Zucker: Die Debatte ist entbrannt.

Donnerstag, 25. Dezember 2025

Es ist wie immer. Ein Politiker hat eine Idee und wird daraufhin in der Luft zerrissen. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) war es diesmal, der vorpreschte und direkt um seine politische Karriere bangen muss.

Alice Weidel von der AfD sprach sofort von einer ideologischen Steuer. Und überhaupt sei Zucker ganz und gar nicht das Problem für unser kränkelndes Gesundheitswesen.

So funktioniert unser Land. Gesünder ernähren will man sich nicht. Höhere Krankenkassenbeiträge bezahlen will man nicht. Von höheren Steuern fühlt man sich gegängelt. Man möchte eigentlich sehr gerne weiter im eigenen Saft schmoren.

Kümmern wir uns aber einmal um eine technische Umsetzung. Wie könnte die Einführung einer Zuckersteuer überhaupt umgesetzt werden? Weil Zucker faktisch in allen verarbeiteten Produkten vorkommt, fehlt mir die Vorstellungskraft, wie eine Zuckersteuer in der Praxis wirken könnte. Die erste Vermutung die ich habe, wäre, dass Lebensmittel in Zukunft nicht mehr so toll schmecken, wenn wir aus finanziellen Gründen auf einen Teil des Zuckers verzichten.

Bevor ich habe jetzt in die 'was wäre wenn‚-Logik abdriften, schauen wir uns doch einfach am Beispiel Großbritannien an, wie die dort eingeführte Zuckersteuer wirkt.

England: Gutes Beispiel oder Augenwischerei?

In England/UK meint „Zuckersteuer“ im Alltag fast immer die Soft Drinks Industry Levy (SDIL) – also eine Abgabe auf zuckerhaltige Softdrinks, die so designt ist, dass Hersteller Zucker rausreformulieren, statt dass Verbraucher einfach nur „teurer kaufen“. Und genau so wirkt sie auch. Das Grundprinzip beruht auf einer Hersteller-/Importeursabgabe mit Zucker-Schwellen und gilt für vorgepackte Softdrinks mit zugesetztem Zucker (nicht für jedes „Süße“ im Laden). wir reden von 5 bis 8 Gramm pro 100ml (lower/standard rate) und mehr als 8 Gramm /100ml als der „higher rate“. Darauf gibt es Abgaben in Höhe von 19,4p (5 bis 8g) und 25,9p (8g und höher). Bis zu 5g pro 100ml gibt es keine Abgabe, diese Menge Zucker wird als „normal und notwendig“ angesehen. Ausnahmen gibt es natürlich auch, wie reine Frucht-/Gemüsesäfte und viele milchbasierte Getränke. Ab 2028 sind weitere Verschärftungen geplant.

Das Zwischenfazit fällt für mich zunächst einmal negativ aus. Die Briten kümmern sich nicht um den Zucker an sich, sondern nur um den Zucker in Getränken. Das ist enttäuschend und packt das Problem nicht an der Wurzel an. Bei Getränken muss ich mir keine Sorgen machen. Das ist mir schon seit 30 Jahren klar, dass zuckerhaltige Getränke ein Riesenproblem sind. Also trinke ich das nicht.

Begriff der Stunde: Reformulierung

Die Engländer haben das eher nicht begriffen. Denn das typisch Britische an der SDIL ist: Die Leute trinken oft ähnlich viel, aber es steckt deutlich weniger Zucker drin, weil Hersteller, Zucker reduzieren, neue Zero-Varianten pushen und Sortimente anpassen. Das bedeutet, dass die Zuckerabgabe überhaupt keinen erzieherischen Effekt hat. Denn sollte es aber haben. Den muss es haben. Und natürlich werden die Mischungen durch die Hersteller exakt bis an die Abgabengrenze herangeführt.

Die große England-Analyse (ITS, NHS-Hospitaldaten)

  • −12,1% Hospital Admissions für kariesbedingte Zahnextraktionen bei 0–18-Jährigen
  • besonders stark bei 0–4 Jahren: −28,6%, und bei 5–9 Jahren: −5,5%

Das passt zur Logik: Zähne reagieren schneller als z. B. Diabetes-Statistiken. Es gibt wohl auch 8% weniger Adipositas bei bei Kindern. Für Diabetes gibt es belastbare Modellierungen (weil echte Inzidenz-Effekte länger brauchen und viele Faktoren reinspielen). Oxford/Nuffield-Modelle gehen – je nach Industrie-Reaktion – davon aus, dass es Tausende weniger Diabetesfälle über Jahre geben könne. Das sind aber Projektionen, nicht „gemessene“ nationale Diabetes-Trends.

