolizei und des Landeskriminalamtes Brandenburg untersuchen und beseitigen die Vorrichtung. Nach Einschätzung der Ermittler liegt wegen des Bekennerschreibens ein linksextremistischer Hintergrund nahe. In der Erklärung wird die Aktion gegen die europäische Flüchtlingspolitik beziehungsweise die wirtschaftliche Funktionsfähigkeit der von den Verfassern so bezeichneten „Festung Europa“ gerichtet. Wäre der Brandsatz wie vorgesehen in dem Kabelschacht in Brand geraten, hätte er erhebliche Störungen auf einer der wichtigsten deutschen Ost-West-Bahnverbindungen verursachen können.
17.11.2015, Hannover (Niedersachsen): Wenige Tage nach den islamistischen Terroranschlägen von Paris wird das für den Abend geplante Fußball-Länderspiel Deutschland gegen die Niederlande kurzfristig abgesagt. Bundeskanzlerin Angela Merkel und weitere hochrangige Politiker wollen das Spiel besuchen. Sicherheitsbehörden erhalten konkrete Hinweise auf einen möglichen Anschlag im Zusammenhang mit der Veranstaltung. Das Stadion wird geräumt, Zuschauer werden nach Hause geschickt und das gesamte Umfeld von der Polizei abgesucht. Zeitweise ist von möglichen Sprengsätzen beziehungsweise einer Gruppe von Attentätern die Rede. Gefunden werden jedoch weder Sprengstoff noch konkrete Täter. Auch spätere Ermittlungen können einen tatsächlich unmittelbar bevorstehenden Anschlag nicht nachweisen. Die Warnung wird von den Sicherheitsbehörden dennoch als so ernst eingestuft, dass der Verfassungsschutz sie in seinem Jahresbericht ausdrücklich als Terrorwarnung aufführt.
01.11.2015, Freital (Sachsen): Mitglieder der später als terroristische Vereinigung verurteilten „Gruppe Freital“ verüben einen Sprengstoffanschlag auf eine Wohnung, in der Asylbewerber leben. An drei Fenstern werden aus illegaler Pyrotechnik hergestellte Sprengsätze zur Explosion gebracht. In der Wohnung halten sich zum Tatzeitpunkt mehrere Menschen auf. Ein 26-jähriger Syrer wird von Glassplittern im Gesicht getroffen und verletzt. Die übrigen Bewohner können sich in den Flur retten. Die spätere Anklage bewertet den Angriff nicht als bloße Sachbeschädigung, sondern bei mehreren Beteiligten als versuchten Mord. Die Gruppe wählt ihre Ziele nach rassistischen und rechtsextremistischen Kriterien aus und richtet ihre Anschläge insbesondere gegen Flüchtlinge und politische Gegner. Der Fall wird später zu einem zentralen Bestandteil des Terrorprozesses gegen die „Gruppe Freital“
19.10.2015, Dresden (Sachsen): Mitglieder beziehungsweise Unterstützer der „Gruppe Freital“ greifen in der Nacht das alternative Wohnprojekt „Mangelwirtschaft“ in Dresden an, dessen Bewohner sich in der Flüchtlingshilfe engagieren. Mehrere vermummte Täter werfen zunächst Pflastersteine gegen beleuchtete Fenster des Hauses. Anschließend schleudern sie illegale pyrotechnische Sprengkörper in beziehungsweise gegen das Gebäude. Zusätzlich werden zwei mit Buttersäure präparierte Sprengvorrichtungen an der Hintertür platziert, von denen eine explodiert. Nach den späteren Ermittlungen ist die Aktion vorbereitet und arbeitsteilig organisiert: Es gibt Angreifer, Fahrer der Fluchtfahrzeuge und Personen, die Sprengmittel beschaffen. Mindestens ein Bewohner wird verletzt. Die Tat gehört später zu den zentralen Anklagepunkten gegen die rechtsterroristische „Gruppe Freital“. Aus einer Bürgerwehr und einer rechtsextremistischen Stammtischszene ist damit binnen weniger Monate eine Gruppe geworden, die organisierte Sprengstoffanschläge auf politische Gegner verübt.
20.09.2015, Freital (Sachsen): In den frühen Morgenstunden wird das örtliche Parteibüro der Linken Ziel eines Sprengstoffanschlags. Täter bringen illegale Pyrotechnik an einem Schaufenster an und zünden sie. Durch die Explosion werden die Scheibe, der Fensterrahmen und Teile des Mauerwerks beschädigt. Menschen werden bei diesem Anschlag nicht verletzt. Das Ziel ist allerdings keineswegs zufällig ausgewählt: Linke Politiker und Unterstützer von Flüchtlingen gehören ausdrücklich zum Feindbild der sich formierenden rechtsextremistischen „Gruppe Freital“. Die Ermittlungen ergeben später, dass Mitglieder der Gruppe für eine Reihe solcher Angriffe verantwortlich sind. Der Anschlag wird deshalb Teil des späteren Verfahrens wegen Bildung beziehungsweise Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung.
19.09.2015, Freital (Sachsen): Kurz vor Mitternacht wird ein Sprengsatz unmittelbar an einem Küchenfenster einer von Asylbewerbern bewohnten Wohnung angebracht. Die Bewohner bemerken die Gefahr beziehungsweise können den betroffenen Raum rechtzeitig verlassen und flüchten in den Flur. Kurz darauf explodiert der Sprengkörper und zerstört Fensterscheiben, Rahmen und Teile der Einrichtung. Dass niemand verletzt wird, ist damit vor allem glücklichen Umständen zu verdanken. Die Tat wird später Mitgliedern der „Gruppe Freital“ zugerechnet. Die Bundesanwaltschaft übernimmt 2016 die Ermittlungen gegen die Gruppierung und behandelt sie als rechtsterroristische Vereinigung. Im späteren Prozess spielt auch dieser Anschlag eine wesentliche Rolle. Das Muster wird zunehmend deutlich: Nicht nur Gebäude sollen beschädigt werden, sondern Sprengsätze werden unmittelbar an bewohnten Räumen gezündet.
17.09.2015, Berlin-Spandau (Berlin): Der bereits wegen terroristischer Straftaten verurteilte Islamist Rafik Yousef entfernt am Morgen seine elektronische Fußfessel und zieht anschließend mit einem Messer durch Berlin-Spandau. Passanten alarmieren die Polizei, weil er Menschen bedroht. Als zwei Polizeibeamte eintreffen und ihn auffordern, das Messer wegzulegen, stürmt Yousef auf eine 44-jährige Polizistin zu. Er sticht ihr in Hals und Schulter und verletzt sie schwer. Ihr Kollege eröffnet daraufhin das Feuer und trifft den Angreifer tödlich. Yousef war bereits 2008 wegen Mitgliedschaft in der islamistischen Terrororganisation Ansar al-Islam und wegen seiner Beteiligung an einem geplanten Anschlag auf den damaligen irakischen Ministerpräsidenten Iyad Allawi zu acht Jahren Haft verurteilt worden. Ob der Messerangriff selbst als vorbereiteter Terroranschlag geplant war, können die Ermittler allerdings nicht eindeutig feststellen; ein religiös-islamistisches Motiv wird nicht ausgeschlossen. Genau deshalb bleibt der Fall in unserer Chronik, ohne ihm nachträglich eine Gewissheit anzudichten, die die Ermittler selbst nicht hatten.
27.07.2015, Freital (Sachsen): Das Auto des Linken-Stadtrats Michael Richter wird durch einen selbstgebauten Sprengsatz schwer beschädigt. Richter engagiert sich öffentlich für Flüchtlinge und ist deshalb zuvor bereits mehrfach bedroht worden. Mitglieder der späteren „Gruppe Freital“ verwenden für den Sprengsatz unter anderem Schwarzpulver; nach Aussagen im späteren Prozess wird die Wirkung durch zusätzliche Materialien verstärkt. Durch die Explosion werden auch zwei daneben abgestellte Fahrzeuge beschädigt. Menschen werden nicht verletzt. Innerhalb der Gruppe wird der Anschlag nach späteren Zeugenaussagen positiv aufgenommen und bildet gewissermaßen den Auftakt der folgenden Anschlagsserie. Die Zielauswahl ist politisch motiviert und richtet sich gegen einen Lokalpolitiker, der für eine flüchtlingsfreundliche Haltung steht. Wenige Monate später steigert die Gruppe ihre Aktionen bis zu Sprengstoffanschlägen auf bewohnte Flüchtlingsunterkünfte.
30.04.2015, Oberursel (Hessen): Die Polizei nimmt ein Ehepaar fest und verhindert damit nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden möglicherweise einen islamistischen Anschlag auf das traditionsreiche Radrennen „Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt“ am folgenden Tag. Der 35-jährige Mann ist zuvor mehrfach entlang der Rennstrecke beobachtet worden und soll Bereiche der Strecke ausgekundschaftet haben. Verdächtig wird das Paar unter anderem durch den Kauf größerer Mengen Wasserstoffperoxid. Bei der Durchsuchung finden die Ermittler eine funktionsfähige Rohrbombe, Chemikalien, Munition, Waffen, islamistisches Propagandamaterial und ein Übungsgeschoss für eine Panzerfaust. Die Polizei sagt das Radrennen mit Tausenden Teilnehmern und Zuschauern aus Sicherheitsgründen vollständig ab. Der Mann wird später unter anderem wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat verurteilt. Ein konkretes Anschlagsziel lässt sich allerdings letztlich nicht zweifelsfrei nachweisen. Die Sicherheitsbehörden gehen dennoch davon aus, durch den Zugriff einen möglichen Anschlag verhindert zu haben.
24.11.2014, Berlin (Berlin): Ein unbekannter Täter dringt in den abgesperrten Innenhof des Paul-Löbe-Hauses des Deutschen Bundestages ein, beschädigt eine Fensterscheibe und entzündet dort einen Brandsatz. Das Feuer erlischt nach kurzer Zeit von selbst, größere Schäden entstehen nicht. Am Tatort werden erneut Flugblätter mit der Bezeichnung „DWB – Deutsche Widerstandsbewegung“ gefunden. Damit ist es bereits der dritte Anschlagsversuch innerhalb weniger Monate, der dieser Bezeichnung zugeordnet wird. Zuvor waren die CDU-Bundesgeschäftsstelle und ein Gebäude des Bundestages angegriffen worden. Das Bundesamt für Verfassungsschutz ordnet den Verfasser der Flugblätter dem intellektuellen Rechtsextremismus zu, weist allerdings auf Auffälligkeiten zwischen den Texten und der eher aktionistischen Vorgehensweise bei den Anschlägen hin. Der Generalbundesanwalt hat inzwischen einen Beobachtungsvorgang angelegt, sieht aber zunächst keine ausreichenden Anhaltspunkte für eine terroristische Vereinigung. Die Anschlagsserie bleibt damit politisch motiviert, ohne dass aus der ominösen „Deutschen Widerstandsbewegung“ eine nachgewiesene Organisation wird.
15.11.2014, Frohburg (Sachsen): Mitglieder der rechtsextremistischen „Oldschool Society“ treffen sich auf einem Kleingartengrundstück zu einem persönlichen Treffen, das später auch als Gründungstreffen bezeichnet wird. Die Gruppierung hat sich zuvor über WhatsApp und seit August über den verschlüsselten Messenger Telegram organisiert. Bei dem Treffen wird über Angriffe auf Salafisten, Moscheen und Asylbewerberunterkünfte gesprochen. Die OSS gibt sich eine hierarchische Struktur mit „President“, „Vice-President“ und weiteren Funktionen, offenbar inspiriert von Rockerclubs. In den folgenden Monaten radikalisiert sich die Gruppe weiter und entwickelt konkrete Pläne für Sprengstoffanschläge. 2015 beschaffen Mitglieder schließlich besonders starke illegale Feuerwerkskörper, aus denen Sprengsätze gebaut werden sollen. Ein geplanter Angriff auf eine bewohnte Asylbewerberunterkunft wird durch den Zugriff der Sicherheitsbehörden verhindert. Das Oberlandesgericht München verurteilt die führenden Mitglieder 2017 wegen Gründung beziehungsweise Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu mehrjährigen Haftstrafen.
29.09.2014, Berlin (Berlin): Ein Mann wirft einen Brandsatz gegen einen Seiteneingang eines Gebäudes des Deutschen Bundestages. Der Brandsatz trifft die Sicherheitsverglasung der Tür, prallt davon ab und erlischt kurze Zeit später von selbst. Sachschaden entsteht nach Angaben der Bundesregierung nicht. Am Tatort werden Flugblätter der sogenannten „Deutschen Widerstandsbewegung“ gefunden. Dadurch stellen die Ermittler einen Zusammenhang mit einem Brandanschlag auf die CDU-Bundesgeschäftsstelle rund einen Monat zuvor her. Die Texte der „Deutschen Widerstandsbewegung“ enthalten politische und rechtsextremistische Bezüge, allerdings keine eindeutige Bezugnahme auf den historischen Nationalsozialismus. Einen Tag nach dem Angriff legt der Generalbundesanwalt einen Beobachtungsvorgang an. Für die Annahme einer terroristischen Vereinigung reichen die damaligen Erkenntnisse nicht aus, der gezielte Angriff auf ein Gebäude des Bundestages bleibt aber selbstverständlich Teil unserer Chronik.
25.08.2014, Berlin (Berlin): Ein oder mehrere unbekannte Täter werfen einen Brandsatz gegen die CDU-Bundesgeschäftsstelle. Der Brandsatz landet in unmittelbarer Nähe des Mauerwerks und entzündet sich. Die Flammen erlöschen nach kurzer Zeit von selbst, sodass lediglich Verrußungen an Fassade und Gehweg entstehen. Am Tatort werden Flugblätter mit der Bezeichnung „DWB – Deutsche Widerstandsbewegung“ gefunden. In den folgenden Monaten werden zwei weitere Brandanschläge auf Gebäude des Deutschen Bundestages derselben Serie zugerechnet. Das Bundesamt für Verfassungsschutz ordnet den Verfasser der Texte dem intellektuellen Rechtsextremismus zu. Gleichzeitig weisen die Sicherheitsbehörden darauf hin, dass die praktische Ausführung der Anschläge eher zu einem aktionistisch ausgerichteten Täterprofil passt. Die „Deutsche Widerstandsbewegung“ bleibt nebulös; eine tatsächliche rechtsterroristische Organisation dieses Namens können die Behörden nicht nachweisen.
29.07.2014, Wuppertal (Nordrhein-Westfalen): Drei junge Männer stellen in einer Wohnung sechs Molotowcocktails aus Bierflaschen, Dieselkraftstoff und Stofflunten her und begeben sich anschließend zur Bergischen Synagoge in Wuppertal. Fünf der Brandsätze werden in Richtung des Eingangsbereichs geworfen. Sie treffen unter anderem die Fassade und ein Fenster beziehungsweise zerschellen vor dem Gebäude; wesentliche Gebäudeteile geraten glücklicherweise nicht in Brand. Das Amtsgericht Wuppertal stellt später fest, dass die Täter zumindest billigend in Kauf nehmen, wesentliche Teile der Synagoge in Brand zu setzen. Das Gericht verurteilt die drei Männer wegen gemeinschaftlicher versuchter schwerer Brandstiftung. Die Tat findet während des Gaza-Krieges 2014 statt und löst wegen des jüdischen Anschlagsziels bundesweit erhebliche Empörung aus. Die Stadt Wuppertal organisiert noch am selben Tag eine Solidaritätsveranstaltung mit der jüdischen Gemeinde. Dass die Synagoge nicht tatsächlich in Flammen aufgeht, liegt laut Urteil unter anderem daran, dass die Molotowcocktails Fenster und Eingangstür nicht durchdringen und teilweise bereits während des Fluges erlöschen.
17.07.2013, mehrere Orte in Deutschland: Deutsche Ermittler gehen gemeinsam mit Behörden in der Schweiz und den Niederlanden gegen mutmaßliche Mitglieder eines sogenannten „Werwolf-Kommandos“ vor. Durchsucht werden Wohnungen von sechs Rechtsextremisten, unter anderem in Hamburg, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Die Bundesanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts, dass die Beschuldigten eine rechtsterroristische Vereinigung gegründet haben könnten. Nach dem damaligen Ermittlungsverdacht soll die Gruppe das politische System der Bundesrepublik gewaltsam bekämpfen wollen. Im Raum stehen Planungen für Sprengstoffanschläge sowie Kontakte zur Beschaffung von Waffen. Namensgeber ist die nationalsozialistische „Werwolf“-Ideologie aus der Endphase des Zweiten Weltkriegs. Einer der Beschuldigten ist der Schweizer Rechtsextremist Sébastien N. Allerdings erhärtet sich der ursprüngliche Verdacht später nicht in dem Umfang, den die ersten Meldungen vermuten lassen; eine tatsächlich handlungsfähige Terrororganisation mit unmittelbar bevorstehenden Anschlägen kann nicht nachgewiesen werden. Für unsere Chronik bleibt der Vorgang deshalb als ernsthafter Rechtsterrorverdacht stehen, nicht als vollendeter Anschlag.
02.05.2013, Berlin (Berlin): Unbekannte Täter setzen in den frühen Morgenstunden einen Kabelschacht der Berliner S-Bahn und einen Verteilerkasten in Brand. Der Anschlag trifft nicht nur den Nahverkehr: Auch die wichtige Fernbahnstrecke Berlin-Magdeburg wird beeinträchtigt. Der Zugverkehr im Westen Berlins ist über mehrere Stunden erheblich gestört. In einem anschließend veröffentlichten Bekennerschreiben übernimmt eine Gruppe unter der Bezeichnung „Vulkan Grimsvötn. Würde Freiheit Gerechtigkeit!“ die Verantwortung. Die Täter erklären ausdrücklich, technische Netze und Kreisläufe sabotieren und dadurch den normalen wirtschaftlichen Betrieb stören zu wollen. Sie stellen die Aktion in einen Zusammenhang mit dem 1. Mai und präsentieren den Angriff auf Infrastruktur als Alternative zu Demonstrationen, die ihnen offenbar nicht mehr radikal genug erscheinen. Der Bundesverfassungsschutz ordnet die Aktion dem Linksextremismus zu.
10.12.2012, Bonn (Nordrhein-Westfalen): Auf Gleis 1 des Bonner Hauptbahnhofs entdeckt ein Reisender eine herrenlose Tasche, in der sich eine selbstgebaute Spreng- und Brandvorrichtung befindet. Das Konstrukt besteht unter anderem aus einem mit Ammoniumnitrat gefüllten Metallrohr, mehreren Butangas-Kartuschen und einer zeitgesteuerten Zündkonstruktion. Der Hauptbahnhof wird gesperrt und der Bahnverkehr rund um Bonn für mehrere Stunden erheblich beeinträchtigt. Spezialisten machen die Vorrichtung unschädlich. Die Ermittler gehen anschließend davon aus, dass ein Anschlag versucht wurde; nach damaligen Erkenntnissen verhindert möglicherweise ein Konstruktionsfehler die Explosion. Wenige Tage später übernimmt die Bundesanwaltschaft das Verfahren, weil sich belastbare Hinweise auf Verbindungen der Verdächtigen in die radikal-islamistische Szene ergeben. Im Mittelpunkt der Ermittlungen steht später unter anderem der Bonner Salafist Marco G. Die Behörden prüfen darüber hinaus Verbindungen zu einer Gruppe, die einen Mordanschlag auf den Vorsitzenden von Pro NRW geplant haben soll. Damit entwickelt sich der zunächst rätselhafte Koffer auf einem Bahnsteig zu einem der bedeutendsten islamistischen Terrorermittlungsverfahren des Jahres.
05.05.2012, Bonn (Nordrhein-Westfalen): Vor der König-Fahd-Akademie eskaliert eine Demonstration der rechtsextremen Partei Pro NRW und eine von radikalen Salafisten dominierte Gegendemonstration. Pro NRW zeigt Mohammed-Karikaturen, woraufhin Teile der Gegendemonstranten die Polizeiketten angreifen. Die Gewalt ist nach Einschätzung der Polizei keineswegs ausschließlich spontan: Gewaltbereite Salafisten sind zuvor bundesweit für die Veranstaltung mobilisiert worden. Insgesamt werden 29 Polizeibeamte verletzt und mehr als 100 Personen festgenommen. Besonders schwer wiegt der Angriff des Salafisten Murat K., der mit einem Messer auf drei Polizisten einsticht. Eine 30-jährige Polizeikommissarin und ein 35-jähriger Beamter werden schwer verletzt und müssen operiert werden. Gegen den Angreifer wird zunächst wegen dreifachen versuchten Mordes ermittelt; später wird er unter anderem wegen Landfriedensbruchs und gefährlicher Körperverletzung zu sechs Jahren Haft verurteilt. Als Motiv gibt er an, die Mohammed-Karikaturen hätten den Propheten beleidigt und die Polizei habe diese Beleidigung nicht verhindert. Der Vorgang markiert 2012 eine neue Eskalationsstufe der gewaltbereiten salafistischen Szene in Deutschland.
08.12.2011, Bochum (Nordrhein-Westfalen): Die Bundesanwaltschaft lässt einen weiteren mutmaßlichen Unterstützer der sogenannten Düsseldorfer Zelle festnehmen. Der Mann soll die Anschlagsplanungen fortgeführt haben, nachdem bereits Ende April drei mutmaßliche al-Qaida-Mitglieder festgenommen worden waren. Nach Erkenntnissen der Ermittler geht es weiterhin um die Vorbereitung eines Terroranschlags in Deutschland. Die Gruppe beschäftigt sich unter anderem mit dem Bau eines Sprengsatzes und der Beschaffung dafür benötigter Materialien. Als mögliche Anschlagsziele werden öffentlich stark frequentierte Orte diskutiert. Die Ermittlungen münden später in Anklagen wegen Mitgliedschaft beziehungsweise Unterstützung der ausländischen terroristischen Vereinigung al-Qaida. Damit ist die Festnahme im Dezember keine neue unabhängige Terrorzelle, sondern die Fortsetzung des im April aufgedeckten Komplexes. Bemerkenswert ist gerade, dass die Planungen trotz der ersten Festnahmen offenbar nicht vollständig beendet waren.
12.10.2011, Berlin und Brandenburg: Am dritten Tag einer Serie von Angriffen und Anschlagsversuchen gegen die Deutsche Bahn steigt die Zahl der entdeckten Brandsätze auf insgesamt 16. Die Vorrichtungen werden unter anderem an Strecken bei Staaken, Schöneberg und weiteren Stellen des Berliner Bahnnetzes gefunden; einige haben bereits gezündet, andere versagen oder werden rechtzeitig entdeckt. Die Auswirkungen sind erheblich: Zeitweise sind zwei der drei großen ICE-Verbindungen von und nach Berlin gestört. Bundesweit verspäten sich innerhalb weniger Tage rund 2.000 Züge, Zehntausende Reisende sind betroffen. Die Bundesanwaltschaft übernimmt wegen des Verdachts der verfassungsfeindlichen Sabotage die Ermittlungen und beauftragt das Bundeskriminalamt. Die Deutsche Bahn setzt 100.000 Euro Belohnung für Hinweise auf die Täter aus. Hinter der Serie wird eine links-militante Gruppierung vermutet, die ihre Aktionen unter anderem mit dem Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr und deutschen Waffenexporten begründet. Eine erstaunliche Hebelwirkung: ein paar Brandsätze an den richtigen Kabeln, und plötzlich beschäftigt sich die Bundesanwaltschaft mit dem Fahrplan.
12.10.2011, Berlin-Staaken und Berlin-Schöneberg (Berlin): Bei weiteren Kontrollen der Bahnanlagen werden erneut mehrere Brandsätze entdeckt. In Staaken finden Ermittler zwei Vorrichtungen, von denen eine bereits gezündet und gebrannt hat. Weitere verdächtige Behälter mit brennbarer Flüssigkeit werden im Süden Berlins entdeckt. Zeitweise sind damit sowohl die Verbindung Berlin-Hamburg als auch wichtige Strecken in Richtung Hannover beeinträchtigt. ICE- und IC-Züge müssen umgeleitet werden und verspäten sich teilweise um bis zu eine Stunde. Die Zahl der gefundenen Brandsätze steigt auf mindestens 14, später werden insgesamt bis zu 16 Vorrichtungen der Anschlagsserie zugerechnet. Die Deutsche Bahn setzt 100.000 Euro Belohnung für Hinweise aus, die zur Ergreifung der Täter führen. Die Bundesanwaltschaft spricht ausdrücklich vom Verdacht der „verfassungsfeindlichen Sabotage“. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer bezeichnet die Aktionen damals als „terroristische Anschläge“ und spricht angesichts der koordinierten Vorgehensweise von einer neuen Dimension.
11.10.2011, Berlin-Treptow (Berlin): Einen Tag nach dem ersten Anschlag entdecken Bahnmitarbeiter weitere Brandsätze auf Bahngelände in Berlin-Treptow. Die Konstruktionen ähneln den zuvor gefundenen Vorrichtungen und sollen offenbar zeitgesteuert Kabelanlagen in Brand setzen. Die Ermittler gehen zunehmend davon aus, dass die Brandsätze nicht nacheinander platziert wurden, sondern bereits vorher an mehreren Stellen vorbereitet worden waren. Das bedeutet, dass die Täter offenbar eine koordinierte Serie von Störungen des Berliner und überregionalen Bahnverkehrs geplant haben. Weitere Strecken werden vorsorglich kontrolliert, wodurch sich die Auswirkungen auf den Bahnverkehr zusätzlich vergrößern. Die Sicherheitsbehörden rechnen die Tatserie dem linksextremistischen Spektrum zu. Verletzte gibt es nicht, die mögliche Gefährdung durch die zahlreichen Brandsätze ist dennoch erheblich. Die Bundesanwaltschaft bewertet die Serie schließlich so ernst, dass sie wegen verfassungsfeindlicher Sabotage ermittelt.
10.10.2011, Brieselang/Finkenkrug (Brandenburg): An der Bahnstrecke Berlin-Hamburg installieren unbekannte Täter zwei elektronisch zeitverzögerte Brandsätze in geöffneten Kabelschächten. Einer der Brandsätze zündet tatsächlich und beschädigt wichtige Signalkabel erheblich. Dadurch kommt es zu massiven Behinderungen des Bahnverkehrs zwischen Berlin und Hamburg. Noch am selben Tag taucht auf einer linksextremistischen Internetplattform ein Bekennerschreiben der Gruppe „Hekla-Empfangskomitee – Initiative für mehr gesellschaftliche Eruptionen“ auf. Darin wird die Aktion unter anderem mit dem Bundeswehreinsatz in Afghanistan begründet. In den folgenden Tagen finden Bahnmitarbeiter und Polizei immer weitere Brandsätze an Strecken in Berlin und Brandenburg. Insgesamt werden schließlich mindestens 14, nach anderen Zählungen 16 vorbereitete Brandvorrichtungen entdeckt. Mehrere wichtige Fernverkehrsstrecken müssen zeitweise gesperrt werden, Züge werden umgeleitet und erreichen ihre Ziele teilweise mit erheblichen Verspätungen. Die Bundesanwaltschaft übernimmt schließlich wegen des Verdachts der verfassungsfeindlichen Sabotage die Ermittlungen und beauftragt das Bundeskriminalamt.
23.05.2011, Berlin-Ostkreuz (Berlin): Unbekannte setzen auf einer Baustelle am Bahnhof Ostkreuz eine provisorische Kabelbrücke in Brand. Auf ihr verlaufen Signal-, Telekommunikations- und Stromleitungen, sodass der Angriff gleich mehrere technische Systeme trifft. In zahlreichen Bahnhöfen und Stellwerken fällt der Strom aus, der Verkehr von S-Bahn und Deutscher Bahn wird teilweise tagelang erheblich beeinträchtigt. Auch Telekommunikationsverbindungen sind betroffen. Monate später veröffentlicht eine Gruppierung mit dem Namen „Das Grollen des Eyjafjallajökull“ ein Selbstbezichtigungsschreiben. Darin wird die Deutsche Bahn unter anderem wegen ihrer Rolle beim Transport von Rüstungsgütern angegriffen. Der Berliner Verfassungsschutz ordnet den Anschlag dem linksextremistischen Spektrum zu. Die Tat wird später auch zum Vorbild für weitere Angriffe auf Bahninfrastruktur. Schon hier zeigt sich das Muster, das uns in den folgenden Jahren noch häufiger begegnet: Nicht der Zug selbst wird angegriffen, sondern die unscheinbare Technik, ohne die anschließend ziemlich wenig fährt.
