Mercosur-Abkommen: Droht eine argentinische Rindfleischschwemme?

Freitag, 19. Dezember 2025

Die Themen gehen nicht aus. 26 Jahre Mercosur – oder: Wenn ein Handelsabkommen mit den Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay in die Pubertät kommt. Es war einmal, im fernen Jahr 1999. Deutschland hatte noch die D-Mark, Helmut Kohl einen prallen Terminkalender und das Wort „Streaming“ bezeichnete hauptsächlich das Verhalten von Gebirgsbächen aus Sicht britischer Touristen. In 1999 begann etwas Großes: die Verhandlungen zum EU-Mercosur-Abkommen. Heute, 26 Jahre später, ist dieses Abkommen immer noch nicht fertig. Ein Handelsvertrag mit der Ausdauer des Drittligisten TSV 1860 München – ohne Ergebnis, ohne Erfolg.

Ein Abkommen wächst heran

26 Jahre Verhandlungszeit bedeutet, dass das Mercosur-Abkommen heute alt genug ist, um:

  • selbst Verträge zu unterschreiben
  • in Deutschland zu wählen
  • eine Familie zu gründen
  • und sich ernsthaft zu fragen, ob es nicht lieber etwas „mit Medien“ oder mit NGOs machen sollte

In Brüssel hingegen spricht man weiterhin von einem „jugendlichen Projekt mit Entwicklungspotenzial“.

Die EU-Zeitrechnung

In der normalen Welt gilt: „Was 26 Jahre dauert, ist entweder ein Flughafen in Berlin, ein Bahnhof in Stuttgart oder ein EU-Projekt.“ Beim Mercosur-Abkommen ist man inzwischen so tief im europäischen Ritual verankert, dass niemand mehr genau weiß:

  • wer eigentlich noch verhandelt
  • worum es genau geht
  • und ob jemand irgendwann den letzten Entwurf abgespeichert hat

Aber eines ist sicher: Man ist kurz vor dem Abschluss – seit ungefähr 2007.

Nachhaltigkeit – aber bitte langsam

Ein zentrales Streitthema ist der Umweltschutz. Die EU möchte Regenwald retten, während gleichzeitig Rindfleisch importiert werden soll – allerdings bitte klimaneutral, fair, nachhaltig und mit guter Laune. Man einigt sich deshalb auf den klassischen EU-Kompromiss: Man verschiebt die Entscheidung.

Argentinien schlachtet Europa tot

  • Befürworter sagen: „Lange Verhandlungen zeigen, wie sorgfältig die EU arbeitet.“
  • Kritiker entgegnen: „Oder wie effizient sie nicht arbeitet.“
  • Optimisten hoffen: „Das Abkommen kommt bald.“
  • Realisten wissen: „Vielleicht erleben wir noch die 30-Jahre-Jubiläumsausgabe – mit Sonderlogo.“
  • Pessimisten wie ich wissen: Es wird nichts besser. Stattdessen droht die Umbenennung, denn: Die Erfolglosigkeit liegt am Projektnamen.

Mercosur heißt ausgesprochen: Mercado Común del Sur. Der gemeinsame südliche Markt. Das ist sprachlich gesehen kulturelle Aneignung und auch nicht woke. Bitte dringend ändern. Dann gelingt es.

Fazit

Das Mercosur-Abkommen ist kein Handelsvertrag mehr. Es ist ein kulturelles Erbe, ein lebendes Denkmal europäischer Gründlichkeit. Sollte es eines Tages wirklich unterzeichnet werden, wird man in Brüssel vermutlich feierlich erklären:

„Wir haben bewiesen: Geduld ist eine Tugend.“

Und irgendwo in Südamerika fragt sich jemand leise: „Hätten wir in der Zeit nicht einfach einen neuen Kontinent bauen können?“ Es wird immer verrückter.

Frankreich hat Angst vor billigen Rindfleischimporten aus Argentinien. Was fürchten die Italiener? Unfairen Wettbewerb. Und die Argumente sind durchaus korrekt. Die Umweltstandards sind in Europa viel höher. Natürlich schlägt das auf die Preise durch.

Produkte wie Parmesano, Prosciutto oder Mozzarella kommen derweil schon jetzt verstärkt aus Übersee. Oder glaubt noch jemand, dass nur Italiener solche Spezialitäten hinbekommen? Nur Deutschland protestiert nicht. Wir nehmen alles zur Kenntnis und zahlen die Zeche.

Die EU hat die Schieflage natürlich auch erkannt. Es soll sogenannte Tarifquoten geben. Ein Teil der Importe wird zollfrei sein, darüber hinaus werden wieder Zölle erhoben. Es entsteht das vermutete bürokratische Monster. Aber was soll nach 26 Jahren auch anderes herauskommen? Zwei Generationen von europäischen Spitzenbeamten haben alles gegeben, um die Sache so kompliziert wie möglich zu gestalten.

Die Sache ist eine einzige Blamage.


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