Insgesamt bin ich über die Briten enttäuscht. Denn eigentlich darf es bei der Bewertung des Zuckerkonsums gar keine Rolle spielen, ob ich Zucker durch Drinks oder durch Kekse, Schokolade, Kuchen und andere Süßigkeiten zu mir nehme.

Das Problem müsste somit grundsätzlicher angepackt werden.

Für Deutschland wird das nicht möglich sein. Der Zuckerkonsum nebst allen anderen ernährungstechnischen Verfehlungen wie der Genuss von Alkohol und Nikotin wird als demokratisch-freiheitliches Grundrecht empfunden. Die Auswirkungen auf unser Gesundheitssystem und auf die eigenen aus dem Zuckerkonsum und anderer Verfehlungen resultierenden Krankheiten sollen aber gefälligst durch das sozialistische Einheitskollektiv abgefangen werden.

Liebes Deutschland, so wird das nichts.

Was wäre denn aber nun die Lösung? Ehrlich gesagt bin ich ratlos. Machen wir es an einer Tafel Schokolade fest.

Beispiel: Tafel Schokolade

Der Kostenanteil des Zuckers an einer Schokolade liegt bei unter 5% des Endpreises. Bei einem Preis von 2 Euro für 100g macht Zucker somit 10 Cent aus. Selbst wenn man durch eine kluge Steuer den Zuckeranteil verdreifachen würde, läge der Preis anschließend nur bei 2,30 Euro (wenn wir die Mehrwertsteuerthematik mal außenvorlassen). Das würde bei den allgemeinen Teuerungen kaum auffallen und hätte auf das Konsumverhalten überhaupt keinen Einfluss. Bis zu 40% der gekauften Schokolade wird verschenkt, zu Weihnachten eher 60%. Und bei Geschenken regiert die Großzügigkeit vor Preis- und Zuckerbewusstsein.

Um einmal einen kurzen Ausflug in Richtung weihnachtliche Preisentwicklung zu unternehmen: Bei der Beschaffung der Weihnachtsgans hatte ich damit gerechnet, dass sich der Preis erstmals an die 100-Euro-Marke heranpirscht. Tatsächlich lag die Gans knapp drüber. Und dennoch war das im deutschlandweiten Vergleich noch günstig. Denn dieser Vergleich spricht von 18 bis 22 Euro je Kilogramm bei Gänsen aus Freilandhaltung. Ich habe Verständnis für die Preisentwicklung. Nach der Schließung des Hetzeneckerhofes gleich gegenüber sind wir froh, einen adäquaten Ersatzbeschaffungsweg gefunden zu haben.

Weihnachtsganspreise auf Rekord-Niveau

Wir kommen mit einer Zuckersteuer nicht weiter. Es helfen nur krasse Maßnahmen. Wenn sich die falsche Ernährung in den ersten zwei Dritteln des Lebens im Alter finanziell direkt negativ auf den eigenen Geldbeutel auswirken würde, wäre das ein deutliches Signal für eine bewusstere Ernährung. Spätestens dann, wenn die eigenen Eltern wegen teurer Behandlungen bei den eigenen Kindern anklopfen und um Geld bitten, setzt der Prozess des Nachdenkens ein. Vorher passiert in Deutschland nichts.

Suchtfaktor Zucker

Der ist leider nicht zu unterschätzen. Der Körper verlangt mehr Süßes, wenn man – irgendwann am Tag – mit der Nascherei beginnt. Gute Vorsätze sind da Makulatur. Hier springt eine Art Belohnungssystem an. Iss Süßes, und du fühlst dich wohl.

Das Thema ist schwierig, keine Frage. Ideologische Betrachtungen helfen aber nicht weiter. Es gibt nur ein Motto: Streng sein zu sich selbst. Bin ich das? In gewisser Weise. Eis, Limonaden, Schokolade in Reinform – alles gestrichen. Es funktioniert leider aber nur: Ganz oder gar nicht. Zwischendurch mal ein Stückchen Schokolade essen – das würde nicht klappen. Geist und Körper sind zu schwach.

Trotz all dieser Maßnahmen ist der Zuckerkonsum immer noch viel zu hoch. Es braucht weitere Einschränkungen. Ich arbeite daran, aber erst ab nächster Woche.


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