29.04.2011, Düsseldorf und Bochum (Nordrhein-Westfalen): Die Sicherheitsbehörden nehmen drei mutmaßliche Mitglieder der später sogenannten „Düsseldorfer Zelle“ fest und verhindern damit nach Überzeugung der Ermittler einen Anschlag von al-Qaida in Deutschland. Die Männer sollen im Auftrag der Terrororganisation einen Sprengstoffanschlag mit möglichst vielen Todesopfern vorbereiten. Kopf der Gruppe ist der Marokkaner Abdeladim El-Kebir, der zuvor in einem al-Qaida-Ausbildungslager im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet gewesen sein soll. Die Gruppe experimentiert mit der Herstellung von Sprengstoff und sammelt Informationen über mögliche Anschlagsziele. Gedacht wird unter anderem an große Menschenansammlungen beziehungsweise stark frequentierte öffentliche Orte. Bei den Ermittlungen werden Chemikalien und weitere für die Bombenherstellung relevante Materialien gefunden. Im Dezember wird ein weiterer Mann festgenommen, der die Planungen nach dem Zugriff fortgeführt haben soll. Die Hauptbeschuldigten werden später wegen Mitgliedschaft in al-Qaida und der Vorbereitung eines Anschlags zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt.
02.03.2011, Frankfurt am Main (Hessen): Der 21-jährige Arid Uka greift am Frankfurter Flughafen gezielt Angehörige der US Air Force an, die auf dem Weg zum Militärstützpunkt Ramstein und anschließend zum Einsatz in Afghanistan sind. An einer Bushaltestelle vor Terminal 2 erschießt er zunächst zwei US-Soldaten. Anschließend steigt er in den Bus und schießt auf weitere Soldaten, von denen zwei schwer verletzt werden. Ein weiterer Mordversuch scheitert nur an einer Ladehemmung seiner Pistole. Uka flüchtet in das Terminal, wird verfolgt und schließlich von Bundespolizisten festgenommen. Er hat sich zuvor im Internet durch jihadistische Propaganda radikalisiert und gibt an, die Soldaten aus religiös-islamistischen Motiven angegriffen zu haben. Das Oberlandesgericht Frankfurt verurteilt ihn 2012 wegen zweifachen Mordes und dreifachen Mordversuchs zu lebenslanger Freiheitsstrafe und stellt die besondere Schwere der Schuld fest. Der Anschlag gilt als erster vollendeter islamistischer Terroranschlag in Deutschland mit Todesopfern.
01.11.2010, Köln/Bonn (Nordrhein-Westfalen): Am Flughafen Köln/Bonn wird in einem aus dem Jemen kommenden Frachtflugzeug ein verdächtiges Paket entdeckt beziehungsweise untersucht, nachdem internationale Sicherheitsbehörden vor präparierten Luftfrachtsendungen gewarnt haben. Der eigentliche internationale Anschlagskomplex wird wenige Tage zuvor bekannt: In Großbritannien und Dubai werden in Frachtflugzeugen professionell konstruierte Bomben entdeckt, die in Druckerpatronen versteckt sind und aus dem Jemen stammen. Eine der Maschinen mit einer der später entdeckten Bomben hat zuvor auch einen Zwischenstopp am Flughafen Köln/Bonn eingelegt. Die Sprengsätze sind an jüdische Einrichtungen in Chicago adressiert und sollen nach späteren Erkenntnissen während des Fluges detonieren. Hinter dem Anschlagsplan steht al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel. Deutschland wird damit zum Bestandteil der Transportkette eines internationalen Luftfracht-Terroranschlags, auch wenn der Sprengsatz während des Aufenthalts in Köln/Bonn nicht entdeckt wird und dort nicht explodiert. Der Fall führt anschließend zu erheblichen Verschärfungen der Sicherheitsmaßnahmen im internationalen Luftfrachtverkehr. Für unsere deutsche Chronik ist er deshalb relevant, weil ein scharfer terroristischer Sprengsatz tatsächlich über einen deutschen Flughafen transportiert wird.
26.10.2010, Berlin (Berlin): Im Bundeskanzleramt wird ein verdächtiges Paket abgefangen, das an Bundeskanzlerin Angela Merkel adressiert ist. Darin befindet sich eine funktionsfähige Sprengvorrichtung. Das Paket stammt aus Griechenland und gehört zu einer ganzen Serie von Brief- und Paketbomben, die an europäische Regierungschefs, Botschaften und Institutionen verschickt werden. Verantwortlich gemacht wird die griechische linksextremistische beziehungsweise anarchistische Gruppierung „Verschwörung der Feuerzellen“. Der Sprengsatz wird bei der Sicherheitskontrolle entdeckt und unschädlich gemacht, bevor er Merkel oder Mitarbeiter des Kanzleramts erreichen kann. Zeitgleich werden weitere Paketbomben unter anderem gegen den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy und verschiedene Botschaften verschickt. Das Bundeskriminalamt untersucht die Sendung und bestätigt, dass sie grundsätzlich explosionsfähig ist. Deutschland ist damit unmittelbar Ziel einer internationalen linksextremistischen Anschlagsserie, auch wenn der Sicherheitscheck verhindert, dass das Paket seinem Namen praktisch gerecht wird.
03.02.2010, Berlin (Berlin): Unbekannte Täter verüben einen Brandanschlag auf Bahninfrastruktur und beschädigen Kabelanlagen, wodurch es zu erheblichen Beeinträchtigungen im Berliner Bahnverkehr kommt. Die Tat wird im Zusammenhang mit einer Reihe linksextremistisch motivierter Angriffe auf Verkehrs- und Kommunikationsinfrastruktur untersucht. Solche Anschläge richten sich bewusst gegen technische Knotenpunkte, bei denen vergleichsweise geringer materieller Aufwand erhebliche Folgewirkungen verursachen kann. Der Berliner Verfassungsschutz registriert in dieser Phase eine zunehmende Bereitschaft militanter Linksextremisten, neben Fahrzeugen und Gebäuden auch Infrastruktur anzugreifen. Bekennerschreiben stellen entsprechende Aktionen häufig in einen Zusammenhang mit Kapitalismus, staatlichen Institutionen oder militärischer Nutzung der Deutschen Bahn. Die konkrete Täterschaft kann bei vielen dieser Anschläge nicht aufgeklärt werden. Für unsere Chronik ist der Vorgang vor allem deshalb relevant, weil sich hier bereits das Angriffsmuster herausbildet, das 2011 mit Ostkreuz und der großen Brandsatzserie gegen die Bahn erheblich eskaliert.
26.10.2009, Berlin (Berlin): Unbekannte Täter verüben einen Brandanschlag auf mehrere Fahrzeuge der Deutschen Bahn. In einer anschließend veröffentlichten Taterklärung begründen militante Antimilitaristen den Angriff ausdrücklich mit der Zusammenarbeit der Bahn mit der Bundeswehr. Im Mittelpunkt steht dabei die Beteiligung des Unternehmens am Fuhrpark beziehungsweise an Transport- und Logistikleistungen für die Streitkräfte. Der Anschlag richtet sich damit nicht zufällig gegen irgendwelche abgestellten Fahrzeuge, sondern gegen ein Unternehmen, das von den Tätern als Bestandteil militärischer Infrastruktur betrachtet wird. Der Bundesverfassungsschutz führt die Tat im Zusammenhang mit den Anschlagsaktivitäten militanter Linksextremisten auf. 2009 stehen Bundeswehr, Rüstungswirtschaft und mit ihnen kooperierende Unternehmen besonders stark im Fokus solcher Gruppen. Die Täter betrachten Sachbeschädigung und Brandstiftung ausdrücklich als legitime politische Aktionsform. Genau diese Verbindung von politischem Ziel und gezielter Schädigung militärisch relevanter Infrastruktur macht den Fall für unsere Chronik interessant.
29.06.2009, Burg (Sachsen-Anhalt): Unbekannte Täter setzen Fahrzeuge der Bundeswehr in Brand. Der Angriff gehört zu einer bundesweiten Serie antimilitaristisch motivierter Brandanschläge, die der Verfassungsschutz dem militanten linksextremistischen Spektrum zurechnet. Bundeswehrfahrzeuge werden 2009 außer in Burg unter anderem in Berlin, Bremen, Dresden, Heilbronn, Ulm und München angegriffen. Insgesamt zählt das Bundesamt für Verfassungsschutz in diesem Jahr zehn entsprechende Brandanschläge. Die Aktionen richten sich insbesondere gegen die Auslandseinsätze der Bundeswehr und deren Beteiligung am Krieg in Afghanistan. In Erklärungen aus der militanten Szene wird die Zerstörung militärischen Eigentums ausdrücklich als politisches Kampfmittel gerechtfertigt. Die Schadenssumme aller entsprechenden Anschläge erreicht mehrere Millionen Euro. Die Serie zeigt damit, dass der spektakuläre Großbrand in Dresden im April kein isoliertes Ereignis bleibt.
13.04.2009, Dresden (Sachsen): In der Nacht dringen unbekannte Täter auf das Gelände der Offiziersschule des Heeres in der Albertstadtkaserne ein und verüben einen der schwersten Sabotageanschläge auf die Bundeswehr in Deutschland in diesen Jahren. Sie setzen den Fahrzeugpark in Brand. Insgesamt werden 42 Lastwagen, Busse und Pkw weitgehend zerstört, außerdem wird ein Fahrzeughangar beziehungsweise Schleppdach erheblich beschädigt. Der Sachschaden beträgt nach Angaben des Verfassungsschutzes mehr als 3Mio. Euro. Am Tatort wird außerdem ein selbstgebauter Brandsatz gefunden, der nicht gezündet hat. In einem später auftauchenden Bekennerschreiben einer „Initiative für ein neues blaues Wunder“ heißt es sinngemäß, wenn die Bundeswehr nicht abrüste, würden die Täter dies übernehmen. Die Sicherheitsbehörden gehen von einem möglichen linksextremistischen beziehungsweise militanten antimilitaristischen Hintergrund aus; die Täter können jedoch nicht ermittelt werden. Die Dimension hebt diesen Fall deutlich von den sonstigen Fahrzeugbrandstiftungen ab: Hier wird gezielt in eine militärische Liegenschaft eingedrungen und ein erheblicher Teil eines Bundeswehr-Fuhrparks zerstört.
18.09.2008, Frankfurt am Main (Hessen): Die Bundesanwaltschaft lässt zwei deutsche Staatsangehörige afghanischer beziehungsweise türkischer Herkunft festnehmen, die dem Umfeld der „Sauerland-Gruppe“ zugerechnet werden. Ihnen wird vorgeworfen, die Islamische Jihad Union (IJU) unterstützt zu haben, also jene Terrororganisation, für die auch die Sauerland-Gruppe Anschläge in Deutschland vorbereiten sollte. Einer der Männer soll versucht haben, in ein Ausbildungslager der IJU im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet zu gelangen. Die Ermittler sehen Verbindungen zu Personen, die bereits wegen der geplanten Bombenanschläge in Deutschland in Haft sitzen. Im Zentrum steht damit nicht irgendeine abstrakte Sympathiebekundung, sondern die Unterstützung einer Organisation, die zu diesem Zeitpunkt konkrete Anschlagspläne gegen Ziele in Deutschland verfolgt hatte. Die Sauerland-Gruppe hatte unter anderem Einrichtungen mit amerikanischem Bezug ins Visier genommen und große Mengen Wasserstoffperoxid für Sprengsätze beschafft. Der Fall zeigt zugleich, dass die Festnahmen vom September 2007 das Unterstützernetzwerk keineswegs vollständig trockengelegt hatten. Für unsere Chronik gehört der Vorgang deshalb als Terrorverdachts- und Unterstützungsfall hinein, nicht als eigenständiger vollendeter Anschlag.
04.09.2007, Medebach-Oberschledorn (Nordrhein-Westfalen): Spezialeinheiten nehmen in einem Ferienhaus im Sauerland Fritz Gelowicz, Adem Yilmaz und Daniel Schneider fest und verhindern damit eine weit fortgeschrittene islamistische Anschlagsserie. Die Männer gehören zur Islamischen Dschihad-Union (IJU) und haben nach Überzeugung der Ermittler massive Bombenanschläge in Deutschland vorbereitet. Sie verfügen über große Mengen Wasserstoffperoxid, aus denen Sprengstoff für Autobomben hergestellt werden soll. Die Ermittler sind der Gruppe allerdings seit Monaten auf der Spur und haben die hochkonzentrierte Chemikalie heimlich gegen eine weitgehend ungefährliche Flüssigkeit ausgetauscht. Als Ziele kommen insbesondere von US-Amerikanern besuchte Diskotheken, Pubs und möglicherweise Flughäfen in Betracht. Die Anschläge sollen noch vor der Abstimmung des Bundestages über die Verlängerung des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr stattfinden und möglichst zahlreiche Menschen töten. Beim Zugriff versucht Schneider zu fliehen, entreißt einem Polizisten dessen Dienstwaffe und verletzt ihn durch einen Schuss an der Hand. Die später als „Sauerland-Gruppe“ bezeichnete Zelle zählt zu den gefährlichsten in Deutschland vereitelten islamistischen Terrorplanungen dieser Zeit.
31.07.2007, Brandenburg an der Havel (Brandenburg): Drei Männer versuchen in der Nacht, auf dem Gelände eines Unternehmens drei dort abgestellte Lastwagen der Bundeswehr in Brand zu setzen. Die Polizei beobachtet die Tat und nimmt die Verdächtigen unmittelbar nach dem Anschlagsversuch fest. An den Fahrzeugen befinden sich bereits ausgelöste Brandvorrichtungen, die von den Einsatzkräften noch rechtzeitig entfernt werden können. Der Generalbundesanwalt verdächtigt die Männer zunächst, Mitglieder der linksextremistischen „militanten gruppe“ zu sein. Bei Durchsuchungen finden Ermittler unter anderem Material, das aus ihrer Sicht Verbindungen zur militanten Szene nahelegt. Die „militante gruppe“ hatte seit 2001 zahlreiche Brandanschläge auf staatliche Einrichtungen, Fahrzeuge und andere Ziele verübt und sich dazu in Bekennerschreiben geäußert. Der Bundesgerichtshof bestätigt zunächst den dringenden Verdacht hinsichtlich des versuchten Brandanschlags, sieht für eine Einstufung der „militanten gruppe“ als terroristische Vereinigung nach §129a StGB jedoch erhebliche rechtliche Hürden. Für unsere Chronik ist die Tat unabhängig davon ein ziemlich lupenreiner politisch motivierter Sabotageversuch gegen militärisches Gerät.
09.05.2007, Berlin, Hamburg und weitere Orte: Im Vorfeld des G8-Gipfels in Heiligendamm durchsuchen Bundesanwaltschaft und Polizei zahlreiche Wohnungen und linke Projekte in mehreren Bundesländern. Hintergrund sind zwölf gewalttätige Aktionen, die einer „Militanten Kampagne gegen den G8-Gipfel“ zugerechnet werden. Dazu gehören Brandanschläge und Sachbeschädigungen gegen Unternehmen, Fahrzeuge und Einrichtungen, die von den Tätern mit dem Gipfel oder dem politischen und wirtschaftlichen System in Verbindung gebracht werden. Die Bundesanwaltschaft ermittelt zunächst wegen des Verdachts der Bildung einer terroristischen Vereinigung. Ziel der Kampagne soll nach Einschätzung der Ermittler sein, weitere gewaltbereite Aktivisten zu mobilisieren und den G8-Gipfel erheblich zu stören oder sogar zu verhindern. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble bezeichnet die vorausgegangenen Brandanschläge öffentlich als ernstzunehmende Entwicklung. Zugleich erklären die Sicherheitsbehörden, dass sie keine Anzeichen für eine terroristische Entwicklung vom Ausmaß der RAF-Zeit erkennen. Später wird die Bundeszuständigkeit verneint und das Verfahren schließlich auch hinsichtlich einer kriminellen Vereinigung eingestellt. Der Komplex gehört trotzdem in unsere Chronik, denn die Brandanschlagsserie selbst hat tatsächlich stattgefunden; nicht bestätigt hat sich dagegen der anfängliche Verdacht einer dahinterstehenden terroristischen Vereinigung.
04.09.2006, Berlin-Lichtenberg (Berlin): Die linksextremistische „militante gruppe“ verübt einen Brandanschlag auf ein Fahrzeug der Bundespolizei. Die Täter setzen das Dienstfahrzeug gezielt in Brand und bekennen sich anschließend zu der Tat. Der Anschlag gehört zu einer ganzen Serie, mit der die Gruppe zwischen 2001 und 2007 staatliche Einrichtungen, Behörden und Unternehmen angreift. Die „militante gruppe“ versteht Brandanschläge ausdrücklich als Mittel ihres politischen Kampfes und operiert konspirativ. Die Bundesanwaltschaft beschäftigt sich später intensiv mit der Frage, ob die Gruppierung als terroristische Vereinigung nach §129a StGB einzustufen ist. Gerichte bewerten diese Einordnung letztlich zurückhaltender, die Brandanschläge selbst stehen jedoch außer Frage. 2009 werden drei Männer wegen Mitgliedschaft in der „militanten gruppe“ zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Der Angriff auf ein Bundespolizeifahrzeug gehört für unsere Chronik damit eindeutig in die Kategorie politisch motivierter Anschläge und Sabotage.
31.07.2006, Köln/Dortmund/Koblenz (Nordrhein-Westfalen/Rheinland-Pfalz): Zwei libanesische Studenten bringen am Kölner Hauptbahnhof jeweils einen Koffer mit einer selbstgebauten Spreng- und Brandvorrichtung in Regionalzügen unter. Einer fährt in Richtung Hamm, der andere nach Koblenz. Die Zeitzünder sind auf 14:30 Uhr eingestellt, doch beide Bomben explodieren wegen eines Konstruktionsfehlers nicht. In den Koffern befinden sich unter anderem Gasflaschen, Benzin beziehungsweise Brandbeschleuniger und Zündvorrichtungen. Sachverständige kommen später zu dem Ergebnis, dass bei funktionierenden Bomben große Feuerbälle und umherfliegende Splitter zahlreiche Menschen hätten töten können. Als Motiv gilt insbesondere die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in europäischen Zeitungen; eine Mitgliedschaft der Täter in einer Terrororganisation kann dagegen nicht nachgewiesen werden. Youssef El-H. wird am 19. August in Kiel festgenommen, Jihad H. stellt sich wenige Tage später im Libanon. El-H. wird 2008 wegen vielfachen versuchten Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Der Fall der „Kofferbomber“ ist damit einer der schwersten vereitelten islamistischen Anschläge in Deutschland vor der Sauerland-Gruppe.
24.05.2006, Berlin-Mitte (Berlin): Die „militante gruppe“ verübt einen Brandanschlag auf das Sozialgericht Berlin. Die Gruppe bekennt sich anschließend zu der Tat und ordnet sie ihrer militanten linksextremistischen Strategie zu. Das Sozialgericht steht dabei als staatliche Institution und als Teil der von den Tätern bekämpften Sozialpolitik im Visier. Die Gruppe beschränkt sich zu dieser Zeit längst nicht mehr auf symbolische Sachbeschädigungen, sondern verwendet gezielt Brandsätze. Seit ihrer Entstehung 2001 hat sie eine Vielzahl ähnlicher Anschläge in Berlin und Brandenburg verübt. Ermittler versuchen über Jahre, Struktur und Mitglieder der konspirativ arbeitenden Gruppe zu identifizieren. Die Anschlagsserie führt schließlich zu Ermittlungen der Bundesanwaltschaft wegen des Verdachts einer terroristischen Vereinigung. Für unsere Chronik ist der Angriff ein weiterer Beleg dafür, wie kontinuierlich diese Form politisch motivierter Brandsabotage Mitte der 2000er Jahre betrieben wird.
05.05.2006, Berlin-Lichtenrade (Berlin): Die „militante gruppe“ setzt zwei Dienstfahrzeuge der Berliner Polizei in Brand. In ihrem Bekennerschreiben stellt die Gruppe den Anschlag in einen unmittelbaren Zusammenhang mit dem Polizeieinsatz bei den Demonstrationen am 1. Mai. Die Polizeifahrzeuge werden damit bewusst als staatliche Ziele ausgewählt. Die Tat ist Teil einer ganzen Kette von Brandanschlägen, mit denen die Gruppe ihre politischen Forderungen beziehungsweise ihre Ablehnung staatlicher Institutionen gewaltsam unterstreicht. Menschen werden bei dem Angriff nicht verletzt. Die Täter kalkulieren ihre Aktionen überwiegend so, dass Sachwerte zerstört werden, nehmen aber durch den Einsatz von Brandsätzen erhebliche Gefahren in Kauf. Die Bundesbehörden rechnen die Gruppe zu den bedeutendsten militanten linksextremistischen Strukturen dieser Jahre. 2006 ist für die „militante gruppe“ ein ausgesprochen aktives Jahr.
09.04.2006, Berlin (Berlin): Unbekannte aus dem Umfeld der „militanten gruppe“ verüben einen Brandanschlag auf ein Polizeipräsidium. Auch dieser Angriff reiht sich in die Anschlagskampagne der Gruppe gegen staatliche Einrichtungen ein. Ziel ist nicht eine spontane Beschädigung während einer Demonstration, sondern ein vorbereiteter politisch motivierter Angriff. Die Gruppe arbeitet mit Brandsätzen und veröffentlicht anschließend regelmäßig Selbstbezichtigungsschreiben, in denen sie ihre Zielauswahl ideologisch begründet. Gerade diese planmäßige Vorgehensweise unterscheidet die Aktionen von gewöhnlichem Vandalismus. Die Sicherheitsbehörden beschäftigen sich deshalb zunehmend mit der Frage, wie weit sich die militante Szene in Richtung terroristischer Strukturen entwickelt. Die „militante gruppe“ wird später mit zahlreichen Anschlägen in Berlin und Brandenburg in Verbindung gebracht. Der Angriff vom April gehört zu dieser längerfristigen Kampagne.
20.03.2006, Berlin-Treptow-Köpenick (Berlin): Die „militante gruppe“ greift den Fuhrpark des Bezirksamtes beziehungsweise Ordnungsamtes Treptow-Köpenick an und setzt Fahrzeuge in Brand. Wieder richtet sich die Aktion gezielt gegen staatliches Eigentum. Die Gruppe veröffentlicht zu ihren Anschlägen politische Erklärungen und versucht damit, die Brandstiftungen als Teil einer revolutionären Strategie darzustellen. Der Sachschaden ist für die Täter nicht bloßer Nebeneffekt, sondern ausdrückliches Ziel. Die Sicherheitsbehörden beobachten die Gruppe zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahren. Besonders problematisch ist ihre konspirative Struktur, durch die Täter und Unterstützer lange nicht identifiziert werden können. Die Bundesanwaltschaft ordnet die Anschlagsserie später in ihre Ermittlungen gegen die „militante gruppe“ ein. Auch dieser Fall gehört deshalb in unsere Sabotagechronik und nicht in eine allgemeine Sammlung gewöhnlicher politischer Sachbeschädigungen.
17.02.2006, Berlin-Reinickendorf (Berlin): Die „militante gruppe“ verübt einen Brandanschlag auf eine Niederlassung des französischen Automobilherstellers Renault. Der Angriff richtet sich damit diesmal gegen ein Unternehmen und nicht unmittelbar gegen eine Behörde. Die Täter verwenden erneut Feuer als politisches Angriffsmittel und übernehmen später die Verantwortung. Im selben Zeitraum wird auch ein Brandanschlag auf ein Fahrzeug des Centre Français de Berlin versucht. Die Serie zeigt, dass die Zielauswahl der Gruppe ausgesprochen breit ist und sich nach ihrer jeweiligen politischen Kampagne richtet. Unternehmen, Polizei, Justiz und andere staatliche Einrichtungen können gleichermaßen ins Visier geraten. Die Aktionen werden vom Verfassungsschutz dem militanten Linksextremismus zugerechnet. 2006 entwickelt sich damit rückblickend zu einem der aktivsten Jahre der Gruppe.
09.11.2005, Berlin-Steglitz-Zehlendorf (Berlin): Die linksextremistische „militante gruppe“ verübt einen Brandanschlag auf das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Es ist bereits der zweite Angriff der Gruppe auf das Institut nach einem Anschlag in der Silvesternacht 2003/2004. In ihrem Bekennerschreiben bezeichnet die mg das DIW als wichtigen Ideengeber einer von ihr bekämpften Wirtschafts- und Sozialpolitik. Der Verfassungsschutz stellt den Anschlag zugleich in den Zusammenhang mit der beginnenden militanten Mobilisierung gegen den für 2007 geplanten G8-Gipfel in Heiligendamm. Die Täter wollen ausdrücklich nicht nur demonstrieren, sondern durch gezielte Anschläge politische und wirtschaftliche Institutionen angreifen. Das DIW selbst bestätigt rückblickend beide Anschläge und die Bekennung der „militanten gruppe“. Der Generalbundesanwalt beschäftigt sich zu dieser Zeit bereits mit der Gruppe und dem Verdacht einer terroristischen Vereinigung. Später entscheidet der Bundesgerichtshof allerdings, dass die mg strafrechtlich als kriminelle und nicht als terroristische Vereinigung einzuordnen ist.
29.04.2005, Potsdam und Berlin-Reinickendorf (Brandenburg/Berlin): Die „militante gruppe“ verübt nahezu zeitgleich Brandanschläge auf Fahrzeuge des brandenburgischen Ministeriums für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Verbraucherschutz in Potsdam sowie auf das Privatfahrzeug eines Polizeibeamten in Berlin-Reinickendorf. Damit erweitert die Gruppe ihre Zielauswahl erneut: Neben Behörden und Unternehmen werden nun auch einzelne Funktionsträger beziehungsweise deren persönliches Eigentum angegriffen. Die Aktionen folgen dem typischen Muster der mg mit vorbereiteten Brandvorrichtungen und einer anschließenden politischen Rechtfertigung. Menschen werden nicht verletzt. Die Gruppe verfolgt nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden eine längerfristige Strategie, durch wiederholte Anschläge staatliche Institutionen und das politische System anzugreifen. Gleichzeitig versucht sie, andere militante Gruppen zu vernetzen und eine gemeinsame „Militanzdebatte“ voranzutreiben. Zwischen 2001 und 2007 werden ihr insgesamt 25 Brandanschläge mit einem Sachschaden von rund 840.000 Euro zugerechnet. Der Doppelanschlag vom April 2005 gehört zu dieser systematisch betriebenen Kampagne.
10.01.2005, Berlin (Berlin): Die „militante gruppe“ verübt einen Brandanschlag auf einen im Bau befindlichen Lidl-Markt. Das Ziel wird von den Tätern nicht zufällig ausgewählt, sondern in den Zusammenhang ihrer Kampagne gegen Sozialabbau und kapitalistische Wirtschaftsstrukturen gestellt. Lidl steht damals in Teilen der radikalen Linken besonders wegen Arbeitsbedingungen und des Umgangs mit Beschäftigten in der Kritik. Die mg setzt erneut auf einen vorbereiteten Brandanschlag und bekennt sich anschließend zu der Aktion. Personen werden nicht verletzt. Die Tat gehört zu einer Anschlagsserie, die sich in diesen Jahren gegen Behörden, Unternehmen, Polizei und später auch militärische Einrichtungen richtet. Das Bundeskriminalamt stuft die Gruppe zunächst als terroristisch ein; die juristische Bewertung wird später auf „kriminelle Vereinigung“ zurückgestuft. Der Lidl-Anschlag ist damit ein sauber dokumentierter Fall politisch motivierter Brandsabotage.
03.12.2004, Berlin/Stuttgart/Augsburg: Unmittelbar während des Deutschlandbesuchs des irakischen Ministerpräsidenten Ijad Allawi nehmen BKA und Polizei drei Iraker fest, die der islamistischen Terrororganisation Ansar al-Islam zugerechnet werden. Die Sicherheitsbehörden gehen zunächst davon aus, einen Anschlag auf Allawi verhindert zu haben. Einer der Verdächtigen hat nach den Ermittlungen das Gebäude in Berlin-Mitte ausgekundschaftet, in dem Allawi an einem deutsch-irakischen Wirtschaftstreffen teilnehmen soll. Besonders beunruhigend ist, dass die Beschuldigten offenbar Details des teilweise geheim gehaltenen Besuchsprogramms kennen. Generalbundesanwalt Kay Nehm spricht von einer erheblichen Gefährdung. Im weiteren Verlauf relativiert sich allerdings der zunächst verkündete Anschlagsverdacht: Ein konkret ausgearbeiteter Attentatsplan lässt sich nicht nachweisen, nach Auffassung der Ermittler ist ein Anschlag aber zumindest ernsthaft erwogen worden. Gegen die drei Männer werden Haftbefehle wegen ihrer mutmaßlichen Mitgliedschaft beziehungsweise Tätigkeit für Ansar al-Islam erlassen. Für unsere Chronik bleibt der Vorgang deshalb ein bedeutender islamistischer Terrorverdachtsfall, aber eben kein „in letzter Sekunde entschärfter Sprengsatz“.
23.09.2004, Berlin (Berlin): Die linksextremistische „militante gruppe“ verübt nahezu gleichzeitig Brandanschläge auf zwei Berliner Behördeneinrichtungen. Angegriffen werden eine mit dem Asylbewerberleistungsgesetz befasste Verwaltungseinrichtung des Bezirksamts Reinickendorf sowie das Sozialamt Tempelhof-Schöneberg. Die Gruppe setzt damit ihre 2004 intensiv betriebene Kampagne gegen Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik fort. Brandsätze sind bei der mg keine Begleiterscheinung einer Demonstration, sondern bewusst eingesetztes politisches Kampfmittel. Die Täter bereiten ihre Aktionen konspirativ vor und veröffentlichen anschließend politische Selbstbezichtigungsschreiben. Der Verfassungsschutz weist ausdrücklich darauf hin, dass bei solchen Aktionen die Grenze zur terroristischen Aktion fließend sein kann. Allein 2004 verübt die mg vier Brandanschläge gegen Einrichtungen von Arbeitsagenturen und Sozialämtern. Die beiden Anschläge vom September gehören damit in eine systematische Kampagne und nicht in die Schublade „irgendjemand hat nachts etwas angezündet“.
07.05.2004, Berlin-Wedding (Berlin): Die „militante gruppe“ verübt einen Brandanschlag auf Fahrzeuge der Deutschen Telekom. Die Telekom wird von der Gruppe als Teil der von ihr bekämpften Wirtschaftsordnung beziehungsweise als Unternehmen mit staatlichen und sicherheitspolitischen Verbindungen betrachtet. Mehrere Fahrzeuge werden gezielt angegriffen. Wie bei anderen Aktionen veröffentlicht die mg eine politische Erklärung und übernimmt damit die Verantwortung. Die Tat reiht sich in eine inzwischen seit 2001 laufende Anschlagsserie der Gruppe ein. Bis zu ihrer Auflösung werden ihr insgesamt 25 Brandanschläge mit einem Gesamtschaden von rund 840.000 Euro zugerechnet. Gerade solche Unternehmensziele zeigen, wie breit die Zielauswahl der Gruppe ist: Behörden, Gerichte, Polizei, Bundeswehr und private Unternehmen geraten gleichermaßen ins Visier. Der Anschlag gehört deshalb als politisch motivierte Brandsabotage in unsere Chronik.
30.03.2004, Berlin-Pankow (Berlin): Die „militante gruppe“ verübt einen Brandanschlag auf das sogenannte MoZArT-Projekt von Arbeitsamt Berlin-Nord und Sozialamt Berlin-Pankow. Das Projekt soll die Zusammenarbeit von Arbeits- und Sozialverwaltung verbessern und wird von der Gruppe als Bestandteil der von ihr bekämpften Arbeitsmarktpolitik betrachtet. Der Angriff steht damit unmittelbar im Kontext der Auseinandersetzungen um Agenda 2010 und Hartz-Reformen. Die mg setzt wiederum auf einen vorbereiteten Brandanschlag und veröffentlicht anschließend eine politische Rechtfertigung. Für die Sicherheitsbehörden ist das Teil einer Entwicklung, bei der autonome Gruppen über klassische Demonstrationsgewalt hinausgehen und gezielt Anschläge vorbereiten. Der Bundesverfassungsschutz beschreibt für 2004 ausdrücklich eine Diskussion innerhalb der Szene über weitergehende militante Aktionsformen. Dabei spielt die „militante gruppe“ eine herausgehobene Rolle. Der Anschlag ist somit ein weiterer klarer Fall politisch motivierter Sabotage.
01.01.2004, Berlin-Steglitz (Berlin): Gleich in der Neujahrsnacht verübt die „militante gruppe“ einen Brandanschlag auf das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). In dem Bürogebäude brennt ein Raum vollständig aus, zwei weitere werden durch Hitze und Rauch beschädigt. Noch am selben Tag verbreitet die Gruppe per E-Mail eine Anschlagserklärung. Darin bezeichnet sie das DIW sinngemäß als wirtschaftspolitische Ideenschmiede und greift insbesondere dessen Positionen zur Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik an. Die Täter wollen also ausdrücklich nicht irgendein Gebäude beschädigen, sondern eine Institution treffen, die sie als intellektuellen Bestandteil des von ihnen bekämpften Systems betrachten. Der Bundesverfassungsschutz führt den Anschlag als Beispiel für die zunehmende Militanz linksextremistischer Strukturen an. Im November 2005 greift die mg das DIW sogar ein zweites Mal an. Der Neujahrsanschlag von 2004 gehört damit zu den besonders klar dokumentierten Taten der Gruppe.
20.03.2003, Berlin (Berlin): Die Sicherheitsbehörden nehmen den Tunesier Ihsan G. fest, weil der Verdacht besteht, dass er im Zusammenhang mit dem unmittelbar bevorstehenden Irakkrieg Anschläge in Deutschland vorbereitet. Als mögliche Ziele gelten jüdische und amerikanische Einrichtungen. Der Mann soll über Kontakte in das internationale islamistische Netzwerk verfügen und zuvor als Ausbilder in einem Terrorcamp tätig gewesen sein. Nach Erkenntnissen der Behörden bestehen zudem Verbindungen zu Personen aus dem Umfeld der Anschläge vom 11. September 2001. Der Zeitpunkt ist brisant: Am selben Tag beginnt mit dem amerikanisch-britischen Angriff die militärische Invasion des Irak. Die Ermittler befürchten deshalb Anschläge als Reaktion auf den Krieg. Der Terrorverdacht lässt sich später allerdings nicht ausreichend beweisen; von diesem Vorwurf wird Ihsan G. freigesprochen und stattdessen wegen illegalen Waffenbesitzes und Steuerhinterziehung verurteilt. Für unsere Chronik bleibt damit ein konkreter Terrorverdachtsfall, aber ausdrücklich kein nachgewiesener vereitelter Anschlag.
05.09.2002, Walldorf/Heidelberg (Baden-Württemberg): Die Polizei durchsucht die Wohnung eines 25-jährigen Türken und seiner 23-jährigen amerikanischen Verlobten, nachdem seit Mitte Juli wegen des Verdachts eines geplanten Anschlags ermittelt worden ist. Gefunden werden Chemikalien und Bauteile, die zur Herstellung von Rohrbomben geeignet sind, außerdem ein Bild Osama bin Ladens sowie Literatur über den Islam und den „Heiligen Krieg“. Das Bundesverfassungsgericht bestätigt später ausdrücklich, dass sich die Ermittlungen auf einen möglichen Anschlag gegen eine US-Einrichtung in Heidelberg oder die Heidelberger Innenstadt beziehen. Zeitgenössische Berichte sprechen von rund 130kg Chemikalien und fünf teilweise fertiggestellten Rohrbomben. Als mögliches Ziel wird unter anderem eine Einrichtung der US-Streitkräfte genannt; der Zeitpunkt soll mit dem Jahrestag der Anschläge vom 11. September zusammenhängen. Die Frau arbeitet in einem Supermarkt auf einem amerikanischen Militärgelände und soll einer Bekannten geraten haben, sich in den kommenden Tagen von diesem fernzuhalten. Die Behörden gehen zunächst von einem islamistischen Hintergrund aus, können jedoch keine belastbare Verbindung des Paares zu al-Qaida nachweisen. Für unsere Chronik ist der Fall trotzdem eindeutig relevant: Die Polizei findet nicht bloß radikale Literatur, sondern Material und Komponenten zum Bombenbau bei Personen, gegen die bereits wegen konkreter Anschlagsabsichten ermittelt wird.
29.04.2002, Großziethen (Brandenburg): Die linksextremistische „militante gruppe“ verübt einen Brandanschlag auf Fahrzeuge einer Daimler-Chrysler-Niederlassung in Großziethen unmittelbar südlich von Berlin. Die Tat ist Teil der noch jungen Anschlagsserie der Gruppierung, die erst im Vorjahr öffentlich in Erscheinung getreten ist. Fahrzeuge und Einrichtungen von Unternehmen werden gezielt als Symbole der von der Gruppe bekämpften Wirtschaftsordnung ausgewählt. Die mg arbeitet konspirativ und verbindet ihre Anschläge mit ausführlichen politischen Erklärungen. Dabei geht es ausdrücklich darum, Sachwerte zu zerstören und mit militanten Aktionen politische Wirkung zu erzielen. Bis 2007 werden der Gruppe insgesamt 25 Brandanschläge zugerechnet. Der Gesamtschaden dieser Anschlagsserie wird später auf rund 840.000 Euro beziffert. Großziethen gehört damit in unsere Sabotagechronik, auch wenn die mg zu diesem Zeitpunkt noch weit davon entfernt ist, ein allgemein bekannter Name zu sein.
23.04.2002, Düsseldorf/Berlin und weitere Orte: Mit einer groß angelegten Razzia zerschlagen die Sicherheitsbehörden eine deutsche Zelle der islamistischen Gruppierung Al-Tawhid. Bundesweit werden zunächst 19 Objekte durchsucht und elf Verdächtige festgenommen; weitere Maßnahmen folgen unmittelbar danach. Die Zelle hat nach späteren Ermittlungsergebnissen konkrete jüdische beziehungsweise israelische Ziele ausgespäht. Dazu zählen ein jüdisches Gemeindezentrum in Berlin sowie zwei von Juden besuchte beziehungsweise betriebene Lokale in Düsseldorf. Nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft soll die Gruppe unter anderem eine Pistole mit Schalldämpfer und Handgranaten beschaffen wollen. Ziel der Anschläge ist es, möglichst viele Menschen zu töten. Die deutsche Zelle steht in Verbindung mit Abu Musab az-Zarqawi, der später zu einer der zentralen Figuren des jihadistischen Terrorismus im Irak wird. Der Deutsche Bundestag führt den Vorgang ausdrücklich in einer Aufstellung vereitelter islamistischer Anschlagsplanungen in Deutschland. Damit haben wir hier einen der bedeutendsten verhinderten Terroranschläge der frühen 2000er Jahre.
05.02.2002, Berlin-Reinickendorf (Berlin): Die „militante gruppe“ versucht einen Brandanschlag auf das Sozialamt in Berlin-Reinickendorf. Gleichzeitig verschickt sie an den zuständigen Sozialstadtrat Frank Balzer einen Bekennerbrief, dem eine scharfe Patrone und ein Messer beigelegt sind. Der CDU-Politiker wird darin persönlich bedroht und zum Repräsentanten der von der Gruppe bekämpften Sozialpolitik erklärt. Damit verbindet die mg Sachanschlag, Einschüchterung eines politischen Funktionsträgers und ideologische Propaganda miteinander. Die Tat gehört zu den frühesten Aktionen der erst 2001 in Erscheinung getretenen Gruppe. In den folgenden Jahren entwickelt sich daraus eine kontinuierliche Serie von Brandanschlägen gegen Behörden, Unternehmen, Polizei und Bundeswehr. Später beschäftigt sich sogar die Bundesanwaltschaft mit der Frage, ob die mg als terroristische Vereinigung einzustufen ist; der Bundesgerichtshof verneint letztlich die dafür erforderliche Qualität und behandelt sie als kriminelle Vereinigung. An der Einordnung des Anschlags selbst als politisch motivierter militanter Angriff ändert diese juristische Feinmechanik wenig.
22.06.2001, Berlin-Marienfelde (Berlin): Die erstmals 2001 öffentlich auftretende linksextremistische „militante gruppe“ verübt ihren ersten bekannten Brandanschlag. Ziel ist ein Fahrzeug einer DaimlerChrysler-Niederlassung in Berlin-Marienfelde, das durch den Brandsatz zerstört wird. Die Gruppe begründet die Auswahl des Unternehmens mit dessen Rolle während der NS-Zeit und insbesondere mit dem Streit um die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter. Wenige Tage zuvor hat sie bereits mit scharfer Munition versehene Drohbriefe an Personen verschickt, die an den Entschädigungsverhandlungen beteiligt sind. In ihrem Bekennerschreiben bezeichnet die mg ihre Aktion als Bestandteil eines „militanten Widerstandes“. Damit entsteht jene konspirative Gruppierung, die uns in der Chronik bis 2007 immer wieder begegnet. Insgesamt werden ihr später 25 Brandanschläge mit rund 840.000 Euro Sachschaden zugerechnet. Das BKA stuft die mg zunächst als terroristisch ein; der Bundesgerichtshof bewertet sie später strafrechtlich als kriminelle und nicht als terroristische Vereinigung.
14.06.2001, Berlin/Bonn/Stuttgart: Die „militante gruppe“ tritt erstmals mit einer koordinierten Drohaktion öffentlich in Erscheinung. Otto Graf Lambsdorff, der als Regierungsbeauftragter an den Verhandlungen über die Entschädigung ehemaliger NS-Zwangsarbeiter beteiligt ist, sowie Vertreter der deutschen Wirtschaft erhalten Drohbriefe. Den Schreiben liegen scharfe Patronen bei. Zu den Empfängern gehören neben Lambsdorff DaimlerChrysler-Vorstand Manfred Gentz und Wolfgang Gibowski von der „Stiftungsinitiative der Deutschen Wirtschaft“. Die Täter fordern wesentlich höhere Entschädigungszahlungen und verbinden ihre politische Forderung mit einer unmissverständlichen Gewaltdrohung. Wenige Tage später folgt der Brandanschlag auf DaimlerChrysler in Berlin-Marienfelde. Damit lässt sich die Entstehung der später über Jahre aktiven mg ziemlich exakt auf diesen Juni 2001 datieren. Noch sind es Drohbriefe und ein einzelnes ausgebranntes Auto; daraus entwickelt sich anschließend eine systematische Serie politisch motivierter Brandanschläge auf Behörden, Unternehmen, Polizei und Bundeswehr.
05.04.2001, Frankfurt am Main (Hessen): Bei einer groß angelegten Aktion in Hessen und Bayern nimmt die Bundesanwaltschaft einen weiteren mutmaßlichen Angehörigen einer islamistischen Terrorzelle fest. Der Algerier wird einer im Raum Frankfurt operierenden Gruppe zugerechnet, die Verbindungen zum internationalen jihadistischen Netzwerk um Osama bin Laden beziehungsweise al-Qaida haben soll. Mitglieder dieses Komplexes haben Ende 2000 einen Bombenanschlag auf den Weihnachtsmarkt beziehungsweise einen Markt in Straßburg vorbereitet. Der Bundesgerichtshof stellt 2001 fest, dass sich Beschuldigte im Raum Frankfurt zu einem abgeschotteten, konspirativ arbeitenden Verband zusammengeschlossen haben und tatsächliche Anhaltspunkte für geplante Terroranschläge bestehen. Die Gruppe hat unter anderem Waffen und Chemikalien zur Sprengstoffherstellung beschafft und das mögliche Anschlagsziel in Straßburg gefilmt. Der eigentliche Anschlagsplan stammt allerdings aus Dezember 2000. Die Festnahme vom April ist dagegen ein eigenständiges deutsches Terrorermittlungsereignis des Jahres 2001. Die späteren Gerichtsverfahren bestätigen schließlich, dass es sich bei den Straßburger Planungen nicht bloß um die Fantasien einiger Radikaler gehandelt hatte.
26.12.2000, Frankfurt am Main (Hessen): Deutsche Sicherheitsbehörden nehmen vier Algerier fest und verhindern damit einen weit fortgeschrittenen islamistischen Bombenanschlag auf den Weihnachtsmarkt im französischen Straßburg. In einer Frankfurter Wohnung finden die Ermittler Waffen, Chemikalien und Ausrüstung zur Herstellung von Sprengsätzen sowie Videoaufnahmen des vorgesehenen Anschlagsortes. Ausgangspunkt der Aktion ist ein nachrichtendienstlicher Hinweis auf einen unmittelbar bevorstehenden Anschlag. Die Bundesregierung bestätigt später ausdrücklich, dass die Vorbereitungen nahezu abgeschlossen waren und der Sprengstoffanschlag durch die Festnahmen verhindert wurde. Mitglieder der Gruppe haben Verbindungen zu jihadistischen Strukturen und teilweise Ausbildungslager in Afghanistan besucht. Ein Angeklagter räumt später vor Gericht ein, dass tatsächlich ein Anschlag auf den stark besuchten Straßburger Weihnachtsmarkt geplant war. Das eigentliche Ziel liegt zwar in Frankreich, die Terrorzelle operiert und bereitet den Anschlag aber von Deutschland aus vor. Deshalb gehört der Komplex in unsere Chronik, allerdings sauber gekennzeichnet als in Deutschland vorbereiteter Anschlag auf ein Ziel im Ausland.
02.10.2000, Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen): In der Nacht zum Tag der Deutschen Einheit werfen zwei Männer drei Molotowcocktails gegen die Neue Synagoge an der Zietenstraße und schleudern zusätzlich einen Stein durch ein Fenster. Eine Passantin entdeckt das Feuer und alarmiert die Polizei, wodurch größerer Schaden verhindert wird. Menschen werden nicht verletzt, am Gebäude entsteht nur geringer Sachschaden. Wegen des jüdischen Anschlagsziels wird zunächst ein rechtsextremistischer und antisemitischer Hintergrund vermutet. Bundeskanzler Gerhard Schröder reagiert auf die Tat mit seinem später berühmt gewordenen Aufruf zum „Aufstand der Anständigen“. Wenige Tage später werden jedoch zwei junge Männer festgenommen, ein Palästinenser und ein Marokkaner. Als Motiv geben sie Wut über die damaligen Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern an; einen organisierten islamistischen Hintergrund können die Ermittler nicht feststellen. Für unsere Chronik bleibt der gezielte Brandanschlag auf eine Synagoge relevant, nur eben nicht mit der zunächst öffentlich vermuteten rechtsextremen Täterschaft.
09.09.2000, Nürnberg (Bayern): Der 38-jährige Blumenhändler Enver Şimşek wird an seinem Verkaufsstand mit mehreren Schüssen niedergeschossen und stirbt zwei Tage später im Krankenhaus. Die Tat ist der Beginn der später dem „Nationalsozialistischen Untergrund“ zugerechneten Mordserie. Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe leben zu diesem Zeitpunkt bereits seit 1998 im Untergrund. In den folgenden Jahren ermordet der NSU insgesamt neun Männer türkischer beziehungsweise griechischer Herkunft sowie eine deutsche Polizistin und verübt mehrere Sprengstoffanschläge. Das rassistische Tatmotiv wird von den Ermittlungsbehörden jahrelang nicht erkannt; stattdessen konzentrieren sich die Ermittlungen immer wieder auf das persönliche und geschäftliche Umfeld der Opfer. Erst nach dem Auffliegen des NSU im November 2011 wird der Zusammenhang der Mordserie vollständig sichtbar. Der Mord an Şimşek ist deshalb nicht einfach ein ungeklärtes Tötungsdelikt des Jahres 2000, sondern rückblickend der Auftakt einer über Jahre operierenden rechtsterroristischen Mordserie.
27.07.2000, Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen): Gegen 15:10 Uhr detoniert am Zugang zum S-Bahnhof Wehrhahn eine mit TNT gefüllte selbstgebaute Rohrbombe. Der Täter hat den Sprengsatz an einer Engstelle platziert und zündet ihn offenbar mit Sichtkontakt auf eine Gruppe von zwölf Sprachschülern aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Zehn Menschen werden durch die Explosion und die Metallsplitter verletzt, einige lebensgefährlich. Eine schwangere Frau verliert ihr ungeborenes Kind. Sechs der Verletzten gehören der jüdischen Gemeinde an, weshalb schon unmittelbar nach dem Anschlag ein rassistischer beziehungsweise antisemitischer Hintergrund vermutet wird. 2017 wird nach Wiederaufnahme beziehungsweise Intensivierung der Ermittlungen ein Rechtsextremist festgenommen, der bereits kurz nach der Tat im Visier der Polizei gestanden hatte. Das Landgericht Düsseldorf spricht ihn 2018 jedoch frei, weil seine Täterschaft nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden kann. Die Stadt Düsseldorf bezeichnet die Tat heute ausdrücklich als rassistisch und antisemitisch motivierten Anschlag, der Täter ist bis heute nicht rechtskräftig festgestellt.
23.06.1999, Nürnberg (Bayern): In der überwiegend von türkischstämmigen Gästen besuchten Gaststätte „Sonnenschein“ explodiert eine als Taschenlampe getarnte Rohrbombe. Ein 18-jähriger Mitarbeiter findet den Gegenstand beim Reinigen der Herrentoilette und betätigt den Schalter, wodurch der Sprengsatz detoniert. Der junge Mann wird durch die Explosion verletzt und überlebt nur mit Glück. Der Sprengkörper besteht aus einem Rohr mit Sprengstoff beziehungsweise Schwarzpulver und ist so konstruiert, dass beim Einschalten der vermeintlichen Taschenlampe die Zündung ausgelöst wird. Die Polizei erkennt 1999 keinen rechtsextremistischen Hintergrund und ermittelt stattdessen vor allem im Umfeld des Opfers und des türkischen Gaststättenbetreibers. Erst während des NSU-Prozesses berichtet der frühere Neonazi Carsten Schultze 2013, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt hätten ihm von einer in Nürnberg abgestellten Taschenlampe erzählt und erklärt, das Vorhaben habe nicht richtig funktioniert. Die Bundeszentrale für politische Bildung bezeichnet die Tat inzwischen als ersten Anschlag des NSU; auch der Bayerische Landtag behandelt sie ausdrücklich als NSU-Sprengstoffanschlag. Juristisch ist allerdings weiterhin nicht abschließend geklärt, wer den Sprengsatz konkret gebaut, abgelegt und gezündet hat. Für unsere Chronik ist das ein besonders wichtiger Fall, weil der Rechtsterror des NSU damit nicht erst mit dem Mord an Enver Şimşek 2000 beginnt, sondern bereits 1999 mit einem Sprengstoffanschlag.
09.03.1999, Saarbrücken (Saarland): In den frühen Morgenstunden explodiert am Gebäude der Volkshochschule Saarbrücken ein Sprengsatz, wo zu dieser Zeit die Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ gezeigt wird. Die Bombe richtet erheblichen Sachschaden an, Menschen werden glücklicherweise nicht verletzt. Die sogenannte Wehrmachtsausstellung ist damals eines der zentralen Feindbilder der rechtsextremen Szene, weil sie die Beteiligung der Wehrmacht an nationalsozialistischen Verbrechen dokumentiert. Schon vor der Saarbrücker Station kommt es zu massiven Protesten und Drohungen aus dem rechtsextremen Spektrum. Die Ermittler gehen deshalb von einem politischen und vermutlich rechtsextremistischen Anschlag aus. Die Täter werden jedoch nie identifiziert. Nach der Enttarnung des NSU 2011 wird auch geprüft, ob Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt für den Saarbrücker Bombenanschlag verantwortlich gewesen sein könnten. Eine Beteiligung des NSU lässt sich bislang nicht beweisen. Der Fall bleibt deshalb ein ungeklärter mutmaßlich rechtsterroristischer Sprengstoffanschlag und darf nicht nachträglich als gesicherte NSU-Tat dargestellt werden.
17.02.1999, Berlin-Grunewald (Berlin): Nach der Festnahme des PKK-Führers Abdullah Öcalan eskalieren Proteste kurdischer Aktivisten in mehreren europäischen Ländern. In Berlin versuchen zahlreiche PKK-Anhänger, das israelische Generalkonsulat zu stürmen. Hintergrund ist die in Teilen der PKK verbreitete Behauptung, Israel beziehungsweise der israelische Geheimdienst habe bei der Festnahme Öcalans in Kenia eine Rolle gespielt. Demonstranten überwinden Absperrungen und dringen auf das Gelände beziehungsweise in den Sicherheitsbereich der diplomatischen Vertretung vor. Israelische Sicherheitskräfte eröffnen das Feuer. Drei Angreifer werden getötet und zahlreiche weitere Menschen verletzt. Der Vorgang ist Teil einer international koordinierten Welle gewaltsamer Besetzungen und Angriffe auf diplomatische Einrichtungen nach Öcalans Festnahme. In Deutschland werden in diesen Tagen unter anderem auch griechische Einrichtungen besetzt beziehungsweise angegriffen. Der Berliner Angriff ist damit keine gewöhnliche Demonstration, die zufällig aus dem Ruder läuft, sondern Teil einer politisch motivierten und über Ländergrenzen hinweg stattfindenden Gewaltkampagne aus dem PKK-Umfeld. Für unsere Chronik gehört der Sturm auf ein diplomatisches Ziel deshalb hinein, auch wenn er sich von einem klassischen Bomben- oder Schusswaffenanschlag unterscheidet.
16.09.1998, Freising (Bayern): In Grünäck bei Freising wird der sudanesische Staatsangehörige Mamdouh Mahmud Salim festgenommen, den US-Ermittler als engen Vertrauten Osama bin Ladens und hochrangigen Funktionär des al-Qaida-Netzwerks betrachten. Die Festnahme erfolgt nur wenige Wochen nach den verheerenden Bombenanschlägen auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam vom 07.08.1998, bei denen mehr als 200 Menschen getötet werden. Salim wird von den USA unter anderem Verschwörung zum Mord, Verabredung zum Einsatz von Massenvernichtungswaffen sowie Sprengstoff- und Angriffsvorbereitungen vorgeworfen. Die deutschen Behörden nehmen ihn aufgrund eines amerikanischen Haftbefehls fest. Nach einem mehrmonatigen Auslieferungsverfahren wird Salim am 20.12.1998 an die Vereinigten Staaten überstellt. Einen eigenen Anschlag in Deutschland soll er nach den verfügbaren Erkenntnissen allerdings nicht vorbereitet haben. Für unsere Chronik ist der Fall deshalb ein deutscher Terrorermittlungs- und Festnahmefall mit unmittelbarem al-Qaida-Bezug, kein Anschlagsversuch auf deutschem Boden. Der bayerische Sicherheitsbericht für 1998 dokumentiert sowohl die Festnahme als auch die anschließende Auslieferung.
26.01.1998, Jena (Thüringen): Die Polizei durchsucht mehrere Garagen, die dem rechtsextremen Umfeld von Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe zugeordnet werden. In einer von Zschäpe angemieteten Garage stoßen die Ermittler auf eine regelrechte Bombenwerkstatt: Gefunden werden unter anderem vier Rohrbomben beziehungsweise Bombenkörper, etwa 1,4kg TNT, Schwarzpulver, Zündmaterial und rechtsextremistische Propaganda. Vorausgegangen ist eine Serie von Bombenattrappen und mit Sprengstoff versehenen Gegenständen, die das Trio seit 1996 in Jena platziert beziehungsweise verschickt haben soll. Böhnhardt kann während der Durchsuchungsmaßnahmen verschwinden; kurz darauf tauchen auch Mundlos und Zschäpe unter. Unterstützer aus der rechtsextremen Szene helfen ihnen zunächst in Chemnitz bei Unterkunft und Versorgung. Aus diesem Untergrund entwickelt sich schließlich der „Nationalsozialistische Untergrund“, der später zehn Menschen ermordet und mehrere Sprengstoffanschläge verübt. Bemerkenswert ist, dass die 1998 gefundenen Bomben nach späteren Untersuchungen noch nicht über funktionsfähige Zündvorrichtungen verfügten; wir sollten also nicht behaupten, die Polizei habe an diesem Tag einen unmittelbar bevorstehenden Bombenanschlag verhindert. Historisch ist der 26. Januar trotzdem eine Zäsur: Aus drei bereits mit Sprengstoff experimentierenden Neonazis werden drei untergetauchte Rechtsextremisten, die spätestens 1999 zum tatsächlichen Terror übergehen.
21.07.1997, Essen (Nordrhein-Westfalen): In der Nacht wird ein Brandanschlag auf ein von Flüchtlingen bewohntes Gebäude verübt. Das Feuer entwickelt sich zu einer lebensgefährlichen Situation für die Bewohner. Insgesamt werden 21 Menschen verletzt. Der Angriff wird aufgrund des Zieles und der Umstände als fremdenfeindlich beziehungsweise politisch motiviert eingeordnet. Er fällt in eine Zeit, in der die Zahl fremdenfeindlicher Gewalttaten in Deutschland erstmals seit einigen Jahren wieder deutlich steigt. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums nehmen diese Gewalttaten 1997 gegenüber dem Vorjahr um 24,4% zu. Eine übergeordnete rechtsterroristische Organisation hinter der Tat lässt sich allerdings nicht nachweisen. Für unsere Chronik ist der gezielte Brandanschlag auf eine bewohnte Flüchtlingsunterkunft dennoch relevant, gerade weil eine große Zahl von Menschen konkret gefährdet und verletzt wird.
23.07.1996, Bremen (Bremen): Auf einen türkischen Verein wird ein Brandanschlag verübt. Mindestens eine Person wird verletzt. Der Anschlag fällt in eine Phase erheblicher politischer Spannungen innerhalb der türkischen und kurdischen politischen Szene in Deutschland. Für 1996 dokumentieren die Sicherheitsbehörden eine große Zahl politisch motivierter Straftaten mit Bezug zu türkischen und kurdischen Organisationen. Eine eindeutige organisatorische Zuordnung des Bremer Anschlags lässt sich aus den verfügbaren Quellen allerdings nicht belastbar ableiten. Deshalb sollte er nicht einfach der PKK oder einer anderen Organisation zugeschrieben werden. Das gezielt ausgewählte politische beziehungsweise ethnische Ziel und der Einsatz von Feuer rechtfertigen jedoch die Aufnahme in unsere Chronik.
10.04.1996, Zwickau (Sachsen): Bei einem Angriff auf ein türkisches Geschäft werden drei Menschen verletzt. Der Fall wird in Chronologien politisch beziehungsweise terroristisch motivierter Anschläge in Deutschland geführt. Gerade 1996 verzeichnen die Sicherheitsbehörden weiterhin eine erhebliche Zahl fremdenfeindlicher und ausländerextremistischer Gewalttaten. Bei diesem konkreten Angriff ist die öffentlich dokumentierte Quellenlage zur Täterschaft allerdings ausgesprochen dünn. Eine eindeutige rechtsextremistische oder ausländerextremistische Zuordnung sollte deshalb nicht behauptet werden. Entscheidend für unsere Chronik ist, dass ein gezielt gegen ein türkisches Geschäft gerichteter Angriff mit mehreren Verletzten dokumentiert ist.
09.04.1996, Essen (Nordrhein-Westfalen): Eine türkische Frau wird bei einem politisch beziehungsweise extremistisch eingeordneten Angriff mit einem Messer verletzt. Auch dieser Fall erscheint in historischen Terrorchronologien, allerdings mit nur dürftig dokumentiertem Hintergrund. Eine konkrete Organisation oder ein bestimmter Täterkreis lässt sich anhand der verfügbaren Quellen nicht seriös festschreiben.
25.02.1996, Witzhelden/Leichlingen (Nordrhein-Westfalen): Die Polizei nimmt Bernhard Falk und Michael Steinau fest, die als mutmaßliche Mitglieder der linksterroristischen „Antiimperialistischen Zellen“ (AIZ) gelten. Damit endet faktisch eine seit 1992 laufende Serie von Brand- und Sprengstoffanschlägen. Die AIZ hat sich zunehmend von Sachanschlägen zu Bombenanschlägen entwickelt, bei denen der Tod von Menschen zumindest in Kauf genommen wird. Zu ihren Zielen gehören Politiker und andere Personen, denen die Gruppe eine Mitverantwortung für deutsche Außenpolitik vorwirft. Noch am 23.12.1995 hatte die AIZ einen Sprengstoffanschlag auf das Gebäude des peruanischen Honorarkonsuls in Düsseldorf verübt. Gegen die beiden Festgenommenen werden Haftbefehle unter anderem wegen des dringenden Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und des versuchten Mordes erlassen. Nach der Festnahme gibt es weder weitere Anschläge noch weitere Erklärungen der AIZ. Der Verfassungsschutz bezeichnet die Organisation anschließend als wesentlich geschwächt, tatsächlich ist ihre Anschlagsserie damit beendet.
18.01.1996, Lübeck (Schleswig-Holstein): In der Flüchtlingsunterkunft Hafenstraße 52 bricht gegen 3:40 Uhr ein verheerendes Feuer aus. Zehn Menschen sterben, darunter sieben Kinder und Jugendliche; Dutzende weitere Bewohner werden verletzt. Die Ermittler gehen von vorsätzlicher Brandstiftung aus. Noch am selben Tag werden vier junge Männer aus der rechtsextremen Skinhead-Szene von Grevesmühlen festgenommen, bei drei von ihnen werden frische Sengspuren an Haaren beziehungsweise Augenbrauen festgestellt. Trotzdem werden sie bereits am folgenden Tag wieder freigelassen. Später wird ein Bewohner des Hauses angeklagt, jedoch in zwei Verfahren freigesprochen. Bis heute ist nicht geklärt, wer das Feuer gelegt hat. Deshalb muss die Formulierung präzise bleiben: Es handelt sich um einen tödlichen Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft, eine rechtsextreme Täterschaft wurde vermutet und intensiv diskutiert, aber niemals rechtskräftig nachgewiesen. Mit zehn Toten ist die Lübecker Hafenstraße unabhängig von dieser offenen Täterfrage einer der schwersten Anschläge der gesamten Chronik.
23.12.1995, Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen): Die „Antiimperialistischen Zellen“ (AIZ) verüben einen Sprengstoffanschlag auf das peruanische Honorarkonsulat. Im Eingangsbereich des Büro- und Geschäftshauses explodiert gegen 0:38 Uhr ein mit einer Zeitschaltuhr versehener präparierter Feuerlöscher. Der Sprengsatz befindet sich in einem mit Eisenkrampen gefüllten Behältnis, wodurch bei einer Explosion gefährliche Splitter entstehen können. Der Sachschaden beträgt rund 70.000DM. Im Gebäude befinden sich neben dem Konsulat auch Räume des Bauunternehmens Heitkamp; dessen Inhaber ist zugleich peruanischer Honorarkonsul. Die AIZ begründet den Anschlag mit der politischen Situation in Peru und der Behandlung von Gefangenen der Guerillaorganisation MRTA. Die Verwendung von Metallteilen zur Splitterwirkung zeigt, dass die Gruppe inzwischen weit über symbolische Sachbeschädigung hinausgeht und Menschenleben zumindest in Kauf nimmt. Im Februar 1996 werden Bernhard Falk und Michael Steinau festgenommen; damit endet die Anschlagsserie der AIZ.
17.09.1995, Siegen-Geisweid (Nordrhein-Westfalen): Die AIZ verübt einen Sprengstoffanschlag auf das Wohnhaus des CDU-Bundestagsabgeordneten Paul Breuer. Die Bombe detoniert in unmittelbarer Nähe des Hauses und verursacht erhebliche Schäden. Breuer wird gezielt als Person des politischen Lebens ausgewählt. Die AIZ begründet ihre Anschläge in dieser Phase vor allem mit deutscher Außen- und Militärpolitik und richtet ihre Gewalt zunehmend unmittelbar gegen Politiker. Entscheidend ist die Entwicklung der Gruppe: Aus früheren Brandanschlägen sind inzwischen Sprengstoffanschläge auf bewohnte Privathäuser geworden. Bei der späteren strafrechtlichen Aufarbeitung spielt deshalb auch versuchter Mord eine zentrale Rolle. Das Oberlandesgericht Düsseldorf verurteilt Falk und Steinau 1999 unter anderem wegen vierfachen versuchten Mordes zu 13 beziehungsweise neun Jahren Haft. Der Siegener Anschlag gehört damit eindeutig zum deutschen Linksterrorismus der 1990er Jahre.
Juli 1995, Lemwerder (Niedersachsen): Die linksterroristische „Rote Zora“ verübt einen Sprengstoffanschlag auf die Lürssen-Werft. Das Unternehmen baut unter anderem Marineschiffe und wird deshalb von der Gruppe als Bestandteil der deutschen Rüstungsindustrie betrachtet. Die Täter platzieren einen Sprengsatz auf dem Werftgelände und verursachen erheblichen Sachschaden. Menschen werden nicht getötet. Die „Rote Zora“ ist aus dem Umfeld der Revolutionären Zellen hervorgegangen und versteht sich als autonome feministische Guerillagruppe. Ihre Anschläge richten sich unter anderem gegen Unternehmen, Forschungsinstitute und Einrichtungen, die sie mit Rüstung, Gentechnik oder der Ausbeutung von Frauen in Verbindung bringt. Der Angriff auf Lürssen ist besonders bemerkenswert, weil er zu den letzten Anschlägen dieser seit den 1970er Jahren aktiven terroristischen Strukturen gehört.
13.06.1995, Lübeck (Schleswig-Holstein): Im Lübecker Rathaus explodiert eine Briefbombe, die an den stellvertretenden Bürgermeister und SPD-Fraktionsvorsitzenden Dietrich Szameit adressiert ist. Geöffnet wird die Sendung jedoch vom SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Rother. Die Bombe explodiert in seinen Händen und verletzt ihn schwer; insbesondere eine Hand wird massiv verstümmelt. Szameit hatte wenige Wochen zuvor die Urteile gegen die vier rechtsextremen Täter des ersten Lübecker Synagogenanschlags von 1994 öffentlich als zu milde kritisiert. Die Bundesanwaltschaft vermutet deshalb einen rechtsextremistischen Hintergrund. Auch eine Verbindung zur österreichischen Briefbombenserie des Rechtsterroristen Franz Fuchs wird untersucht. Eine Täterschaft von Fuchs oder anderen konkreten Rechtsextremisten kann jedoch nicht bewiesen werden. Der Anschlag bleibt ungeklärt und muss deshalb als mutmaßlich rechtsextremistischer Briefbombenanschlag geführt werden, nicht als bewiesene Tat eines bestimmten Täters.
07.05.1995, Lübeck (Schleswig-Holstein): Unbekannte verüben einen zweiten Brandanschlag auf die Lübecker Synagoge. Ein unmittelbar an die Synagoge angrenzender Schuppen wird angezündet und brennt vollständig nieder. Das Feuer kann gelöscht werden, bevor es auf das Hauptgebäude übergreift. Bereits am 25.03.1994 hatten vier Rechtsextremisten die Synagoge mit Molotowcocktails angegriffen und waren erst wenige Wochen vor der zweiten Tat verurteilt worden. Der erneute Anschlag erfolgt ausgerechnet unmittelbar vor dem 50. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs. Die Täter des zweiten Anschlags werden nie ermittelt. Aufgrund des Zieles und der Vorgeschichte wird ein rechtsextremistischer beziehungsweise antisemitischer Hintergrund vermutet. Nach diesem zweiten Angriff wird das Gelände der Synagoge dauerhaft von der Polizei bewacht.
23.04.1995, Erkrath (Nordrhein-Westfalen): Die AIZ verübt einen Sprengstoffanschlag auf das Wohnhaus des CDU-Bundestagsabgeordneten Joseph-Theodor Blank. Der Sprengsatz detoniert unmittelbar am privaten Wohnhaus des Politikers. Die Täter wählen Blank wegen seiner politischen Funktion und seiner Positionen zur deutschen Außen- und Sicherheitspolitik aus. Damit setzt sich eine qualitative Verschärfung der AIZ-Aktionen fort: Nicht mehr Institutionen oder leer stehende Gebäude sind die primären Ziele, sondern die Wohnungen konkreter Politiker. Die Täter nehmen damit bewusst das Risiko in Kauf, Bewohner oder andere Personen zu töten. Genau dieser Umstand wird später für die Verurteilung der AIZ-Mitglieder wegen versuchten Mordes entscheidend. Der Anschlag bildet das mittlere Glied einer Serie von drei Bombenanschlägen auf Politiker beziehungsweise politische Ziele im Jahr 1995. Die AIZ gehört damit zu den wenigen tatsächlich operierenden deutschen linksterroristischen Gruppen dieser Zeit.
17.02.–15.04.1995, zahlreiche Orte in Deutschland: Innerhalb von nur knapp zwei Monaten werden bundesweit 135 Brandanschläge und zusätzlich fünf Vorbereitungshandlungen gegen türkische Einrichtungen und Geschäfte registriert. Das ist keine kleine Randerscheinung: Der Verfassungsschutz zählt für das gesamte Jahr 188 Brandanschläge aus dem ausländerextremistischen Spektrum, mehr als dreimal so viele wie 1994. Besonders betroffen sind türkische Reisebüros, Banken, Geschäfte, Vereinsräume und andere Einrichtungen. Die Sicherheitsbehörden schreiben einen erheblichen Teil dieser Welle der verbotenen PKK beziehungsweise ihrem Umfeld zu, weisen allerdings darauf hin, dass nicht jeder einzelne Anschlag zweifelsfrei zugeordnet werden kann. Hintergrund ist der eskalierende Konflikt zwischen der PKK und dem türkischen Staat, der zunehmend auf deutschem Boden ausgetragen wird. Die Bundesregierung spricht ausdrücklich von einer erheblichen Bedrohung der inneren Sicherheit durch die Gewaltbereitschaft ausländischer Extremisten. Für unsere Chronik ist das ein wichtiger Sabotage- und Terrorkomplex, auch wenn es Unsinn wäre, alle 135 Taten ohne gesicherte Einzelzuordnung mit jeweils einem eigenen Kurzblog zu versehen.
22.01.1995, Wolfsburg (Niedersachsen): Die AIZ verübt einen Sprengstoffanschlag auf das Wohnhaus des ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordneten und früheren Parlamentarischen Staatssekretärs Volkmar Köhler. Der Sprengsatz detoniert am Haus und verursacht erheblichen Sachschaden. Köhler wird wegen seiner politischen Tätigkeit und insbesondere wegen seiner außenpolitischen Positionen als Ziel ausgewählt. Auch hier greift die Gruppe also bewusst das private Wohnumfeld eines Politikers an. Die Täter können nicht kontrollieren, wer sich zum Zeitpunkt der Explosion im Gebäude oder unmittelbar davor befindet. Das Oberlandesgericht Düsseldorf wertet solche AIZ-Anschläge später entsprechend als versuchte Tötungsdelikte. Mit Wolfsburg beginnt 1995 eine Serie von drei AIZ-Sprengstoffanschlägen, die im April in Erkrath und im September in Siegen fortgesetzt wird; im Dezember folgt noch der Anschlag auf das peruanische Konsulat. Damit ist 1995 eindeutig das intensivste Anschlagsjahr der AIZ.
24.–26.09.1994, Bremen (Bremen): Die linksterroristischen „Antiimperialistischen Zellen“ (AIZ) versuchen einen Sprengstoffanschlag auf die Landesgeschäftsstelle der FDP. Der Sprengsatz detoniert jedoch nicht wie vorgesehen. Die AIZ bekennt sich zu dem Anschlagsversuch und setzt damit ihre erst wenige Monate zuvor begonnene Bombenkampagne fort. Politische Parteien und Repräsentanten des Staates werden von der Gruppe ausdrücklich als legitime Angriffsziele betrachtet. Die AIZ erklärt 1994, künftig dort bewaffnet angreifen zu wollen, wo sich Arbeitsplätze oder Wohnsitze der politischen und wirtschaftlichen Eliten befinden. Genau diese Strategie wird 1995 noch gefährlicher, als Sprengsätze unmittelbar an Privathäusern von Politikern explodieren. Der Verfassungsschutz bezeichnet die Aktivitäten der AIZ ausdrücklich als terroristisch. Der Bremer Anschlag ist damit kein gewöhnlicher politischer Vandalismus, sondern Teil einer sich radikalisierenden terroristischen Kampagne.
05.07.1994, Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen): Die AIZ verübt einen Sprengstoffanschlag auf eine Geschäftsstelle der CDU. Der Sprengsatz verursacht Sachschaden, Menschen kommen nicht ums Leben. Die Gruppe übernimmt die Verantwortung und stellt die Tat in den Zusammenhang ihres Kampfes gegen die deutsche Außen- und Innenpolitik. Der Bundesverfassungsschutz rechnet den Anschlag ausdrücklich den terroristischen Aktivitäten der AIZ zu. Bemerkenswert ist die Entwicklung der Gruppe: 1992 beginnt sie noch mit einem Brandanschlag, 1993 folgt neben einem weiteren Brandanschlag bereits ein Schusswaffenangriff, und 1994 geht sie zu Sprengstoff über. Die AIZ versteht sich dabei als Gegenentwurf zur RAF, nachdem diese 1992 eine Einstellung ihrer Angriffe auf Menschen erklärt hatte. Ein Jahr später eskaliert die Gruppe ihre Strategie mit Bombenanschlägen auf die Wohnhäuser von Politikern weiter. Düsseldorf markiert deshalb einen wichtigen Schritt von militanter Sachbeschädigung hin zu einer terroristischen Bombenkampagne.
25.03.1994, Lübeck (Schleswig-Holstein): Vier junge Rechtsextremisten verüben in der Nacht vor Beginn des jüdischen Pessach-Festes einen Brandanschlag auf die Lübecker Synagoge. Gegen 2 Uhr setzen sie mit Brandsätzen einen Vorraum des Gotteshauses in Brand, der vollständig ausbrennt. Über der Synagoge befinden sich Wohnungen, in denen sich fünf Menschen aufhalten. Ein Zeuge bemerkt das Feuer und alarmiert die Feuerwehr, sodass sich die Bewohner retten können und unverletzt bleiben. Der Sachschaden beträgt rund 160.000DM. Die vier Täter werden etwa einen Monat später festgenommen und 1995 zu Freiheitsstrafen zwischen zweieinhalb und viereinhalb Jahren verurteilt. Das Oberlandesgericht Schleswig stellt den antisemitischen Charakter der Tat eindeutig fest; wegen versuchten Mordes werden die Männer allerdings nicht verurteilt, weil ihnen nicht nachgewiesen werden kann, dass sie von den Wohnungen über der Synagoge wussten. Es ist der erste Brandanschlag auf eine Synagoge in Deutschland seit dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur und damit ein besonders bedeutender rechtsextremistischer Anschlag unserer Chronik.
Für 1994 gehört außerdem ein größerer PKK-Komplex in die Chronik. Nach dem Betätigungsverbot der PKK vom November 1993 bleibt Deutschland Schauplatz erheblicher politisch motivierter Gewalt aus ihrem Umfeld. Für 1994 registrieren die Sicherheitsbehörden insgesamt 56 Brandanschläge aus dem Bereich des Ausländerextremismus; im Folgejahr steigt diese Zahl sogar auf 188. Besonders türkische Einrichtungen werden angegriffen. Die spätere strafrechtliche Aufarbeitung zeigt, dass führende PKK-Funktionäre vom Frühjahr 1994 an Verwüstungsaktionen und Brandanschläge auf türkische Einrichtungen insbesondere in Süd- und Südwestdeutschland gesteuert haben sollen. Gegen vier mutmaßliche PKK-Gebietsleiter beginnt deshalb 1995 in Stuttgart ein Verfahren, bei dem auch die Bildung terroristischer Vereinigungen nach §129a StGB eine Rolle spielt.
Außerdem verübt die Rote Zora 1994 Brandanschläge auf ein Unternehmen, das Flüchtlingsunterkünfte mit Lebensmitteln beliefert, und zwar in Nürnberg sowie am Unternehmensstandort im Raum Gera. Die Gruppe begründet den Angriff mit ihrer Kritik an der deutschen Flüchtlings- und Asylpolitik. Die Rote Zora ist zu diesem Zeitpunkt eine der letzten noch aktiven Strukturen aus dem Umfeld der Revolutionären Zellen. Ihre Aktivität ist allerdings bereits stark zurückgegangen; 1995 folgt mit dem Sprengstoffanschlag auf die Lürssen-Werft ihr letzter bekannter Anschlag.
Damit haben wir für 1994 vor allem AIZ, Lübecker Synagoge, PKK-Komplex und Rote Zora. Die AIZ ist dabei besonders wichtig, weil 1994 genau der Übergang sichtbar wird, den wir gerade in den folgenden Jahren verfolgt haben: Aus einer kleinen militanten Gruppe wird eine vom Verfassungsschutz ausdrücklich als terroristisch bewertete Struktur, die 1995 Bomben vor den Wohnhäusern von Politikern legt.
04.11.1993, bundesweit: In mehr als 30 deutschen Städten kommt es nahezu gleichzeitig zu rund 60 gewalttätigen Angriffen auf türkische Einrichtungen und Privathäuser. Angegriffen werden unter anderem Generalkonsulate, Reisebüros, Banken und Büros von Turkish Airlines. Das Bundesinnenministerium dokumentiert allein 47 Brandanschläge, überwiegend mit Molotowcocktails. Mindestens eine Person stirbt, zahlreiche Menschen werden verletzt. Teilweise bedrohen Täter anwesende Personen mit Schusswaffen. Mehr als 50 Tatverdächtige werden vorläufig festgenommen, gegen 33 ergehen Haftbefehle; bei zahlreichen Beschuldigten ergeben sich Hinweise auf PKK-Zugehörigkeit. Zusammen mit vorausgegangenen Aktionen ist diese Anschlagswelle ein wesentlicher Grund dafür, dass Bundesinnenminister Manfred Kanther am 26.11.1993 die Betätigung der PKK und zahlreicher Teilorganisationen in Deutschland verbietet.
03.10.1993, Frankfurt (Oder) (Brandenburg): Eine Revolutionäre Zelle verübt einen Anschlag auf das Grenzschutzamt in Frankfurt (Oder). Ziel ist Infrastruktur des damaligen Bundesgrenzschutzes, dem die Täter seine Rolle bei der Sicherung der deutschen Ostgrenze und der Abwehr von Flüchtlingen vorwerfen. Am selben Tag erfolgt ein sehr ähnlicher Anschlag auf das Grenzschutzamt in Görlitz. Die Bekennerschreiben weisen nach Einschätzung des Verfassungsschutzes darauf hin, dass dieselbe Tätergruppe hinter beiden Aktionen steckt. Die Revolutionären Zellen gehören zu den langlebigsten linksterroristischen Strukturen der Bundesrepublik und arbeiten bewusst in kleinen, voneinander abgeschotteten Zellen. Der Anschlag gehört zu ihren letzten Aktionen überhaupt. In den Jahren 1994 und 1995 werden zumindest in Brandenburg keine weiteren Terrorakte der RZ registriert.
03.10.1993, Görlitz (Sachsen): Parallel zum Anschlag in Frankfurt (Oder) wird auch eine Einrichtung des Bundesgrenzschutzes in Görlitz angegriffen. Wieder richtet sich die Aktion gegen die Grenzsicherung und die deutsche Asylpolitik. Die nahezu gleichzeitige Durchführung und die inhaltlich übereinstimmenden Bekennerschreiben sprechen für eine koordinierte Aktion derselben Struktur. Verantwortlich werden die Revolutionären Zellen gemacht. Anders als bei vielen autonomen Sachbeschädigungen handelt es sich bei den RZ um eine tatsächlich terroristisch operierende Organisation, die seit den 1970er Jahren Brand- und Sprengstoffanschläge verübt. Die beiden Aktionen vom 03.10.1993 markieren praktisch das Ende ihrer Anschlagsgeschichte. Danach tritt vor allem die aus diesem Umfeld stammende „Rote Zora“ noch einmal mit Anschlägen hervor.
24.06.1993, München (Bayern): 13 PKK-Aktivisten dringen in das türkische Generalkonsulat ein und nehmen 23 Menschen als Geiseln. Gleichzeitig laufen in Deutschland und anderen europäischen Ländern zahlreiche weitere koordinierte Aktionen. Allein in Deutschland zählt das Bundesinnenministerium an diesem Tag etwa 600 Beteiligte an rund 50 Anschlägen beziehungsweise gewaltsamen Aktionen. 122 Personen werden vorübergehend festgenommen. Die Geiselnahme in München ist nach Einschätzung des Innenministeriums der schwerwiegendste Zwischenfall dieser Anschlagswelle. Sie endet schließlich ohne Todesopfer. Die Bundesregierung wertet die Aktion später als einen zentralen Beleg dafür, dass die PKK ihre politischen Ziele auch in Deutschland mit organisierter Gewalt verfolgt. Zusammen mit der zweiten Anschlagswelle vom November führt dies wenige Monate später zum PKK-Verbot.
29.05.1993, Solingen (Nordrhein-Westfalen): Vier junge Rechtsextremisten setzen das Wohnhaus der türkischstämmigen Familie Genç in Brand. Gürsün İnce, Hatice Genç, Hülya Genç sowie die beiden Mädchen Saime und Gülüstan Öztürk sterben. Weitere Familienmitglieder werden teilweise schwer verletzt; insgesamt gibt es 17 Verletzte. Der Anschlag erfolgt auf dem Höhepunkt einer Welle rassistischer Gewalt nach der deutschen Wiedervereinigung und nur drei Tage nach der endgültigen Entscheidung des Bundestages zur Einschränkung des Asylrechts. Die Täter werden später wegen fünffachen Mordes, versuchten Mordes und besonders schwerer Brandstiftung verurteilt. Solingen wird zusammen mit Mölln 1992 zu einem Symbol des rechtsextremistischen Terrors der frühen 1990er Jahre. Eine übergeordnete Terrororganisation hinter dem Anschlag wird allerdings nicht festgestellt. Die gezielte Auswahl eines von türkischen Menschen bewohnten Hauses und die Tötungsabsicht machen die Tat dennoch zu einem unverzichtbaren Bestandteil dieser Chronik.
27.03.1993, Weiterstadt (Hessen): Die RAF verübt ihren letzten großen Anschlag und sprengt den noch nicht eröffneten Neubau der Justizvollzugsanstalt Weiterstadt. Mindestens drei Männer und eine Frau überwinden in der Nacht die 6,50m hohe Gefängnismauer und überwältigen bewaffnet das Wachpersonal. Insgesamt zehn Menschen werden gefesselt und vor der Sprengung aus dem Gefahrenbereich gebracht. Anschließend verteilen die Täter fünf Sprengladungen mit insgesamt rund 200kg gewerblichem Sprengstoff im Gebäudekomplex. Um 5:12 Uhr detonieren die Bomben und zerstören drei Unterkunftsgebäude sowie den Verwaltungstrakt; weitere Teile der Anlage werden schwer beschädigt. Der Sachschaden liegt bei mindestens 80Mio.DM, andere Schätzungen reichen bis rund 123Mio.DM. Menschen werden nicht verletzt, weil die RAF diesmal bewusst dafür sorgt, dass sich niemand im unmittelbaren Explosionsbereich befindet. Das „Kommando Katharina Hammerschmidt“ bekennt sich zur Tat; es bleibt der letzte spektakuläre Anschlag der RAF vor ihrer Auflösung 1998.
Zusätzlich ist für 1993 eine erhebliche Zahl politisch motivierter Brand- und Sprengstoffanschläge dokumentiert. Allein die hessische Polizeistatistik weist beispielsweise 39 fremdenfeindlich motivierte Brand- und zwei Sprengstoffanschläge gegen Wohnungen und Einrichtungen von Ausländern, Asylbewerbern und Aussiedlern aus. Gleichzeitig registrieren die Behörden Anschläge aus dem links- und ausländerextremistischen Spektrum. Herausragend war in Hessen außerdem ein Brandanschlag auf eine türkische Gaststätte in Wiesbaden, bei dem ein Mensch starb und acht weitere teilweise schwer verletzt wurden.
23.11.1992, Mölln (Schleswig-Holstein): Zwei Neonazis verüben in der Nacht Brandanschläge auf zwei von türkischstämmigen Familien bewohnte Häuser. Zunächst werfen sie Brandsätze auf ein Haus in der Ratzeburger Straße, neun Menschen werden teilweise schwer verletzt. Anschließend setzen sie das Haus der Familie Arslan in der Mühlenstraße in Brand. Die 51-jährige Bahide Arslan sowie die zehnjährige Yeliz Arslan und die 14-jährige Ayşe Yılmaz sterben. Die Täter melden sich anschließend telefonisch bei der Polizei, bekennen sich zu den Anschlägen und rufen rechtsextreme Parolen. Michael P. wird später zu lebenslanger Freiheitsstrafe, Lars C. nach Jugendstrafrecht zu zehn Jahren verurteilt. Die Bundeszentrale für politische Bildung bezeichnet Mölln als eine neue Stufe der rechtsextremen Gewalt im wiedervereinigten Deutschland: Es sind die ersten rassistisch motivierten Anschläge nach der Wiedervereinigung, bei denen Menschen getötet werden.
22.–26.08.1992, Rostock-Lichtenhagen (Mecklenburg-Vorpommern): Über mehrere Tage greifen Rechtsextremisten und andere Gewalttäter die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber und das benachbarte sogenannte Sonnenblumenhaus an, in dem mehr als 100 ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter leben. Zeitweise verfolgen bis zu 3.000 Schaulustige die Angriffe und feuern die Täter teilweise an. Steine und Molotowcocktails fliegen gegen das Gebäude, schließlich steht das Haus in Flammen. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich noch mehr als 100 Menschen darin, darunter Bewohner, ein Fernsehteam und Unterstützer. Die Polizei hat sich zeitweise nahezu vollständig zurückgezogen. Nur mit Glück und durch die Flucht über das Dach kommen keine Menschen ums Leben. Rostock-Lichtenhagen entwickelt sich damit von einer rassistischen Ausschreitung zu einem lebensgefährlichen Brandangriff auf ein bewohntes Gebäude und gehört deshalb in unsere Terrorchronik.
17.–23.09.1991, Hoyerswerda (Sachsen): Über mehrere Tage greifen Neonazis und weitere Beteiligte zunächst ein Wohnheim mosambikanischer Vertragsarbeiter und anschließend eine Unterkunft für Asylbewerber an. Die Angreifer werfen Steine, Feuerwerkskörper und Molotowcocktails und attackieren teilweise auch die Polizei. Am 19.09. werden bei zwölf Angreifern unter anderem Molotowcocktails und Schlagwaffen sichergestellt; mindestens 17 Menschen werden an diesem Tag verletzt. Am 21.09. fliegen erneut Brandsätze gegen die Unterkünfte, während sich Hunderte Schaulustige versammeln. Schließlich werden zunächst die Vertragsarbeiter und danach rund 230 Asylbewerber aus Hoyerswerda weggebracht. Die Angriffe werden heute weithin als rassistisches Pogrom bezeichnet und markieren einen entscheidenden Eskalationspunkt der rechtsextremen Gewalt nach der Wiedervereinigung. Eine organisierte rechtsterroristische Gruppe als Urheber ist allerdings nicht nachgewiesen. Wegen der wiederholten gezielten Brandangriffe auf bewohnte Flüchtlingsunterkünfte gehört der Komplex trotzdem in unsere Chronik.
01.04.1991, Düsseldorf-Niederkassel (Nordrhein-Westfalen): Der Präsident der Treuhandanstalt, Detlev Karsten Rohwedder, wird in seinem Privathaus von einem Scharfschützen erschossen. Seine Ehefrau Hergard wird verletzt. Der Täter schießt von einem gegenüberliegenden Grundstück durch ein Fenster des Hauses. Am Tatort hinterlässt die RAF ein Bekennerschreiben des „Kommandos Ulrich Wessel“. Die verwendete Waffe gehört zum selben Typ wie beim RAF-Angriff auf die US-Botschaft wenige Wochen zuvor. Spätere DNA-Untersuchungen bringen Wolfgang Grams mit Spuren vom Tatort in Verbindung, reichen aber nicht zu einer abschließenden Aufklärung des Mordes. Wer den tödlichen Schuss tatsächlich abgab, ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. Rohwedders Ermordung ist der letzte vollendete Mordanschlag der RAF.
13.02.1991, Bonn-Bad Godesberg (Nordrhein-Westfalen): Auf dem Höhepunkt des Golfkrieges beschießt ein RAF-Kommando die US-Botschaft im Schloss Deichmannsaue. Die Täter feuern von der gegenüberliegenden Rheinseite aus mit mehreren Gewehren rund 250 Schüsse auf das Botschaftsgebäude ab. Etwa 60 Geschosse treffen das Gebäude, Menschen werden nicht verletzt. Die RAF hinterlässt am Tatort eine Erklärung und begründet den Angriff mit dem Krieg der USA und ihrer Verbündeten gegen den Irak. Wenige Tage später korrigiert die RAF die zunächst verwendete Kommandobezeichnung auf „Kommando Ciro Rizatto“. Jahre später kann ein im Fluchtfahrzeug gefundenes Haar Daniela Klette zugeordnet werden. Damit erhält der jahrzehntelang ungeklärte Anschlag eine konkrete personelle Spur in die RAF. Nur anderthalb Monate später folgt die Ermordung Rohwedders.
15.01.1991, Berlin-Tiergarten (Berlin): An der Berliner Siegessäule wird ein Sprengsatz deponiert, der jedoch nicht wie vorgesehen detoniert. Die Tat wird dem Umfeld der Revolutionären Zellen zugerechnet. Hintergrund ist der unmittelbar bevorstehende beziehungsweise beginnende Golfkrieg; mehrere Anschläge dieser Zeit richten sich gegen die westliche Kriegsführung und deutsche Unterstützung dafür. Der Verfassungsschutz führt den Anschlag auf die Siegessäule ausdrücklich unter den RZ-Aktivitäten des Jahres 1991. Insgesamt werden den Revolutionären Zellen in diesem Jahr vier Sprengstoffanschläge einschließlich eines Versuchs und sieben Brandanschläge zugerechnet. Fünf dieser Terrorakte ereignen sich in Berlin. Die RZ erleben damit nach nur fünf Anschlägen im Jahr 1990 noch einmal einen deutlichen Aktivitätsschub. Die Siegessäule ist dabei eines der prominentesten ausgewählten Ziele.
27.07.1990, Bonn (Nordrhein-Westfalen): Die RAF verübt einen Sprengstoffanschlag auf Hans Neusel, Staatssekretär im Bundesinnenministerium und dort unter anderem für Fragen der inneren Sicherheit und Terrorismusbekämpfung zuständig. An der Autobahnabfahrt Bonn-Auerberg haben die Täter einen Sprengsatz an der Leitplanke platziert und lösen ihn mittels Lichtschranke aus, als Neusels BMW vorbeifährt. Die Bombe ist auf die Beifahrerseite ausgerichtet, weil Neusel normalerweise dort sitzt und von einem Fahrer gefahren wird. Ausgerechnet an diesem Tag hat der Fahrer Urlaub und Neusel sitzt selbst am Steuer, wodurch er nur leichte Schnittverletzungen erleidet. Das RAF-„Kommando José Manuel Sevillano“ bekennt sich zu dem Anschlag; das Bekennerschreiben wird von den Ermittlern als echt eingestuft. Die Vorgehensweise ähnelt stark dem tödlichen Anschlag auf Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen vom November 1989, bei dem ebenfalls eine Lichtschranke zur Auslösung benutzt wurde. Die Täter des Neusel-Anschlags werden nicht gefasst. Neusel kehrt noch am selben Tag an seinen Arbeitsplatz zurück.
27.07.1990, Potsdam (Brandenburg): In der Nacht bricht im historischen Schloss Cecilienhof ein Feuer aus. Betroffen ist insbesondere der Konferenzsaal, in dem 1945 die Potsdamer Konferenz stattgefunden hatte. Historisches Mobiliar wird beschädigt, die Feuerwehr kann den Brand jedoch schnell löschen. Nach zeitgenössischer Berichterstattung bekennt sich eine rechtsgerichtete Gruppierung zur Brandstiftung. Damit liegt ein politischer Hintergrund nahe und der Fall gehört zumindest als mutmaßlich rechtsextremistisch motivierter Brandanschlag in unsere Chronik. Bemerkenswert ist das ausgewählte Ziel: Schloss Cecilienhof ist nicht irgendein Gebäude, sondern ein international bekanntes Symbol für das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Neuordnung Deutschlands nach 1945. Über die konkrete Täterschaft und eine mögliche organisatorische Struktur hinter dem Anschlag ist allerdings erheblich weniger gesichert als beim RAF-Anschlag desselben Tages. Deshalb sollte die Tat als politisch motivierter Brandanschlag mit nicht abschließend geklärter Täterschaft geführt werden.
30.11.1989, Bad Homburg vor der Höhe (Hessen): Alfred Herrhausen, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, wird auf dem Weg zur Arbeit durch einen hochprofessionell ausgeführten Bombenanschlag getötet. Der Sprengsatz befindet sich an einem Fahrrad am Straßenrand und wird mittels einer Lichtschranke exakt in dem Moment ausgelöst, in dem Herrhausens gepanzerter Mercedes vorbeifährt. Die als Hohlladung konstruierte Bombe durchschlägt die Panzerung und verletzt Herrhausen tödlich; sein Fahrer überlebt verletzt. Die RAF bekennt sich als „Kommando Wolfgang Beer“ zu dem Anschlag. Das BKA führt den Mord bis heute als RAF-Attentat, und auch die Bundeszentrale für politische Bildung ordnet Herrhausen den Todesopfern des RAF-Terrorismus zu. Bemerkenswert bleibt allerdings, dass die konkrete Täterschaft nie gerichtsfest aufgeklärt wurde. Auch spätere Ermittlungen und verschiedene Theorien über mögliche Helfer oder andere Hintergründe führten zu keinem belastbaren Nachweis. Der Mord an Herrhausen ist damit zugleich einer der spektakulärsten und bis heute rätselhaftesten Terroranschläge der RAF-Geschichte.
20.09.1988, Bonn-Bad Godesberg (Nordrhein-Westfalen): Die RAF verübt einen Mordanschlag auf Hans Tietmeyer, Staatssekretär im Bundesfinanzministerium und wichtiger deutscher Unterhändler bei IWF und Weltbank. Zwei Täter lauern seinem ungepanzerten Dienstwagen unweit seines Wohnhauses auf. Eine zunächst eingesetzte automatische Waffe funktioniert offenbar nicht wie vorgesehen; anschließend wird der Wagen mit einer Schrotflinte beschossen. Tietmeyer und sein Fahrer bleiben unverletzt. Die RAF bekennt sich unter der Bezeichnung „Kommando Khaled Aker“ zu dem Anschlag. Die Tat steht unmittelbar im Zusammenhang mit der bevorstehenden Jahrestagung von Internationalem Währungsfonds und Weltbank in West-Berlin, gegen die sich eine breite militante Kampagne richtet. Birgit Hogefeld wird später unter anderem wegen ihrer Beteiligung an diesem Anschlag zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Der Deutsche Bundestag führt den Fall ausdrücklich als versuchten Mord durch die RAF.
1988, Berlin (West-Berlin): Die feministische linksterroristische Gruppe „Rote Zora“ verübt einen Sprengstoffanschlag auf ein biotechnologisches Institut der Technischen Universität Berlin. Die Gruppe richtet ihre Anschläge in dieser Phase gezielt gegen Einrichtungen der Gen- und Reproduktionstechnologie, die sie als Instrumente gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Kontrolle über Frauen betrachtet. Bereits zuvor hatte die Rote Zora Forschungseinrichtungen und Unternehmen aus dem biotechnologischen Bereich angegriffen. Anders als bei bloßen Protestaktionen setzt die Organisation Brand- und Sprengsätze ein und wird dem terroristischen Spektrum der Revolutionären Zellen zugerechnet. Der Anschlag von 1988 ist zugleich Teil einer längerfristigen Kampagne gegen Gen- und Reproduktionstechnologie. Menschen werden bei der Berliner Aktion nach den verfügbaren Darstellungen nicht getötet.
02.11.1987, Frankfurt am Main (Hessen): Bei einer Demonstration gegen die Startbahn West des Frankfurter Flughafens schießt der 33-jährige Andreas Eichler aus der autonomen Szene mit einer Pistole auf Polizeibeamte. Die Polizisten Klaus Eichhöfer und Thorsten Schwalm werden getötet, weitere Beamte teilweise schwer verletzt. Zeitgenössisch spricht die Bundesregierung von zehn verletzten Polizisten; spätere Darstellungen nennen sieben beziehungsweise neun durch Schüsse Verletzte. Eichler wird noch in derselben Nacht festgenommen, die Tatwaffe wird sichergestellt. 1991 wird er zu 15 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Die Bundesregierung bezeichnet die Tat unmittelbar danach als eine „neue Phase und eine neue Qualität der Gewalt“. Es handelt sich nicht um einen Anschlag der RAF oder der Revolutionären Zellen und auch nicht um eine organisierte terroristische Aktion. Wegen des eindeutig politischen Kontextes und der extremistischen Gewalteskalation gehört der Fall in unsere Chronik, allerdings mit genau dieser Abgrenzung.
01.09.1987, Berlin (West-Berlin): Mitglieder der Revolutionären Zellen verüben ein sogenanntes „Knieschuss-Attentat“ auf Günter Korbmacher, Vorsitzender Richter des für Asylangelegenheiten zuständigen Senats am Bundesverwaltungsgericht. Die Täter schießen ihm gezielt in die Beine. Die RZ richten ihre Anschläge in dieser Phase schwerpunktmäßig gegen die deutsche Asyl- und Ausländerpolitik. Anders als die RAF erklären sie, gezielte Tötungen vermeiden zu wollen, greifen aber sehr wohl Personen an und nehmen schwerste Verletzungen bewusst in Kauf. Bereits 1986 war der Berliner Ausländeramtsleiter Harald Hollenberg auf ähnliche Weise angeschossen worden. Der Angriff auf Korbmacher zeigt damit eine erhebliche Eskalation von Brand- und Sprengstoffanschlägen gegen Sachen hin zur unmittelbaren Gewalt gegen staatliche Repräsentanten. Der Verfassungsschutz wertet die RZ ausdrücklich als terroristische Organisation.
15.08.1987, mehrere Orte in der Bundesrepublik: Die feministische Terrorgruppe „Rote Zora“, organisatorisch und ideologisch dem Umfeld der Revolutionären Zellen zugerechnet, verübt nahezu gleichzeitig Brandanschläge auf acht Filialen des Bekleidungsunternehmens Adler. Brandsätze detonieren in den Verkaufsmärkten und verursachen nach Angaben des Unternehmens einen Gesamtschaden von etwa 35Mio.DM. Menschen werden nach den verfügbaren Berichten nicht verletzt. Die Gruppe bekennt sich zwei Tage später zu den Anschlägen. Als Begründung nennt sie die Arbeitsbedingungen von Frauen bei einem südkoreanischen Zulieferbetrieb von Adler und die dortigen Auseinandersetzungen mit Gewerkschafterinnen. Damit handelt es sich um eine koordinierte, bundesweite Sabotagekampagne gegen ein privatwirtschaftliches Unternehmen. Bemerkenswert ist die Dimension: Acht nahezu zeitgleiche Brandanschläge sind selbst innerhalb der Geschichte der Roten Zora außergewöhnlich.
21.06.1987, Haibach (Bayern): Bereits knapp zwei Monate vor der bundesweiten Adler-Anschlagsserie platziert die Rote Zora einen Brandsatz am Hauptsitz beziehungsweise Produktionsstandort des Unternehmens in Haibach bei Aschaffenburg. Die Vorrichtung wird entdeckt, bevor sie den vorgesehenen Schaden anrichten kann. Auch dieser Anschlagsversuch richtet sich gegen Adler wegen der Arbeitsbedingungen von Frauen in südkoreanischen Produktionsbetrieben. Er ist damit keine isolierte Aktion, sondern der Auftakt der späteren koordinierten Kampagne. Der Verfassungsschutz rechnet 1987 insgesamt zehn Anschläge der Roten Zora zu. Zusammen mit den Aktionen der übrigen Revolutionären Zellen kommen RZ und Rote Zora in diesem Jahr auf 17 Anschläge. Der Fall Haibach ist deshalb besonders wichtig, weil er die Vorbereitung und zeitliche Entwicklung der späteren August-Serie sichtbar macht.
1987 haben wir also deutlich mehr als nur die Adler-Serie. Der Verfassungsschutz zählte 17 Anschläge der Revolutionären Zellen und der Roten Zora, davon zehn der Roten Zora. Neben den hier einzeln aufgeführten Fällen wurden unter anderem Einrichtungen angegriffen, die mit der Asylpolitik verbunden waren, darunter die zentrale Sozialhilfestelle für Asylbewerber in Berlin und eine Außenstelle des Bundesamtes für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge in Dortmund.
Die RAF fällt dagegen 1987 als unmittelbarer Anschlagsakteur weitgehend aus unserer Jahreschronik heraus. Nach ihrer äußerst blutigen Anschlagsserie 1985/86 folgt erst am 20.09.1988 mit dem Mordversuch an Hans Tietmeyer wieder ein großer RAF-Anschlag. 1987 gehört bei den terroristischen Aktionen damit vor allem den Revolutionären Zellen und der Roten Zora. Und die waren mit 17 Anschlägen keineswegs in einer gemütlichen historischen Auslaufphase.
8.10.1986, Berlin-Zehlendorf (Berlin): Die Revolutionären Zellen verüben ein gezieltes Attentat auf Harald Hollenberg, den Leiter der Berliner Ausländerbehörde. Als Hollenberg morgens seine Garage verlässt, wird er von zwei Tätern überrascht. Sie schießen ihm aus kurzer Entfernung jeweils in einen Unterschenkel. Anschließend fliehen die Täter; ihr Fluchtfahrzeug wird später ausgebrannt gefunden. Einen Tag später geht ein Bekennerschreiben der Revolutionären Zellen ein, in dem Hollenberg wegen seiner Tätigkeit in der Ausländerbehörde angegriffen wird. Die RZ praktizieren damit die aus Italien bekannte Methode des gezielten „Knieschusses“, mit der politische Gegner schwer verletzt, aber nach eigener Darstellung nicht getötet werden sollen. Die Tat ist Teil einer RZ-Kampagne gegen die deutsche Asyl- und Ausländerpolitik. 1987 folgt mit dem Anschlag auf Bundesverwaltungsrichter Günter Korbmacher eine nahezu identische Aktion.
28.10.1986, Köln (Nordrhein-Westfalen): Am selben Tag explodiert am Verwaltungsgebäude der Lufthansa ein Sprengsatz. Die Revolutionären Zellen bekennen sich zu dem Anschlag und begründen ihn ebenfalls mit der deutschen Flüchtlings- und Abschiebepolitik. Die Explosion reißt ein Loch in die Außenwand, zerstört Fenster und beschädigt technische Einrichtungen, darunter den Bereich einer Telefonanlage. Menschen werden nicht verletzt. Der Schaden wird seinerzeit auf rund 100.000DM beziffert. Lufthansa wird von den RZ angegriffen, weil die Fluggesellschaft bei Abschiebungen aus der Bundesrepublik eine praktische Rolle spielt. Der Anschlag und das nur wenige Stunden später erfolgende Attentat auf Hollenberg bilden damit einen gemeinsamen politischen Aktionszusammenhang. 1986 richten sich zehn der insgesamt 14 RZ-Anschläge gegen Ziele aus diesem Themenbereich.
10.10.1986, Bonn-Ippendorf (Nordrhein-Westfalen): Die RAF ermordet Gerold von Braunmühl, den Politischen Direktor des Auswärtigen Amtes. Als der 51-Jährige abends vor seinem Wohnhaus aus einem Taxi steigt, treten zwei Täter an ihn heran und eröffnen das Feuer. Von Braunmühl wird mehrfach getroffen und stirbt am Tatort. Die RAF bekennt sich als „Kommando Ingrid Schubert“ zu dem Mord und bezeichnet von Braunmühl als zentrale Figur der westeuropäischen Außenpolitik. Besonders bemerkenswert ist die Tatwaffe: Mit demselben Revolver war bereits 1977 der entführte Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer erschossen worden. Wer die beiden Täter in Bonn waren, konnte dennoch nie zweifelsfrei geklärt werden. Von Braunmühl ist innerhalb weniger Monate bereits das dritte Todesopfer der RAF im Jahr 1986. Der Mord gehört zu den zentralen Taten der sogenannten dritten RAF-Generation.
10.10.1986, Bonn (Nordrhein-Westfalen): RAF-Mitglieder erschießen den hohen Diplomaten Gerold von Braunmühl vor seinem Wohnhaus. Die Bundesregierung zählt den Mord zu den schweren Tötungsdelikten der RAF in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre.
09.07.1986, Straßlach (Bayern): Die RAF ermordet Karl Heinz Beckurts, Siemens-Vorstandsmitglied für Forschung und Technik und einen der bedeutendsten deutschen Kernphysiker, sowie seinen Fahrer Eckhard Groppler. Am Straßenrand außerhalb von Straßlach südlich von München haben die Täter einen etwa 10kg schweren Sprengsatz versteckt. Als der Dienstwagen vorbeifährt, wird die Bombe ferngesteuert gezündet. Die Explosion ist so stark, dass der Wagen quer über die Straße geschleudert wird; Beckurts und Groppler sterben sofort. Das RAF-„Kommando Mara Cagol“ bekennt sich zu der Tat und begründet den Mord unter anderem mit Beckurts‘ Tätigkeit für Siemens und seiner Rolle in der Kernenergiepolitik. Die konkreten Täter werden nie gerichtsfest identifiziert. Der Anschlag zeigt zugleich die technische Professionalisierung der dritten RAF-Generation, die später bei den Anschlägen auf Herrhausen und Neusel noch deutlicher wird.
11.02.1986, Bonn (Nordrhein-Westfalen): Die Revolutionären Zellen versuchen, das Gebäude der South Africa Foundation mit einem Sprengsatz zu zerstören. Die Aktion richtet sich gegen das südafrikanische Apartheidregime und gegen Einrichtungen, die von den Tätern als dessen politische oder wirtschaftliche Unterstützer betrachtet werden. Die RZ stellen die Tat ausdrücklich in den Zusammenhang der Unterstützung des südafrikanischen Befreiungskampfes. Der Sprengstoffanschlag misslingt beziehungsweise erreicht nicht die vorgesehene Wirkung. Er ist Teil einer ganzen Kampagne gegen Unternehmen und Organisationen mit Beziehungen zu Südafrika. Im selben Zusammenhang greifen die RZ unter anderem Unternehmen mit Geschäftsbeziehungen nach Südafrika an. Anders als bei der RAF liegt der Schwerpunkt der RZ weiterhin überwiegend auf Anschlägen gegen Gebäude und Infrastruktur. Die hohe Zahl von 14 Anschlägen allein 1986 zeigt allerdings, dass von einer bedeutungslosen Splittergruppe kaum die Rede sein kann.
18.12.1985, Oberammergau (Bayern): Die RAF versucht, mit einer Autobombe die NATO-Truppenschule anzugreifen. Der Sprengsatz detoniert nicht; nach Einschätzung der Bundesregierung hätte eine Explosion zahlreiche Tote und Verletzte verursachen können.
08.08.1985, Frankfurt am Main (Hessen): Die RAF und die französische Terrororganisation Action Directe verüben einen schweren Bombenanschlag auf die Rhein-Main Air Base der US-Streitkräfte am Frankfurter Flughafen. Eine mit Sprengstoff beladene Autobombe wird auf dem militärischen Gelände zur Explosion gebracht. Der US-Soldat Frank Scarton und die amerikanische Zivilangestellte Becky Bristol werden getötet, 23 weitere Menschen verletzt. Um überhaupt auf das streng gesicherte Gelände zu gelangen, benutzen die Terroristen den Dienstausweis des US-Soldaten Edward Pimental, den sie am Vorabend ermordet haben. Die RAF und Action Directe übernehmen gemeinsam die Verantwortung und treten als „Kommando George Jackson“ auf. Der Anschlag bildet den Höhepunkt der damaligen Zusammenarbeit deutscher und französischer Linksterroristen. Die Kooperation reicht dabei von gemeinsam genutzten Waffen und Sprengstoffen bis zur konkreten Planung und Durchführung von Anschlägen.
07.08.1985, Wiesbaden (Hessen): Der 20-jährige US-Soldat Edward Pimental wird von RAF-Mitgliedern aus einer Diskothek beziehungsweise Gaststätte weggelockt und anschließend erschossen. Sein Leichnam wird am folgenden Morgen im Wiesbadener Stadtwald gefunden. Entscheidend für die Auswahl des Opfers ist offenbar sein Dienstausweis. Mit dieser ID-Karte können die Terroristen am nächsten Tag die Zugangskontrolle der Rhein-Main Air Base passieren und dort ihre Autobombe platzieren. Pimental wird damit nicht wegen seiner individuellen Stellung oder Tätigkeit ermordet, sondern gezielt als Mittel zur Vorbereitung des folgenden Anschlags. Die Tat markiert nach Einschätzung damaliger Sicherheitsbehörden eine weitere Enthemmung der RAF, weil erstmals ein vergleichsweise rangniedriger und zufällig ausgewählter Soldat allein zur Beschaffung eines Ausweises getötet wird. Der Mord und der Bombenanschlag vom folgenden Tag bilden deshalb einen einzigen terroristischen Operationskomplex.
16.04.1985, Heidelberg (Baden-Württemberg): Die Revolutionären Zellen versuchen einen Anschlag auf den Neubau des Instituts für medizinische und biologische Forschung der Universität Heidelberg. Der Anschlag scheitert beziehungsweise erreicht nicht die beabsichtigte Wirkung. Er fällt in eine Phase, in der die RZ nach einer längeren operativen Zurückhaltung ihre terroristischen Aktivitäten wieder deutlich intensivieren. Der baden-württembergische Verfassungsschutz führt den Heidelberger Anschlagsversuch ausdrücklich den Revolutionären Zellen zu. Gleichzeitig stellt die Behörde fest, dass daraus noch nicht auf eine dauerhaft in Baden-Württemberg bestehende RZ-Struktur geschlossen werden könne. Bundesweit sieht das anders aus: Die Zahl der den Revolutionären Zellen zugerechneten Anschläge steigt von zehn im Jahr 1984 auf 18 im Jahr 1985. Regionale Schwerpunkte liegen vor allem in Nordrhein-Westfalen, dem Rhein-Main-Gebiet, Berlin und Hamburg.
19.06.1985, Frankfurt am Main (Hessen): In der Abflughalle des Frankfurter Flughafens explodiert eine Bombe. Drei Menschen werden getötet, mehr als 40 verletzt. Die Tat ist bis heute nicht abschließend aufgeklärt; Ermittlungen richteten sich zeitweise gegen palästinensische Terroristen aus dem Umfeld der Abu-Nidal-Organisation.
01.02.1985, Gauting (Bayern): Zwei Mitglieder der RAF dringen morgens in das Wohnhaus des MTU-Vorstandsvorsitzenden Ernst Zimmermann ein. Unter einem Vorwand verschaffen sie sich Zugang, überwältigen Zimmermann und seine Ehefrau und fesseln beide. Anschließend führen sie den Manager ins Schlafzimmer und schießen ihm mehrfach in den Hinterkopf. Zimmermann stirbt wenige Stunden später an seinen Verletzungen. Er ist nicht nur Vorstandsvorsitzender der Motoren- und Turbinen-Union, sondern auch Vorsitzender des Bundesverbandes der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie und wird von der RAF deshalb als Repräsentant des militärisch-industriellen Komplexes betrachtet. Das „Kommando Patsy O’Hara“ übernimmt die Verantwortung. Der Mord steht zugleich im Zusammenhang mit der Zusammenarbeit zwischen RAF und der französischen Action Directe, die wenige Tage zuvor den französischen General René Audran ermordet hatte.
Darüber hinaus läuft Anfang 1985 die sogenannte „Offensive 84/85“. Während des Hungerstreiks inhaftierter RAF-Mitglieder verüben militante Unterstützer insgesamt 15 Sprengstoff- und 23 Brandanschläge, etwa die Hälfte davon gegen militärische Ziele. Nicht jede dieser Taten lässt sich der eigentlichen RAF-Kommandostruktur zurechnen.
18.12.1984, Oberammergau (Bayern): Die RAF versucht einen schweren Sprengstoffanschlag auf die NATO-Schule in Oberammergau. Ein als US-Soldat verkleideter Täter fährt einen Audi 80 auf das militärisch gesicherte Gelände und stellt ihn unmittelbar vor dem Lehrgebäude ab. Im Kofferraum befinden sich rund 25kg Sprengstoff, drei Propangasflaschen und fast 100 Metallteile, die bei der Explosion als Splitter wirken sollen. Der Zeitzünder ist auf 9:30 Uhr eingestellt, versagt jedoch aufgrund eines technischen Fehlers. Weil das Fahrzeug verdächtig erscheint und das Kennzeichen als gestohlen erkannt wird, lässt die Schule das Gebäude räumen. Die Bombe wird anschließend entdeckt und entschärft; nach Einschätzung von Ermittlern hätte eine Explosion zahlreiche Menschen töten können. Die RAF bekennt sich als „Kommando Jan Raspe“ zu dem Anschlagsversuch. Der Anschlag gilt als Auftakt der neuen RAF-Offensive, die 1985 mit mehreren Morden und dem Bombenanschlag auf die Rhein-Main Air Base eskaliert.
14.06.1984, Lorch (Baden-Württemberg): Mitglieder der Revolutionären Zellen verüben einen Sprengstoffanschlag auf eine militärisch bedeutsame Treibstoffpipeline. Betroffen ist das Central Europe Pipeline System, das unter anderem NATO- und US-Streitkräfte mit Treibstoff versorgt. Die RZ stellen den Anschlag ausdrücklich in einen antimilitaristischen Zusammenhang und wollen nach eigener Darstellung „Kriegsprojekte“ beeinträchtigen. Politisch verknüpfen sie die Aktion unter anderem mit den Protesten gegen die Stationierung von US-Mittelstreckenraketen in Mutlangen. Die dort stationierten militärischen Einrichtungen werden über das Pipelinesystem mitversorgt. Damit richtet sich der Anschlag unmittelbar gegen militärische Infrastruktur und ist für unsere Sabotagechronik besonders interessant. Es geht nicht nur um ein symbolisches Gebäude, sondern um ein tatsächlich für die Versorgung der NATO vorgesehenes Leitungssystem.
1984, Gütersloh (Nordrhein-Westfalen): Revolutionäre Zellen und Rote Zora greifen zwei Unternehmen an, denen sie vorwerfen, von Gefängnisarbeit zu profitieren. Gegen einen Lkw der Firma Kreuzer wird ein Brandanschlag verübt, gegen die Firma Koch ein Sprengstoffanschlag. Die Aktionen werden mit den Arbeitsbedingungen von Strafgefangenen begründet. Damit folgen die Täter einem typischen Muster der Revolutionären Zellen: Unternehmen werden nicht zufällig ausgewählt, sondern aufgrund ihrer vermeintlichen Rolle innerhalb eines als ausbeuterisch betrachteten staatlichen oder wirtschaftlichen Systems. Die Rote Zora beteiligt sich dabei gemeinsam mit den RZ. Insgesamt werden den RZ/Rote Zora für 1984 etwa elf terroristische Anschläge zugerechnet. Gegenüber den Vorjahren geht die Aktivität damit zwar zurück, von einer Einstellung der Anschläge kann aber keine Rede sein.
21.10.1983, Bad Ems (Rheinland-Pfalz): Auf die Schule für Nachrichtenwesen der Bundeswehr wird ein Sprengstoffanschlag verübt. Der Anschlag wird dem linksterroristischen Spektrum zugerechnet; als möglicher Hintergrund werden die Revolutionären Zellen beziehungsweise das RAF-Umfeld genannt. Menschen werden nicht verletzt. Das Ziel ist allerdings eindeutig militärisch und für unsere Sabotagechronik entsprechend relevant. Die Tat fällt mitten in die aufgeheizte Auseinandersetzung um den NATO-Doppelbeschluss und die bevorstehende Stationierung amerikanischer Pershing-II-Raketen. Einen Monat später stimmt der Bundestag endgültig der Stationierung neuer US-Mittelstreckenraketen zu. Die Bundeswehr und Einrichtungen der USA gehören in dieser Phase zu bevorzugten Zielen militanter und terroristischer Gruppen. Bei der konkreten organisatorischen Zuordnung des Bad-Emser Anschlags sollte man allerdings vorsichtig bleiben.
20.09.1983, Ginsheim-Gustavsburg (Hessen): Die Revolutionären Zellen verüben einen Sprengstoffanschlag auf das Rechenzentrum des MAN-Werks. Die Explosion verursacht einen Sachschaden von mehreren Millionen DM. In einem in Rüsselsheim hinterlegten Bekennerschreiben begründen die Täter den Angriff mit der Rolle von MAN als Rüstungsproduzent. Besonders werfen sie dem Unternehmen vor, Transportfahrzeuge für die amerikanischen Pershing-II-Raketen herzustellen. Außerdem greifen sie MAN als Vertreter des von ihnen bekämpften „multinationalen Kapitals“ an. Damit handelt es sich um einen ziemlich klassischen Fall politisch motivierter Industriesabotage mit Sprengstoff. Der Anschlag steht unmittelbar im Zusammenhang mit der damaligen Auseinandersetzung um die NATO-Nachrüstung. Die RZ führen 1983 insgesamt 27 Brand- und Sprengstoffanschläge zusammen mit der Roten Zora durch; fünf ihrer Anschläge richten sich allein gegen Einrichtungen im Zusammenhang mit der Startbahn West.
15.09.1983, Heidelberg (Baden-Württemberg): Auf den Oberbefehlshaber der US-Landstreitkräfte in Europa, General Frederick J. Kroesen, wird ein Anschlag verübt. Kroesen war bereits am 15.09.1981 Ziel eines RAF-Panzerfaustanschlags gewesen; für 1983 taucht in parlamentarischen Rückblicken ebenfalls ein Anschlag auf General Kroesen in Heidelberg auf. Die Quellenlage zur konkreten Tat von 1983 ist allerdings erheblich dünner als beim bekannten Anschlag von 1981. Der Bundestag führt den 15.09.1983 jedoch ausdrücklich in einer späteren Aufzählung terroristischer Angriffe auf amerikanische Einrichtungen und Personen in der Bundesrepublik auf.
25.08.1983, Berlin-Charlottenburg (West-Berlin): Vor dem französischen Generalkonsulat im Maison de France am Kurfürstendamm explodiert eine Bombe. Der Sprengsatz befindet sich im vierten Stock des Gebäudes und richtet schwere Verwüstungen an. Ein Mensch wird getötet und mehr als 20 Menschen werden verletzt. Hinter dem Anschlag steht die armenische Terrororganisation ASALA, die „Armenische Geheimarmee zur Befreiung Armeniens“. Ziel der Organisation sind vor allem türkische Einrichtungen und Interessen, sie greift aber auch Staaten an, die gegen ihre Mitglieder vorgehen. Der Berliner Anschlag richtet sich gegen Frankreich, nachdem dort ein ASALA-Mitglied festgenommen worden war. Die Tat zeigt, dass die Bundesrepublik beziehungsweise West-Berlin in den 1980er Jahren nicht nur Schauplatz deutschen Links- und Rechtsterrorismus ist, sondern auch internationaler terroristischer Konflikte. Mit einem Toten und zahlreichen Verletzten gehört der Anschlag zwingend in unsere Chronik.
Daneben ist 1983 die Rote Zora ausgesprochen aktiv. Vier Anschläge richten sich gegen Vermittlungsagenturen, die Frauen insbesondere aus Asien, Afrika und Lateinamerika an deutsche Männer vermitteln. Hinzu kommen ein Sprengstoffanschlag auf die philippinische Botschaft in Bonn sowie Anschläge gegen Siemens-Kommunikationstechnik in Braunschweig und Witten, gegen Nixdorf in Hannover und gegen ein Datenzentrum des Verbandes Creditreform in Neuss. Insgesamt werden der Roten Zora acht Anschläge im Jahr 1983 zugerechnet.
1983 ist damit vor allem ein RZ/Rote-Zora-Jahr. Von den 27 Brand- und Sprengstoffanschlägen dieses Spektrums richten sich sechs gegen die NATO; fünf weitere betreffen allein den Konflikt um die Startbahn West. Die RAF selbst spielt als unmittelbarer Anschlagsakteur 1983 dagegen eine deutlich geringere Rolle.
15.12.1982, Darmstadt (Hessen): Im Rahmen einer rechtsterroristischen Anschlagsserie wird ein Sprengstoffanschlag auf ein Fahrzeug von Angehörigen der US-Streitkräfte verübt. Hinter der Serie stehen Odfried Hepp, Walter Kexel und weitere Rechtsextremisten, die später als Hepp-Kexel-Gruppe bezeichnet werden. Die Gruppe hat sich vorgenommen, amerikanische Soldaten in der Bundesrepublik gezielt anzugreifen und dadurch Angst unter den US-Streitkräften und ihren Familien zu verbreiten. Als bevorzugte Methode dienen Autobomben beziehungsweise Sprengsätze an Fahrzeugen. Ideologisch verbindet die Gruppe Neonazismus mit einem ausgeprägten Antiamerikanismus. Nach Darstellung der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung besteht das ausdrückliche Ziel darin, die US-Soldaten so zu terrorisieren, dass letztlich ein Abzug der amerikanischen Streitkräfte aus der Bundesrepublik erreicht werden soll.
14.12.1982, Butzbach (Hessen): Einen Tag zuvor explodiert bereits ein Sprengsatz an beziehungsweise unter einem Fahrzeug eines US-Soldaten. Der Soldat wird verletzt. Auch dieser Angriff gehört in den Komplex der Hepp-Kexel-Gruppe und ihrer Anschläge auf Angehörige der amerikanischen Streitkräfte im Rhein-Main-Gebiet. Die Täter wählen bewusst Privatfahrzeuge von US-Soldaten aus, um diese außerhalb ihrer militärischen Einrichtungen angreifen zu können. Die Bomben werden so angebracht, dass sie beim Benutzen des Fahrzeugs explodieren sollen. Damit ist eine Tötungsabsicht beziehungsweise zumindest die bewusste Inkaufnahme tödlicher Verletzungen offensichtlich. Die hessische Landeszentrale ordnet die Anschlagsserie ausdrücklich einer rechtsterroristischen Gruppe zu. Die Hepp-Kexel-Gruppe gehört deshalb zwingend in unsere Chronik, auch wenn sie heute gegenüber RAF und NSU beinahe vergessen ist.
03.11.1982, Köln (Nordrhein-Westfalen): Mitglieder der türkischen linksextremistischen Organisation Devrimci Sol besetzen das türkische Generalkonsulat in Köln und nehmen Geiseln. Die Aktion ist Teil der gewaltsamen Auseinandersetzung türkischer extremistischer Organisationen mit dem nach dem Militärputsch von 1980 herrschenden Regime in Ankara. Die Täter wollen mit der Besetzung politische Forderungen durchsetzen und internationale Aufmerksamkeit erzeugen. Mehrere Menschen werden bei der Aktion verletzt. Devrimci Sol entwickelt sich später zur DHKP-C, die in Deutschland bis heute verboten ist und zahlreiche terroristische Anschläge insbesondere in der Türkei verübt hat. Der Kölner Fall zeigt bereits Anfang der 1980er Jahre, dass Konflikte türkischer extremistischer Organisationen unmittelbar nach Deutschland getragen werden. Wegen der Geiselnahme und des eindeutig politischen Zieles gehört die Aktion in unsere Chronik.
27.09.1982, Frankfurt am Main (Hessen): Am jüdischen Feiertag Jom Kippur explodieren in Frankfurt drei Bomben. Eine detoniert vor einem Reisebüro, das Reisen nach Israel organisiert; ein Hausmeister wird getötet und ein Passant verletzt. Zwei weitere Sprengsätze explodieren vor Unternehmen beziehungsweise Einrichtungen mit Beziehungen zu Israel. Die zeitliche und räumliche Koordination sowie die Auswahl der Ziele lassen einen antisemitischen beziehungsweise antiisraelischen terroristischen Hintergrund erkennen. Ein glaubwürdiges Bekennerschreiben gibt es jedoch nicht. Internationale Terrorchronologien führen den Frankfurter Anschlag im Zusammenhang mit der damaligen Serie von Angriffen auf jüdische und israelische Ziele in Europa. Eine konkrete Organisation lässt sich der Tat nicht belastbar zuordnen.
31.07.1982, München (Bayern): Am Flughafen München-Riem explodiert ein Sprengsatz. Sieben Menschen werden verletzt. Der Anschlag gehört in den damaligen Kontext internationaler terroristischer Aktivitäten in Westeuropa, eine zweifelsfreie organisatorische Zuordnung ist jedoch nicht gesichert. Ein Sprengsatz detoniert auf beziehungsweise im Bereich eines internationalen Flughafens und verletzt mehrere Menschen. Ein Flughafen ist zudem ein klassisches Ziel terroristischer Gruppen, weil bereits eine vergleichsweise kleine Aktion enorme öffentliche Wirkung entfalten kann. Der Anschlag gehört damit eindeutig hinein, auch wenn die historische Quellenlage zur Täterschaft unbefriedigend bleibt.
07.03.1982, Hannover (Niedersachsen): Die feministische linksterroristische Gruppe Rote Zora verübt einen Sprengstoffanschlag auf das Pharmaunternehmen Schering. Die Täter begründen die Aktion mit der angeblichen Ausbeutung von Frauen durch die Pharmaindustrie sowie mit Bevölkerungspolitik, Medikamentenversuchen und Zwangssterilisationen. Die Rote Zora ist aus dem Umfeld der Revolutionären Zellen hervorgegangen und setzt bewusst Brand- und Sprengsätze ein. Unternehmen und Forschungseinrichtungen werden dabei nach politischen Kriterien als Ziele ausgewählt. Der Anschlag auf Schering ist somit keine spontane Sachbeschädigung, sondern Bestandteil einer längerfristigen terroristischen Kampagne. Menschen sollen nach der eigenen Strategie der Gruppe möglichst nicht getötet werden, erhebliche Sachschäden werden dagegen ausdrücklich angestrebt. In den folgenden Jahren intensiviert die Rote Zora ihre Anschläge gegen Unternehmen und Forschungseinrichtungen noch erheblich.
06.03.1982, Bonn (Nordrhein-Westfalen): Einen Tag zuvor verübt die Rote Zora einen Brandanschlag auf Fahrzeuge des Deutschen Bundeswehrverbandes. Die Täter stellen die Aktion in den Zusammenhang der Auseinandersetzung um die NATO-Nachrüstung. Militärische Einrichtungen, Rüstungsunternehmen und Organisationen mit Bezug zur Bundeswehr gehören in dieser Phase zu den bevorzugten Zielen des linksterroristischen Spektrums. Die Aktion ist Teil einer größeren Kampagne, die sich im Frühjahr 1982 erheblich ausweitet. Im Mai und Juni folgen gemeinsam mit den Revolutionären Zellen insgesamt elf weitere Angriffe auf militärische und amerikanische Einrichtungen. Anlass ist unter anderem der Deutschlandbesuch von US-Präsident Ronald Reagan. Die Täter versuchen damit, die sicherheitspolitische Auseinandersetzung um NATO, amerikanische Truppen und die geplante Stationierung neuer Mittelstreckenraketen mit Brand- und Sprengstoffanschlägen zu führen. Für unsere Sabotagechronik ist dieser Komplex deshalb besonders relevant.
Ein Fall muss für 1982 außerdem als größeren Jahreskomplex festgehalten werden: Im Mai und Juni verüben Revolutionäre Zellen und Rote Zora gemeinsam elf Angriffe gegen militärische und US-amerikanische Einrichtungen. Dazu passt die damalige Gesamtentwicklung: Eine Bundestagsdrucksache nennt für einen entsprechenden Erfassungszeitraum 32 den Revolutionären Zellen zugerechnete Anschläge und weist ausdrücklich darauf hin, dass zu deren Zielen Bundeswehreinrichtungen, Verkehrsanlagen, Versorgungsbetriebe und Wirtschaftsunternehmen gehörten.
Die RAF selbst liefert 1982 dagegen keinen großen neuen Anschlag, der mit Oberammergau 1984 oder den Morden von 1985/86 vergleichbar wäre. Das Jahr ist für sie vielmehr wegen der Festnahmen von Brigitte Mohnhaupt, Adelheid Schulz und Christian Klar entscheidend. Mit diesen Festnahmen und dem Auffinden von Erddepots mit Waffen, Sprengstoff und falschen Papieren wird ein wesentlicher Teil der RAF-Infrastruktur zerschlagen.
Für das Jahr 1982 ist auch die Hepp-Kexel-Gruppe wichtig. Sie zeigt etwas, das in der historischen Erinnerung erstaunlich oft verloren geht: Rechtsterrorismus. Anfang der 1980er bestand nicht nur aus dem Oktoberfestattentat und der Wehrsportgruppe Hoffmann. Es existierte auch eine neonazistische Terrorgruppe, die Bomben an Fahrzeuge amerikanischer Soldaten montierte, um die US-Streitkräfte aus Deutschland zu vertreiben.
15.09.1981, Heidelberg (Baden-Württemberg): Die RAF versucht, den Oberbefehlshaber der US-Landstreitkräfte in Europa, General Frederick J. Kroesen, zu töten. Zwei panzerbrechende RPG-7-Granaten werden auf seinen gepanzerten Dienstwagen abgefeuert. Eine Granate trifft das Fahrzeug, durchschlägt dessen Panzerung jedoch nicht vollständig. Kroesen, seine Ehefrau und weitere Insassen werden verletzt, überleben den Angriff aber. Die RAF bekennt sich unter der Bezeichnung „Kommando Gudrun Ensslin“ zu dem Anschlag. Die verwendete sowjetische Panzerabwehrwaffe und die Vorbereitung des Hinterhalts zeigen einen erheblichen militärischen Aufwand. Der Anschlag folgt nur zwei Wochen nach der Bombenattacke auf die US-Air-Base Ramstein und ist Teil einer gezielten RAF-Kampagne gegen amerikanische und NATO-Einrichtungen. Die bpb zählt beide Anschläge zu den zentralen Aktionen der zweiten RAF-Generation.
31.08.1981, Ramstein (Rheinland-Pfalz): Die RAF verübt einen schweren Bombenanschlag auf das Hauptquartier der US-Luftstreitkräfte in Europa auf der Ramstein Air Base. Ein mit Sprengstoff präpariertes Fahrzeug wird auf einem Parkplatz vor dem Hauptquartier zur Explosion gebracht. Die Detonation richtet erhebliche Schäden am Gebäude an. 18 amerikanische Soldaten und zwei deutsche Zivilisten werden verletzt. Die RAF bekennt sich als „Kommando Sigurd Debus“ zu dem Anschlag. Debus war wenige Monate zuvor nach einem Hungerstreik in Haft gestorben. Das ausgewählte Ziel besitzt herausragende militärische Bedeutung, Ramstein ist eine der wichtigsten US- und NATO-Einrichtungen in Europa. Der Anschlag markiert zusammen mit dem zwei Wochen später folgenden Kroesen-Attentat eine neue Offensive der RAF gegen die amerikanische Militärpräsenz in der Bundesrepublik
11.05.1981, Frankfurt am Main (Hessen): Der hessische Wirtschaftsminister Heinz-Herbert Karry wird in seinem Schlafzimmer erschossen. Mitglieder der Revolutionären Zellen dringen nachts in das Wohnhaus ein und feuern durch die Schlafzimmertür beziehungsweise auf den im Bett liegenden Politiker. Karry wird mehrfach getroffen und stirbt. Die Revolutionären Zellen übernehmen später die Verantwortung. Nach ihrer Darstellung sollte Karry ursprünglich nicht getötet, sondern durch Schüsse in die Beine verletzt werden. Als politische Gründe nennen sie unter anderem seine Energie- und Flughafenpolitik sowie den Ausbau der Startbahn West. Diese nachträgliche Erklärung ändert wenig daran, dass bewaffnete Terroristen in ein Wohnhaus eindringen und einen Politiker erschießen. Karry ist das erste und zugleich bekannteste Todesopfer eines Anschlags der Revolutionären Zellen in Deutschland. Die bpb ordnet seine Ermordung ausdrücklich dieser terroristischen Organisation zu.
21.02.1981, München (Bayern): Im Gebäude des US-Senders Radio Free Europe explodiert eine Bombe und verletzt mehrere Menschen. Der Sprengsatz richtet erhebliche Schäden am Gebäude an. Ziel ist der aus den USA finanzierte Sender, der aus München Programme in die kommunistischen Staaten Osteuropas ausstrahlt und für deren Geheimdienste seit Jahren ein wichtiges Angriffsziel darstellt. Hinter dem Anschlag steht nach späteren Ermittlungen der rumänische Geheimdienst Securitate, der den international bekannten Terroristen Ilich Ramírez Sánchez alias „Carlos“ mit der Durchführung beauftragt haben soll. Carlos‘ Netzwerk wiederum arbeitet bei der Vorbereitung mit Mitgliedern der Revolutionären Zellen zusammen.
1981 gehört damit eindeutig zu den bedeutenderen Jahren unserer Reihe. Besonders auffällig ist die Bandbreite: RAF gegen US-Militär, Revolutionäre Zellen gegen einen deutschen Minister und ein mutmaßlich von einem ausländischen Geheimdienst in Auftrag gegebener Bombenanschlag in München. Terrorismus war damals keineswegs nur RAF, auch wenn die historische Erinnerung gelegentlich so tut, als hätte die Organisation ein Monopol darauf besessen.
19.12.1980, Erlangen (Bayern): Der jüdische Verleger und frühere Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, Shlomo Lewin, und seine Lebensgefährtin Frida Poeschke werden in ihrem Haus erschossen. Als mutmaßlicher Täter gilt Uwe Behrendt, ein führendes Mitglied der rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann. Lewin hatte sich öffentlich gegen Neonazismus engagiert und insbesondere vor Karl-Heinz Hoffmann und dessen Organisation gewarnt. Behrendt soll beide Opfer jeweils mehrfach beschossen und anschließend mit Kopfschüssen getötet haben. Spuren am Tatort führen in das unmittelbare Umfeld der Wehrsportgruppe. Behrendt setzt sich später in den Libanon ab und stirbt dort, sodass er für die Morde nie vor Gericht steht. Auch Karl-Heinz Hoffmann wird eine Beteiligung an der Tat nicht rechtskräftig nachgewiesen. Die Stadt Erlangen bezeichnet den Doppelmord heute ausdrücklich als antisemitisch motivierte Tat aus dem Umfeld der Wehrsportgruppe Hoffmann und erinnert an Lewin und Poeschke als Opfer rechten Terrors.
26.09.1980, München (Bayern): Am Haupteingang des Oktoberfestes explodiert um 22:20 Uhr eine selbstgebaute Bombe in einem Abfallkorb. Zwölf Besucher und der Attentäter Gundolf Köhler sterben, 221 Menschen werden verletzt, 68 davon schwer. Die enorme Wirkung entsteht durch Druck, Hitze und zahlreiche Metallteile, die wie Splitter durch die Menschenmenge fliegen. Köhler hatte Verbindungen zur rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann und war zuvor auch in der neonazistischen Wiking-Jugend aktiv. Die damaligen Ermittlungen kommen später zu dem Ergebnis, er habe allein und aus persönlichen Motiven gehandelt. Diese Bewertung bleibt jahrzehntelang umstritten, sodass der Generalbundesanwalt 2014 die Ermittlungen wieder aufnimmt. 2020 stellt die Bundesanwaltschaft erstmals offiziell fest, dass Köhler aus einer rechtsextremistischen Motivation heraus gehandelt und mit dem Anschlag auch die bevorstehende Bundestagswahl beeinflussen wollte. Belege für konkrete Mittäter reichen dennoch nicht für einen Nachweis aus. Das Oktoberfestattentat gilt mit 13 Toten und 221 Verletzten bis heute als schwerster Terroranschlag in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.
15.10.1979, Wiesbaden (Hessen): Mitglieder beziehungsweise Unterstützer der Revolutionären Zellen setzen einen Bauwagen des Baukonzerns Hochtief in Brand. Die RZ bekennen sich anschließend zu dem Anschlag. Hintergrund ist unter anderem die Beteiligung des Unternehmens an Großprojekten, gegen die sich die damalige militante Linke richtet. Die Revolutionären Zellen verfolgen zu dieser Zeit bewusst eine andere Strategie als die RAF: Ihre Mitglieder leben überwiegend nicht im Untergrund, sondern führen aus ihrem normalen gesellschaftlichen Umfeld heraus Anschläge durch. Dabei konzentrieren sie sich häufig auf Sachziele und wirtschaftliche Infrastruktur. Das bedeutet allerdings keineswegs harmlose Protestaktionen, denn die Gruppe setzt regelmäßig Brand- und Sprengsätze ein. Der hessische Verfassungsschutz führt den Wiesbadener Anschlag ausdrücklich im Zusammenhang mit den terroristischen Aktivitäten der RZ auf.
25.06.1979, Casteau bei Mons (Belgien): Die RAF versucht, den amerikanischen Vier-Sterne-General und NATO-Oberbefehlshaber Europa, Alexander Haig, mit einer Bombe zu töten. Haig ist auf dem Weg zum NATO-Hauptquartier SHAPE, als ein unter der Straße verlegter Sprengsatz detoniert. Die Explosion trifft seinen gepanzerten Dienstwagen jedoch nicht im entscheidenden Moment; Haig entkommt dem Anschlag knapp. Die RAF bekennt sich zu der Tat und nimmt damit erstmals seit dem „Deutschen Herbst“ 1977 wieder ein international herausragendes Ziel ins Visier. Haig ist zu diesem Zeitpunkt Supreme Allied Commander Europe und damit einer der wichtigsten Militärs der NATO. Der Anschlag markiert zugleich den Beginn einer neuen RAF-Offensive gegen die amerikanische Militärpräsenz und die NATO: 1981 folgen die Bombenattacke auf die Ramstein Air Base und der Panzerfaustanschlag auf US-General Frederick Kroesen in Heidelberg. Haig überlebt nicht nur das Attentat, sondern macht anschließend noch eine bemerkenswerte Karriere: 1981 wird er unter Präsident Ronald Reagan US-Außenminister.
17./18.06.1979, Rhein-Main-Gebiet (Hessen): Die Revolutionären Zellen verüben einen Anschlag auf Fahrzeuge eines deutschen Früchtevertriebsunternehmens. Zwei Lkw werden erheblich beschädigt. Die Täter werfen dem Unternehmen Geschäftsbeziehungen zu israelischen Firmen vor. In ihrem Bekennerschreiben stellen sie den Anschlag in den Zusammenhang des israelisch-palästinensischen Konflikts. Der hessische Verfassungsschutz ordnet die Tat ausdrücklich den Revolutionären Zellen zu. Gerade diese Aktion zeigt einen weiteren ideologischen Schwerpunkt der RZ jener Jahre: ihren radikalen „Antizionismus“, der später auch innerhalb der Organisation wegen antisemitischer Elemente kritisch aufgearbeitet wird. Menschen werden bei diesem Anschlag nach den amtlichen Angaben nicht verletzt.
15.06.1979, Frankfurt am Main (Hessen): In der Frankfurter Innenstadt wird ein geplanter Sprengstoffanschlag der Revolutionären Zellen auf die Niederlassung eines deutschen Automobilunternehmens verhindert. Der Sprengsatz wird entdeckt und rechtzeitig entschärft. Eine „RZ Nicaragua“ bekennt sich anschließend zu dem fehlgeschlagenen Anschlag. Bemerkenswert ist, dass nach Einschätzung des Verfassungsschutzes bei der geplanten Explosion auch die Gefährdung von Menschen in Kauf genommen worden wäre. Genau darüber kommt es anschließend sogar innerhalb des RZ-Spektrums zu Diskussionen. Die Tat zeigt, dass die häufig verwendete Unterscheidung „RAF tötet Menschen, RZ beschädigen nur Sachen“ historisch zu simpel ist. Auch die Revolutionären Zellen hantieren mit Sprengsätzen an Orten, an denen Menschen gefährdet werden können. Der Anschlagsversuch gehört deshalb ohne Verrenkungen in unsere Terrorchronik.
04.06.1979, Frankfurt am Main (Hessen): Auf ein Gebäude der Uran-Gesellschaft wird ein Sprengstoffanschlag verübt. Die Explosion verursacht einen Sachschaden von rund 80.000DM. In einem Bekennerschreiben übernehmen militante Atomkraftgegner die Verantwortung und erklären ausdrücklich, mit ihrer Aktion zur Stilllegung der Atomindustrie beitragen zu wollen. Hintergrund ist unter anderem der Reaktorunfall von Three Mile Island bei Harrisburg im März 1979, der die Anti-Atomkraft-Bewegung weltweit mobilisiert. Der hessische Verfassungsschutz behandelt die Aktion im Zusammenhang mit terroristischer beziehungsweise extremistischer Gewalt. Ziel ist nicht lediglich ein politisches Symbol, sondern ein Unternehmen aus dem Nuklearbereich. Eine sichere Zuordnung zu den Revolutionären Zellen selbst lässt sich aus der amtlichen Quelle nicht ableiten.
15.05.1979, Hanau (Hessen): Das Bürogebäude eines Unternehmens aus der Nuklearbranche wird bei einem Anschlag beschädigt. Zu der Aktion bekennt sich eine Gruppe unter der Bezeichnung „Grüne Zelle“. Der Sachschaden beträgt nach Angaben des hessischen Verfassungsschutzes etwa 5.000DM. Auch dieser Anschlag steht im Kontext der zunehmenden Radikalisierung eines kleinen Teils der Anti-Atomkraft-Bewegung nach dem Unfall von Harrisburg. Die Bezeichnung „Grüne Zelle“ lehnt sich erkennbar an das Konzept der Revolutionären Zellen an, eine organisatorische Identität mit den RZ ist damit aber nicht automatisch bewiesen. Das Ziel ist eindeutig ausgewählt: Angegriffen wird ein Unternehmen aus dem Nuklearbereich, um dessen Tätigkeit politisch zu bekämpfen. Für unsere erweiterte Sabotagechronik ist die Tat deshalb relevant.
18.01.1979, Waldesch bei Koblenz (Rheinland-Pfalz): Rechtsextremisten um Peter Naumann verüben einen Sprengstoffanschlag auf die Leitungen des Senders Koblenz. Ein etwa 10kg schwerer Sprengsatz explodiert während der Ausstrahlung der Dokumentation „Endlösung“, die auf die wenige Tage später beginnende Fernsehserie „Holocaust“ vorbereitet. Die Leitungen zum Sender werden zerstört und das Fernsehprogramm fällt für zahlreiche Zuschauer aus. Etwa 20 Minuten später explodiert ein weiterer Sprengsatz an einer Fernmeldeanlage im nordrhein-westfälischen Nottuln. Ziel der Täter ist es ausdrücklich, die Beschäftigung mit dem Holocaust im deutschen Fernsehen zu verhindern. Erst Jahre später kann der Rechtsterrorist Peter Naumann mit den Anschlägen in Verbindung gebracht werden. Der Verfassungsschutz führt ihn später als dringend verdächtig, diese Taten gemeinsam mit Gesinnungsgenossen begangen zu haben; Naumann wird schließlich wegen terroristischer Aktivitäten verurteilt. Das ist für unsere Reihe ein geradezu prototypischer Fall rechtsterroristischer Infrastruktursabotage.
18.01.1979, Nottuln (Nordrhein-Westfalen): Praktisch gleichzeitig mit dem Anschlag bei Koblenz explodiert ein zweiter Sprengsatz am Longinusturm bei Nottuln. Die dortigen Fernmeldeeinrichtungen der Deutschen Bundespost werden erheblich beschädigt. Auch dieser Anschlag wird Peter Naumann und seinen rechtsextremen Komplizen zugerechnet. Beide Sprengungen sind als koordinierte Aktion geplant und richten sich unmittelbar gegen die Rundfunk- beziehungsweise Fernmeldeinfrastruktur. Das politische Motiv ist eindeutig: Die Täter wollen verhindern, dass sich ein Massenpublikum mit der nationalsozialistischen Judenvernichtung beschäftigt. Der Anschlag in Nottuln selbst verhindert zwar keine Fernsehausstrahlung, die parallele Sabotage bei Koblenz führt jedoch zu erheblichen Empfangsausfällen. Historiker ordnen die beiden Bombenanschläge als frühes Beispiel des westdeutschen Rechtsterrorismus ein.
1979 ist außerdem für die Entwicklung des Rechtsterrorismus wichtig, weil im sogenannten Bückeburger Prozess erstmals §129a StGB gegen eine neonazistische Gruppierung angewendet wird. Die Angeklagten hatten unter anderem Banken und Soldaten überfallen, um Geld und Waffen zu beschaffen, und weitere Anschläge sowie die Befreiung von Rudolf Heß geplant. Das ist für die Vorgeschichte wichtig, aber kein eigener Anschlag des Jahres und bleibt deshalb außerhalb unserer datierten Reihe.
07.03.1978, Köln (Nordrhein-Westfalen): Die Rote Zora verübt Brandanschläge auf mehrere Sexshops. Die Gruppe, die sich aus dem Umfeld der Revolutionären Zellen entwickelt hat, begründet die Aktionen mit ihrer radikal-feministischen Kritik an Pornografie und der Darstellung von Frauen als Sexualobjekte. Die Anschläge richten sich bewusst gegen Sachen und Geschäftsräume, werden aber mit Brandsätzen ausgeführt und gehören damit klar zur politisch motivierten Sabotage. Bemerkenswert ist, dass Teile der damaligen Frauenbewegung durchaus Sympathien für solche Aktionen zeigen. Die Rote Zora entwickelt daraus in den folgenden Jahren eine regelrechte Anschlagsstrategie gegen Unternehmen, medizinische Einrichtungen und später auch Rüstungsbetriebe. 1978 befindet sich diese Entwicklung noch ziemlich am Anfang.
05.02.1978, Bergen (Niedersachsen): Mitglieder der rechtsextremen Wehrsportgruppe Rohwer überfallen den Truppenübungsplatz Bergen und greifen dort niederländische Soldaten an, um Waffen zu erbeuten. Die Gruppe beschränkt sich nicht auf martialische Übungen im Wald, sondern begeht mehrere bewaffnete Überfälle und Anschläge auf deutsche und niederländische Militäreinrichtungen. Waffenbeschaffung dient dabei dem Aufbau einer rechtsterroristischen Struktur. Aus diesem Umfeld entsteht eine Gruppe, gegen deren Mitglieder 1979 im sogenannten Bückeburger Prozess verhandelt wird. Dabei kommt §129a StGB gegen eine neonazistische Gruppierung zur Anwendung. Die Aktivitäten der Gruppe zeigen, dass sich bereits Jahre vor dem Oktoberfestattentat bewaffnete rechtsextreme Zellen in der Bundesrepublik formieren.
25.07.1978, Celle (Niedersachsen): Um 2:54 Uhr explodiert an der Außenmauer der Justizvollzugsanstalt Celle ein Sprengsatz und reißt ein rund 40cm großes Loch in die Mauer. Zunächst sieht alles nach einem terroristischen Befreiungsversuch für den inhaftierten Sigurd Debus aus dem RAF-Umfeld aus. Tatsächlich steckt jedoch der niedersächsische Verfassungsschutz hinter der Explosion. Die unter dem Namen „Aktion Feuerzauber“ geführte Geheimoperation soll einen RAF-Anschlag vortäuschen und letztlich die Einschleusung eines Informanten in das terroristische Milieu ermöglichen. Zur Inszenierung gehört sogar ein präpariertes Fluchtauto mit Waffen, Munition und gefälschten Papieren. Polizei, Öffentlichkeit und Teile der Strafverfolgungsbehörden werden über die wahren Hintergründe getäuscht. Erst Jahre später fliegt die Geschichte auf und beschäftigt schließlich einen Untersuchungsausschuss des Niedersächsischen Landtags. Es ist also kein Terroranschlag im eigentlichen Sinne, sondern eine staatlich inszenierte Sprengstoff-Sabotage unter falscher Flagge. Für eine Chronik über Terror und Sabotage ist das „Celler Loch“ viel zu außergewöhnlich, um es einfach unter den Teppich der Staatsräson zu kehren.
30.08.1978, Rom (Italien): Die deutschen Rechtsextremisten Peter Naumann und Heinz Lembke verüben einen Sprengstoffanschlag auf die Gedenkstätte der Fosse Ardeatine südlich von Rom. Dort wird an 335 italienische Zivilisten erinnert, die deutsche SS- und Polizeikräfte am 24.03.1944 als Vergeltungsmaßnahme ermordet hatten. Eine Bombe explodiert an der Gedenkanlage und beschädigt den Erinnerungsort. Naumann ist zu dieser Zeit Funktionär im Umfeld der NPD und ihrer Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten und entwickelt sich zu einem der wichtigsten Sprengstoffexperten der westdeutschen Neonazi-Szene. Auch Heinz Lembke ist kein unbeschriebenes Blatt: 1981 werden in der Lüneburger Heide 33 von ihm angelegte unterirdische Depots mit Waffen, Munition und Sprengstoff entdeckt. Die Forschung bringt beide Männer mit dem Anschlag von Rom in Verbindung; bei Naumann gilt die Beteiligung als besonders gut belegt.
Bei der RAF selbst gibt es 1978 keinen vergleichbaren großen Anschlag in Deutschland. Der Verfassungsschutzbericht nennt stattdessen erhebliche personelle Verluste durch Festnahmen und den Tod Willy-Peter Stolls sowie die Entdeckung konspirativer Wohnungen. Die Organisation ist nach 1977 mit Neuaufbau und Reorganisation beschäftigt; die nächste große Anschlagsphase beginnt erst wieder 1979 mit dem Attentat auf Alexander Haig und setzt sich 1981 mit Ramstein und General Kroesen fort.
19.10.1977, Mülhausen/Mulhouse (Frankreich): Nach 43 Tagen endet die Entführung von Hanns Martin Schleyer mit seiner Ermordung. Nachdem die GSG9 die Geiseln der „Landshut“ in Mogadischu befreit hat und Baader, Ensslin und Raspe in Stammheim tot aufgefunden worden sind, erschießen die Entführer Schleyer. Seine Leiche wird am 19.10. im Kofferraum eines Audi 100 in Mülhausen gefunden. Nach den damaligen Obduktionsergebnissen war Schleyer bereits am 18.10. von hinten erschossen worden. Wer innerhalb des RAF-Kommandos die tödlichen Schüsse abgab, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Die Ermordung bildet den blutigen Schlusspunkt des „Deutschen Herbstes“.
13.10.1977, Palma de Mallorca/Frankfurt/Mogadischu: Vier palästinensische Terroristen kapern auf dem Flug von Palma de Mallorca nach Frankfurt die Lufthansa-Boeing 737 „Landshut“ mit 86 Passagieren und fünf Besatzungsmitgliedern. Die Aktion erfolgt zur Unterstützung der RAF und soll die Freilassung von elf inhaftierten RAF-Mitgliedern erzwingen. Es beginnt eine mehrtägige Odyssee über Rom, Zypern, Dubai und Aden bis nach Mogadischu. In Aden erschießen die Terroristen Flugkapitän Jürgen Schumann. In der Nacht zum 18.10. stürmt die GSG9 das Flugzeug in Mogadischu und befreit die Geiseln; drei der vier Entführer werden getötet. Die Aktion ist internationaler palästinensischer Terrorismus, steht aber unmittelbar im Zusammenhang mit der deutschen RAF-Offensive von 1977.
05.09.1977, Köln (Nordrhein-Westfalen): Das RAF-Kommando „Siegfried Hausner“ überfällt den Wagenkonvoi des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Sein Fahrer Heinz Marcisz und die drei Polizeibeamten Reinhold Brändle, Helmut Ulmer und Roland Pieler werden erschossen. Schleyer wird entführt und zunächst in einer konspirativen Wohnung in Erftstadt festgehalten. Die RAF fordert im Austausch für ihn die Freilassung von elf inhaftierten Terroristen. Eine bemerkenswerte Fahndungspanne verhindert möglicherweise seine frühe Befreiung: Ein Polizist stößt auf einen Hinweis zum tatsächlichen Versteck, doch dieser wird nicht konsequent überprüft. Später bringen die Entführer Schleyer über die Niederlande nach Belgien. Mit dem Überfall beginnt der eigentliche „Deutsche Herbst“, die schwerste innenpolitische Terrorismuskrise der alten Bundesrepublik.
25.08.1977, Karlsruhe (Baden-Württemberg): Die RAF versucht, die Bundesanwaltschaft mit einem selbstgebauten Mehrfachraketenwerfer anzugreifen. Terroristen überwältigen ein Ehepaar und installieren am Fenster seiner Wohnung eine Konstruktion aus mehreren Rohren, die auf das Gebäude der Bundesanwaltschaft ausgerichtet ist. Die Raketen sollen zeitgesteuert abgefeuert werden. Der Mechanismus versagt jedoch, sodass es weder Tote noch Verletzte gibt. Die Konstruktion wird entdeckt und entschärft. Die RAF bezeichnet die Aktion anschließend als „Warnung“ im Zusammenhang mit der Situation ihrer inhaftierten Mitglieder. Wäre die improvisierte „Stalinorgel“ wie geplant losgegangen, hätten mehrere ungelenkte Geschosse ein Behördengebäude mitten in Karlsruhe getroffen.
30.07.1977, Oberursel (Hessen): Drei RAF-Mitglieder verschaffen sich Zugang zum Privathaus des Vorstandssprechers der Dresdner Bank, Jürgen Ponto. Entscheidend ist Susanne Albrecht, eine Tochter von Freunden der Familie Ponto, der man deshalb arglos die Tür öffnet. Ursprünglich soll Ponto entführt werden, um RAF-Gefangene freizupressen. Als er sich widersetzt, eskaliert die Situation. Ponto wird mehrfach angeschossen und stirbt wenig später im Krankenhaus. An der Aktion sind neben Albrecht Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt beteiligt. Der Mord zeigt besonders drastisch die Strategie der RAF: Führende Repräsentanten von Staat und Wirtschaft werden persönlich zu Angriffszielen erklärt.
07.04.1977, Karlsruhe (Baden-Württemberg): Generalbundesanwalt Siegfried Buback wird auf dem Weg zur Bundesanwaltschaft an einer Ampel erschossen. Neben ihm sterben sein Fahrer Wolfgang Göbel und der Justizbeamte Georg Wurster, der zunächst schwer verletzt wird und einige Tage später seinen Verletzungen erliegt. Die Täter nähern sich auf einem Motorrad dem Dienstwagen und eröffnen mit einer automatischen Waffe das Feuer. Die RAF bekennt sich als „Kommando Ulrike Meinhof“ zu dem Anschlag. Buback ist als Generalbundesanwalt unmittelbar für die Strafverfolgung der RAF zuständig und wird deshalb zum Symbolziel der Organisation. Mit dem Dreifachmord beginnt die von der RAF als „Offensive 77“ bezeichnete Anschlagsserie. Sie führt über Ponto und den gescheiterten Raketenangriff bis zur Schleyer-Entführung und schließlich zur „Landshut“.
18.12.1976, Bad Hersfeld (Hessen): Die Revolutionären Zellen verüben einen Brandanschlag auf eine militärische Einrichtung. Die Tat gehört zu der zunehmenden Kampagne der RZ gegen Bundeswehr, NATO und amerikanische Militärpräsenz in der Bundesrepublik. Anders als die RAF setzen die Revolutionären Zellen auf zahlreiche kleinere, dezentral organisierte Anschläge und vermeiden den dauerhaften Untergrund. Dadurch können einzelne Zellen weitgehend unabhängig voneinander operieren. Brand- und Sprengstoffanschläge auf militärische oder wirtschaftliche Infrastruktur werden zu ihrem Markenzeichen. Menschen kommen bei dem Anschlag in Bad Hersfeld nicht ums Leben. Der Fall ist für unsere Chronik dennoch relevant, weil hier unmittelbar militärische Infrastruktur Ziel politisch motivierter Sabotage wird.
13.12.1976, Hanau (Hessen): An einer Polizeidienststelle in Hanau explodiert ein Sprengsatz. Menschen werden nach den verfügbaren Chronologien nicht verletzt. Eine belastbare Zuordnung zu RAF oder Revolutionären Zellen lässt sich nicht herstellen. Die Tat wird jedoch als terroristischer Sprengstoffanschlag des Jahres 1976 erfasst. Das Ziel, eine Polizeieinrichtung, passt in das damalige Spektrum politisch motivierter Angriffe auf staatliche Institutionen. Gerade bei den 1970er Jahren stößt man immer wieder auf solche Fälle, bei denen der Anschlag dokumentiert ist, die Täterschaft aber historisch im Nebel geblieben ist.
01.12.1976, Frankfurt am Main (Hessen): Bei einem Sprengstoffanschlag der Revolutionären Zellen auf ein Lokal werden 18 Menschen verletzt. Damit gehört die Tat zu den schwereren Anschlägen der RZ in diesem Jahr und widerlegt nebenbei die gelegentlich allzu gemütliche Vorstellung, die Revolutionären Zellen hätten grundsätzlich nur Sachschäden verursachen wollen. Die Gruppe arbeitet mit echten Spreng- und Brandsätzen und nimmt dabei immer wieder erhebliche Gefahren für Menschen in Kauf. Die RZ verbinden ihre Aktionen mit antiimperialistischen und internationalistischen politischen Zielen. Gleichzeitig bleiben ihre Strukturen bewusst dezentral. Diese Organisationsform erschwert den Sicherheitsbehörden die Zerschlagung erheblich.
27.06.1976, Athen/Entebbe (Griechenland/Uganda): Zwei deutsche Mitglieder der Revolutionären Zellen, Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann, beteiligen sich gemeinsam mit palästinensischen Terroristen an der Entführung von Air-France-Flug 139. Die Maschine ist mit 248 Passagieren auf dem Weg von Tel Aviv über Athen nach Paris und wird nach Entebbe in Uganda umgeleitet. Dort werden die israelischen und jüdischen Geiseln von den übrigen Passagieren getrennt, was gerade bei der Beteiligung zweier deutscher Terroristen eine besonders verstörende historische Dimension erhält. Die Entführer verlangen die Freilassung zahlreicher inhaftierter Terroristen. Am 04.07. stürmen israelische Spezialkräfte den Flughafen und befreien 102 Geiseln. Böse und Kuhlmann werden ebenso wie die übrigen anwesenden Geiselnehmer getötet. Obwohl die Tat nicht in Deutschland stattfindet, gehört sie nach unserer inzwischen etablierten „Haig-Regel“ in die Chronik, weil deutsche Terroristen der Revolutionären Zellen maßgeblich beteiligt sind.
01.06.1976, Frankfurt am Main (Hessen): Bei einem Sprengstoffanschlag auf das ehemalige I.G.-Farben-Gebäude werden 16 Menschen verletzt. Das Gebäude wird zu dieser Zeit von den amerikanischen Streitkräften genutzt und ist damit ein symbolträchtiges Ziel für militante antiamerikanische Gruppen. Die Tat wird der RAF zugerechnet. Der Anschlag steht im Zusammenhang mit der Ausrichtung des westdeutschen Linksterrorismus gegen die US-Militärpräsenz und vermeintliche Strukturen des „US-Imperialismus“. Dass dabei 16 Menschen verletzt werden, zeigt erneut, dass die Auswahl eines Gebäudes als vermeintliches „Sachziel“ keineswegs bedeutet, dass Menschen nicht gefährdet werden. Das I.G.-Farben-Haus ist zudem aufgrund seiner Vergangenheit und seiner späteren Nutzung durch die US-Armee ideologisch besonders aufgeladen.
Mai 1976, München (Bayern): Der 19-jährige Bundeswehrgefreite Dieter Epplen versucht, einen Sprengstoffanschlag auf den US-Soldatensender American Forces Network (AFN) zu verüben. Epplen ist Anhänger der rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann. Mit einer selbstgebauten Bombe klettert er über eine Mauer am Englischen Garten, um zum Sendergelände zu gelangen. Dabei explodiert der Sprengsatz vorzeitig und verletzt ihn selbst schwer. Das eigentliche Anschlagsziel wird deshalb nicht getroffen. Die bpb führt den Fall ausdrücklich in der Geschichte des deutschen Rechtsterrorismus und stellt den Zusammenhang zur Wehrsportgruppe Hoffmann her. Vier Jahre später wird ein weiterer Mann aus deren Umfeld, Gundolf Köhler, das Oktoberfestattentat verüben.
07.02.1976, Frankfurt am Main (Hessen): Der jugoslawische Vizekonsul Edvin Zdovc wird von kroatischen Nationalisten erschossen. Der Täter beziehungsweise die Täter setzen eine automatische Schusswaffe ein. Der Anschlag gehört zu einer Serie gewaltsamer Auseinandersetzungen zwischen dem sozialistischen Jugoslawien und militanten kroatischen Exilorganisationen, die auch auf bundesdeutschem Boden ausgetragen werden. Deutschland dient damals mehreren jugoslawischen Exilgruppen als Rückzugs- und Operationsraum. Gleichzeitig operiert der jugoslawische Geheimdienst gegen Exilkroaten in der Bundesrepublik, sodass sich hier über Jahre ein regelrechter Schattenkrieg entwickelt. Der Mord an einem diplomatischen Vertreter ist eindeutig politisch motiviert und wird in Terrorchronologien entsprechend geführt.
1976 hat damit eine bemerkenswerte Bandbreite: kroatischer Exilterrorismus, RAF, Revolutionäre Zellen, internationaler Terrorismus mit deutscher Beteiligung und bereits ein rechtsterroristischer Bombenanschlag aus dem Umfeld der Wehrsportgruppe Hoffmann. Und das sind nur die Fälle, die sich für unsere Chronik mit ausreichend konkreten Daten herausziehen lassen. Der damalige Verfassungsschutz kommt allein beim deutschen Linksterrorismus auf 30 Terrorakte. Wir sehen also zunehmend, dass die RAF nur der bekannteste Teil eines erheblich größeren terroristischen Spektrums war.
13.09.1975, Hamburg (Hamburg): Im Hamburger Hauptbahnhof explodiert gegen 16:30 Uhr eine Bombe in einem Gepäckschließfach. Elf Menschen werden verletzt, mehrere davon schwer. Der Sprengsatz ist mit Metallteilen versehen, die bei der Explosion als Splitter wirken. Ein anonymer Anrufer bringt die Tat zunächst mit der linksterroristischen „Bewegung 2. Juni“ in Verbindung. Die Organisation selbst distanziert sich jedoch ebenso wie die Revolutionären Zellen von dem Anschlag. Ermittler verfolgen später Spuren zu einer kleinen linksextremistischen Gruppe aus Bremen und zu einem Mann, der der „Bewegung 2. Juni“ nahesteht. Eine gerichtsfeste Aufklärung gelingt allerdings nie. Der Fall bleibt damit ein terroristischer Bombenanschlag mit mutmaßlich linksextremistischem Hintergrund, aber ohne abschließend festgestellte Täterschaft.
20.08.1975, Berlin (West): Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Heinz Galinski, erhält eine Paketbombe. Beim Öffnen beziehungsweise bei der Untersuchung der Sendung explodiert der Sprengsatz und verletzt einen Mitarbeiter. Galinski selbst bleibt unverletzt. Das Ziel ist unmissverständlich: Mit Galinski wird einer der prominentesten Vertreter jüdischen Lebens in der Bundesrepublik und West-Berlin angegriffen. Galinski hatte Auschwitz überlebt und engagierte sich öffentlich gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus. Die Täterschaft wird nicht abschließend geklärt. Gerade deshalb sollte man den Anschlag nicht nachträglich einer bestimmten Organisation zuschreiben. Der gezielte Versand einer Paketbombe an den Vorsitzenden einer jüdischen Gemeinde gehört aber unabhängig von der ungeklärten Urheberschaft eindeutig in unsere Terrorchronik.
24.04.1975, Stockholm (Schweden): Sechs RAF-Terroristen des „Kommandos Holger Meins“ überfallen die deutsche Botschaft, nehmen zwölf Menschen als Geiseln und verlangen die Freilassung von 26 in Deutschland inhaftierten Terroristen. Als die schwedische Polizei das Gebäude nicht wie verlangt räumt, erschießen die Täter den deutschen Militärattaché Andreas von Mirbach. Später ermorden sie auch den Wirtschaftsreferenten Heinz Hillegaart. Bundeskanzler Helmut Schmidt lehnt die Freilassung der Gefangenen ab. Kurz vor Mitternacht explodiert der von den Terroristen im Botschaftsgebäude verteilte Sprengstoff vermutlich unbeabsichtigt und setzt Teile des Gebäudes in Brand. Der RAF-Terrorist Ulrich Wessel stirbt unmittelbar, Siegfried Hausner später an seinen schweren Verletzungen; die übrigen Täter werden festgenommen. Die Aktion ist von der erfolgreichen Lorenz-Entführung wenige Wochen zuvor inspiriert, nur dass die Bundesregierung diesmal nicht nachgibt. Stockholm wird damit zum ersten großen Gewaltakt der sich formierenden zweiten RAF-Generation.
27.02.1975, Berlin-Zehlendorf (West-Berlin): Drei Tage vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus entführt die „Bewegung 2. Juni“ den CDU-Landesvorsitzenden und Spitzenkandidaten Peter Lorenz. Sein Wagen wird blockiert, der Fahrer niedergeschlagen und Lorenz in ein vorbereitetes Versteck gebracht. Dort halten ihn die Terroristen fünfeinhalb Tage in einem ausgebauten Keller gefangen. Sie verlangen die Freilassung von sechs inhaftierten Gesinnungsgenossen; Horst Mahler lehnt seine eigene Freilassung allerdings ab. Fünf Gefangene, darunter Verena Becker, Gabriele Kröcher-Tiedemann und Rolf Pohle, werden schließlich in Begleitung des früheren Regierenden Bürgermeisters Heinrich Albertz in den Südjemen ausgeflogen. Am 04.03. lassen die Entführer Lorenz frei. Damit gelingt einer deutschen Terrororganisation tatsächlich die Freipressung inhaftierter Terroristen, eine Erfahrung, die die späteren RAF-Geiselnahmen entscheidend beeinflusst. Bei Stockholm 1975 und Schleyer 1977 versucht die RAF, diesen Erfolg zu wiederholen.
27.02.1975, Berlin (Berlin): Die „Bewegung 2. Juni“ entführt den Berliner CDU-Politiker Peter Lorenz und hält ihn mehrere Tage gefangen. Der Staat erfüllt einen Teil der Forderungen der Terroristen und lässt fünf inhaftierte Extremisten ausfliegen; Lorenz kommt anschließend frei.
1975 beginnen außerdem die Revolutionären Zellen und die spätere Rote Zora, ihre Anschlagstätigkeit auszubauen. Besonders interessant ist ein Bombenanschlag einer Frauengruppe der RZ auf das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Aus diesem ausschließlich weiblichen Teil der RZ entwickelt sich wenig später die „Rote Zora“. Damit sind für 1975 vor allem vier datierbare Komplexe wichtig: Lorenz-Entführung, Stockholm, Paketbombe gegen Galinski und die Bombe im Hamburger Hauptbahnhof. Stockholm liegt zwar wieder im Ausland, ist aber als RAF-Anschlag gegen eine deutsche Botschaft mindestens so eindeutig ein Fall für unsere erweiterte Chronik wie Haig 1979.
10.11.1974, Berlin-West: Mitglieder der linksterroristischen „Bewegung 2. Juni“ dringen am Abend in die Wohnung des Berliner Kammergerichtspräsidenten Günter von Drenkmann ein. Als Blumenboten getarnt verschaffen sie sich Zugang. Ursprünglich soll von Drenkmann entführt werden, doch es kommt zu einem Handgemenge, bei dem auf den Richter geschossen wird. Der 64-Jährige erliegt wenig später seinen Verletzungen. Die Gruppe bekennt sich zur Tat und stellt sie ausdrücklich in Zusammenhang mit dem Tod des RAF-Mitglieds Holger Meins, der einen Tag zuvor nach einem Hungerstreik in der JVA Wittlich gestorben war. Von Drenkmann ist als Präsident des Kammergerichts der ranghöchste Richter West-Berlins und damit bewusst als Repräsentant des Staates ausgewählt worden. Die Tat wird zum unmittelbaren Vorläufer der Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz im Februar 1975. Das Berliner Kammergericht bezeichnet die Ermordung heute ausdrücklich als terroristische Tat der Bewegung 2. Juni.
September 1974, Frankfurt am Main (Hessen): Die Revolutionären Zellen verüben einen Anschlag auf ein Büro der israelischen Fluggesellschaft El Al. Die Gruppe begründet die Aktion mit ihrer Unterstützung für die Palästinenser und richtet sich ausdrücklich gegen Israel. Die RZ verbinden in dieser frühen Phase antiimperialistische Vorstellungen mit einer zunehmend radikalen antiisraelischen Ideologie. Der Anschlag gehört zu einer ganzen Reihe von Aktionen gegen Einrichtungen, die von den Terroristen mit Israel oder dem „Zionismus“ in Verbindung gebracht werden. Eine solche ideologische Linie führt Mitglieder der Revolutionären Zellen zwei Jahre später bis zur Beteiligung an der Entführung des Air-France-Fluges nach Entebbe, bei der jüdische und israelische Passagiere von den übrigen Geiseln getrennt werden. Für den Frankfurter Anschlag lässt sich allerdings bislang nur September 1974, nicht ein belastbarer exakter Tag feststellen.
September 1974, Mannheim (Baden-Württemberg): Die Revolutionären Zellen verüben einen Anschlag auf die Maschinenfabrik Korf. In ihrer eigenen Anschlagschronik begründet die Gruppe die Auswahl des Unternehmens mit dessen angeblicher Verbindung zu „Zionisten“. Auch dieser Anschlag gehört damit zum stark antiisraelisch geprägten Teil der frühen RZ-Aktivitäten. Die Revolutionären Zellen sind zu diesem Zeitpunkt noch eine sehr junge Terrororganisation: Ihre ersten Anschläge hatten sie erst im November 1973 auf Einrichtungen des amerikanischen ITT-Konzerns in West-Berlin und Nürnberg verübt. Ihr Konzept unterscheidet sich später grundlegend von der RAF. Die Mitglieder sollen möglichst nicht dauerhaft untertauchen, sondern aus einem normalen gesellschaftlichen Leben heraus Anschläge vorbereiten und anschließend wieder in den Alltag zurückkehren. Für Mannheim ist in den verfügbaren Chroniken ebenfalls nur September 1974 zuverlässig feststellbar.
4.06.1974, Berlin-West: Die Revolutionären Zellen verüben während der Fußball-Weltmeisterschaft einen Anschlag auf das chilenische Generalkonsulat. Das Gebäude steht wegen der WM unter verstärkter Bewachung. Hintergrund ist der Militärputsch vom September 1973, bei dem Augusto Pinochet die sozialistische Regierung Salvador Allendes gestürzt hatte. Die Revolutionären Zellen betrachten die chilenische Militärdiktatur und deren diplomatische Einrichtungen als legitime Angriffsziele. Bereits ihre ersten Bombenanschläge im November 1973 auf ITT in West-Berlin und Nürnberg hatten sie mit der angeblichen Beteiligung des amerikanischen Konzerns am Putsch in Chile begründet. Der Anschlag auf das Konsulat setzt diese Kampagne unmittelbar fort. Bemerkenswert ist dabei die Auswahl eines diplomatischen Ziels während eines internationalen Großereignisses, also zu einem Zeitpunkt besonders hoher öffentlicher Aufmerksamkeit.
01.05.1974, Berlin-West: Eine Revolutionäre Zelle verübt einen Brandanschlag auf das Auto von Peter Sötje. Die Terroristen machen ihn für den Abriss des selbstverwalteten Jugendzentrums „Putte“ mitverantwortlich. Der Fall wirkt neben den späteren RAF-Morden beinahe klein, zeigt aber ziemlich gut die Strategie der Revolutionären Zellen. Sie wollen ihre Anschläge unmittelbar an lokale politische und soziale Konflikte anbinden. Statt ausschließlich prominente Repräsentanten des Staates anzugreifen, werden Personen, Unternehmen und Einrichtungen ausgesucht, denen die Täter konkrete Verantwortung für politische Entscheidungen zuschreiben. Brandstiftung wird dabei bewusst als politisches Kampfmittel eingesetzt. Genau daraus entwickelt sich in den folgenden Jahren eine lange Serie von Anschlägen auf Firmen, Behörden, militärische Einrichtungen und Infrastruktur.
1974 ist außerdem der 09.11.1974 in Wittlich wichtig, aber nicht als Anschlag: RAF-Mitglied Holger Meins stirbt nach einem wochenlangen Hungerstreik in der JVA. Sein Tod löst Demonstrationen, Brandanschläge und Gewalttaten aus und wird im terroristischen Milieu massiv zur Mobilisierung genutzt. Schon am folgenden Tag ermordet die Bewegung 2. Juni Günter von Drenkmann. Der Tod von Meins trägt außerdem wesentlich zur Radikalisierung jener Personen bei, aus denen sich die zweite RAF-Generation formiert.
17./18.11.1973, Nürnberg (Bayern): In der Nacht explodiert an der Außenwand eines Gebäudes der Standard Elektrik Lorenz AG (SEL), einer Tochtergesellschaft des US-Konzerns International Telephone & Telegraph (ITT), ein Sprengsatz. Wenig später geht bei der Deutschen Presse-Agentur ein Bekennerschreiben der bis dahin öffentlich unbekannten „Revolutionären Zelle“ ein. Gemeinsam mit dem nahezu zeitgleichen Anschlag in West-Berlin handelt es sich um die ersten Anschläge der später als Revolutionäre Zellen bekannten Terrororganisation. Als Begründung nennen die Täter die Rolle von ITT in Chile und dessen Unterstützung von Kräften, die gegen die Regierung Salvador Allendes gearbeitet hatten. Der Militärputsch unter Augusto Pinochet liegt zu diesem Zeitpunkt gerade einmal zwei Monate zurück. Die Täter verstehen ihre Bombenanschläge ausdrücklich als Teil eines internationalen „antiimperialistischen Kampfes“. Menschen werden bei der Nürnberger Explosion nicht getötet. Mit diesem Anschlag beginnt jedoch eine terroristische Serie, die sich über die folgenden Jahrzehnte mit Brand- und Sprengstoffanschlägen gegen Unternehmen, Behörden, Militär und Infrastruktur fortsetzt.
16./17.11.1973, West-Berlin: In der Nacht explodiert in einer Niederlassung des US-Konzerns ITT ein Sprengsatz. Als Feuerwehr und Rettungskräfte eintreffen, geht zusätzlich ein Brandsatz auf dem Parkplatz des Unternehmens hoch und beschädigt ein Fahrzeug schwer. Die Aktion ist mit dem Anschlag auf die ITT-Tochter SEL in Nürnberg abgestimmt. Im Bekennerschreiben erklären die Revolutionären Zellen, ITT wegen dessen Rolle beim Sturz des chilenischen Präsidenten Salvador Allende angegriffen zu haben. Bemerkenswert ist die von Anfang an dezentrale Strategie der Gruppe: Anders als RAF-Mitglieder sollen die Aktivisten möglichst nicht dauerhaft in den Untergrund gehen, sondern aus einem normalen gesellschaftlichen Leben heraus Anschläge vorbereiten. Dieses Konzept macht die Revolutionären Zellen für die Sicherheitsbehörden später ausgesprochen schwer greifbar. Berlin und Nürnberg markieren damit die Geburtsstunde einer der langlebigsten linksterroristischen Strukturen der Bundesrepublik.
Mehr belastbare, exakt datierbare Anschläge gab es nicht. Die große RAF-Anschlagsserie war im Mai 1972 beendet worden; Baader, Ensslin, Meinhof, Raspe und weitere zentrale Mitglieder waren festgenommen. 1973 konzentriert sich die RAF vor allem auf den Kampf um die Haftbedingungen. Vom 17.01. bis 16.02.1973 treten rund 40 RAF-Gefangene in einen kollektiven Hungerstreik. Das ist für die Entwicklung der Organisation wichtig, aber eben kein Terror- oder Sabotageakt und bleibt deshalb draußen. Damit ist 1973 vor allem das Gründungsjahr der Anschlagstätigkeit der Revolutionären Zellen. Zwei Anschläge, aber historisch ziemlich folgenreich. Die RZ und später die Rote Zora werden uns auf dem weiteren Weg rückwärts beziehungsweise in den bereits behandelten späteren Jahren noch reichlich Sprengstoff liefern. Menschliche Geschichte wäre schließlich zu übersichtlich, wenn nach der Schwächung einer Terrororganisation nicht gleich die nächste auftauchte.
05.09.1972, München: Palästinensische Terroristen überfallen israelische Olympiamannschaft: Am frühen Morgen des 05.09.1972 drangen acht Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September“ in das Quartier der israelischen Mannschaft im Olympischen Dorf in München ein. Zwei Mitglieder der israelischen Delegation wurden bereits dort getötet, neun weitere als Geiseln genommen. Die Terroristen forderten die Freilassung palästinensischer Gefangener in Israel sowie weiterer Inhaftierter in Deutschland. Nach stundenlangen Verhandlungen wurden die Geiselnehmer und ihre Gefangenen in der Nacht zum Militärflugplatz Fürstenfeldbruck gebracht. Dort versuchte die deutsche Polizei eine Befreiungsaktion, die katastrophal scheiterte. In der folgenden Schießerei wurden alle neun israelischen Geiseln getötet. Zudem starben fünf Terroristen und ein deutscher Polizist. Insgesamt kamen bei dem Anschlag elf Mitglieder der israelischen Olympiamannschaft ums Leben. Das Olympia-Attentat gilt als einer der schwersten Terroranschläge in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Ereignisse führten später auch zur Gründung der Spezialeinheit GSG 9, weil die Polizei in München erschreckend unzureichend auf eine solche Geisellage vorbereitet gewesen war.
24.05.1972, Heidelberg (Baden-Württemberg): Die RAF verübt einen schweren Bombenanschlag auf das Europa-Hauptquartier der US-Armee. Zwei Autobomben explodieren auf dem Gelände der Campbell Barracks. Die US-Soldaten Clyde R. Bonner, Ronald A. Woodward und Charles Peck werden getötet, fünf weitere Menschen verletzt. Die RAF übernimmt als „Kommando 15. Juli“ die Verantwortung. Hintergrund ist insbesondere der Vietnamkrieg, den die RAF zur Rechtfertigung ihrer Angriffe auf amerikanische Militäreinrichtungen heranzieht. Der Anschlag ist der tödlichste Teil der RAF-„Mai-Offensive“. Er zeigt zugleich, dass die Gruppe nun endgültig von Banküberfällen, Waffenbeschaffung und Schießereien zur systematischen terroristischen Bombenkampagne übergegangen ist.
19.05.1972, Hamburg (Hamburg): Im Verlagshaus der Axel Springer AG explodieren zwei von insgesamt fünf deponierten Bomben. Drei weitere Sprengsätze detonieren nicht beziehungsweise werden später gefunden und entschärft. 17 Menschen werden verletzt. Die RAF hatte den Springer-Konzern seit Jahren als politischen Gegner betrachtet und dessen Berichterstattung insbesondere nach dem Tod Benno Ohnesorgs und dem Attentat auf Rudi Dutschke angegriffen. Nun wird aus dieser Feindschaft ein Bombenanschlag auf ein Gebäude voller Beschäftigter. Die RAF bekennt sich als „Kommando 2. Juni“ zu der Tat. Der Anschlag ist deshalb auch ein Angriff auf ein Medienunternehmen und dessen Infrastruktur, wobei die Täter schwere Verletzungen von Mitarbeitern bewusst in Kauf nehmen.
15.05.1972, Karlsruhe (Baden-Württemberg): Die RAF versucht, den Bundesrichter Wolfgang Buddenberg mit einer Autobombe zu töten. Buddenberg ist als Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof mit Verfahren gegen die RAF befasst. Der Sprengsatz wird unter beziehungsweise am Fahrzeug des Richters angebracht und soll beim Starten des Wagens explodieren. Ausgerechnet an diesem Tag geht Buddenberg jedoch zu Fuß zur Arbeit. Stattdessen benutzt seine Ehefrau Gerta den Wagen und wird durch die Explosion schwer verletzt. Die RAF übernimmt als „Kommando Manfred Grashof“ die Verantwortung. Anders als bei den Angriffen auf Gebäude handelt es sich hier eindeutig um ein gezieltes Attentat auf eine konkrete Person aus der Justiz.
12.05.1972, München (Bayern): Auf dem Gelände des Bayerischen Landeskriminalamts explodiert eine mit Sprengstoff beladene Autobombe. Zahlreiche Fahrzeuge werden zerstört beziehungsweise beschädigt; zeitgenössische Berichte sprechen von rund 60 Autos. Der Anschlag erfolgt am selben Tag wie die Bombenattacke auf die Polizeidirektion Augsburg. Beide Aktionen gehören zur RAF-„Mai-Offensive“ und richten sich gezielt gegen Polizeibehörden. Die RAF versteht die Sicherheitsbehörden als unmittelbare Gegner in ihrem sogenannten bewaffneten Kampf. Dass der Anschlag auf einem LKA-Gelände stattfindet, macht ihn zugleich zu einem frühen Beispiel terroristischer Sabotage staatlicher Sicherheitsinfrastruktur.
12.05.1972, Augsburg (Bayern): In der Polizeidirektion Augsburg explodieren zwei Sprengsätze. Mehrere Polizeibeamte werden verletzt. Die RAF bekennt sich gemeinsam mit dem Münchner Anschlag als „Kommando Thomas Weisbecker“ zu den Taten. Weisbecker war am 02.03.1972 in Augsburg bei einem Festnahmeversuch von der Polizei erschossen worden. Die Anschläge sind damit nicht nur Teil der allgemeinen politischen Strategie der RAF, sondern ausdrücklich auch als Vergeltungsaktion angelegt. Augsburg und München folgen nur einen Tag nach dem tödlichen Anschlag auf das US-Hauptquartier in Frankfurt. Innerhalb von rund 24 Stunden demonstriert die RAF damit, dass sie mehrere vorbereitete Bombenanschläge in verschiedenen Städten auslösen kann.
11.05.1972, Frankfurt am Main (Hessen): Drei Sprengsätze explodieren im Hauptquartier des V. US-Korps. Der amerikanische Oberleutnant Paul A. Bloomquist wird durch einen umherfliegenden Metallsplitter tödlich am Hals getroffen, 13 weitere Menschen werden verletzt. Die RAF übernimmt als „Kommando Petra Schelm“ die Verantwortung und begründet den Angriff insbesondere mit dem amerikanischen Krieg in Vietnam. Mit dem Frankfurter Anschlag beginnt die sogenannte „Mai-Offensive“. Anders als bei vielen vorherigen Aktionen ist das Ziel nun eindeutig politisch und militärisch ausgewählt: eine zentrale Einrichtung der amerikanischen Streitkräfte in Deutschland. Nur 13 Tage später greift die RAF in Heidelberg erneut die US-Armee an, diesmal mit drei Todesopfern.
05.05.1972, Berlin-West: Die Bewegung 2. Juni verübt einen Brandanschlag auf die Juristische Fakultät der Freien Universität Berlin. Die Terroristen begründen die Aktion unter anderem damit, dass Ermittlungsverfahren gegen Polizeibeamte eingestellt worden seien, die bei Festnahmen Mitglieder beziehungsweise Personen aus dem terroristischen und militanten Umfeld erschossen hatten. Die Gruppe ist erst wenige Monate zuvor aus verschiedenen militanten West-Berliner Strukturen hervorgegangen. Ihr Name erinnert an den Tod Benno Ohnesorgs am 02.06.1967. Der Brandanschlag zeigt bereits die Strategie, staatliche und gesellschaftliche Einrichtungen unmittelbar für konkrete politische Entscheidungen „bestrafen“ zu wollen. Menschen kommen bei der Aktion nicht ums Leben.
03.03.1972, Berlin-West: Einen Tag nach der Erschießung Thomas Weisbeckers bei einem Festnahmeversuch in Augsburg verübt die Bewegung 2. Juni einen Sprengstoffanschlag auf das Berliner Landeskriminalamt. In einem anschließend veröffentlichten Flugblatt stellt die Gruppe die Tat ausdrücklich in Zusammenhang mit Weisbecker sowie den zuvor bei Polizeieinsätzen getöteten Petra Schelm und Georg von Rauch. Das Ziel ist bewusst eine zentrale Polizeibehörde. Damit haben wir einen klassischen terroristischen Vergeltungsanschlag gegen staatliche Sicherheitsstrukturen. Zugleich zeigt sich eine auffällige Parallelität zur RAF: Nur zwei Monate später greift diese mit Bomben die Polizeidirektion Augsburg und das Bayerische LKA in München an.
07.02.1972, Hamburg: Sprengstoffanschlag auf die Firma Ad. Strüver: Ja, den Fall sollten wir so aufnehmen. Das von dir genannte Datum 07.02.1972 wird von mehreren Quellen ausdrücklich verwendet, darunter eine spätere Hamburger Berichterstattung und Übersichten zum „Schwarzen September“. Andere Chronologien datieren den Anschlag auf den 08.02.1972 beziehungsweise in die Nacht zuvor. Historische Datumsangaben, weil offenbar selbst Terroristen keinen Outlook-Kalender gepflegt haben. Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September“ verübten einen Sprengstoffanschlag auf die Montagehalle der Firma Ad. Strüver in Hamburg-Groß Borstel. Das Unternehmen stellte unter anderem Dieselaggregate zur Stromerzeugung, Anlagen für den Schiffbau und Tankfahrzeuge her. Es belieferte auch die Bundeswehr sowie Streitkräfte im Nahen Osten. Die Explosion richtete in der Fertigungshalle erheblichen Sachschaden an. Zeitgenössische Chroniken sprechen von einem Schaden in Millionenhöhe. Menschen kamen nach den verfügbaren Berichten nicht ums Leben. Der „Schwarze September“ bekannte sich zu dem Anschlag. Als Hintergrund wurden Geschäftsbeziehungen des Unternehmens nach Israel beziehungsweise der Verdacht genannt, dass Strüver auch militärisch nutzbare Komponenten nach Israel exportierte
06.02.1972, Brühl bei Köln: Fünf Jordanier von „Schwarzem September“ erschossen: Am 06.02.1972 drangen zwei bewaffnete Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September“ in eine Kellerwohnung in Brühl bei Köln ein und erschossen dort fünf jordanische Männer. Die Täter waren mit einer Pistole und einer Maschinenpistole bewaffnet. Die Opfer galten nach zeitgenössischen Berichten als jordanische Agenten beziehungsweise Informanten. Sie sollen verdächtigt worden sein, für jordanische oder israelische Dienste zu arbeiten und palästinensische Organisationen in Europa zu infiltrieren. Damit war die Tat offenbar keine wahllose Gewalttat, sondern eine gezielte Hinrichtung im politischen Machtkampf zwischen palästinensischen Gruppen und dem jordanischen Staat.
02.02.1972, Berlin-Kladow: Die gerade entstandene Bewegung 2. Juni verübt einen Sprengstoffanschlag auf den Britischen Yachtclub und auf Fahrzeuge der britischen Streitkräfte. Hintergrund ist der „Bloody Sunday“ vom 30.01.1972 in Nordirland, bei dem britische Soldaten 13 Demonstranten erschossen hatten; ein weiteres Opfer starb später an seinen Verletzungen. Eine der in Kladow abgelegten Bomben wird vom Bootsbauer und Hausmeister Erwin Beelitz gefunden. Offenbar erkennt er nicht, was er vor sich hat, nimmt den Gegenstand an sich und versucht ihn später in einem Schraubstock mit Hammer und Meißel zu bearbeiten. Der Sprengsatz explodiert und tötet ihn. Damit fordert bereits einer der ersten Anschläge der Bewegung 2. Juni ein Todesopfer.
1972 ist damit ein echter Einschnitt: Die RAF startet innerhalb von 14 Tagen eine koordinierte Serie von Anschlägen auf US-Militär, Polizei, Justiz und Medien. Vier Menschen sterben allein durch die RAF-Bomben, zahlreiche weitere werden verletzt. Die Reaktion des Staates folgt sehr schnell: Am 01.06. werden Baader, Raspe und Holger Meins festgenommen, am 07.06. Gudrun Ensslin und am 15.06. Ulrike Meinhof. Damit ist der Kern der ersten RAF-Generation innerhalb weniger Wochen weitgehend ausgeschaltet.
22.10.1971, Hamburg (Hamburg): Bei der Fahndung nach RAF-Mitgliedern wird der 33-jährige Polizeibeamte Norbert Schmid erschossen. Schmid und ein Kollege wollen in Hamburg-Poppenbüttel mehrere verdächtige Personen kontrollieren, darunter die gesuchte RAF-Angehörige Margrit Schiller. Als die Verdächtigen fliehen, kommt es zur Verfolgung und zu Schüssen. Schmid wird tödlich getroffen und stirbt noch am Tatort. Die Täterschaft wird dem RAF-Mitglied Gerhard Müller zugerechnet; Müller wird später zu zehn Jahren Haft verurteilt und tritt als Kronzeuge in RAF-Verfahren auf. Norbert Schmid gilt als der erste von der RAF getötete Polizeibeamte und als erstes Todesopfer, das unmittelbar der RAF zugerechnet wird. Damit überschreitet die Gruppe 1971 endgültig die Schwelle von bewaffneten Banküberfällen und Untergrundleben zur gezielten tödlichen Gewalt gegen staatliche Sicherheitskräfte.
21.10.1971, Berlin-West: Nur einen Tag zuvor kommt es bei einer Polizeikontrolle zu einem weiteren Schusswechsel mit Personen aus dem terroristischen Untergrund. Georg von Rauch, der dem Umfeld angehört, aus dem wenig später die „Bewegung 2. Juni“ entsteht, kann fliehen. Ein Polizeibeamter wird durch einen Schuss am Oberschenkel verletzt. Von Rauch wird am 04.12.1971 bei einem weiteren Polizeieinsatz in Berlin erschossen. Sein Tod wird anschließend zum Mobilisierungssymbol der militanten West-Berliner Szene; nach ihm benennt sich unter anderem das „Georg-von-Rauch-Haus“. Der Schusswechsel vom 21.10. ist noch kein klassischer vorbereiteter Terroranschlag, gehört aber als bewaffnete Auseinandersetzung des entstehenden terroristischen Milieus in die Vorgeschichte der Bewegung 2. Juni.
01.04.1971, Hamburg-Eppendorf (Hamburg): Der bolivianische Generalkonsul Roberto Quintanilla Pereira wird in seinem Konsulat erschossen. Als Täterin gilt mit hoher Wahrscheinlichkeit die deutsch-bolivianische Guerillera Monika Ertl. Quintanilla war zuvor Chef des bolivianischen Geheimdienstes und wird von der bolivianischen Guerillabewegung für die Tötung Che Guevaras sowie des Guerillaführers Inti Peredo mitverantwortlich gemacht. Eine als Besucherin auftretende Frau schießt mehrfach auf den Diplomaten und flieht. Am Tatort wird eine Perücke gefunden; die verwendete Waffe soll aus dem Besitz des italienischen Verlegers Giangiacomo Feltrinelli stammen. Ertl gehört zum Umfeld der bolivianischen ELN und soll die Tat als Vergeltungsaktion für Guevara und Peredo ausgeführt haben. Der politische Mord wird nie gerichtlich vollständig aufgeklärt, Ertl gilt jedoch als Hauptverdächtige. Damit haben wir einen bemerkenswert frühen Fall, bei dem ein lateinamerikanischer Guerillakonflikt unmittelbar auf deutschem Boden ausgetragen wird.
08.04.1971, Bonn (Nordrhein-Westfalen): Der Rechtsextremist Carsten Eggert versucht, einen Anschlag auf Bundespräsident Gustav Heinemann vorzubereiten. Eggert gehört zu einer rechtsterroristischen Szene, die sich Anfang der 1970er Jahre vor allem durch extremen Antikommunismus definiert. Der geplante Angriff wird verhindert, bevor Heinemann tatsächlich angegriffen werden kann. Wissenschaftliche Chronologien zum westdeutschen Rechtsterrorismus führen den 08.04.1971 ausdrücklich als Anschlagsversuch auf den Bundespräsidenten. Der Fall ist für unsere Reihe besonders interessant, weil rechtsterroristische Strukturen dieser frühen Jahre heute weitgehend von der Erinnerung an RAF und Bewegung 2. Juni überdeckt werden. Dabei werden bereits Politiker, SPD-Einrichtungen und vermeintlich kommunistische Ziele ausgespäht beziehungsweise als Anschlagsziele diskutiert. Ein amtierender Bundespräsident als geplantes Ziel zeigt, wie weit diese Radikalisierung bereits 1971 reicht.
Ein weiterer rechtsterroristischer Komplex gehört zumindest als Hintergrund dazu: Die Gruppe um Bernd Hengst erwägt 1971 einen Sprengstoffanschlag auf die SPD-Parteizentrale in Bonn. Die Sicherheitsbehörden greifen jedoch ein, bevor dieser Plan umgesetzt wird; Hengst und weitere Gruppenmitglieder werden am 13.02.1971 festgenommen. Die Forschung nennt daneben weitere rechtsterroristische Gruppen, die Anfang der 1970er Anschläge auf SPD, DKP und andere als „links“ betrachtete Ziele planten. Banküberfälle der RAF in Kassel, München, Kiel und Kaiserslautern bleiben außen vor.
14.05.1970, Berlin-Dahlem (West-Berlin): Andreas Baader wird während eines genehmigten Aufenthalts im Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen gewaltsam aus der Haft befreit. Ulrike Meinhof hat den Termin unter dem Vorwand eines gemeinsamen Buchprojekts ermöglicht. Bewaffnete Komplizen dringen in das Institut ein; der Angestellte Georg Linke wird angeschossen und lebensgefährlich verletzt. Baader, Meinhof und die übrigen Beteiligten fliehen. Die Aktion gilt allgemein als Geburtsstunde der Roten Armee Fraktion. Entscheidend ist dabei nicht nur die Befreiung eines Gefangenen, sondern der bewusste Übergang zur bewaffneten Illegalität. Ein Mensch wird dabei beinahe getötet. Anschließend taucht die Gruppe unter, reist teilweise zur militärischen Ausbildung nach Jordanien und beginnt mit dem Aufbau ihrer terroristischen Infrastruktur. Die große RAF-Anschlagsserie folgt dann 1972.
13.02.1970, München (Bayern): Im jüdischen Gemeindezentrum in der Reichenbachstraße wird am Abend ein Öl-Benzin-Gemisch im hölzernen Treppenhaus verteilt und angezündet. Das Feuer schneidet den Bewohnern der oberen Stockwerke den Fluchtweg ab. Sieben jüdische Menschen sterben, darunter Überlebende der nationalsozialistischen Verfolgung; weitere Bewohner werden verletzt. Rund 50 Menschen befinden sich zum Zeitpunkt des Anschlags im Gebäude. Jahrzehntelang bleibt die Täterschaft ungeklärt und wird sowohl im links- als auch rechtsextremistischen Milieu gesucht. Seit August 2026 gibt es dazu allerdings eine entscheidende neue Erkenntnis: Die Generalstaatsanwaltschaft München ist nach neuen Ermittlungen überzeugt, dass ein damals 25-jähriger Rechtsextremist die Tat aus antisemitischer Motivation begangen hat. Der mutmaßliche Täter ist inzwischen verstorben, weshalb es zu keinem Prozess mehr kommen kann. Nach heutigem Ermittlungsstand handelt es sich um einen rechtsextremistischen antisemitischen Brandanschlag.
10.02.1970, München-Riem (Bayern): Drei palästinensische Terroristen versuchen auf dem Flughafen München-Riem, eine Maschine der israelischen Fluggesellschaft El Al zu entführen. Die Täter sind im Auftrag der „Aktionsorganisation zur Befreiung Palästinas“ nach München gekommen. Als sich Flugkapitän Uriel Cohen widersetzt, eskaliert die Situation. Die Terroristen schießen und werfen Handgranaten in der Transithalle und in einen Bus mit Passagieren. Der deutsch-israelische Passagier Arie Katzenstein wirft sich auf eine Handgranate und rettet dadurch vermutlich mehreren Menschen das Leben; er selbst stirbt. Elf Menschen werden nach Angaben der Stadt München teilweise schwer verletzt. Unter ihnen befinden sich Katzensteins Vater Heinz, der Pilot sowie die israelische Schauspielerin Hanna Maron. Die drei Attentäter werden festgenommen. Es handelt sich um die erste versuchte Entführung eines israelischen Verkehrsflugzeugs durch palästinensische Terroristen auf deutschem Boden.
Gerade der Februar 1970 ist damit eine Zäsur: Innerhalb von nur drei Tagen werden in München zunächst israelische Flugpassagiere und anschließend Bewohner einer jüdischen Einrichtung angegriffen. Acht Menschen sterben bei beiden Anschlägen zusammen. Nach dem Anschlag in der Reichenbachstraße werden jüdische und israelische Einrichtungen in Deutschland verstärkt polizeilich geschützt.
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Wo ist der „Schwarze September“?
Ermordung von 5 in Westdeutschland lebenden Jordaniern am 6. Februar 1972.
Sprengstoffanschlag auf die Fa. Ad. Strüver in Hamburg am 7. Februar 1972.
Olympiaattentat München – Trauma einer ganzen Generation; 11 getötete israelische Olympiateilnehmer (davon 5 Athleten) und 1 getöteter Polizist.
Selbstverständlich und pflichtgemäß hinzugefügt.